Fast mutete es unheimlich an, dass ein Autor wie Raul Zelik, der sich selbst als „durch und durch deutsch“ bezeichnet und Korea nur kurzzeitig besucht hat, sich so leicht in die Journalistin Lee, die Protagonistin seines Romans „bastard“, hineinversetzen und das Land Korea mit all seinen Eigenheiten und Befindlichkeiten literarisch überzeugend anverwandeln konnte. Vermutlich ist es genau diese Fähigkeit der präzisen Beobachtung, des tiefen Einfühlens und der Überidentifikation mit dem zu (Be-)Schreibenden, durch die er mit seiner „Assimilationskanakin“ Lee aufs Engste verbunden ist.
Thematisch hätten die Vereine FALK
(Freundes- und Arbeitskreis der Lektoren-Vereinigung Korea) und INKODA
(Interessensgemeinschaft koreanisch-deutscher Akademiker) – gemeinsame
Veranstalter der Lesung mit Raul Zelik vom 24. Juni in der Berliner
Restaurant-Galerie Terzo Mondo – wohl kaum eine auf ihre Interessen, Aufgaben
und Bedürfnisse besser zugeschnittene Programm- und Leseauswahl treffen können.
Initiiert und geplant war die Veranstaltung in erster Linie als
Auftaktveranstaltung des FALK e.V. So ergriffen denn auch nach einer
klassisch-musikalischen Introduktion, die von koreanischen Musikstudentinnen aus
Berlin mit großem Einsatz, wenn auch nicht immer mit der nötigen Treffsicherheit
bestritten wurde, die Vorsitzenden des FALK-Vereins, Thomas Schwarz und Erich
Thaler, das Wort, um kurz die Aufgaben und Ziele des neu gegründeten Vereins
vorzustellen. Zweck des Vereins sei es, so Erich Thaler, die Arbeit der
deutschsprachigen Lektorinnen und Lektoren, Lehrerinnen und Lehrer an Schulen
und Universitäten im Ausland, insbesondere in der Republik Korea und in der
ostasiatischen Region, zu fördern und das Ansehen des Berufsstandes im In- und
Ausland zu stärken. Auch die Vorsitzende von INKODA, Hi-Gung Bae, umriss noch
einmal die Ziele ihres Vereins, nämlich die Organisation von
Informationsveranstaltungen für Akademiker koreanischer Herkunft sowie die
Vermittlung von Praktikumsplätzen in Korea. Zudem betonte sie die weitere enge
Zusammenarbeit mit FALK.
Das klassische musikalische Vorspiel für Violine und Klavier taugte gerade auch in seinen Disharmonien dazu, auf den Moloch Seoul und die Bastardwelt des Romans einzustimmen. Hingegen gelang es den großformatig auf die Galeriewand projizierten Stadt- und Straßenbildern des in Bochum geborenen Fotojournalisten Felix Park, einen atmosphärisch lebendigen Eindruck von Seoul, seiner Architektur, seinem Straßenleben und seinen Menschen zu vermitteln. Die Projektion schuf in der Strenge aber Eindringlichkeit ihrer Bilder eine adäquate visuelle Umgebung, in der sich die zu Gehör gebrachte Geschichte der Journalistin Lee erst eigentlich entfalten konnte.
Raul Zelik las aus Level 1, dem ersten, mit
„Back“ überschriebenen Kapitel seines Romans, in dem die Protagonistin Carla
Lee, eine in Deutschland lebende Auslandskoreanerin, ihre Ankunft am Kimpo
Airport in Seoul mit den neugierigen Augen einer Fremden und doch Vertrauten
schildert. Bereits in dieser ersten Szene entfaltet der Roman seine ganze
Spannbreite und Dramatik. Es geht nämlich zentral um die Frage, wie sich eine Kyopo, eine Auslandskoreanerin, in ihrer neuen/alten Heimat fühlt und verhält,
was sie denkt und wie sie auf ihre Außenwelt reagiert – kurz: um
Identitätsfragen. Carla Lee ist als Tochter einer portugiesischen Mutter und
eines koreanischen Vaters in Deutschland aufgewachsen, aber sie fühlt sich dort
nicht richtig zu Hause, weiß weder wer sie ist noch was sie will. Sie bricht
nach Korea auf, auf der Suche nach sich selbst, beginnt als Freelancerin
journalistisch zu arbeiten. Aber auch dort, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben
nicht als Fremde behandelt wird, fühlt sie sich fehl am Platz. Sie erleidet
Anfälle von Fress- und Brechsucht. Mit ihrer Aufklärungsarbeit als Journalistin
stößt sie schnell auch an ihre eigenen Grenzen, nicht nur an die des
koreanischen Systems. Zurück bleibt die Frage nach der Ursache für das
Fremdsein, die sie in Briefwechseln mit ihrem deutschtürkischen Freund Cem zu
klären sucht.
Das Gespräch mit dem Autor, das Thomas Schwarz im Anschluss an die Lesung führte, machte deutlich, dass es in dem Roman „bastard“ nicht so sehr um Konflikte geht, die durch eine herkunftsbedingte, ethnische Fremdheit ausgelöst werden, als vielmehr um die Frage, wie Fremdheit entsteht: zu sich und seinem Körper – aber auch dadurch, dass die Gesellschaft dem Individuum bestimmte Identitäten von außen aufzwingt.
Die Lesung mit Raul Zelik im gut besuchten Terzo Mondo war ein voller Erfolg. Es bleibt zu wünschen, dass FALK und INKODA mit vereinten Kräften ihr anregendes Veranstaltungsprogramm fortsetzen.
Copyright © 2005 by Birgit Mersmann