Thomas Kuklinski-Rhee

Eastern in Korea


In den letzten Jahren sind immer mehr koreanische Kampfkunst-Filme auf den Markt gekommen. Anders als etwa in Hong Kong mit seinen Kung Fu-Filmen oder in Japan mit seinen Samurai-Filmen ist dieses Genre traditionell in Korea nicht sehr verbreitet, obwohl auch Korea mit Taekkyon eine alte, eigenständige Kampfkunst vorweisen kann und mit dem olympischen Taekwondo den vermutlich mitgliederstärksten Kampfsport der Welt beheimatet. Damit ist wohlgemerkt nicht gesagt, dass es im koreanischen Kino keine Kampfszenen gibt. Im Gegenteil, die Häufigkeit und Heftigkeit von Gewaltausbrüchen in koreanischen Filmen haben schon so manchen Ausländer abgeschreckt, und gelegentlich ist die (sicherlich ironisch übertriebene) Aussage zu vernehmen, dass es doch eigentlich in jedem koreanischen Film um Gewalt geht. So sind in zahllosen Spiel- und Trickfilmen sowie Fernsehproduktionen von TV-Dramen bis zu Game-Shows Kampfszenen zu sehen, in denen die Bewegungen der Akteure mehr oder weniger Ähnlichkeit mit Taekkyon oder Taekwondo oder ähnlichem haben. Doch davon ist hier nicht die Rede. Hier geht es um die Verwendung von Kampfkünsten als Größe mit einem eigenständigen Unterhaltungswert, wo also die ästhetische Darstellung (meist waffenloser) kämpferischer Auseinandersetzungen nicht nur als Mittel zu einer übergeordneten Zielerreichung der Protagonisten dient, sondern selbst der Zweck des Films ist.

Trotz der Zunahme koreanischer Kampfkunst-Filme ist es also zunächst auffällig, dass der koreanische Nationalsport Taekwondo cineastisch eher ein stiefmütterliches Dasein fristet.

Taekwondo im Film

Das Fehlen eines spezifischen filmischen Taekkyon- oder Taekwondo-Genres, anders als für Kung Fu, Shaolin, Samurai, Ninja und Karate, aber auch Boxen oder Wrestling kann nur zu einem gewissen Grad aus der Geschichte dieser Kampfsportarten heraus erklärt werden. Taekkyon war bis in die 1980er Jahre selbst in Korea kaum bekannt. Das heißt, viele hatten schon mal davon gehört, aber allgemein besaß man kaum eine Vorstellung davon, was das eigentlich ist und wie das genau aussieht. Hinzu kommt, dass Taekkyon lange Zeit, von vielen sogar bis heute, fälschlich als Vorläufer des Taekwondo angesehen wurde (siehe „Kampfsport in Korea“, DaF-Szene 21). Koreanisches Taekwondo wurde bis in die jüngste Zeit von der Militärregierung und darüber hinaus stark gefördert und z.B. gegen konkurrierende Taekwondo-Weltverbände geschützt. Filmemachern war dieses Thema vor den 1990er Jahren vielleicht ein zu heißes Eisen. Vermutlich gab es aber auch einfach keinen Filmemacher, der zugleich Kampfsport-Enthusiast gewesen ist. Man müsste jetzt zu ausführlicheren kulturpolitische Erklärungsversuchen ansetzen, doch das schenke ich mir hier. Sie würden wahrscheinlich mit der „Remaskulinisierung“ des südkoreanischen Kinos zusammenhängen oder auch nicht; man versuche es selbst: Kim Kyung-hyun, „The Remasculinization of South Korean Cinema“, Duke University Press, 2004.

Ohne einen vollständigen überblick über die koreanische Filmlandschaft zu haben, scheint mir Moon Seung-wook („Nabi“) der erste Südkoreaner zu sein, der 1998 einen Taekwondo-Film mit dem schlichten Titel „Taekwondo“ drehte. Dieser Film war aber alles andere als erfolgreich – nach koreanfilm.org besuchten ihn weniger als 4.000 Zuschauer. Das mag daran gelegen haben, dass er eine polnisch-koreanische Koproduktion war, neben Ahn Sung-ki („Musa“, „Silmido“, „Arahan“) eine ansonsten größtenteils polnische Besetzung aufweist, in Polen spielt und hauptsächlich auf Polnisch ist.

Ebenfalls kein Kassenschlager (knapp über 45.000 Zuschauer) war der vermutlich erste rein südkoreanische Taekwondo-Film „Dollyo-Chagi“ (englisch „Spinkick“) von 2004. In diesem Erstlingswerk von Nam Sang-gook (mit Kim Dong-wan, dem Leadsänger der Popgruppe SHINWA, in der Hauptrolle) geht es darum, wie sich die Taugenichtse des Taekwondo-Teams der fiktiven Mansae High School nach einigem Hin und Her und dem Durchstehen persönlicher Krisen mithilfe des Taekwondo zu sozialverträglichen Personen entwickeln. Auch wenn die Story und die Figuren größtenteils japanischen Comics wie der Basketball-Saga „Slam Dunk“ entlehnt worden sind, ist die low budget-Produktion gerade wegen dieser Charaktere durchaus sehenswert und bietet überraschend realistische und erfreulich unspektakuläre, aber dennoch witzige Taekwondo-(Turnier)-Kampfszenen. Für deutsche Zuschauer hat der Film ein Schmankerl parat, der Klassiker „life is live“ von der Gruppe OPUS wird hier als schmissige Filmmusik verewigt.

Insgesamt ist es überraschend und mehr als ein bisschen unerklärlich, warum es so wenig koreanische Taekkyon- und Taekwondo-Filme gibt. Haben koreanische Filmemacher den Eindruck, dass man damit keine Zuschauer locken kann? Oder sind koreanische Kampfsportler einfach nicht interessiert daran, ihre Kunst auf Zelluloid zu bannen? Schauen wir einmal, ob das schon immer so war.

Chinese Connection

Im Zuge der durch Bruce Lee international boomenden Hong Kong-Filme Anfang der 1970er Jahre gab es auch einzelne Versuche, koreanische Kampfkünste durch das Medium Film bekannt zu machen. Jhoon Rhee, der „Vater des Taekwondo“ in Amerika, war ein alter Bekannter Bruce Lees schon aus der Zeit, bevor Lee Filme drehte, und so versuchte Rhee es 1973 mit dem Hong Kong-Film „Sting of the Dragon Masters“ (auch „Kickmaster“ oder „When Taekwondo Strikes“) einmal selbst. Jhoon Rhee machte Bruce Lee mit einem weiteren Koreaner bekannt, Ji Han-Jae, einen der Gründerväter des Hapkido, und auch dieser trieb sich gelegentlich bei Filmaufnahmen in Hong Kong herum. So tauchte er in verschiedenen Kung Fu-Filmen auf, und in Bruce Lees nicht fertig gewordenem Streifen „Game of Death“ stellte er einen herausragenden Zwischengegner für Lee dar (diese Szenen fielen in der 1978 zusammen gestückelten Version allerdings der Schere zum Opfer und wurden erst für eine spätere Dokumentation wieder restauriert). 1972 initiierte Ji den Hong Kong-Film „Hapkido“ (auch „Lady Kung Fu“), mit dem er das noch sehr junge Hapkido einem Publikum außerhalb Koreas vorstellen wollte.

Den beiden Filmen Rhees („Kickmaster“) und Jis („Hapkido“) lag ein ähnliches koreanisches Thema zugrunde, die Unterdrückung der Koreaner während der japanischen Besatzungszeit. Dementsprechend anti-japanisch waren die Filme aufgemacht, Japaner wurden als brutal, gottlos und hässlich dargestellt. Historisch ganz und gar nicht korrekt, wurde ihnen im einen Fall mit Taekwondo, im anderen Fall mit Hapkido der Garaus gemacht, in beiden Fällen mit schlagkräftiger chinesischer Unterstützung. Den Filmen ist die billige Produktion allerdings deutlich anzusehen. Sie waren alles andere als erfolgreich, und mit dem plötzlichen Tod des amerikanischen Staatsbürgers Bruce Lee 1973 wurde derartigen fremdländischen Experimenten erst einmal ein Ende gesetzt. In Hong Kong zog man es künftig für lange Zeit vor, rein chinesische Kung Fu-Filme zu produzieren.

Erst drei Jahrzehnte später verzeichne ich die nächsten koreanisch-chinesischen Koproduktionen für einen Kampfkunstfilm, einmal „Bichunmoo“ (Englisch „Flying Warriors“, auch „Out Live“) von 2000, der in diesem Sommer unter dem Titel „Das Geheimnis des Meisters“ im ZDF ausgestrahlt wurde. Leider konnte ich selbst diesen Film bisher nicht sehen, deshalb werde ich hier nicht weiter darauf eingehen. Der zweite Film war 2001 „Musa“ (Englisch „Musa: The Warrior“), ein episches Drama aus der Zeit der frühen Ming- bzw. Koryo-Dynastie. Gedreht in China und gespickt mit Stars wie Ahn Sung-ki („Taekwondo“, „Silmido“, „Arahan“), Jung Woo-sung („Born to Kill“ und Star zahlreicher Fernseh-Werbespots) und vor allem der Chinesin Zhang Ziyi („Crouching Tiger, Hidden Dragon“ – sie unterschrieb für „Musa“, bevor sie durch Ang Lees Oskar-prämierten Film weltberühmt wurde), war dieser Film von Kim Seong-soo („Please Teach Me English“) mit über 2 Millionen Zuschauern 2001 wenigstens halbwegs erfolgreich. Es geht vor dem Hintergrund der Odyssee einer Diplomatendelegation aus Koryo und zahlreicher Scharmützel und Schlachten mit chinesischen Ming- und mongolischen Yuan-Einheiten vor allem um den Machtkampf zweier Koryo-Krieger, die am Ende beide ihr Leben opfern, um eine schöne Ming-Prinzessin vor den Yuan zu retten. Bemerkenswert an diesem Film und vielleicht Folge seiner internationalen Entstehung ist trotz aller Feindseligkeiten und Gemetzel der Verzicht auf das Stereotyp des bösartigen Ausländers. Das Verhalten der Ming- und Yuan-Truppen, und besonders des Yuan-Generals Rambulhua, ist jederzeit nachvollziehbar, wenn nicht sogar „vernünftig“ und keineswegs von niederen Emotionen geleitet. Im Gegensatz dazu ringen die Protagonisten aus Koryo fortwährend mit ihren Gefühlen, während sie nach außen hin den Anschein kühler strategischer Planung wahren wollen, und manövrieren sich so mehrmals in Situationen, die man besser vermeiden sollte. Es gibt auch hübsche kleine Dialoge zwischen einem buddhistischen Mönch und einem konfuzianistischen Gelehrten, bei denen man eine Ahnung davon erhält, wie sehr sich das Land beim Übergang vom Buddhismus zum Konfuzianismus verändern wird.

Action made in Korea

Für diesen Film „Musa“ war mit Jung Doo-hong ein Mann als martial arts director verantwortlich, der den harten und realistischen Action-Stil des koreanischen Kinos der letzten zehn Jahre entscheidend geprägt hat. Jung unterrichtete Taekwondo in den USA, Japan und Mexiko, bevor er in den 1990er Jahren als Schauspieler, Stunt-Koordinator und Action-Regisseur ins Filmbusiness einstieg. Seitdem entwickelte er in zahlreichen Filmen wie „Born to Kill“, „Public Enemy“, „Seoul“, „Champion“, „Please teach me English“, „Silmido“, „Taegukgi“, „Arahan“, „Fighter in the Wind“ und „Yokdosan“ als Darsteller und Action-Designer das koreanische Kampfkunst- und ganz allgemein Action-Kino auf ein Niveau, das mit den Standards aus Hollywood und Hong Kong mithalten kann.

Spätestens seit dem revolutionären „The Matrix“ (1999) von den Wachowski-Brüdern und Ang Lees Oskar-Epos „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ (2000) ist das Thema Kampfkunst salonfähig geworden mit der Folge, dass Kampfkunst-Filme aufwendiger und teurer produziert werden konnten. Das verhalf erstens der so genannten wire action zu neuem Ruhm, bei dem die Darsteller an (im fertigen Film natürlich nicht sichtbaren) Drahtseilen befestigt eine übermenschliche Akrobatik entwickeln können. Zweitens konnten jetzt mit Computerpower (kurz CGI, „computer generated imagery“) Dinge und Kamerawinkel simuliert und in den Film integriert werden, die vorher unvorstellbar waren. Beispiele für derartige Filmproduktionen wären etwa Jackie Chans „The Tuxedo“ (2002) und „The Medallion“ (2003), „Bulletproof Monk“ (2003) mit dem „Crouching Tiger, Hidden Dragon“-Star Chow Yun-Fat sowie Stephen Chows „Shaolin Soccer“ (2001) und „Kung Fu Hustle“ (2004), die allesamt dafür bekannt sind, dass die Spezialeffekte die Kampfkunst-Elemente überlagern, sie dadurch trivialisieren und damit der Faszination an diesem Genre sicherlich ungewollt das Wasser abgraben.

Jung Doo-hongs filmische Entwicklung kulminierte 2004 mit dem Film „Arahan“ in visuellen Effekten von ganz ähnlicher Machart. Der Film von Ryu Seung-wan erzählt von einem glücklosen Seouler Polizisten (wie immer witzig dargestellt vom Bruder des Regisseurs, Ryu Seung-beom aus „Conduct Zero“ / „No Manners“, „Sympathy for Lady Vengeance“), der zufällig auf die „Seven Masters“ (u.a. Ahn Sung-ki, „Taekwondo“, „Musa“, „Silmido“) stößt, einem Geheimbund zum Schutz der Welt, der wiederum zufällig entdeckt, dass hinter unserem unscheinbaren Polizisten der wiedergeborene Maruchi steckt, ein Kampfkunst-Supermeister, dessen Kräfte nur darauf warten, geweckt zu werden. Zufällig wird genau jetzt der alte Widersacher (grausam-gruselig: Jung Doo-hong) wiederbelebt, und es kommt nach einigem Hin und Her und amourösen Verwicklungen (Newcomer Yoon So-yi) zum finalen Showdown. Dabei wird die ganze Palette des modernen Action-Kinos ausgebreitet: rasante Schnitte, wire action, CGI, und nicht zuletzt Komik.

In Asien wird Jung Doo-hong seither als ein den Hong Kong-Spezialisten ebenbürtiger Action-Regisseur gehandelt. So bekam er etwa für den russischen Film „Mongol“ den Vorzug vor bekannten chinesischen Choreographen. Der Film handelt vom frühen Leben des Dschingis Khan und kommt voraussichtlich 2006 in die Kinos.

Back to the roots

Im gleichen Jahr wie „Arahan“ erschienen aber auch zwei Kampfkunst-Filme, die beide ebenfalls Jung Doo-hong als Kampf-Designer unter Vertrag hatten, der sie aber in eine ganz andere Richtung gehen ließ: ohne wire action, ohne CGI, sogar ohne Komik, dafür mit viel persönlichem Einsatz der Darsteller und Feingefühl für die Choreografie – wie zu den besten Zeiten Bruce Lees und Jackie Chans, eben back to the roots. Vermutlich ist dieser Konzeptwechsel ausgelöst, mindestens aber ermuntert worden durch die Thaibox-Orgie „Ong Bak“ (2003) von Prachya Pinkaew mit dem seitdem in der Szene weltberühmten Tony Jaa in der Hauptrolle. Dieser Film wartet mit kreativ und zugleich „realistisch“ choreographierten Kampfszenen und einer Akrobatik des Hauptdarstellers auf, die man bis dahin ohne Drahtseile nicht für möglich gehalten und auch seitdem nicht mehr im Film gesehen hat, mit der Ausnahme des Nachfolgefilms „Tom Yum Goom“ (2005) vom selben Duo Pinkaew/Jaa. Diese beiden Filme gelten zurzeit als die Referenz für Kampfkunst-Filme, der Maßstab, an dem alle andere gemessen werden. Trotz der ziemlich hanebüchenen Story und oberflächlich gezeichneter Charaktere wurde „Ong Bak“ zum bis dahin erfolgreichsten Film Thailands und Tony Jaa zu einem der gefragtesten Filmstars Asiens. Das Motto dieses Films war: keine Stuntleute, keine Computertricks und keine Drahtseile.

Dasselbe Motto könnte auch den zwei koreanisch-japanischen Koproduktionen gegolten haben, denen Jung Doo-hong ebenfalls 2004 die Kämpfe choreographiert hat: „Fighter in the Wind“ von Yang Yun-ho („Yuri“, „Libera Me“) und „Yokdosan“ von Song Hae-sung („Calla“, „Failan“). In beide Filme sieht man einen Hauptdarsteller, der sich für die – reichlichen – Kampfszenen mächtig ins Zeug legt, monatelang für den Film trainiert hat und stellenweise akrobatisch spektakuläre Dinger hinlegt. Computertricks sind (in den Kämpfen) nicht zu erkennen, und das Fehlen jeglicher Drahtseilakrobatik fällt auf (Ausnahme: das Handstandtraining im „Fighter“), die Choreographien bleiben sozusagen auf dem Boden der Tatsachen. Auch wenn in beiden Filmen die Dramatik der Handlung und die charakterliche Entwicklung der Protagonisten im Vordergrund steht, bestechen sie durch ihre harten und realistischen, aber dennoch stilgetreuen Kampfszenen. Beide Filme weisen darüber hinaus interessante inhaltliche Gemeinsamkeiten auf.

Sie handeln beide von einer wirklichen Lebensgeschichte, in beiden Fällen von einem Koreaner, der während und kurz nach der japanischen Besatzungszeit versucht, sich in Japan durchzuschlagen. Er durchleidet aufgrund seiner ethnischen Herkunft Demütigungen und körperliche Misshandlungen, ist irgendwann ganz am Ende, findet seine Liebe, nicht zuletzt dadurch neuen Mut, reißt sich zusammen, durchsteht eine Art Ausbildung ganz eigener Art einsam in der Fremde und kehrt als ein menschlicher und charakterlich gefestigter Superheld zurück, dem man zutraut, mit zuvor unvorstellbaren Kräften alle Schwierigkeiten bewältigen zu können. Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob es denn keinen persönlichen Kontakt zwischen den beiden historischen Vorbildern gegeben hat, wovon in den Filmen nichts zu sehen ist. In Wirklichkeit gab es ihn, und das führt weiter zu der Frage, inwieweit die in den Filmen dargestellten Geschichten der Realität entsprechen. Ich will das an beiden Filmen einzeln beantworten.

„Fighter in The Wind“ und die Oyama-Story

Der erfolgreichere der beiden Filme, „Fighter in the Wind“ (kor. „Baramui Fighter“, über 2,3 Mio. Zuschauer), erzählt die Geschichte von Choi Bae-dal (Yang Dong-kun, „Wild Card“, „Hae-jeok, Disco King“), einem koreanischen Underdog, der während der japanischen Besatzungszeit nach Japan geht, um Pilot zu werden. Gegen Ende des 2. Weltkriegs sieht er sich dem Offizier Kato (Masaya Kato, „Godzilla“) konfrontiert, ein Karate-Meister und Chois künftiger Erzfeind, dem Choi mit dem Taekkyon aus seiner Jugend überraschend eins auf die Nase gibt. Später, nach Kriegsende, erfährt er Demütigungen durch die Yakuza, trifft aber dabei seinen alten Taekkyon-Meister Beom-su (Jung Doo-hong) von zuhause wieder, lernt fleißig Taekkyon, verhaut damit pöbelnde amerikanische Soldaten, kann die Ermordung seines Meister durch die Yakuza allerdings nicht verhindern und geht schließlich in die Berge, um ein einsames, eisenhartes Trainingsprogramm durchzuziehen, bis er Kälte und Schmerzen trotzen und Kieselsteine mit einem Handkantenschlag spalten kann. Dann kehrt er als eine Art Wilder in die Zivilisation zurück, fordert einen japanischen Karate-, Judo- und Kendo-Meister nach dem anderen zum Zweikampf heraus, gewinnt alle Kämpfe, besiegt schließlich auch seinen Erzfeind Kato und misst seine Kraft anschließend beim Bekämpfen von Bullen mit der bloßen Hand. (Ich lasse jetzt mal die Liebesgeschichte außen vor, sie ist nicht weiter relevant und in dieser Art ganz offensichtlich erfunden.) Immer wieder sind dabei von ihm Zweifel philosophischer Art zu entnehmen, dass er im Grunde gar nicht kämpfen will, dass er Angst davor hat, zu verlieren, aber noch mehr Angst, ein Leben in Demütigung führen zu müssen und deswegen (notgedrungen) doch kämpft.

Der Film basiert auf der erfolgreichen gleichnamigen koreanischen Comic-Serie von Park Hak-gi, die in den 1980er Jahren in einer hiesigen Sportzeitung erschien und erstmals 1989, zuletzt 2002 als mehrbändige Buchausgabe aufgelegt wurde. Zuvor gab es in den 1970er Jahren in Japan eine ähnliche Comic-Serie, die aber nicht den Segen Choi Bae-dals fand, der in Wirklichkeit Choi Yong-I hieß. (Dieses japanische Comic war Grundlage einer japanischen Verfilmung von 1975 mit Sonny Chiba in der Hauptrolle, dem „Hattori Hanzo“ aus Quentin Tarantinos „Kill Bill, Vol. 1“ (2003).) Choi lebte von 1923 bis 1994 und ist bis heute unter seinem japanischen Namen Oyama Masutatsu und als Gründer des Kyokushinkai-Karate weltbekannt (nachfolgend ist mit „Choi“ die fiktive, mit „Oyama“ die historische Person gemeint). Oyama stammte aus einer eher wohlhabenden Bauernfamilie, ging Ende der 1930er Jahre nach Japan, zunächst zur Schule, dann zur Uni, wo er direkt bei Funakoshi Gichin, dem Begründer des bekanntesten Karate-Stils Shotokan, persönlich Karate lernte. Ob und welche Kampfart er zuvor in Korea bereits gelernt hatte, weiß man nicht mehr genau, es war aber sicherlich nicht Taekkyon. Es dürfte also diese Konfrontationen „koreanisches Taekkyon vs. japanisches Karate“, wie sie im Film immer wieder auftauchen, nie gegeben haben, Oyama war von Anfang an selbst Karateka. Zusätzlich lernte er auch Boxen und Judo. Als er mit 20 zur Kaiserlichen Armee ging, hatte er bereits den 4. Dan, er war also selbst schon ein Karate-Meister. Eine „Opferrolle“ wie Choi im Film hatte Oyama in der Armee nie eingenommen, und auch eine Figur wie den japanischen Superkampfkünstler und Chois Erzfeind Kato hat es nie gegeben.

Nach dem Krieg versuchte Oyama sich neu zu orientieren und fand in dem ebenfalls aus Korea stammenden Karate-Meister Cho Hyung-Ju (japanischer Name So Neichu) einen Freund und Lehrer, der vermutlich das historische Vorbild für Chois wieder entdeckten Taekkyon-Lehrer darstellt (wobei Cho aber kein selbstloser Bodyguard für unterprivilegierte Koreaner wie der fiktive Taekkyon-Lehrer Beom-su war, sondern ein Meister in einer weithin angesehenen Karate-Schule). Dieser wurde auch nicht von der Yakuza ermordet, sonder unterstützte Oyama dabei, zum Training und zur Meditation alleine in die Berge zu gehen, was Oyama auch tatsächlich (sogar zweimal) tat. Oyama wird aber sicherlich nicht als Moerssche Berghutze wie im Film zurückgekehrt sein, vielmehr legte er immer Wert auf eine adrette Frisur, wie Fotos aus dieser Zeit belegen. Aber er rasierte sich (wie Choi im Film) zumindest eine Augenbraue ab, um sich selbst davon abzuhalten, verfrüht zur Zivilisation zurückzukehren.

Die dramatischen Filmszenen, in denen Choi nach seiner Rückkehr eine Karateschule nach der anderen erobert, werden in Wirklichkeit eher so abgelaufen sein, dass Oyama Anfang der 1950er Jahre seine eigene Karate-Schule eröffnete und, um bekannt zu werden, jede sich bietende Chance zu einem Zweikampf annahm, ob auf einem Turnier oder sonst wo. Er nahm auch 1952/53 an einer Wrestling-Tournee durch die USA teil (was im Film gar nicht erzählt wird), zusammen mit anderen japanischen Wrestlern wie etwa „Harold“ Sakata Toshiyuki, später bekannt als „Oddjob“ mit dem Kreissägen-Hut aus dem James Bond-Streifen „Goldfinger“ (der mit unserem Gert Fröbe). Wrestling war damals in Japan sehr in Mode (s.u.), und Oyama benutzte dies auch als Showbühne, um für sein Karate Werbung zu machen. Irgendwann musste er die verrückte Idee gehabt haben, Showkämpfe gegen Bullen (man sagt, es waren eher alte, ausgediente Ochsen, keinesfalls abgerichtete Kampfstiere) zu veranstalten, die er erst niederrang (man sagt, er verdrehte ihnen den Nasenring, sodass sie vor Schmerzen freiwillig in die Knie gingen) und ihnen dann die Hörner mit der bloßen Handkante abschlug (wobei man wiederum sagt, dass die Hörner der armen Tiere im Vorfeld mit Hammer und Säge präpariert wurden). Diese Showkämpfe wurden teilweise per Video aufgezeichnet und kursierten um die ganze Welt. (Heutzutage sind sie leicht im Internet zu finden, etwa unter den Stichworten „Oyama“ & „bull“ bei www.altavista.com/video/default.) So erlange er schnell den Ruhm des „härtesten Karatekas der Welt“.

Oyama ist für seine Vollkontaktkämpfe ohne jegliche Schutzausrüstung bekannt. Er nannte ihn Kyokushin, etwa „absolute Wahrheit“. Zu den berühmtesten Ehren-Danträgern des Kyokushin gehören unter anderem Sean Connery, Dolph Lundgren und – jetzt bitte anschnallen – Nelson Mandela. Oyama starb 1994 an Lungenkrebs. Er scheint ein umgänglicher, geradezu freundlicher Mann gewesen zu sein, ganz anders als der wortkarge Griesgram Choi aus der Verfilmung.

„Yokdosan“ und Rikidozan

Yokdosan ist die koreanische Übersetzung für japanisch Rikidozan, etwa „unnachgiebiger Bergweg“, der Künstlername von Momota Mitsuhiro, geboren 1924 als Kim Shin-rak im heutigen Nordkorea. Rikidozan gilt als der „Vater des puroresu“, der japanischen Version des Professional Wrestling („PUROfesshonaru RESUringu“, japanisch ausgesprochen). Mit 15 Jahren fing er als Sumo-Wrestler in einem berühmten Dojo in Tokio an. Im Film wird das so dargestellt, als ob Yokdosan (Sol Kyung-gu, „Silmido“, „Public Enemy“; „Yokdosan“ bezeichnet nachfolgend den Filmcharakter, „Rikidozan“ die historische Figur) andauernd unter der rassistischen Diskriminierung seiner japanischen Kollegen zu leiden hat, die ihn aus purer Langeweile ab und zu halb tot schlagen und ihn dabei noch „Danke, Meister“ rufen lassen. Verzweifelt greift Yokdosan zu einem Trick, um die Aufmerksamkeit eines Mentors namens Kanno (Fuji Tatsuya) auf sich zu ziehen. Dies ermöglicht ihm zwar endlich den ersehnten Aufstieg im Sumo, doch nach einem Streit rastet Yokdosan aus, schneidet sich den Haarknoten ab und beendet damit seine Sumo-Karriere. Verzweifelt betrinkt er sich und trifft dabei zufällig auf einen amerikanischen Pro-Wrestler, der ihn mehr oder weniger zu einem Training einlädt, bei dem er Yokdosan ordentlich verprügelt. Sichtlich davon beeindruckt bittet Yokdosan seinen Mentor, ihm eine Reise in die USA zu finanzieren. Dort kämpft er sich einsam und verbissen durch die Pro-Wrestling-Szene und wird schließlich berühmt.

Als Star kehrt Yokdosan nach Japan zurück und organisiert mit seinem alten Mentor Kanno gleich Pro-Wrestling-Kämpfe gegen Amerikaner. Im Film wird angedeutet, dass derartige Kämpfe vorher in der Regel abgesprochen wurden. Dennoch ging es dort sehr hart zur Sache, und im Film fließt auch mehr als ausreichend Filmblut. Dabei ist der typische Kampfverlauf sehr schön zu sehen, bei dem Yokdosan mit dem in ganz Japan respektierten Judo-Champion „Imura“ – in Wirklichkeit Kimura Masahiko, einer der größten Judoka aller Zeiten – ein so genanntes tag team bildete. Dabei kämpft einer der beiden im Ring, während der andere dem Reglement entsprechend brav draußen wartet, bis er an der Reihe ist. Das wird durch einen „tag“ signalisiert, indem der Partner im Ring seinen Kollegen außerhalb kurz berührt, meist durch Abklatschen. Nun ist Pro-Wrestling/ puroresu in erster Linie eine Unterhaltungsshow, und da passiert es regelmäßig, dass sich zur Spannungssteigerung das „üble“ tag team verbotenerweise gemeinsam auf einen der beiden „guten“ stürzt, während sich der andere „gute“ draußen in eine Regeldiskussion mit dem Referee verzettelt. Wenn das Publikum aufgrund dieser gemeinen Ungerechtigkeit emotional genügend aufgebracht (und das arme Opfer ausreichend verprügelt) wurde, springt der frische Held in den Ring und vermöbelt die Bösewichte unter dem Johlen des Zuschauer nach Strich und Faden. Selbst heutzutage funktioniert dieses simple Skript noch, wo alle Welt den Ablauf kennt. Damals war das völlig neu in Japan, und die bösen, ungerechten Gegner waren immer Amerikaner (eigentlich aus Kanada). Im Film wie in Wirklichkeit hatte der Judo-Held Imura/ Kimura die Opferrolle, und Yokdosan / Rikidozan stand am Ende immer als strahlender Held im Ring.

Das ganze wurde live im noch jungen japanischen Fernsehen ausgestrahlt, man versammelte sich auf öffentlichen Plätzen, um die Kämpfe zu sehen, die reservierten Japaner ließen sich zu Begeisterungsstürmen hinreißen und im Film fließen bei den Reportern am Ende sogar Tränen der Freude, denn Yokdosan lässt sie die schmähliche Niederlage gegen die Amerikaner im 2. Weltkrieg endlich vergessen. Im Film wird der Handlungsschwerpunkt dann darauf gelegt, dass im Lauf der Zeit auch andere Japanische Wrestler wie die amtierenden Judo- und Sumo-Champions zu neuen puroresu-Stars aufsteigen wollen, gegen die sich Yokdosan behaupten muss, was wiederum den Zorn der Yakuza nach sich zieht. Schließlich stirbt er überraschend an den Spätfolgen einer Messerattacke eines Yakuza-Gangsters. (Auch hier lasse ich die Liebesgeschichte außen vor, die allerdings die Hauptlast der durchaus sehenswerten dramatischen und vor allem tragischen Momente des Films trägt.)

Dieser Film handelt also ebenfalls vom Leben eines japanischen Nationalhelden, er ist ebenfalls größtenteils auf Japanisch und unter anderem auch für den japanischen Markt gedreht worden, basiert allerdings nicht auf einer koreanischen Comic-Vorlage. Man sollte also annehmen, dass er das Leben Rikidozans weitgehend authentisch wiedergibt. Es gab bei der Vermarktung in Japan allerdings Probleme beim japanischen Partner mit der Folge, dass er erst ab März 2006 in japanischen Kinos zu sehen sein wird. Bis dahin werden etliche Szenen nachgedreht worden sein, sodass man annehmen darf, dass die japanische Version sich von der koreanischen in vielen Punkten unterscheiden wird. Außerdem kommt 2006 eine chinesisch-nordkoreanische Koproduktion auf den Markt mit dem Namen „The Secret of Rikidozan“. Diese, nennen wir sie ruhig einmal „nordkoreanische“ Version wird sicherlich wieder ganz anders aussehen. Dann wird es also mindestens drei Versionen derselben Geschichte geben. Werden sie auch alle gleich wahr sein?

Interessant wird es vor allem in dem Punkt der koreanisch-japanischen Beziehungen. Rikidozan selbst hatte bis zu seinem Tod seine koreanische Herkunft verschwiegen und sich sogar eine japanische Biografie ausgedacht. Er wird also in der Zeit seiner Sumo-Ausbildung kaum derart ethnisch diskriminiert worden sein, wie Yokdosan es im Film durchlitten hat. Auch die Beziehung zu seinem Mentor Kanno – von dem ich übrigens nicht weiß, inwieweit er überhaupt historisch verbürgt ist – und die Organisation der puroresu-Veranstaltungen dürften interessante Punkte sein. Rikidozan war keineswegs der erste, der Amerikanisches Pro-Wrestling nach Japan brachte, vor ihm versuchte es der oben bereits erwähnte, 1948 in London olympisch versilberte Gewichtheber „Harold“ Sakata Toshiyuki („Oddjob“). Bei einem dieser von Sakata organisierten Veranstaltungen traf Rikidozan zu der Zeit, als er gerade mit dem Sumo aufhörte, erstmals auf einen amerikanischen Wrestler namens Bobby Bruns, gegen den er aber nicht, wie im Film, chancenlos verlor, sondern dem er ein Unentschieden abrang. Rikidozan war aber der erste, der Amerikanisches Pro-Wrestling in Japan mit Erfolg zu vermarkten verstand. Im Film wird z.B. der allseits beliebte Judo-Champion „Imura“ (Kimura) als Zugpferd für die ersten Yokdosan-Kämpfe angeheuert (s.o.). Tatsächlich verhielt es sich aber so, dass Kimura selbst erst kurz zuvor von einer Wrestling-Tournee durch die USA zurückgekehrt war und diesen Sport in Japan bekannt zu machen versuchte. So schlossen sich beide aus simplen Synergiegründen zusammen, wobei Rikidozan offenbar das bessere Gespür für die Show hatte. (Später beschwerte sich Kimura sogar öffentlich über die abgesprochenen Kämpfe und verkündete, dass diese Art von Show eigentlich unter seinem Niveau sei.)

A propos Geld, a propos Show. Was Rikidozan in den USA lernte, war vermutlich mehr, wie man ein solches Ereignis richtig vermarktet, als wie man richtig kämpft (was der Film suggeriert). Die US-Wrestler waren überrascht über sein Können. Er war berühmt für seinen Karate Chop, aber den hatte er in die USA bereits mitgebracht. Rikidozan hatte Anfang der 1950er etwas Karate gelernt und traf dabei auch auf seinen Landsmann Oyama, sodass manch einer vermutet, Oyama hätte Rikidozan diesen Schlag beigebracht. (Er scheint aber eher aus einem speziellen Schlag im Sumo, dem sogenannten „Harite“, entwickelt worden zu sein.) Oyama und Kimura waren gute Bekannte. Eines Tages kam es, wie im Film, zum „Kampf des Jahrhunderts“: Rikidozan gegen Kimura. Es wurde vorher ein Unentschieden ausgemacht, doch Rikidozan brach plötzlich die Vereinbarung, schlug Kimura mit einem platzierten Karate Chop nieder und trat ihn anschließend KO, eine Kombination, die im Film beim Kampf Yokdosan gegen Imura genauso dargestellt wird. Und auch ganz ähnlich wie im Film angedeutet, sollen daraufhin mehrere Yakuza-Killer Kimura angeboten haben, demnächst einmal bei Rikidozan vorbei zu schauen, und angeblich soll sich auch Oyama unter den Freiwilligen befunden haben, wovon im Film allerdings keine Rede ist. (Kimura lehnte derartige Maßnahmen ab.) Oyama hatte danach Rikidozan mehrfach zu öffentlichen wie privaten Zweikämpfen aufgefordert, doch es ist offensichtlich aufgrund von Rikidozans Weigerung nie dazu gekommen. DAS wäre aber sicherlich eine interessante Szene geworden – in beiden Filmen.

Ausblick

Natürlich müssen Spielfilme nicht hundertprozentig historisch korrekt sein, um das Publikum zu unterhalten. Sie sollten deshalb auch nie mit Dokumentarfilmen verwechselt werden. Andererseits sollte ein Spielfilm auch nicht übermäßig die historische Vorlage betonen, wenn er derart davon abweicht wie in den vorliegenden Fällen. Darüber hinaus ist es immer interessant, die Unterschiede zwischen einem Film und seinen historischen Vorlagen herauszuarbeiten. So kann man bisweilen verschenkte Möglichkeiten entdecken, also Szenen, die im Film nicht auftauchen, die aber für das Publikum interessant gewesen wären, zu sehen – wie etwa ein (kämpferisches) Aufeinandertreffen zwischen den Charakteren Choi Bae-dal und Yokdosan.

Allgemein ergibt sich aus dieser Untersuchung, dass die Kampfkunst-Filme aus Korea in den letzten Jahren an Qualität gewonnen haben, insbesondere, wenn mehr Geld (durch ausländische Ko-Produktionen) im Spiel war. Hier sollte man nach Meinung des Verfassers den eingeschlagenen Weg „back to the roots“ weitergehen und es tunlichst vermeiden, einen Film mit Filmtricks zu überladen, die man schon anderswo und zum Teil viel besser gesehen hat. Heutzutage ist es z.B. nicht mehr aufregend, CGI-Effekte als visuelles Erlebnis zu platzieren. Man kennt das aus Blockbustern wie George Lucas’ „Star Wars“, Peter Jacksons „Herr der Ringe“, Sam Raimis „Spiderman“ usw. mittlerweile zur Genüge. Mit CGI kann ein Film vielmehr „im Hintergrund“ dadurch aufgewertet werden, dass bestimmte Szenen und Kulissen korrigiert, aufpoliert oder sogar erst realisiert werden. Beispiele hierfür wären James Camerons „Titanic“ (1997) und Wolfgang Beckers „Good Bye Lenin!“ von 2003. Auch „Rikidozan“ verwendet CGI zu diesem Zweck.

Ergänzend sollte man sich einen jungen Koreaner suchen, der ein ähnlich physisch-akrobatisches Talent mitbringt wie der Thailänder Tony Jaa. (Jung Doo-hong selbst ist inzwischen vielleicht etwas zu alt dafür.) Im Mutterland des Taekwondo sollte das allerdings keine Schwierigkeit darstellen, hier gibt es massenweise talentierte Taekwondoin, die ihr Können bei Taekwondo-Vorführungen zur Schau stellen und darüber hinaus schauspielerisches Talent besitzen. Man müsste eine derartige Suche nicht mal auf das Nationalteam oder Show-Teams wie die Korean Tigers beschränken, Talentscouts könnten bereits in vielen ordinären Clubs fündig werden. Wahrscheinlich ist der koreanische Star-Markt aber zurzeit so gesättigt, dass es für diesen Aufwand keinen Bedarf gibt. Nach Meinung des Verfassers könnte aber ein koreanischer Taekwondo-Film mit einem ähnlichen Konzept wie „Ong Bak“ und „Tom Yum Goong“, vielleicht mit einem besseren story telling, national wie international auch ähnlich erfolgreich sein.

Ein anderer Weg wäre, weiter auf eine Zusammenarbeit mit ausländischen Produzenten zu setzen, vor allem, wo die krisengeschüttelte Filmindustrie in Hong Kong jetzt wieder offener für internationale Produktionen sein dürfte. So könnte man etwa an die frühen Versuche der inzwischen in den USA lebenden Jhoon Rhee und Ji Han-Jae anknüpfen, koreanische Kampfkünste „made in Hong Kong“ zu verfilmen. Andererseits ist mittlerweile nicht mehr Hong Kong die erste Adresse für eine gute Kampfkunst-Show; so sollten auch Gespräche mit thailändischen Filmemachern die eine oder andere Überlegung wert sein.

Das Fazit lautet, dass die koreanischen Kampfkünste ein großes Potential haben, das cineastisch längst noch nicht ausgeschöpft wurde, das vielmehr noch darauf wartet, entdeckt zu werden. Hinzu kommt, dass die turbulente koreanische Geschichte viele Möglichkeiten bietet, einen Kampfkunst-Film mit einer halbwegs plausiblen Rahmenhandlung zu versehen. „Musa“ ging dabei den richtigen Weg. Filmemacher wären gut beraten, diesem Beispiel zu folgen. Denn dort entging man der Versuchung, moderne, versportlichte Kampfarten aus der heutigen Zeit wie koreanisches Taekwondo in eine Zeit zu implantieren, in der sie soziokulturell gar nicht passen, was sie letztlich der Lächerlichkeit preisgeben würden. In der Taekwondo-Szene ist es beispielsweise eine weit verbreitete Untugend, eine rein koreanische Erbschaftslinie über das Taekkyon bis hin zu den Hwarang, den „Blumenknaben“ aus der Silla-Zeit, zu ziehen, die sich vor anderthalb Tausend Jahren mit unbewaffneten Kampftechniken nun wirklich nicht näher beschäftigen konnten (siehe „Kampfsport in Korea“, DaF-Szene 21). Bei aller dichterischer Freiheit sollten historische Stoffe also nicht bis zur Lächerlichkeit verbogen werden. Das ist, soweit ich den Markt überblicken kann, bisher zum Glück nicht geschehen. So kann man die Parole ausgeben: Weiter so! Es ist bisher in guten Bahnen verlaufen – hoffen wir, dass es so bleibt.

Anmerkung zur Namenskonvention: chinesische, japanische und koreanische Namen sind, wie in diesen Ländern üblich, mit dem Familiennamen zuerst aufgeführt. Alle westlichen Namen sowie westliche Bestandteile eines Namens (wie z.B. in Bruce Lee) folgen der westlichen Konvention, also mit dem Vornamen zuerst.


Copyright © 2005 by Thomas Kuklinski-Rhee


DaF-Szene Korea Nr. 22

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