Andrea König

Vom Bild zur Kommunikation
Mit Bildern lernen: Handbuch für den Fremdsprachenunterricht

Scherling/Schuckall: Mit Bildern lernen: Handbuch für den Fremdsprachenunterricht, Langenscheidt, 2003 (8. Auflage)


Bitte ich koreanische Studenten um Bildbeschreibungen von einer Illustration aus dem Lehrbuch, bekomme ich oft nur Details beschrieben. Nicht selten sind die ersten Sätze trotz der Vorgabe, zuerst etwas über "Wo? Wer? Was passiert?" zu sagen, etwa "Er trägt eine Brille." oder "Das Bild hängt an der Wand." Ein wenig frustriert, dass einfach scheinende Bildbeschreibungen selbst nach regelmäßigem und häufigem üben bei meinen Studenten nicht gelingen wollen, griff ich sofort zu, als mir das Buch Mit Bildern lernen in die Finger geriet.

(Das geschah übrigens hier in Seoul in der wohl einzigen Buchhandlung, die ein umfassendes Sortiment an Deutschlehrwerken mit allen Komponenten wie CDs und Handbüchern sowie viel Zusatzliteratur für den DaF-Unterricht bereithält. Zu finden unter: Young Woo Trading Co; Sinjung-Dong, Yangcheon-Gu, (U-Bahnstation Sinjeong), 4F, YoungIn Bld. 916-14; Tel. 02-6998085.)

In jedem modernen Lehrwerk finden wir heute jede Menge Visualisierungen: Fotos, Illustrationen, Symbole, Collagen, Grafiken. Mit Bildern lernen zeigt viele Beispiele aus gängigen Sprachlehrbüchern – gelungene, aber auch weniger gute, um an letzteren zu erläutern, was schief läuft und warum. Scherling/Schuckall haben dabei einen kommunikativ orientierten Unterricht vor Augen. So stellen sie im Vorwort heraus, was sie unter kommunikativem Unterricht verstehen. Sprachliche Äußerungen sollen demnach "in offenen Situationen und Szenarien stattfinden, die von den Lernenden mit ausgesucht und mitgestaltet sind". Es soll "ein Reden über Bilder, Texte, Situationen, über Unterricht und Lernen, über Systematisierbarkeit, Merkbarkeit, Anwendbarkeit von Regeln" stattfinden. Materialien sollen Fragen aufwerfen. Die Interimssprache der Lernenden soll zugelassen und die Redelust und Neugier herausgefordert werden. (Einleitung S. 9)

Dem gegenüber stehen Lehrverfahren, die nicht der Kommunikation dienen, Verfahren, denen wir gerade hierzulande in Korea noch viel zu häufig begegnen; da wären, auf striktes Vermeiden von Fehlern ausgerichtet zu sein; fertige Lernpensen anzubieten, die anschließend abgefragt werden; Unterricht, der die Muttersprache der Lernenden ausschließt, in dem alle unter Effizienz- und Zeitdruck stehen und der nach einem starren Curriculum vorgeht. (ebenda)

Die Autoren haben viele Lehrbücher aus den letzten Jahrzehnten, ja Jahrhunderten (z.B. Orbis pictus von Amos Comenius von 1652) gesichtet, und veranschaulichen vor allem an weniger gelungen Beispielen, warum Bilder für die Spracharbeit nicht gut sind bzw. wie das selbe Sprachlernziel besser erreicht würde oder das Bild sinnvoller genutzt werden könnte. Zu oft orientierten sich Lehrbuchillustrationen an künstlerischen Werten von Bildgestaltung, wirken gestellt oder sind gar irreführend.

Im ersten der vier Kapitel thematisiert Mit Bildern lernen die Funktionen des Bildes im Unterricht (z.B. zur Vorentlastung von Texten) und die Wirkungsweise von Bildern und ihre didaktische Qualität. Das zweite Kapitel widmet sich dann auf über hundert reich bebilderten A4-Seiten der praktischen Arbeit mit Bildern im Unterricht. Zunächst werden ganz praktische Dinge abgeklärt. Die Autoren geben unzählige hilfreiche Tipps zur Arbeit mit Tageslichtprojektor, Tafel, Plakaten und Kopien. Weiter werden u.a. Bildgeschichten, die Dialogarbeit mit Bildern, freies Vertexten von Bildern, Spielen und üben mit Bildern angesprochen.

Ein wichtiger Punkt ist Erklären und Verstehen, in dem auch interkulturelle Probleme des Erklärens und Schwierigkeiten beim Erklären von Wörtern behandelt werden. Im Unterpunkt Techniken der Worterklärung wird dann auch verdeutlicht, wo die Grenzen von Bildern bei der spontanen Worterklärung liegen. Tafelskizzen sind hier nur eine Möglichkeit von vielen. Manchmal funktioniert die Semantisierung eben gar nicht oder nur ungenügend mit Zeichnungen. Es werden Beispiele gegeben für Wörter, bei denen Zeichnungen kaum weiterhelfen und andere, bei denen eine Zeichnung viele Worte ersetzt und einfach besser ist. Zu den eher unmöglich durch Tafelskizzen zu erklärenden Wörtern werden folgende genannt:

Frühschoppen – dann doch lieber mit einem Foto und Erklärung
ablegen (die Jacke) – leichter durch Vormachen
Körperertüchtigung – mit Hilfe von Internationalismen wie
Geburtstag – über die Wortbildung oder die englische Entsprechung (S. 92f)

Wenn es dann doch eine Zeichnung ist, mit der am besten erklärt werden kann, kommen dem einen oder der anderen vielleicht Zweifel, ob der eigenen Zeichenkünste. Dabei muss man kein vollendeter Künstler sein! Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass meine weniger gelungenen Skizzen zwar Lacher hervorrufen, aber – die Not zur Tugend gemacht – u.U. durchaus zur Kommunikation anregen: dann wird eben vermutet, was das sein soll und was falsch ist. Mein kürzlich gemaltes Schaf gab so viele Interpretationsmöglichkeiten her, dass die Klasse locker die Bewohner eines halben Zoos zusammengefunden hat. Schöne Wiederholung! Ich sehe mich dann auch bekräftigt, wenn Scherling/Schuckall sagen, dass auch zeichnerisch unperfekte Darstellungen zum Ziel führen und auch ungeübte Lehrerzeichnungen in den meisten Fällen eine effektive Semantisierung sind.

Wer denn aber ein bisschen an sich arbeiten möchte, dem geben Scherling/Schuckall einen Zeichenkurs mit in die Hand. Da wird systematisch gezeigt, wie sich Zeichnen üben lässt. Von Gesichtern, Gesichtsausdruck, Gestik über Körperhaltung und -bewegung bis zu komplexeren Situationen führt der kleine Zeichenkurs des Buches.

Meinem Ausgangspunkt der immer wieder misslingenden Bildbeschreibung konnte ich mich mit dem Handbuch nicht direkt nähern, dafür habe ich jedoch jede Menge Anregungen bekommen, wie man mit Visualisierungen den Unterricht gestalten kann.

Wenn die Autoren im Klappentext folgende Inhaltsangabe machen, so kann man in diesem Fall nur sagen, dass sie all das auch wirklich liefern.

Mit Bildern lernen

- ist eine theoretische und praktische Einführung in die Arbeit mit Bildern im Fremdsprachenunterricht
- beschreibt die unterschiedliche Wirkungsweise von Fotos, Zeichnungen und anderen Bildern für die Sprachvermittlung
- ist ein Schulung zur Wahrnehmung von Bildern
- bietet konkrete Hinweise für die praktische Arbeit mit fertigem oder selbsterstelltem Material
- beinhaltet einen kleinen Zeichenkurs für Lehrer
- enthält eine Sammlung von bildgesteuerten Übungen


Copyright © 2006 by Andrea König


DaF-Szene Korea Nr. 23

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