Hans Jürgen Müller

Korean Wave: TV-Soaps für Ostasien


Koreanische TV-Unterhaltungsserien waren in den letzten fünf Jahren international sehr erfolgreich. Völlig unerwartet sind koreanische "Soaps" zu einem Exportschlager geworden. In ganz Ostasien sind die koreanischen Streifen beim Fernsehpublikum beliebt, von Taiwan bis Japan und darüber hinaus von Mittelasien (Usbekistan, Mongolei) bis an die amerikanische Westküste (Hawaii, Kalifornien). Im Jahre 2004 wurden koreanische TV-Serien für 71,4 Mio. US-Dollar exportiert. Das waren 70 Prozent mehr als noch im Jahr 2003, wie das Ministerium für Kultur und Tourismus in Seoul meldete.

Dabei sind die TV-Streifen nur ein Teil des Erfolgs, den die koreanische Pop-Kultur neuerdings zu verzeichnen hat. Hinzu müsste man noch die Pop-Musik ("K-Pop"), Computerspiele und Kinofilme zählen. Insgesamt hat die Unterhaltungsindustrie im Jahre 2003 Produktionen für 650 Mio. US-Dollar exportieren können. Besonders großes Interesse war in der Volksrepublik China zu verzeichnen. Von dort stammt der Begriff "Korean Wave", mit dem seither der Export-Boom der koreanischen Unterhaltungsindustrie bezeichnet wird. Seoul ist zu einem Zentrum der Pop-Kultur in Ostasien aufgestiegen und macht Tokio seine bisherige Führungsrolle auf diesem Gebiet streitig.

Einen der ersten größeren Erfolge hatte die "Korean Wave" mit der Serie "Juwel im Palast" in Taiwan. Die Geschichte spielt vor 500 Jahren und erzählt die Geschichte eines Waisenkindes, eines Mädchens, das von einer Hilfsköchin zur ersten ärztin des Königs aufsteigt. Die Serie wurde für 15 Mio. US-Dollar produziert und hat bis 2005 40 Mio. US-Dollar im Ausland eingespielt. Spektakuläre Ausmaße nahm dann die Begeisterung über "Winter Sonata" im Jahre 2004 in Japan an. Der Hauptdarsteller der Serie, Bae Yong-Joon, durfte sich bei seinen Besuchen in Tokio wie ein Mega-Star vorkommen. Diese Entwicklung war für viele Beobachter überraschend, vor allem, wenn man daran denkt, dass die Beziehungen zwischen Japan und Südkorea sonst eher gespannt sind.

Was macht die koreanischen Soaps so beliebt in Ostasien? Was ist ihr spezifisches Erfolgsrezept? Die "Dramas", wie sie in Korea genannt werden, beginnen oft in der Schulzeit der Hauptfiguren. Erste Liebeshändel, erster Kummer, alles recht herzerfrischend und nett gezeichnet. Dann türmen sich vor den Helden allmählich größer werdende Hindernisse auf: Nebenbuhler und Intriganten tauchen auf, Klassenschranken (armes Mädchen – reicher Unternehmersohn), Familienkonflikte und - sehr beliebt - langwierige Krankheiten mit tödlichem Ausgang. Das Schicksal sichelt unbarmherzig in diesen Soaps. Das Ende nach 20 bis 30 Episoden ist dann oft bittersüß. Die Helden sind - sofern sie es überlebt haben - nach zehn oder zwanzig Jahren gereift. Sie haben Federn lassen müssen, aber sie haben sich mit Mut und Witz in all den Stürmen behauptet und irgendwie ihren Frieden gefunden. Oft sehen wir am Ende zu ihren Füßen eine neue Generation heranwachsen.

Im Unterschied zum melodramatischen Genre aus Hollywood spielen die koreanischen Serien in einem Setting, das im ostasiatischen Kulturraum vertraut ist. Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen, Arbeitsverhältnisse, Wohn- und Esskultur - all das ist bekannt und erleichtert die Identifikation der Zuschauer mit dem Geschehen. Koreanische Soaps sind "realistischer" als amerikanische Unterhaltungsware.

Der Aufschwung koreanischer Soaps setzte mit einer wahren Explosion an Kreativität am Ende der 90er Jahre ein. Dass es gerade zu diesem Zeitpunkt geschah, dafür gibt es verschiedene Gründe: Zum ersten entstand mit der Einführung des Kabelfernsehens zu Beginn der 90er Jahre ein größerer Bedarf an Programminhalten. Die meisten Haushalte können heute für umgerechnet ca. drei Euro im Monat 30 Programme oder mehr empfangen. Diese Kanäle müssen gefüllt werden, mit Nachrichten, Sport, Musik, Shows, aber eben auch mit Unterhaltungsserien. Zweitens: während des Dotcom-Booms der 90er Jahre floss erstmals eine größere Menge anlagesuchendes Kapital in den Unterhaltungssektor. Dieser Bereich galt als interessante Alternative zu den eher undurchsichtigen großen Konglomeraten (chaebol).

Drittens ist der koreanische Markt trotz einer Bevölkerung von 42 Millionen zu klein für größere Produktionen. Es gibt daher einen regelrechten Zwang zum Export. Die Soaps werden gleich im Hinblick auf ihre Verwertbarkeit im größeren ostasiatischen Raum konzipiert.

Nicht zuletzt verdanken die Soaps ihren Erfolg der Förderung durch Regierungsprogramme. 1998 mussten nämlich im Zuge der IMF-Deregulierungspolitik nach der Asien-Krise auch die

Importbeschränkungen für japanische Unterhaltungsprodukte aufgehoben werden. Man befürchtete in Seoul damals, eine Welle an japanischen Comics, Musik-CDs und Videos könnte auf die koreanische Jugend herüberschwappen. Dieser Gedanke war nach den bitteren Erfahrungen der Kolonialzeit, als Japan schon einmal versuchte, die koreanische Identität zu zerstören, unerträglich. Es wurden deshalb Programme aufgelegt, um die Produktivität der koreanischen Unterhaltungsindustrie zu erhöhen. Federführend ist seither auf diesem Gebiet das Ministerium für Kultur und Tourismus, dessen Budget 1998 erheblich vergrößert wurde. Es setzte einen ersten Fünfjahresplan zur Förderung der einheimischen Unterhaltungsindustrie in Kraft.

Im Jahre 2002 gründete das Ministerium die "Korea Culture and Content Agency (KOCCA)", deren Aufgabe es ist, den Export von Unterhaltungsproduktionen zu fördern (http://koreacontent.org). Der Erfolg der "Korean Wave" wird unter anderem auch dem Wirken dieser Agentur zugeschrieben.

Die Soaps dienen ferner als Vehikel für weiter reichende politische Interessen. Offenbar hat man in Seoul das amerikanische Vorbild der "public diplomacy" studiert. Was Hollywood in offener oder verdeckter Kooperation mit der amerikanischen Regierung zur Verbreitung des "american way of life" in der Welt beiträgt, das können die Koreaner auch. So gab der offizielle "Korean Overseas Information Service" im Jahre 2004 die Erfolgsserie "Winter Sonata" an das ägyptische Fernsehen ab und bezahlte selbst die Erstellung der arabischen Untertitel. Das Ziel war es, positive Einstellungen in der arabischen Welt für Korea zu fördern und während der Stationierung von 3200 koreanischen Soldaten im Nord-Irak möglichst aufrecht zu erhalten.

Die internationale Wirkung der koreanischen Soaps wurde der breiteren Öffentlichkeit erstmals anlässlich der Resonanz von "Winter Sonata" in Japan bewusst. Es waren vor allem die japanischen  Frauen mittleren Alters, die zunächst bereit waren, diese koreanische Produktion überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Deren zunehmendes Interesse sorgte dann für eine regelrechte Sensation. Was ist der Grund für den Erfolg von "Winter Sonata" in Japan? In Medienberichten wird hervorgehoben, dass es vor allem die tiefen Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind, die das japanische Publikum fesselten. Die unbedingte Fürsorge und Liebe, mit der Koreaner in Familie und Freundschaft füreinander da sind, war in Japan offenbar etwas völlig Neues. Dies, im Kontrast zu einer ansonsten stark konkurrenzorientierten und unterkühlten japanischen Gesellschaft, scheint  "Winter Sonata" so einzigartig gemacht zu haben.

Ein weiterer Grund dürfte in der Persönlichkeit und schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers Bae Yong-Joon (in Japan: "Yonsama") liegen. Sein Markenzeichen ist eine auffällig toupierte Frisur, ferner ein geradezu überirdisch glückliches Lächeln, mit dem er so wirkt, als hätte er ewig Kindergeburtstag. Ist er überhaupt eines anderen Gesichtsausdrucks fähig? Man weiß es nicht. Sicher ist, dass der treuherzige Blick, mit dem er durch seine Rundbrille guckt, massive Schäden in der japanischen Frauenwelt angerichtet hat.

Wird das anhaltende Interesse der japanischen Öffentlichkeit an koreanischen TV-Serien und sonstigen Kulturprodukten (DVD-Ausgaben, Pop-Musik, Sprachkurse) etwas zur Verbesserung der japanisch-koreanischen Beziehungen beitragen? Die Ansichten sind kontrovers. Medienkritiker, vor allem in Korea, sagen, dass in den Soaps ein eher oberflächliches Bild der koreanischen Gesellschaft präsentiert wird. Andererseits findet in Ostasien ein positiver Wandel des Korea-Images statt. Es geht weg von dem autoritären, rigiden Bild, das Nachrichtensendungen mit Szenen von Demonstrationen, Wasserwerfern und Riot-Police gezeichnet haben. Dieser Wandel war längst überfällig. Es ist gut, wenn koreanische Sprachkurse in Japan ausverkauft sind und der Tourismus nach Korea zunimmt. Die Besucher werden sich dann schon ein eigenes Bild verschaffen, das über die Stereotypen der Soaps hinausreicht.

Für Deutsche, die in Korea leben, können die Soaps, bei rechtem Gebrauch, ein wichtiger Indikator für aktuelle Entwicklungen in der koreanischen Gesellschaft sein. Die Soaps präsentieren kulturindustriell fabrizierte Leitbilder der Alltagskultur. Wir sehen in ihnen zwar nicht die soziale Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist, aber man erkennt mit einiger übung, was dem Fernsehpublikum zur sozialen Orientierung vorgesetzt wird. Leitbild ist der Lebensstil der "upper middle class" in Seoul. Und da gibt es allerhand zu bestaunen: stets die neuesten Lifestyle-Gadgets, Handys,  Autos, Luxus-Apartments, "trendige" Lokale. Es ist ein Lebensstil, der von dem in Korea grassierenden Konsumismus geprägt ist. Zwar dürfte er für die Masse der Koreaner und sicher auch der hier anwesenden Deutschen nicht erreichbar sein, aber man kann sich in den Soaps jedenfalls darüber informieren, was zur Zeit "in" ist.

Im Unterschied zu deutschen Soaps, wie z.B. "Lindenstrasse", sind die koreanischen Soaps zum Teil erheblich pfiffiger. Der Unterschied erklärt sich aus der Altersstruktur des Publikums. Während ein Großteil  der deutschen TV-Zuschauer zur Generation 50plus zählt ("Fragen Sie Ihren Arzt und Apotheker"), sind die Koreaner deutlich jünger. Das Durchschnittsalter der Deutschen liegt bei 41, das der Koreaner bei 33 Jahren.

Dies dürfte der Grund sein, weshalb Dreiecksgeschichten so überaus beliebt sind. Man kennt das als Fernsehzuschauer schon: der Mann geht kurz weg und lässt dummerweise das Handy auf dem Tisch liegen. Es klingelt. Die Ehefrau nimmt den Anruf entgegen und – es ist eine verlegene junge Frau dran, die den Grund ihres Anrufs nicht recht erklären kann. "Aha. Er hat eine andere. Der Schuft!" Und schon fängt ein buntes Durcheinander an. Solche Geschichten laufen praktisch ganz von selbst, und es macht uns allen großen Spaß dabei zuzusehen. Koreanische Soap-Regisseure haben die Dreiecksgeschichte zu einer hoch artifiziellen Kunst entwickelt, was in einem Land mit so starker konfuzianischer Familienorientierung eigentlich sehr erstaunlich ist.

Der soziale Gehalt koreanischer Soaps zeigt sich deutlich im Kontrast zu entsprechenden Produkten aus Hollywood. Amerikanische Doku-Soaps wie "Bachelor" oder "Apprentice" reduzieren die zwischenmenschliche Interaktion im wesentlichen auf die Konkurrenz. Und man soll sich offenbar über die betretenen Gesichter der Stellenbewerber amüsieren, wenn Mister Donald Trump ihnen mitteilt: "You are fired!". Amerikanische Actionfilme reduzieren die zwischenmenschliche Interaktion im wesentlichen auf Schusswechsel.

Die amerikanische "Unterhaltung" ist das Produkt einer Gesellschaft im Zustand der Agonie. Es ist eine Welt, die aus den Fugen ist, in der das Individuum keinen festen Halt, keinerlei Sicherheit mehr hat. Der Einzelne ist das Objekt von Mächten, auf die er keinen Einfluss hat. In Korea hingegen gibt es immer noch eine selbstbewusst agierende bürgerliche Mittelschicht. Die Soaps wenden sich an ein Publikum, das mit Zähigkeit an dem Anspruch festhält, sein Schicksal allen Widrigkeiten zum Trotz irgendwie doch zu meistern.

Koreanische Soaps sind Produkte der Kulturindustrie im Sinne von Horkheimer/Adorno: Standardprodukte mit affirmativem Bezug zum sozialen Status Quo. Gegen den Pesthauch, der den Fernsehzuschauer von amerikanischen Unterhaltungsprodukten anweht, sind sie aber schon fast so etwas wie die Verkörperung von Zivilisation und Humanität.


Copyright © 2005 by Hans Jürgen Müller


DaF-Szene Korea Nr. 22

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