Zwei Männer in einem kleinen Hotelzimmer. Es ist unerträglich heiß. Die beiden wetten um die Ausrichtung des Ventilators, darum, wer die Essensreste aufessen muss. So beginnt der Spielfim "Frakchi (Spying Cam, 2005)" von Whang Cheol-Mean. Whang hat nach einem Literaturstudium in Deutschland an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) studiert. Diese Ausbildung hat es ihm ermöglicht, den Film fast alleine herzustellen: Drehbuch, Regie, Schnitt und Kamera.
Zwei Männer in einem kleinen Hotelzimmer, denen wir zusehen, wie sie auf etwas warten und die Zeit bis dahin totschlagen. Ziemlich früh im Film sehen wir, wie Kwon, der ältere, mit einer Kakerlake spielt, sie mit einem Reisigbesen hin und her wendet, sie zappeln lässt, auf sie einredet und sie dann totschlägt. Die Kakerlake ist hier weniger als das Insekt an sich, sondern als Symbol zu verstehen. Dafür, wie mit Menschen gespielt wird und auch dafür, wie Kwon mit Kang, dem Jüngeren, spielen wird.
Whang führt auf vielfältige Weise zwei Menschen zueinander und zeigt ihre immanenten Hierarchien. Von Anfang an ist die Beziehung zwischen Kwon und Kang klar, an der Sprache und den unterschiedlichen Höflichkeitsformen, die beide benutzen: Kwon hat den höheren Platz auf der Beziehungsskala inne und spielt das immer wieder aus. Auf der anderen Seite ist er seinem Chef gegenüber sehr gehorsam. Auch die Zimmernachbarin und deren Lover lässt er seine Macht spüren - auf brutale Weise, durch Vergewaltigung und Wasserfolter, die an Godard denken lässt.
Erst im Laufe des Films erkennen wir, dass beide sich in dem Hotelzimmer verstecken, dass Kwon ein Geheimdienstmitarbeiter ist und Kang ein Informant. Und noch etwas später, dass Kang als Zeuge in einem Prozess gegen angebliche Kommunisten aussagen soll und deshalb vom Geheimdienst versteckt wird. In diesem Zusammenhang ist auch die Videokamera zu verstehen, die Kang ständig bei sich hat, mit der er willkürlich Szenen aufnimmt, sich bereits früher aufgenommene ansieht, solche, auf denen seine Freundin zu sehen ist und Szenen von Demonstrationen. Die Kamera ist zwar sein Arbeitswerkzeug, aber sie bedeutet viel mehr für ihn, sie ist ein Fetisch. Bereits der englische Titel "Spying Cam" erinnert an Voyeurismus, dem die beiden zugeneigt sind, wenn sie beispielsweise durch ein Loch in der Wand in das Nachbarzimmer sehen.
Die Kamera bringt die beiden auch auf die Idee, da die Zeit zu lang wird, einen Film zu drehen. Im Zimmer liegt eine Ausgabe von Dostojewskis „Schuld und Sühne“, das als Vorlage und Drehbuch genommen wird. Obwohl Kwon die Rolle der Sonja erst zögerlich übernimmt, steigert er sich bei den Proben immer weiter in die Rolle hinein. Auf Kang haben Lektüre und Proben hingegen eine andere Wirkung: Er erkennt durch die Rolle des Raskolnikoff seine eigene Schuld - den Verrat. Der Wendepunkt ist ganz deutlich, als er das Lied der Studenten- und Demokratiebewegung "Niml wihan haengdschingok (Lied für den Geliebten)" singt - er wird die Seiten wechseln.
Das Ende ist offen, aber aus der Erfahrung heraus interpretierbar. Wohl kaum hätte Kang seine Kamera, die er ständig mit sich herumtrug und vor anderen, auch vor Kwon, beschützte, freiwillig jemand anderem überlassen. Es stellt sich dann allerdings die Frage, warum Kwon und sein Vorgesetzter so gelassen und fröhlich den Berg herunterlaufen.
Der Film spielt zwar zu Anfang der 90er Jahre, aber vieles sieht eher nach der Gegenwart aus: Handys, Autos, Anzüge etc. Das hängt sicherlich auch mit dem geringen Drehbudget von weniger als 30.000 Euro zusammen, auf der anderen Seite wirkt der Film dadurch zeitlos, lässt sich nicht historisch einordnen, sondern zeigt eine Geschichte, die zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich ist.
Eine andere Art der Verfremdung ist mit den Tonaufnahmen gelungen. Hinter viele der Szenen mischen sich Geräusche von Demonstrationen, aber so zurückgenommen und verzerrt, dass sie wie "white noise" anmuten. Zusätzlich hören wir Lieder von Kim Min-Gi, in den 70er und 80er Jahren von Yang Hi-Eun gesungen; im Film allerdings in elegischen Instrumentalfassungen, die eher wie Zitate der Originale klingen und eine wehmütige Vergangenheits-Stimmung verbreiten.
„Frakchi“ ist der erste Spielfilm von Whang, der auch Vorsitzender der "Association of Independent Film & Video" ist, der in koreanischen Kinos - wenn auch nur kurzfristig - zu sehen war. Dokumentar- und Spielfilme aus den Jahren zuvor wurden nur auf Festivals gezeigt. „Frakchi“ lief bereits auf vielen Internationalen Filmfestivals weltweit und erhielt in diesem Jahr in Rotterdam, Buenos Aires und Brisbane Preise. Im Dezember wird er in Frankfurt im Filmmuseum zu sehen sein. Auch wenn der Film einige Längen hat und ihm das low budget in Teilen anzusehen ist, ist es ein sehenswerter Film, dem man den Weg in eine breitere Öffentlichkeit wünscht.
Copyright © 2005 by Sigrid Gaffal