Friedhelm Bertulies

So ist die Welt und müsst nicht so sein.
Lee Chang-Dong: Green Fish


Der gebürtige Daeguer Lee Chang-Dong (*1954) begann als Lehrer für Koreanisch. Doch wandte er sich noch während seiner Arbeit am Gymnasium dem Schreiben zu, um später, schon bald Träger bedeutender koreanischer  Literaturpreise, seine Kunst zunächst an Drehbüchern[1] zu erproben und sich endlich ganz aufs Filmemachen zu verlegen. Was die Bandbreite seiner Fähigkeiten und Begabungen, dazu seines künstlerischen wie auch politischen Engagements, angeht, ließe er sich gut mit Alexander Kluge oder Jacques Godbout, auch Woody Allen, vergleichen. Heute wird es eher die Ausnahme sein, dass man ihn zunächst als Autor kennen lernt. Inzwischen hat jeder einmal einen Film von ihm gesehen. Dennoch ließen sich bereits in seinen Erzählungen, die ihn Anfang der 90er Jahre bekannt machten[2] filmische Eigenheiten erkennen, die sehr auf Optisches, Licht-und-Schatten-Wirkungen, bildhafte Darstellung etc. hinzielten. Man kann jedenfalls feststellen, dass bereits in Lee Chang-Dongs erzählerischem oeuvre Personenkonstellationen, Konflikte, die aus ihnen entstehen, mit bedingt durch bestimmte Örtlichkeiten und ihre atmosphärischen Qualitäten etc. zu finden sind, die auch in Lees Filmen wieder auftauchen, und die sich im Rückblick als für sein gesamtes künstlerisches Schaffen charakteristisch zu erkennen geben. Kommende Ereignisse werfen auch hier ihren Schatten voraus; oder wie es bei Lee einmal heißt: “Im Schein einer Laterne am Rand der Baustelle warfen sie lange Schatten auf den Weg.”[3]

“Chorok Mulgogi” (Green Fish)[4], entstanden 1997, ist Lees erster Film in eigener Regie, zu dem er auch das Drehbuch verfasst hat. Mit ihm hat er sich sofort in der ersten Reihe der koreanischen Regisseure etabliert, und ihr Auftritt in diesem Film hat auch einigen koreanischen Schauspielern in ihrer Karriere zum Durchbruch geholfen; z.B. Han Suk-Kyu und Song Gang-Ho.

Im Mittelpunkt steht ein junger Mann, Makdong (Han Suk-Kyu), der zu Beginn des Films gerade seinen Wehrdienst absolviert hat und auf dem Heimweg ist.[5] Er steht in der offenen Wagontür, um sein Gesicht im Fahrtwind zu kühlen und sieht, dass sich nur einen Wagen weiter eine Frau, Mi-Ae (Shim Hye-Jin), ebenso aus der Tür beugt. In dem Moment, in dem er sie entdeckt, verliert sie ein großes violettes Tuch, das vom Wind davongetragen in Makdongs Gesicht hängen bleibt. Makdong fängt das Tuch und geht durch den Zug, um es ihr zurückzubringen. Als er sie trifft, wird sie gerade von einer Gruppe Jugendlicher angepöbelt und, ganz der Kavalier, stellt er die Jungs zur Rede, um sofort von ihnen verprügelt zu werden, während die Frau verschwindet. Als er sieht, dass sie an der nächsten Station aussteigen, setzt er den Jungen nach, um dem einen die funkelnagelneue Erinnerungsplakette an den Wehrdienst auf dem Kopf zu zerschlagen. Doch erneut sind die Jungs schnell in der übermacht, nun setzt sich auch noch der Zug in Bewegung, und Makdong muss nun zunächst seinem Zug hinterher- und, als er ihn nicht mehr erreichen kann, den Jungen davonlaufen. Erschöpft kommt er endlich zu Fuß in seinem Heimatort an. Er findet seine Familie in Schwierigkeiten wieder. Der Heimatort liegt längst nicht mehr auf dem flachen Land, sondern am Rande einer der Satellitenstädte, die sich inzwischen bis hierher ausgebreitet haben, die Kinder schlagen sich mehr oder weniger glücklos durch und das kleine Shicktang (Restaurant), das die Mutter betreibt, geht schlecht. Bei einer der diversen “Arbeiten”, die Makdong in der Stadt annimmt, läuft ihm Mi-Ae wieder über den Weg, und zwar, als sie gerade von mehreren Männern gewaltsam in einen Wagen gedrängt wird. Makdong wird bei dem Versuch, ihr zu helfen, wieder verprügelt. Und das ist der Erniedrigung immer noch nicht genug, sondern Pan-Su (Song Gang-Ho), der ihn zusammengeschlagen hat, tritt später zu ihm und verlangt von Makdong Feuer für seine Zigarette. Aber auf diese Weise ist Makdong in Kontakt mit einer Gangsterbande geraten, deren Boss Bae Tae-Kon (Moon Sung-Keun) einen Club betreibt und mit dem Mi-Ae liiert ist. Makdong wird Mitglied der Bande, mit dem Ziel, möglichst rasch möglichst viel Geld zu verdienen, mit dessen Hilfe er Mutters Restaurant erweitern kann, damit es dann von der ganzen Familie gemeinsam betrieben werden kann. Im Konkurrenzkampf mit einer anderen Gang übernimmt Makdong die Ermordung von deren Boss, wird aber bald darauf von Bae Tae-Kon vor den Augen Mi-Aes getötet. Einige Zeit später halten Bae Tae-Kon und die schwangere Mi-Ae auf einem Ausflug bei einem Restaurant. Während Bae bezahlt, wird Mi-Ae bewusst, dass es sich genau um das Restaurant von Makdongs Familie handelt. Sie fahren, unter den herzlichen Verbeugungen der Familie, ab.

Makdong  steckt eine Erniedrigung nach der anderen weg, und das macht seine Stärke aus, und doch schwächt es ihn jedes Mal ein bisschen mehr; aber wenn man den Film zum wiederholten Mal ansieht, und das Ende bereits kennt, geht von dieser Bitterkeit des Handlungsablaufs, die einem schier den Magen umdrehen möchte, und mit der alles auf das traurige Ende zusteuert, eine suggestive Wirkung aus, der man sich immer weniger entziehen kann. Das verdankt sich natürlich der Kunst der Schauspieler, und den Bildern, die Lee Chang-Dong daraus schöpft. Wenigstens zwei verdienen, näher betrachtet zu werden: Am Abend seiner Heimkehr sitzt Makdong erschöpft neben seiner Mutter im Zimmer.[6] Beide haben ihr Gesicht dem Zuschauer zugewandt, und das Gesicht der Mutter wird wiederholt Lächeln grotesk verzerrt, bzw. ihr ganzer Körper schüttelt von Lachen geschüttelt, während Makdong ausdruckslos in die gleiche Richtung blickt. Der Fernseher, auf den sie, wie man später aus einem anderen Blickwinkel sehen kann, blicken, ist genau dort aufgestellt, wo der Kinozuschauer sitzt, und es gelingt Lee Chang-Dong auf diese Weise, das unsäglich elendige “Drama”, das gerade im Programm läuft, mit dem der Filmhandlung zu überblenden; und  möglicherweise mit dem des Zuschauers auch, der sich hier von Makdong und seiner Mutter von der Leinwand herunter den in Blick genommen fühlen kann.

Es gibt später einen Picknickausflug der ganzen Familie, bei dem es zum Streit aller untereinander kommt. Zu diesem Zeitpunkt ist Makdongs Begehren, durch seine Arbeit die alle wieder zusammenzubringen, bekannt. Das erfasst Lee Chang-Dong, indem er, Makdong, als sich alle anderen auf die übelste Weise ankeifen, und einer seiner körperbehinderten Brüder unter dem Schock des Streits sich in ihrer Mitte windet, aufspringen und ihn im Wagen im Kreise um die Familie herumfahren lässt, dazu noch im Gegenuhrzeigersinn der Kamera. Makdong entzieht sich dem Streit und versucht, den Kreis der Familie zusammenzuhalten, indem er um sie herum seine Kreise zieht, - wie das sonst im Deutschen das Unglück tut. Und doch läuft zu diesem Zeitpunkt die Entwicklung längst gegen ihn.

Lee Chang-Dong ist ein ungemein literarischer Filmemacher. So erhält auch dieser Film seinen Titel von einer Erzählung: Makdong hat gerade seinen Mordauftrag ausgeführt, und steht noch unter dem Schock darüber, wie sehr  der Mord gerade hätte schief gehen können, weiß sich nun aber in seiner Fassungslosigkeit über seiner Tat nicht anders zu helfen, als dass er zu Hause anruft, um mit einem seiner Geschwister zu sprechen; nicht über den Mord, sondern über Kindheitserinnerungen. Bei diesem Anruf schildert er einen gemeinsamen Angelausflug, und immer wieder Chorok Mulgogi. Bekanntlich haben Fische in der koreanischen Kultur eine große symbolische Bedeutung. Chorok Mulgogi, Green Fish, gibt es aber nicht. Dieser Grüne Fisch, den man nirgends fangen kann, steht für Koreaner für Reinheit, die “Herzensreinheit der Kindheit”. Makdong kann sie für kurze Zeit im Gespräch, einsam in einer Telefonzelle, wiedererwecken, in seiner Erzählung, zu der es keinen Text gibt, und die bereits wieder verloren ist in dem Moment, in dem er den Hörer auflegt.


[1] “Geu seome gago shibda”(To the starry island) (1993), ”Jeon Tae-il” (A single spark)(1996).

[2] Z.B. “Die Sympathie der Goldfische” (Nockchonaen-n dong-eh mant-ta, deutsch: Viel Scheiße in Nockchong), 1992 ausgezeichnet mit dem Hankook-Literaturpreis; jetzt, in einer exzellenten Übertragung von Heidi Kang und Ahn Sohyun, in: “Die Sympathie der Goldfische. Neue Erzählungen aus Südkorea”, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2005, S. 107-173.

[3] A.a.O. S.111.

[4] Der Film hat meines Wissens keinen deutschen Verleihtitel.

[5]Auf die Parallelen zwischen der Bahnfahrt im Film und der U-Bahnfahrt am Beginn von “Sympathie…”, dem von außen beobachteten Albtraum, bzw. das Albtraumhafte; auch der Konstellation Makdong - Moon-Sung-Keun - Mi-Ae, bzw. Minu - Junshik - Minus Frau; zuletzt dem Verrat und dem Katzenjammer darüber, kann hier nur hingewiesen werden.

[6] Abbildung auf: http://myhome.hitel.net/~likefirs/novel/bluefish.htm


Copyright © 2005 by Friedhelm Bertulies


DaF-Szene Korea Nr. 22

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