Konstantin Kountouroyanis

Die fantastische Wiedervereinigung von Nord- und Süd-Korea.
Park Chan-Wook: J S A oder Bruder, mein Bruder


Ein Schuss an der Grenze, ein Knall in der Nacht. So beginnt der südkoreanische Film „Joint Security Area", kurz „JSA". Ein Soldat bricht direkt auf der Demarkationslinie zusammen, die Nord- und Südkorea seit 1953 in zwei Staaten teilt. Für einen Soldaten Südkoreas ist der Ort seines Zusammenbruchs äußerst ungewöhnlich. Um so ungewöhnlicher ist der Tod eines weiteren, nordkoreanischen Soldaten. Seine Leiche findet man in einem Wachhäuschen auf der nordkoreanischen Seite. Sein Vorgesetzter kniet mit angeschossener Schulter vor dem Häuschen und erwidert das südkoreanische Feuer. Diese merkwürdige Situation macht den Einsatz der Waffenstillstandskommission der Neutralen Staaten (NNSC) notwendig, die seit 1953 über die Einhaltung des Waffenstillstandsvertrages zwischen den beiden koreanischen Staaten wacht. Ein Geständnis liegt vor. Der Fall scheint sonnenklar zu sein. Nordkoreanische Soldaten haben einen südkoreanischen Soldaten entführt. Er konnte sich befreien und floh über die Grenze in den Süden. Dabei erschoss er den wachhabenden Soldaten und dessen Vorgesetzten. Im Kugelhagel zerschmetterte ihm eine weitere Kugel das Knie. Soweit die offizielle Version. Also die Version, die nord- wie auch südkoreanische Behörden als die einzig plausible anerkennen. Alles andere wäre undenkbar. Der Norden ist böse und kommunistisch, und der Süden ist frei und kapitalistisch. So einfach kann schwarz und weiß sein. Doch als Major Sophie Jean, eine Schweizerin, deren Vater Koreaner ist, ernsthaft versucht den Fall aufzuklären, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Ihre Kombinationsfähigkeit und Ausdauer lassen allerdings Zweifel an der offiziellen Darstellung aufkommen. Als ihre hartnäckigen Fragen zum Nachweis des tatsächlichen Ablaufs führen und ein beschuldigter Soldat sich aus Verzweiflung aus dem Fenster stürzt, enthebt man sie kurzerhand ihres Amtes und drückt ihr ein Ticket für die Heimreise in die Hand. Offensichtlich scheint weder der Norden noch der Süden noch die NNSC ernsthaft an dem tatsächlichen Tathergang interessiert zu sein. Denn der ist so fantastisch, dass er viel zu unbequem geworden wäre. Am Vorabend ihrer Abreise bittet sie den angeschuldigten Soldaten Lee Su-Hyuk, in ihr Büro, um die Wahrheit zu erfahren - eine Wahrheit, die aus politischen Gründen in keinem Protokoll der NNSC auftauchen darf.

Bei einer Übung verirrt sich der Soldat Lee Su-Hyuk auf die nordkoreanische Seite und tritt dabei auf eine Mine. Um die Explosion der Mine zu verhindern, verbleibt er stehend auf der Mine, ohne genau zu wissen, auf wen oder was er warten soll. Nach einiger Zeit findet ihn eine nordkoreanische Streife, zwei Soldaten, die ihre Runde im Grenzgebiet ziehen. Der Streifenführer entschärft die Mine und rettet Lee Su-Hyuk somit das Leben. Als Lee Su-Hyuk Briefe, mit Steinen beschwert, über die Grenze wirft und den Soldaten für die Rettung seines Lebens danken will, entwickelt sich eine rege „Brieffreundschaft". Ein weiterer Kamerad Lee Su-Hyuks wird in die verbotene Freundschaft mit eingeweiht, und als einer der beiden nordkoreanischen Soldaten im Scherz eine schriftliche Einladung über die Grenze wirft, geht Lee Su-Hyuk abermals über die Grenze, um die beiden im dortigen Wachhäuschen aufzusuchen. Der Besuch wird als „erster Schritt zur Wiedervereinigung" von einem der beiden nordkoreanischen Soldaten kommentiert, und so fällt der Empfang entsprechend herzlich aus. Die Besuche wiederholen sich und Lee Su-Hyuk lädt seinen Kameraden dazu ein, dem Norden doch auch mal einen Besuch abzustatten. Aus den Besuchen entwickeln sich Freundschaften. Die Männer sprechen sich mit „Bruder" an. Es werden Karten gespielt, Fotos von Freundinnen gezeigt und sogar gemeinsame Gruppenfotos geschossen. Als für einen der vier Soldaten die verpflichtende Armeezeit zu Ende geht und ein anderer Geburtstag hat, beschließen alle, sich noch einmal zu treffen, um Abschied voneinander zu nehmen und den Geburtstag gebührend zu feiern. Geschenke werden ausgetauscht, Musik wird gehört und spät am Abend liegt Abschiedmelancholie in der Luft. Doch als einer der Soldaten die Tür öffnen will, um frische Luft hereinzulassen, steht plötzlich ein Vorgesetzter mit hocherstauntem Gesicht im Türrahmen. Sofort werden die Waffen gezogen. In Sekundenbruchteilen eskaliert die Situation, Schüsse fallen und Sekunden später liegen zwei tote nordkoreanische Soldaten auf der Erde. Die Überlebenden versuchen die Spuren zu vertuschen, um den Ablauf der Tat einer offiziell glaubwürdigen Version anzupassen. Kurze Zeit nach dem Geständnis erschießt sich Lee Su-Hyuk auf dem Kasernengelände.

Major Sophie Jean verlässt Südkorea, ohne jemals die Wahrheit zu den Akten fügen zu können. Ihr Vorgesetzter Bruno Botta kommentiert die Situation mit den Worten, dass der Frieden auf der koreanischen Halbinsel seit Jahrzehnten durch eine Lüge gesichert wird.

Mit seinem filmischen Werk hat es der Regisseur Park Chan-Wook geschafft, sowohl ein Tabu-Thema, als auch einen Wunschgedanken innerhalb der koreanischen Bevölkerung anzusprechen: die Teilung Koreas und die mögliche Wiedervereinigung. Betrachtet man die Teilung Koreas als Folge des Koreakrieges (vgl. Thomas Schwarz in DaF-Szene Nr. 14, 2001), begibt man sich bereits bei der Definition des Kriegsbeginns auf politisches Glatteis. Die Frage, ob der Koreakrieg nun am 25. Juni 1950 oder am 4. Mai 1949 begonnen hat, scheint aus europäischer Sicht unerheblich zu sein. Tatsächlich werden aber diese beiden Daten unter südkoreanischen Historikern kontrovers diskutiert. Ebenso spielen auch kulturell- und mentalitätsbedingte Konfliktpotentiale zum Verständnis des Filmes eine Rolle. Die klare Vorstellung eines nordkoreanischen, kommunistischen Feindbildes und eines südkoreanischen Aggressoren lassen letzten Endes die Situation im Film eskalieren. In diesem Zusammenhang ist der mehrfache Aufruf des nordkoreanischen Streifenführers zur Besonnenheit auch als Aufruf an die nord- wie auch südkoreanischen Verantwortlichen zu verstehen: „Nicht die Schnelligkeit im Umgang mit der Waffe, sondern die Besonnenheit, mit der ein Soldat die Lage beurteilt, ist entscheidend."

Das Verbot und damit auch das Tabu, sich künstlerisch mit der Spaltung Koreas auseinander zu setzen, durchbrach Park Chan-Wook mit seinem Film auf eindrucksvolle, zukunftsweisende Art, gleichwohl der Film mit einem resignierenden Ergebnis, nämlich dem Abzug der NNSC-Beauftragten Sophie Jean von ihrer Aufklärungsarbeit endet. Die Schlussszene, die im Film fotografisch eingefangen wird, zeigt letztendlich vier Soldaten, die wie Brüder im Vertrauen denselben Bildausschnitt teilen, von denen aber der Zuschauer weiß, dass drei gestorben sind. Einzig und allein der nordkoreanische Streifenführer bleibt in der Mitte des Bildes mit dem seltsam überlegenen Lächeln einer Mona Lisa - dank seiner Besonnenheit - als einzig überlebender im Auge des Betrachters übrig.

Auch wenn Südkoreaner immer wieder den Blick nach Deutschland wenden, um die Erfahrung der deutsch-deutschen Wiedervereinigung auf eine etwaige koreanische Wiedervereinigung zu übertragen, so muss ich heute, wie auch im Jahr 2001 während meiner Podiumsdiskussion an der Han-Nam Universität in Süd-Korea, darauf hinweisen, dass die Erfahrungen der deutsch-deutschen Wiedervereinigung auf die einer möglichen koreanischen nicht so ohne weiteres übertragen werden können. Zu groß sind die politischen wie auch die kulturellen Unterschiede beider Länder und Völker. Situationen, wie sie im Oktober 1989 in Ostdeutschland herrschten, müssen in Nordkorea nicht zwangsläufig zum gleichen Ergebnis führen. Auch die Zeit nach einer möglichen Wiedervereinigung könnte in Korea ganz anders verlaufen als im heutigen Deutschland. Gleichwohl ist es wichtig und unbestritten, dass in einem wiedervereinigten Korea nicht die gleichen Fehler gemacht werden dürfen, wie sie im wiedervereinigten Deutschland nach der Wende gemacht wurden. Insofern ist der Blick Süd-Koreas nach Deutschland schon der richtige Schritt auf dem Weg zu einem wiedervereinigten Süd-Korea.

Hintergrundinformationen für deutsche Leser:
http://www.rapideyemovies.de http://www.rapideyemovies.de/movies/joint-security-area/ (Zu empfehlen ist hier der äußerst gut recherchierte Bericht von Thomas Schwarz.)
Hintergrundinformationen für koreanische Leser: http://www.pinhead.pe.kr/filmreview/history/jsa_01.html


Copyright © 2005 by Konstantin Kountouroyanis


DaF-Szene Korea Nr. 22

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