Vorgeschichte:
In meinem ersten Jahr in Seoul – und wirklich erst da – hatte ich den einen oder anderen koreanischen Film in diversen DVD-Bangs angeschaut – des Koreanischen nicht mächtig, mit englischen Untertiteln. Stets von versierteren Filmeguckern begleitet fand ich mich jedes Mal gut beraten und war nur an exzellente Filme geraten.
Dann trieb mich diesen Sommer im Heimurlaub das Versprechen, einen Artikel für die vorliegende Herbstausgabe unseres DaF-Magazins zu schreiben, in die DVD-Abteilung einer dieser Multimedia+Zubehör-Ketten. In der tiefsten ostdeutschen Provinz erwartete ich ehrlich gesagt nicht viel koreanisches Filmmaterial. Ich „klappte“ mich von A-Z durch das Sortiment – klapp-klapp-klapp – und fischte alle koreanischen Filme raus. Es gab derer genau sieben, alle synchronisiert. Zwei aus der oberen Liga (Old Boy und JSA) waren mir zu teuer, die anderen fünf (von denen ich keinen kannte) landeten in meinem Einkaufskorb und dann ziemlich schnell im DVD-Player. Nach dem knappen Dutzend guter Filme in Korea läuft der Griff in die Angebotskiste jedoch nicht gerade unter der Rubrik „Schnäppchen“ – es sei denn, jemand liest jetzt diesen Artikel, dann war es nicht ganz umsonst.
Ich war enttäuscht von den Filmen. Im Hinterkopf das Motto „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht!“ habe ich mich durchgekämpft, durch koreanische Zeitreisen, Polizeieinsätze und Phantasiewelten mit wiederkehrenden Motiven und Handlungsabläufen, durch schier endlose Kampfszenen und rührige, aber nicht unbedingt rührende Romanzen. – Hm, zeitweise hielt mich nur die Suche nach Filmfehlern bei der Sache.
Aber ich wollte doch einen Film rezensieren! Für einen musste ich mich also entscheiden. Um einige meiner Zeitgenossen vielleicht besser zu verstehen, habe ich mir einen Actionfilm vorgenommen, das Genre, das ich eigentlich neben deutschen Heimatfilmen am wenigsten mag.
Titel: Tube (Tyubeu)
Regisseur: Baek Woon-Hak
Darsteller: Kim Seok-Hoon als Chang, Park Sang-Min als Kang Ki-Taek, Bae Doo-Na als In Hyong
Jahr: 2003 (deutsche Fassung 2004)
Ort des Geschehens: 78,63% (grob geschätzt) in U-Bahnhöfen, auf U-Bahnsteigen, in U-Bahnen, auf U-Bahn-Gleisen, in der U-Bahn-Schaltzentrale, im U-Bahn-Tunnelsystem Seouls
Die Haupt-„Action“äre: Da wäre der melancholische Chang, der jugendliche Held, mit der Zigarette im Mundwinkel, die auf Grund eines Nichtrauchversprechens, das Chang seiner Frau gegeben hat, im Film häufig nicht angezündet werden wird. Chang ist Polizist bei der U-Bahn-Polizei, nachdem er wegen Befehlsverweigerung aus einer Spezialeinheit geflogen war. Chang kommt über den Tod seiner Frau nicht hinweg, die am Rande einer Schießerei ums Leben gekommen war. Ihr Mörder: Kang Ki Taek, der böse Kang Ki Taek. Der ist jetzt zum einen die Nummer 1 der Fahndungsliste der Polizei. Er hatte früher, ebenfalls als Mitglied eines Sonderkommandos mit dem Namen „Rhodes team“, für die koreanische Regierung unter gröbster Verletzung von Menschenrechten „Drecksarbeit“ geleistet. Nachdem internationale Menschenrechtsorganisationen auf die unsauberen Machenschaften aufmerksam geworden waren, sollte die Truppe aufgelöst, sprich: ausgelöscht, werden. Die Mitglieder des „Rhodes team“ und deren Familienangehörige wurden auf Befehl von ganz oben beseitigt. Nur Kang Ki Taek hat man noch nicht erledigen können. Der will sich jetzt an der koreanischen Regierung für deren miese Machenschaften rächen und eine Bombe zünden, so Ministerpräsident Song Il Kwang nicht öffentlich die Verantwortung für die begangenen Ungerechtigkeiten übernimmt. Kang Ki Taek als Terrorist ist zum anderen der persönliche Erzfeind Changs, eben weil er dessen große Liebe auf dem Gewissen hat. Diese Feindschaft beruht auf Gegenseitigkeit, weil Chang wiederum Kangs Leute umgelegt hat. Es trauern also beide Männer um Frauen, die erschossen wurden. Beide waren früher Mitglied in Spezialeinheiten und beide haben ziemlich viele Menschenleben auf dem Gewissen. Ihren Hass können sie in verschiedenen Mann-gegen-Mann-Fights ausleben, ohne jedoch die vielen Möglichkeiten, den anderen umzubringen – was beide gern tun würden, wie sie sagen – zu nutzen. Aber dann wäre der Film wohl zu schnell zu Ende. Soweit zu den männlichen Protagonisten.
Dann ist da das Mädchen, In Hyong, mit dem Gitarrenkasten mit dem „Kuss“ von Gustav Klimt, der (also der Gitarrenkasten) nur einmal Drehpause hat. Ansonsten muss er wieder und wieder durch die Gegend zuckeln, immer über die Schulter des Mädchens gehängt, aber es wird aus ihm niemals eine Gitarre oder ein ähnliches Instrument oder sonstiges Utensil genommen werden. Er ist einfach nur da, verschwindet, als seine Besitzerin von Kang Ki Taek zusammengeschlagen wird, und ist dann plötzlich wieder da und darf in der allerletzten Kameraeinstellung noch mal den „Kuss“ zeigen.
Ach so, In Hyong ist natürlich verliebt in Chang, dem sie als Taschendiebin kürzlich die Sporttasche geklaut hat. Sie hat Schulden abzuzahlen, die von einem widerlich-witzigen Kleinkriminellen, der wiederum von Chang gejagt wird, eingetrieben werden. Neben diesem jugendlichen Komischen gibt es noch den alten Komischen, den Chef der U-Bahn-Polizei, Changs Vorgesetzter, der in seiner Art an Louis de Funès erinnert, aber auch wichtige Sätze in Sachen Systemkritik und Korruption sagen darf.
Es gibt der Figuren und Nebenhandlungen viele, die den Film zu einem bunten Mosaik machen, dessen Komplexität man beim ersten Mal Anschauen kaum fassen kann. Ein jungvermähltes Ehepaar, die Männer in der Schaltzentrale, diverse Politiker, ein drolliges Liebespärchen in der U-Bahn, und eine der bestgespielten Figuren ist der Einsatzleiter der Schaltzentrale Kwang.
Was der Film an Action zu bieten hat, wird schon mal im Vorspann gezeigt. Noch ehe der Filmtitel genannt wird, gibt es sechs Minuten Rums und Knall und niederschmetternde Kinnhaken in einem Flughafengebäude (dem Seouler Flughafen Gimpo) mit jeder Menge durch die Luft fliegenden Menschen und Autos und splitterndem Glas und Reifenquietschen. Drauf gehen aber nur die von Kopf bis Fuß gepanzerten, in Deckung stehenden Kämpfer der Speziellen Einsatztruppen. Die drei freistehenden Attentäter in Zivil bleiben unverletzt. Der Böse fährt im schwarzen Auto davon, der Gute kommt in einem weißen. Soweit also das erste Aufgebot an Action, das die Actionfreunde begeistern und den anderen erste Fragezeichen in Augen und Hirne treiben muss.
Der Film ist mit bedeutungsschwangeren Utensilien und Sätzen gespickt. Es gibt Bonbons als Erinnerungshilfen, Kakteen, die für den Charakter Changs stehen, oder die bereits erwähnte Zigarette und eine Herz-Dame-Spielkarte, die für die aufkeimende Liebe zwischen Chang und In Hyong steht. Nach mehrmaligem Anschauen des Films, mit Anhalten und Vor- und Zurückspulen (manchmal nur, um Luft zu holen), haben sich einige Sätze eingebrannt, was besonders leicht war, da sie im Laufe des Film mindestens einmal wortwörtlich wiederholt werden. Meine Favoriten:
„Je ernster die Lage, desto wichtiger sind Gesetze und Versprechen.“
„Alles ist vergänglich und es bleibt nichts als die Erinnerung. Die Erinnerung ist das Einzige, was man mir nicht nehmen kann. Die Erinnerung an ihn, dessen Herz ich gewinnen wollte – und den ich liebte.“
„Einen Zug, der rollt, hält niemand auf.“ / „Irgendwann wird es einen Zug geben, den keiner aufhalten kann.“
Der Film heißt also Tube, in britischem Englisch U-Bahn, und so sitzen denn auch alle irgendwann in einer solchen beieinander: Kang Ki Taek und sein im wahrsten Sinne des Wortes nichts sagender Komplize mit einer Bombe ausgestattet, das Mädchen (mit Gitarrenkasten), das in der vorhergehenden, geradezu auf-Teufel-komm-raus-das-Mädchen-muss-auch-irgendwie-in-diesen-Zug!-Szene von Kang Ki Taek gekidnappt wurde, ein korrupter Bürgermeister auf Werbetour, der komische Taschendieb auf Diebespfaden, die frischverheiratete Frau eines Mitarbeiters aus der U-Bahn-Schaltzentrale und letztendlich Chang, der sich – per Handy informiert durch In Hyong – von einem Motorrad springend gerade noch an den letzten Wagen des ausfahrenden Zuges werfen kann, um sich dann wie alle anderen Hauptakteure die nächste halbe Stunde nach vorne an die Spitze des Zuges vorzuarbeiten (wie lang kann eine U-Bahn sein!?). Dann kommt die nächste Schießerei, die Bodygards des Bürgermeisters gehen dabei drauf und Zugführer Park. Freundlicherweise sieht man im Rest des Films lediglich Blutspuren an den Zugwänden, die Leichen sind einfach weg.
Eine Bombe mit Zeitschaltung wird scharf gemacht und Kang Ki Taek nimmt Kontakt zur U-Bahn-Schaltzentrale auf, um seine Forderungen an die koreanische Regierung zu stellen.
Die ganze Zeit über rast der Zug durch Seoul (es ist immer wieder von der Jamsil-Brücke die Rede). Rasant ist nicht nur die Fahrt, sondern auch Filmschnitt und Kameraführung. Das ist schon ziemlich beeindruckend und gut gemacht. Problem schien an einigen Stellen nur, die einzelnen Sequenzen richtig zusammenzufügen, da haut ab und an mit der Chronologie etwas nicht hin. Außerdem sind einige Szenen von heransausenden und vorbeibrausenden Zügen zu offensichtlich Computeranimationen, die mit der Realzeit nicht harmonieren.
Von der schauspielerischen Leistung her kann Park Sang-Min als Kang Ki Taek noch am ehesten überzeugen, eine Mischung aus eiskalt, nachdenklich, wütend, verletzt, verzweifelt. Kim Seok-Hoon als Chang und Bae Du-Na als In Hyong sind nett anzuschauen, die Liebesgeschichte entwickelt sich jedoch steif und stelzbeinig, ist stark koreanisch stereotypisiert und Monologe wie auch Dialoge wirken pathetisch und unnatürlich. Da gilt mein Dank immer wieder dem Erfinder der Vorspultaste.
Im Making of zum Film sagt Baek Woon-Hak, dass er einen spannenden und gleichzeitig amüsanten Film drehen wollte. Spannung und Witz gibt es trotz aller Mängel des Films zur Genüge. Die Komik (abgesehen von der unfreiwilligen) wird ausschließlich von Nebenrollen beigesteuert, die den Film um Einiges auflockern und bereichern.
Die allergrößte Frage bleibt für mich auch nach mehrmaligem Anschauen: Warum muss Chang zum Schluss sterben? (Der geehrte Leser möge mir verzeihen, dass ich das Ende preisgebe!) Warum springt er nicht einfach aus dem fahrenden Zug, der gleich in die Luft gehen wird? An der Geschwindigkeit von 140 km/h kann es nicht liegen. Er hat bis dahin ganz andere Stunts überlebt, selbst schwer verletzt! Schwere Verletzungen sind eine weitere heikle Angelegenheit. In der einen Szene auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, in der nächsten quickfidel und zu Taten in der Lage, die normale Erdenbürger nicht mal in Bestform zu Stande brächten. Wie viel Realitätsnähe braucht ein Film bzw. wie viel Unlogik verträgt er?
Um nach all der Kritik und dem Gemeckere dem Ganzen einen freundlichen Schluss zu geben: Die Filmmusik ist wirklich genial! Ob krachige Actionszene, rasante Tunnelfahrt oder nächtliche Romantik, die musikalische Untermalung ist geradewegs perfekt. Da gibt es nun wirklich nichts zu meckern.
Und um einen Actionfilmfan aus dem Internet zu zitieren: „Hirn raus und DVD rein. Genrefans, die sich nicht über jede Kleinigkeit mokieren, werden hier gewiss ihren Spaß haben.“ Na dann!
Copyright © 2005 by Andrea König