Man stelle sich vor: Über einem Wald, irgendwo in Nord-Kyeongsan, thront ein überlebensgroßer steinerner Buddha und überblickt eine Landschaft von ganz eigentümlichem Reiz. Die Natur hat hier die Bühne für ein Drama errichtet. Inmitten steil abfallender Berge ein jadegrüner See, an seinem Ufer – ein Holztor. öffnen sich seine Flügel, wie von Geisterhand, gleitet der Blick über das Wasser hinweg zu einer schwimmenden Holzplattform, auf der ein kleiner Tempel steht. Erreichbar ist diese Klause nur mit einem Ruderboot. Kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio, nichts dringt hier durch, und schon gar nicht das im Land der Morgenstille omnipräsente Handygeklingel.
In dieser Abgeschiedenheit gibt es keine Moral, außer der eines Einsiedlers, dem nichts Menschliches fremd zu sein scheint. Allein mit seinem kleinen Zögling, dem er die Kunst lehrt, Heilpflanzen von giftigen zu unterscheiden, lebt er hier. Wenn der Schüler aufbricht, um im Uferwald Kräuter zu sammeln, gibt ihm der alte Mönch eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: Baem joshimhae, pass auf, Schlangen! Der Satz ist ambivalent. Vordergründig bedeutet er, dass man sich vor Schlangen in Acht zu nehmen habe. Doch schwingt hier auch der Imperativ mit, vorsichtig mit Schlangen umzugehen, denn als Reinkarnation mag einer Schlange eine verstorbene Seele innewohnen. In der buddhistischen Tradition gebietet es der Respekt vor den Toten, den Tieren umsichtig aus dem Weg zu gehen.
Eines schönen Tages im "Frühling" ertappt der alte Meister seinen Zögling dabei, wie er einen Fisch, einen Frosch und eine Schlange quält, indem er ihnen mit einem Faden einen Stein an den Körper bindet. Der Mönch bindet nun seinem Schüler selbst einen Stein an den Leib und schickt ihn los, die Tiere zu befreien. Wenn auch nur eines von ihnen stürbe – so lautet die Prophezeiung –, dann würde er die Last seines Todes im eigenen Herzen tragen, bis an sein Lebensende. Nur der Frosch hat das grausame Experiment überlebt. Am Ende des ersten Akts ahnt man schon, dass in diesem Jungen Triebkräfte schlummern, die dafür sorgen werden, dass sein Leben in einer unruhigen Bahn verläuft.
Der zweite Akt, der "Sommer", zeigt uns den jungen Mönch in seiner Jugendblüte. Gerade noch beobachtet er mit staunender Aufregung, wie es zwei Schlangen im Gebüsch miteinander treiben, als auch schon Eindringlinge nahen, die die fragile Ordnung der kleinen Bergwelt aus den Fugen bringen werden. Eine Mutter hat sich mit ihrer Tochter zu Fuß auf den Weg gemacht, um sie zur Kur zu bringen. Was ihr fehlt, weiß keiner. Sie hüstelt, und man darf annehmen, dass sie in der Welt draußen schon um professionellen Rat nachgefragt hat.
Dass die Mönchsklause des Films nicht von dieser Welt ist, erkennt man an der lapidaren Diagnose des gelehrten Mannes, die da lautet: ein Seelenleiden. Übelriechenden Tee verordnet er nur in homöopathischen Dosen, die auf keinen Fall schaden können. Das Wichtigste an seiner Zubereitung ist, dass die Kräuter liebevoll von seinem jungen Schüler im Mörser zerstoßen werden. Dieser nutzt die sommerlichen Temperaturen darüber hinaus, um die Patientin an einem idyllischen Waldteich zu entjungfern.
Der Monsunregen lässt die Wasser des Sees schwellen, er tritt über seine Ufer. Hier erreicht der Film einen ästhetischen Höhepunkt und erinnert an Lars von Triers Raumskizzen in "Dogville". Der schwimmende Tempel besitzt in seinem Innern zwar eine Tür, die eine räumliche Unterteilung andeutet, aber die Wände sind unsichtbar. Das Auge der Kamera ist das des auktorialen Erzählers, der problemlos durch meterdicke Mauern zu blicken vermag. Mit ihm durchschauen wir Enge und Hitze dieses Raums, in dem die Patientin und ihr Liebhaber nicht voneinander lassen können. Indes schlummert der alte Mönch scheinbar friedlich vor sich hin. Oder ignoriert er das Treiben in seinem Haus nur, weil er auf seine therapeutische Wirkung setzt? Eines Tages ertappt er die beiden doch, als sie eine Nacht miteinander draußen auf dem See im Ruderboot verbracht haben, in dem sie dann aufgrund postkoitaler Müdigkeit verschlafen. Der alte Mönch nimmt die Sache gelassen. Er erklärt, dass die Patientin nun offenbar die richtige Medizin bekommen habe und entlässt sie als geheilt. Damit stürzt er seinen Schüler in Verzweiflung. Der packt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die steinerne Buddha-Statue des Tempelchens in seinen Rucksack und macht sich über den Waldpfad auf und davon, um in der Welt draußen seine eigenen Erfahrungen zu sammeln.
Der dritte Akt zeigt uns einen merklich gealterten Meister im "Herbst" seines Lebens. Er sitzt in der Sonne vor seinem Tempel und verspeist genüsslich einen Reiskuchen. Doch während er sich ein Stück Deok in den Mund schiebt, verfinstert sich sein Gesicht. Eingewickelt war der Kuchen in eine Zeitung. In ihr liest er einen Artikel über einen Mann von dreißig Jahren, der aus Eifersucht seine Frau umgebracht hat. Auf dem Foto neben dem Text muss er seinen ehemaligen Schüler erkennen. Wenig später steht der auch schon am Tor zum See und bittet darum, übergesetzt zu werden. Bei seinem stoischen Meister stößt er auf wenig Verständnis für seine Tat. Der weist ihn auf den kalkulierbaren Lauf der Dinge hin: Das, was ihm gefalle, gefalle auch anderen. Der geraubte Buddha steht nun wieder auf seinem Platz. Um den Aufruhr in der Seele seines Schülers zu beruhigen, verordnet der Lehrer eine Art Literaturtherapie. Mit dem Schwanz seiner weißen Katze malt er in schwarzer Farbe das Panyashimkyoung, eine buddhistische Sutra, auf die Holzplattform des Tempels. Seinen Schüler lässt er sodann mit einem Messer, der noch blutigen Tatwaffe, die Sutra nachritzen. Als zwei Kriminalbeamte auftauchen, um den Flüchtigen zu verhaften, überredet sie der Meister, seinem Schüler ein letztes Moratorium zu gewähren, sodass er sein kalligraphisches Werk zu Ende bringen kann. Am Ende helfen die beiden Inspektoren noch mit, die Schrift mit Farbe zu versiegeln, bevor sie den Mörder seiner weltlichen Strafe zuführen. – Als der alte Mönch sein Ende nahen fühlt, errichtet er im Ruderboot einen kleinen Scheiterhaufen. Mund, Nase, Augen und Ohren überklebt er mit Kalligraphien, auf denen das chinesische Zeichen für "Verschluss" steht. Dann zündet er sich an …
In der Waldeinsamkeit wird es "Winter", das Wasser gefriert. Als gereifter Mann kehrt der ehemalige Schüler über das Eis zum Tempel zurück. Sein Meister ist zur Schlange geworden. Der entlassene Sträfling bindet sich ein Seil um den Bauch, an dem er einen Stein hinter sich her zerrt, und leistet Buße. In einem selbstquälerischen Gewaltakt schleppt er so eine kleine Statue, den "im Sitzen nachdenkenden Buddha", auf den Gipfel eines Schneebergs, sodass er meditierend das ganze weite Land mit der zu einem kleinen Fleck zusammengeschrumpften Fläche des Sees im tiefen Einschnitt des Tals zu überschauen vermag. Askese und winterliche Kälte entfalten ihre kathartische Wirkung, der Schüler wird jetzt selbst zum Meister, dessen Gi, dessen magische Energie, er sich aneignet. Im kommenden "Frühling" besucht ihn eine verschleierte Frau, die den Tempel als eine Art anonyme Kinderklappe benutzt. Am Ende des Films entpuppt sich das der Obhut des Mönchs anvertraute Kind als derselbe Tierquäler, der auch sein Meister schon in jungen Jahren gewesen ist. Mehr muss nicht erzählt werden, die Geschichte ist zum Algorithmus geworden, der sich ad infinitum wiederholt: Der Film ringelt sich zu einer fatalen Schlange, die sich in ihren eigenen Schwanz beißt.
"Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling". Originaltitel: Bom, yeoreum, gaeul, gyeoul, geurigo bom. Deutsch-koreanische Koproduktion, 103 Min., 2003.
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