Friedhelm Bertulies

Die Mao-Bibel: Der Film, oder: Ethik in Action
Park, Young-Woo: Shiri


Erst unlängst hieß es im Feuilleton der Frankfurter Rundschau: “Südkorea hat das beste Kino”[1]. Wohl wahr. -Wie wahr! Dem Skeptiker, der sich selbst eine Meinung bilden will, kann man guten Gewissens dazu raten, sich dazu einmal nicht die durchweg wunderbar bildermächtigen, intensiv-sinnlichen, leicht perversen, subtilen, oder gnadenlos mit der Tür ins Haus fallenden Schockproduktionen der Kim Ki-Duk, Lee Chang-Dong, Park Chan-Wook oder anderer anzuschauen, die dermaßen  künstlerisch wertvoll sind, dass es genügen kann, sich darüber von einem anderen erzählen zu lassen - deren Wirkung überträgt sich, ich habe es erlebt, selbst indirekt noch - sondern er sollte sich tatsächlich ein Beispiel aus dem Genre anzuschauen, das auf Anhieb, von Kennern wie von Ignoranten gleichermaßen, nicht gerade zum Höhenkammkino gerechnet wird: Dem Actionfilm. Auf diesem Gebiet hat das deutsche Kino nun wirklich seit Hans Albers rein gar nichts mehr zu bieten. Man braucht nur die Augen aufzusperren, um zu sehen: Die Koreaner können es einfach besser.

(Einer der Gründe, weshalb ich persönlich gerade “Shiri”[2] so sehr schätze, und besonders gerne dazu ermuntere, gerade ihn sich anzuschauen, soll hier nicht verschwiegen werden: Dass darin Han Suk-Kyu auftritt. Ich halte ihn für einen sehr guten Schauspieler, und würde auch ohne Zögern einräumen, dass er noch bessere Rollen als in “Shiri” hatte.[3] Was ich so an ihm schätze, ist: Dass er so gut Koreanisch spricht. Das ist völlig unironisch gemeint. Seit ich in diesem Land arbeite, ringe ich mit dieser schrecklich komplizierten Sprache, und wann immer Han Suk-Kyu spricht, habe ich das fast schon gespenstische Gefühl, jedes Wort zu verstehen. Koreaner haben mir das damit zu erklären versucht, dass Han Suk-Kyu vor seiner Entdeckung als Schauspieler Sprecher im Radio war. Er ist natürlich auch ein überragender Schauspieler, und das eine trägt gewiss das andere. Der Leser, der sich, wie der Autor, des Koreanischen immer noch nicht so ganz mächtig fühlt, mag es an sich selbst ausprobieren.)

“Shiri” ist ein actionreicher Agententhriller, produziert im Jahre 1999; eine in der Art und Weise, wie Personen miteinander in Beziehung gesetzt werden, bewegende Liebesgeschichte; klug in Szene gesetztes Beziehungsdrama unter Liebenden, Kollegen und Kameraden.

Der Plot: Im Jahre 2002 soll es in Seoul zu einem Spiel zwischen der nord- und südkoreanischen Fußballnationalmannschaft kommen, im Hinblick auf die Möglichkeit, mit einer gemeinsamen Mannschaft an der Weltmeisterschaft 2003 teilzunehmen. Das Spiel soll in Anwesenheit der Staatsoberhäupter beider Teile Koreas ausgetragen werden, auch als politische Geste zur Beförderung der Wiedervereinigung. Diese Form der Annäherung geht militärischen Kreisen in Nordkorea zu weit, und zur Verhinderung einer möglichen friedlichen Wiedervereinigung Koreas soll im Fußballstadion eine Bombe gezündet werden, die die politische Führung beider Landesteile, die Zuschauer, am besten gleich ganz Seoul vernichtet. Dies kann in letzter Sekunde verhindert werden.

Eine Schlüsselstellung kommt dabei einer nordkoreanischen Agentin zu, Lee Bang-Hee (gespielt von Kim Yoon-Jin), die seit längerem in Südkorea Mordanschläge auf profilierte Wissenschaftler verübt. Der Prolog des Films, in Nordkorea, versorgt uns mit Impressionen von dem, was man in Deutschland wohl ihre “brutalstmögliche” Ausbildung nennen würde (hier wird sie von einer anderen Schauspielerin dargestellt: Park Eun-Sook), und leitet über zu dem Agenten Yu Jong-Won (Han Suk-Kyu) , der mit seinem Kameraden Lee Jang-Gil (Song Kang-Ho) die Aufgabe hat, Lee Bang-Hee aufzuspüren. Yu Jong-Won hat seit einiger Zeit eine Freundin, Lee Myung-Hyun (Kim Yoon-Jin), die eine Zierfischhandlung betreibt, und die er demnächst heiraten will. Sie schenkt ihm ein Pärchen Fische, Küssende Guramis. Die Agenten sind beunruhigt, dass ihnen Lee Bang-Hee bei allen ihren Nachforschungen immer einen Schritt voraus ist, sie vermuten einen Verräter in ihren eigenen Reihen, beginnen sogar, einander zu verdächtigen. Inzwischen sind noch mehr nordkoreanische Agenten, angeführt von Park Mu-Young (Choi Min-Sik), in Seoul eingesickert, für ihren Bombenanschlag überfallen sie einen Militärtransport und bringen damit einen Supersprengstoff “CTX” in ihren Besitz, den sie für ihren Anschlag im Fußballstadion brauchen. Es kommt zu einem exzellent choreographierten und gefilmten shoot out, bei dem es den Nordkoreanern, in letzter Minute gerettet durch das Auftauchen von Lee Bang-Hee, gelingt zu entkommen. Yu Jong-Won setzt ihnen nach und die Spur führt ihn letztlich zu Lee Myung-Hyuns Fischhandlung. Er erkennt, dass seine Freundin in Wirklichkeit Lee Bang-Hee ist. Sein Kollege Lee Jang-Gil ist inzwischen auf anderen Wegen auch darauf gekommen. Er hat außerdem festgestellt, dass in den vielen Aquarien, die in der Geheimdienstzentrale aufgestellt sind, und die dort vermittelt durch Yu Hong-Wons Freundschaft mit Lee Myung-Hyun Eingang gefunden hatten, in den Fischen Abhörsender versteckt sind, durch die Lee Bang-Hee den Agenten immer eine Nasenlänge voraus sein konnte. Das Attentat im Stadion kann im letzten Augenblick verhindert werden und in dem sich anschließenden Gefecht erschießt Yu Jong-Won seine Geliebte Lee Myung-Hyun/Bang-Hee (01:54). Tolle et vide!

Der Plot ist hier primär handlungszentriert wiedergegeben, da die einzelnen Charaktere im Verlauf der Handlung eher flach bleiben.[4] Gleichwohl ist es außerordentlich faszinierend, zu beobachten, wie die einzelnen Darsteller ihnen durch ihre immense Präsenz Fülle verschaffen.

Shiri ist eine Fischart, Coreoleuciscus splendidus Mori[5]. Jeder Koreaner kann einem auch gleich dazu erklären, dass Shiri besonders klares Wasser bevorzugen, bzw. Indikatoren für besonders gute Wasserqualität sind. Hier ist es der Deckname für den Terroranschlag. In Korea kommt Fischen eine symbolische Bedeutung zu. Kein Teich ohne fette Goldfische, kein Büro, in dem nicht in irgendeinem Winkel ein Aquarium sprudelt, die flossentragenden Sinnbilder von Gesundheit, Wohlergehen, Beständigkeit sind allgegenwärtig. In diesem Film wird ausgerechnet der positivste Anblick, der einem in Korea geboten werden kann, in die Quelle des Verrats verkehrt. Es bleibt bemerkenswert, dass in diesem Film gleichwohl keine einseitig pro-südkoreanische Position bezogen wird. Das klare Wasser in den Aquarien in der Geheimdienstzentrale ist genau das  Trübe, in dem die Agenten fischen; einmal indem sie albern und achtlos dieses so positive Symbol besudeln, indem sie  Zigarettenasche, Corn Flakes (00:18; auch Beispiel für elegant in Szene gesetztes product placement![6]) etc. in die Aquarien streuen, zum anderen, dass die Fische zwar ständig sterben, aber nicht deswegen, sondern an den Abhörsendern, die ihnen eingesetzt worden sind. Weniger direkt von den nordkoreanischen Saboteuren, als vielmehr von dem achtlosen Umgang, den die Südkoreaner mit Symbolen der koreanischen Kultur treiben, geht den ganzen Film hindurch die tödliche Bedrohung aus, -und ihr fällt auch genau der Agent zum Opfer, der sie endlich erkennt: Yus Kollege Lee Jang-Gil.

Dieser Film lässt sich durchaus auch für landeskundliche Selbstanwendungen nutzen. Nur ein Beispiel: In einem privaten Gespräch der beiden Agenten kommt Lee Jang-Gil auf Yu Jong-Wons Heiratsabsichten: “Wann wollt ihr heiraten? - Am Zwanzigsten nächsten Monats. - Hast Du es ihr schon gesagt? - Kopfschütteln, dann: Es reicht doch, wenn ich es weiß.”(27:15)[7]

Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie in diesem Genre durch überragende Schauspielkunst die durchaus sichtbaren Beschränkungen von Trivialität und Kommerz aufgehoben werden können, kann sich davon ein besonders gutes Bild machen in der Szenenfolge, in der Yu Jong-Wons Verfolgung Lee Bang-Hees zu Fuß ihn zu ihrer Fischhandlung führt, und er endlich zu der Erkenntnis gelangt, dass die Scharfschützin und seine Freundin ein und dieselbe Person sind. Wie Han Suk-Kyu im Schatten eines Fahrzeuges die Nase kraus zieht (01:17)[8], gewissermaßen Witterung aufnimmt; welche Wandlung sein Gesicht durchläuft, als es Gewissheit geworden ist (01:19); die ganze Körpersprache, als er im Halbdunkel des Ladens um Fassung ringen muss, das ist einfach sehr, sehr gut gespielt.

Linke Koreaner tun “Shiri” gerne als reißerische antinordkoreanische Hasspropaganda ab. Aber sie könnten auch einfach zu nah dran sein am Objekt, - oder sich selber zu sehr als Objekt des Films empfinden? “Shiri” ließe es durchaus zu, als geschickt inszenierter Einwand gegen die Nordkoreapolitik Kim Dae Jungs verstanden zu werden. Immerhin wird erklärt, dass sich die tödliche Sprengkraft von CTX am besten durch die Einwirkung von Sonnenlicht (00:50) entfaltet, und der Film kam in die Kinos, als sich die “Sonnenscheinpolitik” auf ihrem Höhepunkt befand[9]. Je nachdem, von wie weit weg man diesen Film anschaut, können aber auch Betrachtungsebenen sichtbar werden, die “Shiri” an einer der Oberfläche verborgenen allein tagespolitischen Agitation entheben. Zwei Möglichkeiten seien herausgegriffen: Verbleibt man bei der Ansicht des Films innerhalb des asiatischen Horizonts, z.B. Chinas, dann ruft einem durch die Weise, in der  gezeigt wird, wie nach und nach die nordkoreanischen Saboteure in Seoul auftauchen, z.B. als Choi Min-Sik aus der U-Bahn tritt (00:23), und dann nach und nach die Nordkoreaner im Straßenbild, unter den Fußgängern, erkennbar werden, das ganz unwillkürlich einen der Kernsätze aus der Mao-Bibel ins Gedächtnis: Nach Mao muss “der Revolutionär im Volk untertauchen und in ihm schwimmen können, wie die Fische im Wasser”. Ich bin sicher, dass auch wer nicht mehr zu Hause eines dieser sturmfeuerzeuggroßen (00:05) roten Plastikbändchen im Regal stehen hat, die man früher in Deutschland für eine Mark an jeder Straßenecke kaufen konnte[10], hat diesen Grundsatz der seinerzeit bundesdeutschen Stadtguerillatheorie einmal gehört. Das macht den Südkoreanern so schnell keiner nach, dass ausgerechnet in so einem Film Grundsätze der Lehre Mao Tse Tungs, die das Erfolgsgeheimnis seiner Umwälzung Chinas ausmachen, bildmächtig umgesetzt werden[11].

Von Europa her gesehen ließe sich die Entwicklung, die die Beziehung der nordkoreanischen Todesschützin Lee Bang-Hee zu dem Geheimagenten Yu Yong-Won durchläuft, als filmische Umsetzung des Lehrsatzes III. 44 aus Spinozas Ethik betrachten: “Der Hass, der durch Liebe gänzlich besiegt wird, geht in Liebe über; und die Liebe ist dann stärker, als wenn ihr der Hass nicht vorausgegangen wäre.”[12] Der Leser mag finden, dass die Assoziationen damit doch etwas zu weit führen. Aber auf ihn kommt es hier nicht an, sondern darauf, ob das Kunstwerk sie erträgt. Und das tut es. “Ideen”, so hielt Adorno fest, ”die von Kunstwerken behandelt, dargestellt…werden, sind nicht deren Ideen sondern Stoffe…”[13]  - Und das ist “Shiri” alle Male: good stuff.


[1] R. Suchsland: “Die B-Ebene der Seele”, Frankfurter Rundschau, 10.8.2005.

[2] Alle Angaben zum Film basieren auf: “Shiri”, 2 DVD Special Edition, dts 115580, 2004 e-m-s new media AG (Lästig sind die erheblichen Abweichungen zwischen der Synchronisation und dem Text der Untertitel).

[3] Sein bester Film, thematisch ähnlich wie “Shiri”, dürfte bislang ”Iljung Gancheob” (2003) sein.

[4] Lediglich Yus Kollege Lee Jang-Gil wird mit wenigen Bemerkungen zu seinem Familienhintergrund ausgestattet (00:25).

[5] Siehe z.B.: http://chollian.net/~photopsh/fish-shiri.htm

[6] Siehe auch: Maxim’s Kaffee: 00:47 und 01:35; oder Pocari Sweat 00:47, bzw. 01:11.

[7] Siehe auch: 01:41.

[8] Mit exakt dem gleichen Nasekrausziehen erläuterte Hans-Georg Gadamer in seiner Vorlesung im Sommersemester 1985 den griechischen Ausdruck “Nous”.

[9] Es ist, oder wäre, jedenfalls ein merkwürdiger Zufall, dass sich der Originaldialog in dieser Szene außerordentlich nahe am politischen Sprachgebrauch jener Tage entlang bewegt.

[10] Ich rate niemandem, der dieses Werkchen besitzt, es mit nach Korea zu bringen. Sollte es am koreanischen Flughafen im Gepäck entdeckt werden, kann sich die Einreise auch heute noch erheblich verzögern.

[11] Gewiss nicht ganz so, wie Mao es sich vorgestellt hat: Die Partisanen werden hier gewiss nicht vom Volk unterstützt, gleichwohl gewinnen sie ihre Wirksamkeit daher, dass sie sich vom Volk nicht erkannt, bzw. im Volk nicht erkennbar, von Anschlag zu Anschlag bewegen können.

[12] Propositio XLIV: “Odium, quod Amore plane vincitur, in Amorem transit; & Amor propterea major est, quam si Odium non praecessisset.”, Benedictus de Spinoza. Die Ethik. Lateinisch und deutsch. Stuttgart: Reclam, 1984; S. 351.

[13] Theodor W. Adorno. “Mahler”. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1976, S. 9 (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 61)


Copyright © 2005 by Friedhelm Bertulies


DaF-Szene Korea Nr. 22

Back Home