Die Unterzeile des Titels mag etwas verwirren, aber so ist es wirklich. „Seoul“ ist eine japanische Produktion, die aber in Seoul spielt, und die meisten Darsteller sind Koreaner, die auch Koreanisch sprechen. Im Original sprechen die Japaner natürlich Japanisch, aber der Film lief im August im ZDF, und intelligenterweise wurde der koreanische Ton beibehalten (mit deutschen Untertiteln), Japanisch aber wurde in Deutsch synchronisiert.
Der junge japanische Polizist Hayase (Tomoya Nagase) ist auf einer Reise in Südkorea und verpasst etwas (wie noch oft im weiteren Verlauf des Filmes), diesmal seinen Flieger nach Tokio. Weil er einer Mutter und ihrem Baby das Leben rettet, gerät er in eine Verfolgung zweier Bankräuber. In Notwehr erschießt er einen der Täter. Kommissar Kim (Choi Min-Soo), ein stockkonservativer Koreaner, mag allgemein keine Japaner, und diesen Hayase, der sich in seinen Fall einmischen will, schon gar nicht.
Hayase erhält dennoch von den koreanischen Behörden die Erlaubnis, noch 72 Stunden in Seoul zu bleiben, um als Augenzeuge bei der Jagd nach dem Täter zu helfen. Die einzige, die sprachlich und mental auf seiner Seite steht, ist eine Dolmetscherin der Polizei (Kim Ji-Yeoun).
Innerhalb von zwei Monaten haben sich Dutzende von Überfällen auf Geldtransporter ereignet, Kommissar Kim tappt im Dunkeln. Und kurz vor der asiatischen Gipfelkonferenz und der Eröffnung der koreanisch-japanischen Gemeinschaftsbank will man ein positives Bild von Korea haben. Zu allem Überfluss meldet sich eine Rebellentruppe „Morgenröte des Volkes” und erklärt, dass sie den japanischen Außenminister, der die Konferenz eröffnen soll, gekidnappt hat. Sie fordern 500 Millionen Yen Lösegeld. Doch so viele Devisen gibt es nur in einer Bank, eben jener koreanisch-japanischen Gemeinschaftsbank.
Es folgt eine Reihe von wilden Schießereien und Verfolgungsjagden, Hayase erkennt einen der Täter wieder. Am Ende wird klar, dass einer der Bankmanager ein hundsmiserabler Unhold ist, der alles und jeden abknallt, der sich ihm in den Weg stellt. Geschossen wird aber auch fleißig von der koreanischen Polizei, dabei gilt die Regel Nr. 1: Nur ein toter Gangster ist ein guter Gangster. Kommissar Kim hat scheinbar früher einmal Pech mit dieser Regel gehabt und einen seiner Kollegen erschossen, und hier ist endlich seine wunde Stelle: Auch der knallharte konservative Kim menschelt ...
Am Ende des Films versuchen die Gangster, mit dem geraubten Geld und einem entführten Bus zu entkommen, aber nun arbeiten der Koreaner Kim und der Japaner Hayase zusammen, und das ist vielleicht eine der Botschaften dieses Films. Am Schluss sagt Kim sogar auf Deutsch-Japanisch „Vielen Dank!“, und nun wissen wir alle, dass dieser Mann auch im Grunde schon immer alles wusste ...
Der Film selbst, seine Story, seine Handlung, sind eigentlich eher mäßig. Er lebt wesentlich von den Action-Szenen und der Auseinandersetzung zwischen Kim und Hayase. Was außergewöhnlich ist, ist der ironisierte Gegensatz Japan-Korea, vertreten durch die beiden Hauptdarsteller. Koreanischer Konservativismus, besonders bei älteren Männern, wird ziemlich auf die Schippe genommen, wenn zum Beispiel Kommissar Kim mit dem Satz „Hier ist Korea!“ seinem jungen japanischen Kollegen immer mal wieder eins auf die Nase gibt.
Mich selbst hat der Film besonders in den Szenen angesprochen, in denen der Japaner in Seoul herumirrt, kein Wort der Sprache versteht und in diverse Fettnäpfchen tritt. Das ist so ein bisschen „Lost in Translation“, und da ging es mir hier vor Jahren ähnlich.
Ich habe den Film meinen Studenten einmal einfach so vorgespielt, was schon zu erstaunten Reaktionen geführt hat, weil
ein „koreanischer“ Film im deutschen Fernsehen läuft.
die koreanischen Dialoge belassen wurden, lediglich deutsch untertitelt.
ein Japaner und eine Japanisch-Dolmetscherin Deutsch sprechen.
es überhaupt einen japanisch-koreanischen Film gibt (meine Studenten kannten den Film nicht, aber den koreanischen Hauptdarsteller).
Dann habe ich mir die Original-Version dieses Streifens besorgt, und einer anderen Klasse einige Szenen vorgespielt. Sie sollten Sätze des Japaners (die hier koreanisch untertitelt waren) versuchen ins Deutsche zu übersetzen. Hilfreich war da auch, dass man die Handlung bereits versteht, wenn man nur die anderen koreanischen Textteile mitbekommt.
Der Aha-Effekt war groß, als ich dann dieselben Szenen von meiner deutschen Version vorführte. Hier sagt Hayase, nach schlagkräftigen Hinweisen von Kommissar Kim zur koreanischen Etikette: „Nicht immer mit der Faust!“. Dieser Satz wurde von einem meiner Studenten wiedergegeben mit „Nicht immer nur Faust“.
Recht hat er, es kann auch mal ein koreanischer Film sein.
„Showdown in Seoul“ („Seoul“)
Polizeithriller, Japan 2002
Länge: 103 Minuten
Regie: Masahiko Nagasawa
Buch: Yasuo Hasegawa
Musik: Norihito Sumitomo
Darsteller: Tomoya Nagase, Choi Min-Soo, Kim Ji-Yeoun, Choi Seong-Min, Choi Seong, Jang Hoon
Copyright © 2005 by Michael Menke