Gernot Haidorfer

Jee-woon Kim: A Tale of Two Sisters


„A Tale of Two Sisters” (im Original „Jang Hwa, Hong Ryeon”) ist die Adaptation einer alten koreanischen Geschichte, in der es um das problematische Verhältnis zweier Mädchen zu ihrer Stiefmutter geht.

Zwei Schwestern besuchen nach längerer Abwesenheit das Haus ihrer Stiefmutter und ihres Vaters. Bereits beim Eintreffen lastet eine beklemmende, unheimliche Stimmung auf den Personen. Bald ereignet sich Merkwürdiges. Immer wieder erscheint den Mädchen eine mysteriöse Frau. Von dieser dunkel gekleideten Frau, deren Gesicht vom Zuschauer nicht erkennbar ist, geht eine Bedrohung aus, die die Schwestern lähmt und die sie zunehmend hysterisch werden lässt. Bald spitzt sich die Handlung zu. Die Stiefmutter entdeckt beim Stöbern in ihren Familienbildern, dass von allen Photos ihr Gesicht weggeschnitten wurde. Es bleibt nicht bei seelischen Grausamkeiten. Im Streit zerrt die Stiefmutter die jüngere der beiden Schwestern in einen Schrank und schließt ihn ab. Später sieht die ältere Schwester eine Blutspur auf dem Boden vom Schrank zu einem Sack. Sie beobachtet, wie die „seltsame Frau”, wie sie sie nennt, mit einer Eisenstange auf ein blutiges Etwas in diesem Sack prügelt – die Schwester? Sieht sie dies wirklich? Oder ereignet sich diese Tat nur in ihrer Vorstellung oder ihrem Traum? Durch das Übereinanderlagern der Geschehnisse auf verschiedene Ebenen (Jetztzeit, Vergangenheit, Traum) gelingt es dem Regisseur Jee-won Kim, die Realität zu verwischen. Steckt die Stiefmutter hinter all dem Unheimlichen? Oder ist die vom Hass gegen die Stiefmutter zerfressene ältere Schwester irre geworden? Der Zuschauer wird im Unklaren gelassen. Die eingesetzten filmischen Mittel verstärken das Schaudern. Sowohl Dialoge als auch Kameraführung sind sparsam eingesetzt. Nur das Nötige wird gesprochen und gezeigt. Das Nichtgesagte, Nichtgetane, Nichtgesehene macht hier Angst. Die Geräusche vermitteln eine für das Publikum beinahe physisch spürbare unerträgliche Spannung. Kratzende Geigen, zufallende Türen deuten vielleicht eher auf einen traditionellen Film des Gruselgenres hin. Tatsächlich ist es aber das subtile psychologische Im-Unklaren-lassen, das dem Film seine Spannung verleiht und den Zuschauer verstört zurücklässt.

Grandios schauerlich auch die drei Hauptdarstellerinnen. Die damals noch wenig bekannte Keun-yeong Mun verkörpert ideal die noch etwas kindliche, jüngere Schwester. Heute ist sie eine der beliebtesten koreanischen Schauspielerinnen, auch mit großer Präsenz in der Werbung (in einem Werbespot für KTF klettert sie zur Zeit ganz schnell eine Felswand hoch, schaltet oben schnell ihr Mobiltelefon ein und springt jubelnd in die Höhe).

„A Tale of Two Sisters” war 2003 einer der großen Erfolge in den koreanischen Kinos und beim Filmfestival in Busan (PIFF). Am Rande des Festivals wurden damals für diesen Film und für „Acacia”, einen anderen koreanischen Gruselfilm, Verkaufsverträge mit Deutschland abgeschlossen. Meines Wissens wurden beide Filme aber weder im deutschen Kino noch im Fernsehen gezeigt. Schade.

Daten und Fakten zum Film:


Copyright © 2005 by Gernot Haidorfer


DaF-Szene Korea Nr. 22

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