Michael Menke

filmische Tiefebenen hier und da ...
Yoon Je-gyun: Saekjeuk Shikong („Sex is zero“) und
Granz Henman: Knallharte Jungs (in Korea „More Ants in the Pants“)


In diesem Heft finden sich zahlreiche Rezensionen über koreanische Filme, die ein gewisses Niveau zu haben scheinen und darum entweder in Korea und im Ausland große Erfolge sind, oder zumindest von Kritikern als außergewöhnliche Werke gelobt worden sind, auch, wenn dann der Erfolg beim Publikum nicht immer so groß ist.

Die beiden hier vorgestellten Filme zeichnen sich durch eine entgegengesetzte Eigenschaft aus: Sie sind (nach meiner unmaßgeblichen Meinung) grottenschlecht, geschmack- und niveaulos. Diese Meinung teile ich, nach der Recherche auf etlichen Websites, mit ein paar Journalisten und Kritikern. Filmbesucher in Korea (und für den zweiten Film auch in Deutschland) teilen diese Meinung nicht mit mir, denn beide Streifen waren (und sind es als Video, DVD oder Video-CD) in Korea und anderswo überaus erfolgreich.  „Sex is zero“ belegte in den Zuschauerzahlen 2003 den 4. Platz,  „Knallharte Jungs“ ist inzwischen nicht nur in jeder koreanischen Videothek, sondern auch auf den Wühltischen von Wal-Mart, Carrefour und Kims Club zu haben, und nahezu alle meine Studenten kennen diesen Film.

Beide Filme sind im Grunde Remakes amerikanischer Teenager Sex-Komödien, weisen aber auch einige koreanische bzw. deutsche Elemente auf. Beide Filme haben dasselbe Grundthema: Wie kriegt junger Mann (oder junge Frau) jungen Mann oder junge Frau auf die Matratze. Man(n) stellt sich dabei natürlich ziemlich blöd an, und am Ende gibt es – natürlich – ein Happy End. Und so möchte ich diese Streifen hier, weil sie eben beide in Korea präsent sind, vergleichend vorstellen.

In „Sex is zero“ heißt der Held Eun-sik, ist 28 Jahre alt, hat den Militärdienst hinter sich und  gerade an der Uni ein Jura-Studium begonnen. Der Film beginnt mit einem studentischen Eintrittsritual, Eun-sik muss eine Suppe aus Zigarettenstummeln und anderen Abfällen austrinken, um seine Weihe als Student zu bekommen. Ab da hören die ekligen Szenen eigentlich nicht mehr auf. Dass er oftmals mit dickem Kopf in seinem vollgekotzten Bett erwacht, ist dabei noch als harmlos einzustufen. Aber wir wissen ja aus anderen Rezensionen dieses Heftes: Koreanische Filme sind nicht gerade zimperlich!

Eun-sik trifft die etwas jüngere Eun-hyo, die ist hübsch, sportlich (sie betreibt, wie ihre Freundinnen, Aerobic und trainiert für die Meisterschaft) und kann ihn erst mal nicht leiden.

Alle seine Annäherungsversuche scheitern an seiner Tollpatschigkeit oder an anderen unglücklichen Zufällen, Eun-hyo hält ihn für einen perversen Trottel.

Der Film plätschert im weiteren Verlauf so vor sich hin, die Handlung besteht aus Bettszenen (bei den Jungs oder Mädels, die das Ziel erreicht haben) oder einsamen Jungs, die vor dem Computer oder Fernseher sitzen und Pornos betrachten. Dazwischen wird fleißig Sport betrieben. Die Damen sieht man bei der Aerobic, die Herren schlagen sich diverse Bretter über den Köpfen kaputt oder hacken Backsteine zu Mehl (das ist bis hierhin das einzige Element, dass den Film als asiatisch oder koreanisch erkenntlich macht). Studiert wird jedenfalls nicht!

Dann kippt jedoch die Handlung. Eun-hyo verliebt sich in den absoluten Schönling der Abteilung, der dazu auch noch reich ist und ein Porsche-Cabriolet fährt. Sie wird schwanger, fühlt sich ganz schlecht, aber ihr Prinz drückt ihr, weil er nicht mit in die Abtreibungsklinik kommen will, nur seine VISA-Karte in die Hand. Soviel mieser Charakter ist natürlich zuviel, und damit ist die große Liebe kaputt.

Aber, wir ahnen schon: Es gibt Ersatz. Der heißt natürlich Eun-sik, lässt sich erst mal von Eun-hyos Mutter als mutmaßlicher Schwängerer verprügeln und kümmert sich dann weiterhin rührend um das gefallene Kind. Und er kriegt sie dann auch, er liebt sie, sie liebt ihn und findet es nicht mehr schlimm, wenn er sich Marmelade ins Haar schmiert oder Poster von Pinup-Girls abschleckt. Reine Liebe ist eben die wahre Liebe, und mit dieser unerträglich seichten Moralbotschaft endet der Film.

Inhaltlich ähnlich und in weiten Passagen nahezu gleich ist der deutsche Film „Knallharte Jungs“, übrigens die Fortsetzung von „Harte Jungs“ aus dem Jahr 2001 (die englische Umsetzung des Titels zeigt da eher geläufigere Steigerungsformen: „Ants in the Pants“ und „More Ants in the Pants“).

Die beiden männlichen Protagonisten dieses Films versuchen mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln den Mädchen an die Wäsche zu gehen. Zwar sind die Helden in diesem  Film noch Schüler, wirken aber genauso reif oder unreif wie ihre studierenden Kollegen in Korea. Nach diesem Film zu urteilen wird auch in deutschen Schulen wenig geistige Tätigkeit ausgeübt, dafür steht sportliche Betätigung ziemlich oben in der Beliebtheitsskala. Diesmal ist es Feld-Hockey, das die jungen Damen ausüben. Die Jungs sind nicht so sportlich, dafür aber etwas einfallsreicher. Der selbsternannte „Sexperte“ mit Namen Red Bull, ein Freund unseres Helden, verkleidet sich beispielsweise als Mädchen, um in die Damenmannschaft und damit an die nötigen Einsichten zu kommen. Wie in „Sex is zero“ versucht der Held, er heißt hier Florian, mit allen möglichen und unmöglichen Tricks die Gunst der schönen Maja zu gewinnen, scheitert aber immer wieder an seiner eigenen Tollpatschigkeit bzw. wird für einen perversen Idioten gehalten, der mit Vibratoren spielt und Pornos auf der Toilette liest.

Selbstverständlich kommt es aber zum Happy End, diesmal ohne schwülstiges Abdriften ins Sentimentale oder erhobenen pseudomoralischen Zeigefinger.

Regisseur dieses Werkes ist der Amerikaner Granz Henman, der in jungen Jahren Kreatives Schreiben und Englische Literatur in New York und Dublin studiert haben soll. Was mag daraus geworden sein ...?

Schließen wir mit einem Zitat von Radio Bayern 3 zu diesem Film: „Da heißt es den Niveau-Gürtel enger schnallen, nicht das da noch irgend etwas rausrutscht, was man vielleicht als intelligente jugendliche Unterhaltung bezeichnen könnte.“

Dieser Satz dürfte eigentlich auch für den hier vorgestellten koreanischen Film gelten!

Das koreanische Kino ist in den letzten Jahren in Deutschland durch zahlreiche Filme aufgefallen, die auf jeden Fall „anders“ waren, ungewohnt in den Handlungsabläufen, rätselhaft in der Story, gewalttätig in der Handlung und verschlüsselt in ihrer Aussage. Daneben gibt es aber auch den koreanischen Film, der eher Trends und Besucherzahlen nachrennt, genauso, wie das sein deutsches Pendant tut. Und so findet man eben auch in Korea cineastische Untiefen, die aber auf jeden Fall beim Publikum ankommen, genauso wie in Deutschland. Und diese Filme sind eben nicht irgendwie „anders“, sondern im Grunde der gleiche Blödsinn.


Copyright © 2005 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 22

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