Wenn man nach Korea kommt, stellt man nach einiger Zeit fest, dass eine Lieblingsbeschäftigung der Koreaner das Fernsehen ist. Eine Art der Fernsehunterhaltung ist die Seifenoper, hier in Korea mit TV-Drama oder Mini-Serie bezeichnet. Diese Serien sind etwa 16 Folgen lang und erzählen eine abgeschlossene Geschichte. Das unterscheidet sie von „normalen“ Seifenopern, welche Jahre laufen können. Mit „normal“ meine ich die Art Serien, welche zum Beispiel im amerikanischen oder auch im deutschen Fernsehen zu finden sind. Als deutsches Beispiel kann man hier „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ (RTL) anführen. Auch solche, mir allerdings wenig vertrauten Serien gibt es im koreanischen Fernsehen. Die Themen der Mini-Serien sind meist Liebe, Familie und die dazugehörigen Probleme. Es gibt aber auch historische Inhalte, so z.B. das TV-Drama „Yi Sun-Shin“ (KBS) über einen koreanischen Admiral im 16. Jahrhundert.
Nun bin ich nicht unbedingt ein Fan dieser Geschichten, die tagtäglich in den Wohnzimmern oder Restaurants über den Bildschirm flimmern. Aber als ich vor etwa einem Jahr nach Korea kam, merkte ich schnell, welche Popularität diese Serien besitzen. Aus Neugier und vor allem aus Langeweile sah ich mir eine Serie namens „Eine Zweite Chance“ (KBS) an und war doch sehr überrascht. Das TV-Drama handelt von einer Ehe, die scheitert, weil der Mann sich in seine jüngere Kollegin verliebt. Nach der Scheidung steht die Frau vor dem Nichts: …Mann weg, Kinder weg, Wohnung weg…ja man kann sagen, dass sich das bisherige Leben aufgelöst hat. Doch die Frau gibt nicht auf. Sie kämpft um ihre Kinder, um ihre Zukunft und gewinnt am Ende. Trotz meiner geringen Koreanischkenntnisse verstand ich die Zusammenhänge und konnte der ganzen Geschichte folgen. Dies motivierte mich, mein Koreanisch zu verbessern, um den Inhalt nicht nur durch die Bilder, sondern auch durch die Dialoge zu verstehen.
Das TV-Drama gab mir auch Einblicke in das für mich bis dahin eher unbekannte Leben der Koreaner. Sicherlich hatte und habe ich Bedenken, denn nicht alles, was in Seifenopern gezeigt wird, entspricht zu 100 Prozent der Realität. Allerdings bestätigte sich vieles, so z.B. wusste ich nicht, dass nach einer Scheidung die Kinder oft zum Vater kommen. In Deutschland sieht es damit doch etwas anders aus. Auch die Ess- und Trinkgewohnheiten oder der obligatorische Noraebang-Besuch waren mir als Neuankömmling unbekannt und ein bisschen suspekt. Mittlerweile muss ich allerdings eingestehen, dass in dem TV-Drama weder unter- noch übertrieben wurde. Auch zwischenmenschliche Verhaltensweisen wie Respektsbezeugungen oder auch handfeste Streitereien konnte ich schnell in der Realität wieder finden. Damit will ich koreanische TV-Serien nicht zum Bildungsfernsehen erheben, aber man kann durchaus Einblicke in die koreanische Kultur bekommen, und dies auf eine entspannte und leichte Art und Weise.
Außerdem stellte mein Wissen über das TV-Drama für meine Studenten eine Möglichkeit dar, mit mir in Kontakt zu treten. Ich ließ mir nach dem Unterricht Situationen erklären, welche ich in der letzten Folge gesehen hatte. Das war erstens positiv für das Lehrer-Schüler-Verhältnis und zweitens auch für die Sprachpraxis der Studenten. Schnell wurde mir bewusst, dass ich den Studenten eine Möglichkeit gegeben hatte, über etwas zu sprechen, was sie interessiert. Natürlich könnte man im Unterricht deutsche Zusammenfassungen der einzelnen Folgen erarbeiten, welche inhaltlich sicher nicht so anspruchsvoll sind, aber zum üben von Erzähltechniken durchaus brauchbar erscheinen. Interessant wäre auch ein Videoprojekt, bei welchem die Studenten ein TV-Drama erfinden, Dialoge schreiben und schließlich filmen. Leider konnte ich das noch nicht in der Praxis testen.
Koreanische TV-Dramen und ihre Darsteller haben natürlich auch Einfluss auf die Zuschauer. So wird einem Lied zum Erfolg verholfen oder ein Modetrend wird kreiert (z.B. der Hippielook des TV-Dramas „Fashion 70s“-SBS). Natürlich sind die oft schon bekannten Darsteller Vorbilder, welche in Werbespots kurz nach Ausstrahlung der Serie auf jedem Sender zu finden sind.
Man sollte also die Stellung dieser oft belächelten Unterhaltungssendungen nicht unterschätzen.
Interessant finde ich, dass sich anscheinend die Inhalte weiterentwickeln und an die Realität anzupassen versuchen. Ein gutes Beispiel dafür ist das im Juni 2005 gezeigte TV-Drama „Mein Name ist Kim Sam-Sun“ (MBC). Hier geht es um eine etwa Dreißigjährige, welche von ihrem Freund verlassen wird. Ihr Leben scheint alles andere als rosig zu sein. Ihren Namen hassend, für koreanische Verhältnisse übergewichtig und mit einem ziemlich lauten und losen Mundwerk ausgestattet, versucht sie, ihren Platz in der Welt zu finden. Diese Identitätskrise à la Bridget Jones ist durchaus eine kurzweilige Unterhaltung. Themen wie Scheidung, außerehelicher Sex, Essstörungen oder Ausländer mit koreanischen Wurzeln werden auf humorvolle und realistische Art und Weise dargestellt. Die Personen werden als nicht perfekte Menschen gezeigt, und das macht mir die Serie sehr sympathisch. Damit stehe ich nicht allein, denn dieses TV-Drama hatte die höchsten Einschaltquoten der Sendezeit (etwa 45 %). Auch diese Serie gab der Werbebranche Arbeit. So wirbt eine koreanische Backwarenkette mit der Hauptdarstellerin Kim Su-Na für ihre französische Backkunst. Die Verbindung zwischen der Hauptfigur und der Bäckerei besteht darin, dass „Kim Sam-Sun“ als Bäckerin arbeitet und ihr Handwerk in Paris gelernt hat.
Natürlich darf die Dosis Herz-Schmerz nicht fehlen, welche in jedem TV-Drama tonangebend ist. Diese ewige Suche nach dem richtigen Partner strapaziert oft die Geduldsfäden des Zuschauers bzw. speziell meine. Man hat zwar versucht, alles etwas moderner zu gestalten, aber das Bild eines glücklichen Paares am Ende bleibt bestehen. Das ist auch ein Grund, weshalb ich mir nicht jede Serie ansehen muss und mir ein Spielfilm immer noch lieber ist. Außerdem kann man auch gar nicht bei der Fülle der täglich und wöchentlich ausgestrahlten Serien jede ansehen und verfolgen, zumindest nicht wenn man noch ein normales Leben führen will.
Für alle TV-Drama-Süchtigen gibt es allerdings eine Rettung mit dem Namen „DVD-Box“. Tatsächlich kann man fast alle Serien kaufen. Die DVDs verfügen meist über englischsprachige Untertitel. Dies zeigt, dass auch in nicht koreanischsprachigen Ländern TV-Dramen sehr beliebt sind. So findet man überall Fernsehsender, die koreanische Serien ausstrahlen. Man kann vor allem in Japan, aber auch in Singapur oder den USA, alle großen und kleinen Tragödien der koreanischen Serienwelt verfolgen. Europa scheint bis jetzt noch immun zu sein.
Manche koreanischen Sender (z.B. KBS, MBC) bieten auch einen VOD-Service (Video on Demand - Service) an, bei welchem man sich nach Registrierung und Bezahlung alle Folgen ansehen kann.
Einen sehr guten überblick und weitere Informationen erhält man auf der Homepage http://www.koreanwiz.org. Dort sind fast alle Serien der letzten Jahre aufgelistet, und dies mit Inhaltsangabe, Darstellerliste, Sendezeitraum und Links zu DVD- und Soundtrackshops. Auch ich habe mich vor allem dort schlau gemacht, denn ich habe nur vier oder fünf TV-Dramen wirklich verfolgt. So richtig hat mich das Serienfieber also noch nicht gepackt. Wahrscheinlich habe ich als Deutsche etwas in mir, was mich gegen die Herz-Schmerz-Geschichten des koreanischen Fernsehens immun macht, aber damit scheine ich nicht allein in Europa zu sein.
Anmerkungen:
TV-Drama “Eine Zweite Chance” in Korea bekannt als “ 두번쩨 프러포즈“, englischer Titel „ Second Proposal“
TV-Drama “Mein Name ist Kim Sam-Sun” in Korea bekannt als “내 이름은 김삼순“, englischer Titel „My Lovely Sam-Soon“
“Corea's (Korea) 'Bridget Jones' Finds Sympathy Among 30-Somethings” (Artikel über den Erfolg des TV-Dramas „Kim Sam-Sun“ http://goldsea.com/Asiagate/507/02bridget.html)
KBS: www.kbs.co.kr
MBC: www.mbc.co.kr (www.imbc.com)
Copyright © 2005 by Sandra Wyrwal