Iris Brose

Seminar „Aktueller Deutscher Film im Unterricht“


Im letzten Sommer wurden es vom DAAD wieder verschiedene Fortbildungsangebote für Ortslektor(inn)en angeboten. Mir schien das Seminar „Aktueller deutscher Film im Unterricht“, das in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Berlin organisiert wurde, interessant, weil dieses Thema immer wieder von Student(inne)n gewünscht wird und ich selber schon mehrfach mit Filmen im Unterricht gearbeitet hatte. Ich erhoffte mir, durch diese Fortbildung nicht nur neue Anregungen zu erhalten, sondern in dieser Woche auch eine Gelegenheit zu finden, die eigenen Unterrichtserfahrungen aufzuarbeiten.

Das Programm des Goethe-Institutes begann mit einer Zustandsbeschreibung des aktuellen deutschen Films durch Christl Reissenberger.

Das deutsche Kino verzeichnet zur Zeit Zuschauerrekorde durch so unterschiedliche Filme wie „Der Schuh des Manitou“, „Traumschiff Surprise“, „Die 7 Zwerge“ und „Der Untergang“. Filme wie „Nirgendwo in Afrika“, „Rosenstraße“ und „Gegen die Wand“ fanden nicht nur auf deutschen Festivals Beachtung, sondern sie gewannen auch wichtige internationale Preise.

Das deutsche Kino hat sich seit der deutschen Wiedervereinung merklich verändert: Es tauchten neue Regisseure auf. Romantische Beziehungskomödien wie „Abgeschminkt“ und „Der bewegte Mann“ und andere Unterhaltungsfilme liefen erfolgreich in den Kinos und junge Schauspieler machten sich in dieser Zeit einen Namen, zu Anfang der 90er Jahre u.a. Til Schweiger, Katja Riemann und Veronica Ferres, später dann prägten junge Gesichter wie Franke Potente und Moritz Bleibtreu die Filmszene.

Ein wichtiges Thema des aktuellen deutschen Films ist neben Unterhaltungsfilmen immer wieder die kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, mit Nationalsozialismus und Wiedervereinigung als Schwerpunkten, aber auch realistische und sozialkritische Spiel- und Dokumentarfilme sind präsent.

Es gibt also reiches Material für den Unterricht – das zudem über das Goethe-Institut leicht zugänglich ist. Durch die Auflistung der Filme über Jugendliche im Vortrag ist klar geworden, wie viele gute Filme hier zur Verfügung stehen! Genug Material, um mehrere Kurse zu bestücken und aktuelle Bezüge für unsere Lerngruppen in Korea herzustellen.

Stellte sich nun also die Frage, wie solche Filme im Unterricht eingesetzt werden können. Die Standardwerke zur Didaktisierung von Filmen stammen von Marie-Luise Brandi (Video im Deutschunterricht) und von Germana D'Alessio (Deutsche Spielfilme der neunziger Jahre) mit der Diskussion der bekannten Grundentscheidungen ganze Filme oder ausgewählte Sequenzen im Unterricht zu zeigen, mit oder ohne Ton, Aufgabenstellungen vor, während und nach der Vorführung des Films etc., und wurden im Seminar anhand von Sequenzen aus dem Film „Good Bye Lenin“ diskutiert. Es kam zu einem ersten lebhaften Austausch im Seminar. Im weiteren Verlauf der Fortbildung widmete sich z. B. ein Workshop dem Thema „Literaturverfilmungen“ am Beispiel von „Nirgendwo in Afrika“ und „Die Manns – ein Jahrhundertroman“, der von der zweiten Seminarleiterin Constanze Krüger geleitet wurde. überraschenderweise ist die Romanvorlage für „Nirgendwo in Afrika“ textlich bereits für den Unterricht auf dem Niveau Ende Grundstufe/Anfang Mittelstufe geeignet und lässt sich dann gut durch den Film ergänzen. Wer es mit den Texten von Thomas Mann und deren Verfilmungen versuchen will, bewegt sich natürlich auf einem höheren Niveau. Trotzdem würde sich der Versuch einer Didaktisierung für Germanistikstudent(inn)en lohnen, denn durch den Film kann man geschichtliche Hintergründe leichter thematisieren und sicher auch Interesse an der Literaturanalyse wecken.

Des weiteren wurde das Thema „Kino und Migration“ anhand von Didaktisierungsvorschlägen zu Filmen von Fatih Akin behandelt.

Der Workshop zum Thema „Kurzfilme“ behandelte die Filme „Der Sieg“ von Robert Krause und „Killing Heinz“ von Stefan Eling. Bei der vorgestellten Didaktisierung von „Der Sieg“ wurde zur Einführung mit einem Assoziogramm und einem Elfchen-Gedicht zum Thema „Sieg/Niederlage“ gearbeitet. Anschließend bauten die einzelnen Gruppen Standbilder. Diese Methode wurde hier aus der Theaterarbeit entnommen: eine "Regisseurin" bzw. ein "Regisseur" versucht, ein "stehendes Bild" aus "lebenden Personen" aufzubauen. Diese didaktischen Vorschläge sind ein gutes Beispiel für die kreativen Anstöße und Experimente in diesem Seminar, die auch im Workshop „Stationenlernen“ gegeben wurden.

Diese Aspekte des Seminars fand ich besonders wertvoll, weil in den Workshops Methoden ausprobiert wurden, denen im Unterrichtsalltag kaum Platz eingeräumt wird, die meiner Erfahrung nach jedoch von Student(inn)en sehr geschätzt werden.

Ein Highlight für mich war der Workshop des Kollegen Till Weber aus Okinawa mit dem Thema „Filme über junge Leute im Grundstufenunterricht DaF“. Am Anfang des Workshops herrschte allgemein eher Skepsis, ob es denn tatsächlich sinnvoll ist, 10 bis 12 Filme in einem Grundstufenkurs in voller Länge zu zeigen. Till Weber didaktisiert die Filme, indem er Aufgaben zur Hörverständnissicherung, zur Beobachtung und Analyse, kreativ-produktive Aufgaben und kombinierte Aufgaben stellt und zwar alle 5-10 Minuten. Am Beispiel der Didaktisierung von „Crazy“ (2000) von Hans-Christian Schmidt wurde deutlich, dass z. B. durch einen Lückentext zu einem zentralen Dialog am Anfang des Filmes das Hörverständnis gesichert werden kann und durch Beobachtungsaufgaben (z.B. wie sich der Hauptdarsteller Benjamin vorstellt oder wie er sich in verschiedenen Szenen vielleicht fühlt) die Lerngruppe durch den Film geleitet werden kann.

Ich denke, dieses Beispiel hat viele davon überzeugt, dass es möglich ist, bereits auf Grundstufenniveau mehrere Filme im Unterricht zu verwenden.

Unterschiedliche Meinungen gab es zur Frage, ob bzw. wie man Sexualität, einem zentralen Thema in Jugendfilmen, thematisiert und ob man Vulgarismen der Jugendsprache mit wie ficken, poppen etc. erklärt.

Der zweite Film „Oi! Warning“ (1999) von Dominik und Benjamin Reding hat zu einer hitzigen, aber wichtigen Diskussion über zwei weitere wichtige Themen beim Einsatz von Filmen im DaF-Unterricht geführt. Der Film erzählt die Geschichte von Janosch, der von zu Hause abhaut und durch seinen Freund Koma ins Skinhead-Milieu gerät. Janosch lernt aber Zottel, einen Feuerschlucker und Bauwagenbewohner, kennen und als die beiden sich aus Spaß lustvoll im Schlamm wälzen nachdem Komas Haus im Steinbruch in die Luft geflogen ist, kommt es zum einem dramatischen Filmende: Koma ersticht Zottel, weil er Verrat vermutet und Janosch aus Wut darüber Koma. Und so kam es auch durch den unter die Haut gehenden Anfangstrailer zu einer weiteren hitzigen Diskussion, ob und wie im Unterricht Gewalt bzw. gewalttätige Szenen gezeigt werden sollten und natürlich auch, wie man das Thema Skinheads, Neonazis und Rassismus thematisiert.

Die eben genannten Themen sind für mich die eigentlich großen Fragen beim Unterricht mit Filmen und ich bin froh, dass sie durch diesen Workshop angesprochen wurden. Weitere Diskussionen zu diesen Themen halte ich für nötig.

Das Seminar wurde inhaltlich durch einen Vortrag des Filmwissenschaftlers Marc Goede zum Thema „Filmanalyse“, eine Führung durch das Filmmuseum Berlin, einen Kinobesuch und den Vortrag des Regisseurs Hannes Stöhr abgerundet. Besonders der Vortrag von Hannes Stöhr, der einen Einblick in die Filmproduktion vom Drehbuch bis zum Vertrieb gab, hat die meisten begeistert. Es war durch die Mischung von eigenen Erfahrungen und Hintergrundgeschichten zu eigenen Filmen sowie allgemeinen Informationen zum Drehbuchschreiben etc. ein sehr gelungener Vortrag. Außerordentlich nett und hilfreich war, dass er allen Teilnehmer(inne)n die Drehbücher seiner beiden Filme „Berlin is in Germany“ und „One Day in Europe“ geschickt hat, da bei der Vorbereitung von Filmen für den Unterricht das Aufschreiben der jeweiligen Dialogstellen ja eine der zeitraubendsten Arbeiten ist.

Ein wichtiges Ergebnis dieses Seminars ist daher auch der allgemeine Wunsch, Drehbücher bzw. Filmdialoge zentral zugänglich zu machen. Vielleicht könnte das Goethe-Institut in Zukunft den Filmbereich um dieses Angebot ergänzen?

Das ganze Seminar fand ich inhaltlich und didaktisch durch die beiden Seminarleiterinnen gelungen konzipiert. Der Diskussion wurde von Anfang an viel Raum gegeben, indem es inhaltlich gut vorgetragene und ausgewogene Einstiegsreferate von Susanne Lüdtke vom DAAD über den Bologna-Prozess zur Idee eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes und zur Lage der Germanistik in Deutschland gab.

Die „Krise der Germanistik“ ist allgegenwärtig in Europa, und wie Studenten/innen durch interessante Unterrichtsangebote wieder für das Fach zu gewinnen sind, war ein viel diskutiertes Thema in den Pausen und an den Abenden. Verschlechterte Arbeitsaussichten haben dazu geführt, dass sich die Kollegen in Portugal und Italien sich in Lektorenverbänden zusammengeschlossen haben, um sich auszutauschen und gemeinsam Antworten zu finden.

Die 24 Teilnehmer/innen des Seminars kamen mehrheitlich aus Westeuropa. Südamerika und Afrika waren mit jeweils einer Vertreterin anwesend (Kolumbien und Ägypten), Asien war mit mir aus Südkorea und drei Kolleg(inn)en aus Japan vertreten, und drei weitere Teilnehmer/innen kamen aus den USA.

Insgesamt also eine gelungene und gute Fortbildungsveranstaltung für Ortslektor(inn)en in Zusammenarbeit des DAAD und des Goethe-Institutes. Mehr Seminare dieser Art würde ich mir wünschen und eine Teilnahme kann ich nur empfehlen.


Copyright © 2005 by Iris Brose


DaF-Szene Korea Nr. 22

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