Kai Rohs

Die Bibel im DaF-Unterricht


Vor kurzem fiel mir in einer Bibliothek eines Instituts in Seoul ein koreanisches Deutschlehrbuch mit dem Titel Deutschlernen mit der Bibel (in deutscher Übersetzung) von Cheong Kyung-Yang auf. Die Überraschung war groß. Ich erinnerte mich daran, dass ich vor einigen Jahren in einer größeren deutschen Buchhandlung meiner deutschen Heimatstadt für meine koreanischen Freunde die deutsche Bibel kaufen wollte. Als ich einer Angestellten meinen Wunsch äußerte, sah sie mich mit großen erstaunten Augen an, sie fragte einige Kolleginnen, in welcher Abteilung die Bibel denn zu finden sein könnte, wobei sich letztendlich herausstellte, dass die Bibel im Sortiment nicht vorhanden war.
Es kann dementsprechend auch nicht verwundern, dass in DaF-Lehrwerken zwar die verschiedensten Themen des Alltags behandelt, biblische Inhalte jedoch nahezu ausgeklammert werden. Dieses ist zu kritisieren. Denn es ist ja nicht nur so, dass Deutschland ein christliches Land ist und dass die vornehme Zurückhaltung und Verlegenheit, die viele deutsche Christen bei der Weitergabe des Wortes Gottes an den Tag legen, mit dem Willen Gottes, wie er in der Schrift selbst niedergeschrieben ist, wohl kaum vereinbar sein dürfte. Hinzu kommt, dass die Bibel als das Wort Gottes im Gegensatz zu weltlichen Merkmalen und Tendenzen des Alltagslebens, die veränderlich und vergänglich sind, ewig und daher immer aktuell ist.
Im Folgenden möchte ich kurz das Lehrbuch Deutschlernen mit der Bibel bewerten, um dann einen Vorschlag zum Einsatz der Bibel im DaF-Unterricht zu machen.
Das Lehrbuch Deutschlernen mit der Bibel besticht vor allem durch seine Idee, die Bibel in den Unterricht mit einzubeziehen. Es dürfte – soweit ersichtlich – damit ein nahezu einzigartiges Lehrbuch sein. Es besteht inhaltlich aus ausgewählten Versen der Bibel, die entsprechend der Anordnung der Bibel ausgewählt sind, also vom ersten Buch Mose bis zur Offenbarung reichen. Unbekanntes Vokabular ist angegeben, auch die jeweiligen grammatischen Erscheinungen werden kurz genannt. Daran zeigt sich, dass das Lehrbuch für Lerner konzipiert ist, die bereits gute Grundkenntnisse im Deutschen haben.
Mein folgender Unterrichtsvorschlag ist dagegen eher für Lerner gedacht, die sich erste Kenntnisse in der Konversation aneignen wollen. Mein Beispiel bezieht sich auf das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das bei Matthäus im 20. Kapitel, Verse 1-16 niedergeschrieben ist.
Zunächst lese ich mit den Studenten den Originalwortlaut der Bibel, zitiert nach der Übersetzung Martin Luthers:

"Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg
einzustellen. 2
Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen 4
und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5
Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6
Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7
Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. 8
Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9
Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. 10
Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. 11
Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12
und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. 13
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14
Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. 15
Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? 16
So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein."

Daraufhin lege ich den Studenten eine von mir verfasste vereinfachte Zusammenfassung der Darstellung des Geschehens vor:
"Ein Weinbergbesitzer braucht Erntehelfer in seinem Weinberg. Er geht früh morgens auf den Marktplatz. Dort warten gewöhnlich Männer auf eine Tagesarbeit. Er findet einige Männer, die für ihn in dem Weinberg arbeiten wollen. Für die Arbeit verspricht er ihnen als Tageslohn ein Silberstück. Das ist der normale Lohn für die Arbeit in einem Weinberg.
Im Laufe des Tages geht der Weingärtner noch mehrmals auf den Marktplatz, und zwar um neun, zwölf und drei Uhr nachmittags. Denn er braucht noch mehr Erntehelfer. Auch diesen verspricht er als Tageslohn jeweils ein Silberstück.
Schließlich sieht er auch um fünf Uhr nachmittags noch Männer, die ohne Arbeit auf dem Marktplatz warten. Auch diesen möchte er ein Silberstück für die Arbeit im Weinberg geben.
Nach Arbeitsschluss um sechs Uhr abends bekommen zunächst die Erntehelfer ihren Lohn, die erst um fünf Uhr nachmittags gekommen sind. Zum Schluss werden die Erntehelfer bezahlt, die schon früh morgens mit ihrer Arbeit angefangen haben. Alle Arbeiter bekommen ein Silberstück.
Die Arbeiter, die schon früh morgens mit ihrer Arbeit angefangen haben, sind ärgerlich. Denn sie haben den ganzen Tag hart gearbeitet und bekommen genauso viel Geld wie die Arbeiter, die erst um fünf Uhr nachmittags gekommen sind.
Der Weinbergbesitzer kann den ärger der Arbeiter nicht verstehen, weil er diesen Arbeitern genau den Lohn gegeben hat, den er ihnen früh morgens versprochen hatte."
Zunächst sollen die Studenten die Schlüsselwörter des Textes suchen, die dann an der Tafel festgehalten werden. Mit Hilfe dieser Schlüsselwörter sollen die Studenten den Inhalt des Textes zusammenfassen.
Als nächstes bekommen die Studenten die Aufgabe, das Geschehen auf dem Marktplatz und im Weinberg einmal aufzumalen. Zum einen dient das der Auflockerung des Unterrichtes, denn zumindest koreanische Studenten malen gern und gut – in den Grundschuljahren spielt das Malen bei der Leistungsbemessung eine wesentliche Rolle, sodass die Vielzahl der Eltern ihre Kinder nach dem Unterricht zur Übung in private Malinstitute schicken. Sinn dieser Aufgabe ist es aber vor allem, die Studenten auf die folgende Konversationsübung vorzubereiten.
Nunmehr werden die Studenten nämlich aufgefordert, in kleinen Gruppen Dialoge für die Geschehen auf dem Marktplatz und im Weinberg zu entwerfen. Diese Dialoge spielen die Studenten dann im Plenum vor.
Es folgt dann schließlich die Frage nach der Bedeutung des Weinbergs, des Weinbergbesitzers, der Weinbauern und der Arbeiter auf dem Marktplatz.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Idee von Cheong Kyung-Yang, mit der Bibel Deutsch zu lehren, wertvoll ist, aber leider heutzutage auch einzigartig erscheint. Die Bibel bietet eine Vielzahl von potentiellen Unterrichtsinhalten an – wie eine Umsetzung der Stoffe im DaF-Unterricht möglich sein könnte, habe ich mit meinem Unterrichtsvorschlag aufzuzeigen versucht.


Copyright © 2006 by Kai Rohs


DaF-Szene Korea Nr. 23

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