Gernot Haidorfer

Das Pusan International Film Festival (PIFF)


Das PIFF feierte in diesem Jahr 10jähriges Jubiläum. Vom 6. bis 14. Oktober 2005 wurden in Pusan über 300 Filme in ca. 700 Vorstellungen gezeigt. Fast 200.000 Besucher bedeuteten Zuschauerrekord. Die Auslastung der Kinos betrug 68%. Fast 40% der Vorstellungen waren ausverkauft. Das Filmfestival, das größte Asiens, war auch auf anderen Gebieten auf dem Wachstumspfad: über 70 Länder waren an den Filmproduktionen beteiligt. Ein neuer Kinokomplex in Haeundae (Primus) kam zu den bestehenden drei hinzu. Das PIFF wurde auch durch die Anwesenheit mehrerer Filmgrößen aufgewertet. Der Chef der Berlinale, Dieter Kosslick, meinte am Ende seines Aufenthalts beeindruckt, dass die europäischen Festivals das PIFF ernst nehmen sollten, sonst könnten sie von ihm überholt werden. Auch der Regisseur Jean-Jacques Annaud (Sieben Jahre in Tibet, Der Name der Rose) war in die Hafenstadt im Südosten Koreas gekommen. In einem bemerkenswerten Interview, auf Französisch geführt, sprach er sich für die Beibehaltung der Quotierung von koreanischen Filmen auf dem Heimatmarkt aus. Er verglich Korea mit seinem Land Frankreich. Es seien Filmländer, die sich gegen die Produktionen Hollywoods schützen müssten. Er bot dafür der koreanischen Filmindustrie seine Hilfe an.

Nun zu den Filmen und zu meiner persönlichen Sicht des PIFF. Ich selbst habe dieses Jahr acht Filme gesehen. Mein Eindruck: Es scheint wieder einen starken Trend hin zum Autorenfilm zu geben. Die Regisseure möchten erzählen, Geschichten, Personen, Erlebnisse zeigen, die ihnen am Herzen liegen. Ob sie da auch manchmal an die Zuschauer denken? Da werden in Spiel- und sogar Kurzfilmen Banalitäten und Alltagsvorkommnisse ausführlich gezeigt. Einige Filmszenen scheinen eine minutiöse Dokumentation der Körperpflege des Mannes zu Beginn des 21. Jahrhunderts bieten zu wollen. Ein Mann, der auf dem WC sitzt und dem das Toilettenpapier ausgeht. Ein anderer Mann, der sich nass rasiert, in Nahaufnahme. Fehlt nur die Zeitlupe. Die Erzeugung von Spannung gilt diesen Filmemachern vermutlich als archaisch oder trivial. Beispiel: Eine Person geht aus der Mitte eines Zimmers in Richtung Tür. Die Person verlässt den Raum. Sie schließt die Tür. Die Kamera hält zehn Sekunden voll auf die nun verschlossene, unbewegte Tür. Boooh!

Wieso schaut sich der Autor dieses Beitrags denn solche Filme an, mag man sich fragen. Der Grund: Nach dem Lesen der Filmbeschreibung erwartete ich vollkommen andere Filme. Die Zusammenfassungen im ansonsten sehr gut gestalteten koreanisch-englischen Programmheft umfassen nur drei oder vier Sätze und geben oft nicht den wichtigsten Inhalt der Filme wieder. Der Besuch von Kinofilmen, die einem gefallen, wird so manchmal zum Lotteriespiel. Dieses hat aber eben immer wieder Überraschungen parat. In meinem Fall würde ich drei oder vier der acht von mir gesehenen Filme in die Kategorie der eher “zähen” Filme einordnen. Die anderen gefielen mir gut.

Neben der ungenauen Zusammenfassung ein zweiter Kritikpunkt: die schwierige Zusammenstellung eines eigenen Filmprogramms. Bis zu 31 Filme werden an bis zu vier Orten (drei in Haeundae, einer in Nampodong) gleichzeitig gezeigt. Die Orte liegen 15 bis 60 Minuten (mit Taxi oder öffentlichen Verkehrsmitteln) auseinander. Will man mehrere Filme an einem Tag ansehen, ist das eine echte logistische Herausforderung. Man muss Filme, Orte und Zeiten sehr genau planen. Die Zusammenfassung der 300 Filme zu lesen braucht auch seine Zeit. Hinzu kommt das Anstehen in der Vorverkaufsstelle und das Umplanen dort, wenn ein Film ausverkauft ist. Das hat mich zusammen fast fünf Stunden gekostet. Immerhin: Da ich schon 15 Minuten nach Verkaufsbeginn an der Vorverkaufsstelle Pusan Bank war, waren nur zwei meiner Wunschfilme ausverkauft. Nun aber zu den Pluspunkten des PIFF, die eindeutig überwiegen.

Es ist ein sehr publikumsorientiertes Festival. Fast 95% der Filme sind öffentlich, nur wenige sind für Personen aus der Filmbranche reserviert. Service und Organisation sind großartig. Gerade die vielen freiwilligen Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Die Karten sind günstig. Nach vielen Vorstellungen stehen Regisseure, Schauspieler oder Produzenten dem Publikum Rede und Antwort. Beeindruckt war ich von der Fragerunde nach dem Film “Die Höhle des gelben Hundes” von der mongolischen Regisseurin Davaa (bekannter durch “Das weinende Kamel”). Fast eine halbe Stunde lang gab sie Antworten auf die Fragen des begeisterten koreanischen Publikums zu ihrem Film. Obwohl sie erst seit fünf Jahren in Deutschland lebt, antwortete sie, unterstützt von einer Koreanisch-Deutsch-Dolmetscherin, in hervorragendem Deutsch.

Die Bandbreite der gezeigten Filme ist beachtlich: Kinder-, Zeichentrick-, Spiel-, Kurz-, Dokumentarfilme, auch aktuelle koreanische Blockbuster. Dazu gibt es Schwerpunktreihen, letztes Jahr z.B. zum deutschen Film.

Jedem Filmfreund in Korea kann ich empfehlen, das Pusan International Film Festival einmal persönlich zu besuchen. Am besten im nächsten Jahr, wenn es Anfang Oktober wieder heißt: Film ab!


Allgemeine Informationen:


Copyright © 2005 by Gernot Haidorfer


DaF-Szene Korea Nr. 22

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