Birke Dockhorn

Markenzeichen: Einzelschicksale im Kontext der koreanischen Geschichte.
Die künstlerische Entwicklung des Regisseurs Im Kwon-taek und seine Bedeutung für den koreanischen Film


Als ich bei den Vorbereitungen zu diesem Artikel war, fragte mich jemand: “Im Kwon-taek? Aber ist der denn überhaupt noch ein Thema in Korea, bei all den jungen Regisseuren, die zur Zeit so erfolgreich sind?”

Meine Antwort war spontan, dass ein Heft zum koreanischen Film natürlich nicht um Im Kwon-taek herum kommt. Der Altmeister des koreanischen Kinos, mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung als Regisseur und einem Werk von nahezu 100 Filmen, ist für viele junge koreanische Regisseure ein erklärtes Vorbild und wohl den meisten Koreanern ein Begriff. Aber zur Frage, ob er in Korea heute noch ein Thema sei, wollte ich es, vor allem was junge Leute angeht, doch noch genauer wissen und habe per Fragebogen ein unter meinen Studierenden gefragt. Beteiligt haben sich an den Unis, an denen ich unterrichte (an der HUFS in Seoul und in Yongin sowie an der Koryo-Universität in Jochiwon) insgesamt 58 Personen. Der größte Teil davon waren 19-27-Jährige, außerdem zwei Studierende, die 28 und 31 Jahre alt sind, und zwei Professoren im Alter von 48 und ca. 60 Jahren. Das Ergebnis ist sicher nicht besonders repräsentativ, gibt aber einige interessante Informationen, vor allem was die Meinungen zu den Filmen angeht.

Ich wollte zunächst Folgendes erfahren: Kennen Sie den Regisseur Im Kwon-taek? Wenn ja, woher kennen Sie ihn? (Durch seine Filme, aus Zeitungsartikeln, von wo woanders her (z.B. durch Erzählungen von Freunden o.a.).) An welche Filme von Im Kwon-taek denken Sie zuerst?

Unter den insgesamt 58 Fragebogenausfüllern war nur ein 19-Jähriger, der die erste Frage mit Nein beantwortet hat. Die meisten, genau genommen 45, gaben an, Im Kwon-taek durch seine Filme zu kennen, 10 kannten ihn durch Artikel über ihn, einer gab Filme und Artikel an, und einer alle drei Möglichkeiten, wobei “von woanders her” ein Freund mit Hauptfach Filmwissenschaft war.

Welche Filme verbanden nun die Befragten mit dem Namen des Regisseurs? An erster Stelle standen Ch'unhyangdyón (Die Geschichte von Chunhyang) und Sóp'yónje (Sopyonje)mit 37 bzw. 34 Nennungen, gefolgt von Ch'wihwasón (Chiwaseon) (15) und Haryu insaeng (Leben der Unterschicht) (12). Fünf dachten an Changgun-úi adúl (Der Sohn des Generals), zwei an Ch'ang (Die Prostituierte) und je einer an Taebaek sanmaek (Das Taebaek-Gebirge) und Ch'ukche (Die Feier).  Mehrfachnennungen waren möglich, und es war keine Bedingung, den Film selbst gesehen zu haben. Eigentlich wäre es auch einer genaueren Betrachtung wert gewesen, welche Assoziation zuerst ausgelöst wurde, d.h. welche Filme an erster Stelle genannt wurden, aber so war die Befragung nicht angelegt und sichere Aussagen sind daher nicht möglich. So etwas müsste eine zweite Befragung genauer klären. Zu dieser hier kann ich überblicksartig sagen, dass Ch'unhyangdyón und Sóp'yónje nicht nur am häufigsten, sondern meist auch als erstes genannt wurden, und ebenfalls bemerkenswert war, dass die fünf Nennungen von Changgun-úi adúl ausschließlich an erster Stelle und nur von Männern assoziiert wurden.

Eine weitere Frage war: Hat Ihnen dieser Film oder diese Filme gefallen? Warum oder warum nicht?

Wichtiger als die quantitative Auswertung (nicht jeder der vorher genannten Filme wurde dann auch beurteilt) waren mir hier die verbalen Urteile. Einige dieser Meinungen werde ich gleich erwähnen, wenn ich über die Filme schreibe.

Ein zweiter Teil der Frageaktion war eine vollständige Liste von Im Kwon-taeks Filmen. Die Bitte war folgende: Hier ist eine Liste mit Filmen von Im Kwon-taek. Kreuzen Sie bitte an, welche davon Sie kennen. (Ich habe den Film selbst gesehen. / Ich habe einen Artikel über den Film gelesen. / Ich habe von einem Freund etwas über den Film gehört.)

Dabei ergab sich folgendes Bild:

Ich finde es bemerkenswert, dass von den vielen Filmen, die Im Kwon-taek in seiner Laufbahn gedreht hat, immerhin noch ein Drittel irgendwie präsent ist, und das auch unter jungen Leuten (die aber zugegebenermaßen alle gebildet und belesen sind). Es sind natürlich vor allem seine neuesten Filme, die vor nicht allzu langer Zeit im Kino liefen. Aber auch Filme der 80 er und 90er Jahre tauchen hier auf, während die meisten seiner frühen Filme relativ unbekannt sind. Das hat seinen Grund, der im Zusammenhang mit der Entwicklung Im Kwon-taeks zum Regisseur und mit der Geschichte des koreanischen Kinos gesehen werden muss.

Was bedeutet Im Kwon-taek heute jungen Koreanern?

Bei den meisten gedrehten Filmen [von Im Kwon-taek] ist der Inhalt zu schwer. Weil sie einen schwierigen Verlauf haben, mag ich sie nicht. (Studentin, 21 Jahre)

Er macht überaus koreanische Filme. Er reflektiert das Empfinden der Koreaner. (Studentin, 24 Jahre)

Ich glaube, dass er ein Regisseur ist, der gut klassische Filme dreht. (Studentin, 24 Jahre)

Die Szenen [in Ch'unhyangdyón] haben mir gefallen. Dass Im Kwon-taek koreanische Filme machen möchte, gefällt mir besonders. Es ist auch gut, dass er eine Leidenschaft für Filme hat, obwohl er schon älter ist. (Studentin, 24 Jahre)

Das mit der Leidenschaft für Filme war nicht von Anfang an so. Immer wieder kann man lesen, dass er 1956 nach dem Koreakrieg eher zufällig und zunächst ohne großes Interesse zum Film kam. Es ging für ihn vor allem ums überleben, nachdem er den Koreakrieg miterlebt und sich mit Gelegenheitsarbeiten in Pusan über Wasser gehalten hatte. Im Kwon-taek stammt jedoch nicht aus Pusan, sondern wurde 1934 in der Provinz Cholla im Südwesten Koreas geboren. Seine Geburt wurde übrigens einigen Publikationen zufolge erst 1936 offiziell registriert, deshalb geben die meisten Quellen das Geburtsjahr 1936 an. In Cholla-do wuchs er auch auf. Ebenfalls immer wieder kehren die Aussagen, dass seine Herkunft aus der "Dissidenten-Provinz", seine fehlende Bildung (er hatte nicht einmal die Mittelschule abgeschlossen) und sein politisch linker Familienhintergrund ihm von Anfang an nur Nachteile brachten.

Nachdem er 1958 Regieassistent im Team des Regisseurs Jeong Chang-hwa wurde, stieg Im Kwon-taek relativ schnell selbst zum Regisseur auf. Im Goldenen Zeitalter des koreanischen Kinos, in dem das Publikum nach immer neuen Unterhaltungsfilmen verlangte, weil Kino das einzige Unterhaltungsmedium war, fehlte es an Regisseuren. Viele waren nach in der japanischen Kolonialzeit ideologisch links gewesen, ein Umstand, der ihnen nach dem Koreakrieg zum Verhängnis wurde und sie in den nördlichen Teil des Landes fliehen ließ. Als Regisseur drehte Im Kwon-taek 1962 seinen ersten eigenen Film, Tuman'gang-a chal ikkóra (Mach's gut, Tuman-Fluss). Danach folgten bis 1972 in rascher Folge anspruchslose Genre-Filme: Actionfilme, Kriegsfilme, Historienfilme, Komödien und Melodramen. Kino bedeutete damals sicheren Profit, und Im Kwon-taek selbst zufolge waren die über 50 Filme für ihn Projekte um das Handwerk zu lernen und um dafür bezahlt zu werden.

1973 drehte er mit Chapch'o (Unkraut) seinen ersten Film mit persönlichen Anspruch. Dieser Film war jedoch kein kommerzieller Erfolg und stürzte Im selbst in eine tiefe Krise. Die positiven Kritiken blieben aus, da niemand dem bisherigen B-Regisseur künstlerische Ambitionen abnehmen wollte, und beim Publikum kam er nicht gut an. Doch Im Kwon-taek, „selbst ein bisschen wie Unkraut“, machte weiter.

Ein tiefer Einschnitt für das koreanische Kino kam 1973, als erstens das Fernsehen aufkam und zweitens das koreanische Kino zentral von der Regierung aus kontrolliert wurde. Es wurden strenge Richtlinien eingeführt, nach denen Propaganda-Filme und in jeder Hinsicht moralisch korrekte, d.h. antikommunistische, Filme zu guten Filmen erklärt wurden. Produzenten, die Filme nach diesen Kriterien produzierten, wurden mit Importlizenzen für je einen ausländischen Film belohnt. Das koreanische Kino hatte an Konkurrenzkraft verloren, und es verlor sie unter diesen Bedingungen noch mehr, denn die Kriterien für moralisch korrekte Filme waren höchst zweifelhaft. In dieser neuen Periode stand Im Kwon-taek vor einer neuen Herausforderung, und seltsamerweise war diese Periode, die für andere Regisseure das Aus bedeutete, für ihn die wichtigste. Dadurch, dass nicht mehr das Publikum an den Kinokassen darüber entschied, ob ein Film ein "Qualitätsfilm" war oder nicht, konnte er endlich abseits vom kommerziellen Druck drehen und sich als eigenständiger Regisseur entwickeln. Die Wende markierte 1976 der Film Wangshimni, eine Geschichte um Freunde, die sich nach Jahren auf getrennten Wegen in eben diesem Seouler Stadtviertel treffen. Auch Filme wie Wae kúraettón'ga? (Warum?, 1975), Chokpo (Der Stammbaum, 1978) und  Kippal omnún kisu (Der Reiter ohne Flagge, 1979) waren zwar von oben abgesegnete "Qualitätsfilme", doch Im Kwon-taek gelang es, diesen Themen eine neue Perspektive zu verleihen und untersuchte menschliche Schicksale und Beweggründe vor geschichtlichen Hintergründen mit vordergründig nationalistischen Themen. In dieser Zeit begann er auch mit einer statischen Kamera zu arbeiten, die Kamerabewegungen reduzierte und eine stärkere Konzentration auf die Darstellung von Emotionen und von Metaphern für diese Emotionen möglich machte. In Chokpo beispielsweise wird die innere Stimmung der Hauptfigur, ein Koreaner, der entsprechend der offiziellen Anordnung des japanischen Generalgouvernements seinen koreanischen Namen in einen japanischen ändern soll, anhand von Motiven aus dem koreanischen Kulturgut dargestellt: Celadon-Vasen und langsam verfallende Häuser mit traditionellen Ziegeldächern unterstreichen die nationalen Standpunkte bzw. die zunehmende Mutlosigkeit des Helden.

Die 80er Jahre brachten wiederum eine Wende für die koreanische Filmindustrie und für Im Kwon-taeks Filmschaffen. Politisch wurde die Militärdiktatur Park Chung-hees durch die Militärdiktatur Chun Doo-Hwans abgelöst. Diese Regierung ermutigte die Filmemacher nun zum Streben nach internationaler Anerkennung. Sie rief Programme ins Leben, die die Untertitelung von Filmen förderte und sie so für internationale Festivals aufführbar machte. Filmen, die auf diesen Festivals ausgezeichnet wurden, winkten daheim Geldpreise. Im Kwon-taek war eigentlich der einzige talentierte Regisseur, der die vorangegangenen Zeiten relativ unbeschadet überstanden hatte und der mit seiner Version von nationalem Kino den Erwartungen in westlichen künstlerischen Filmkreisen entsprach. Filme wie Mandara (Mandala, 1981), Kilsóttúm (Gilseotteum, 1985), Ssibaji (Die Leihmutter, 1986), Adada (Adada, 1988) und Ajeaje paraaje (Komm, komm, komm höher, 1989) gewannen Preise. Seine Filme und Inhalte – Frauen als Opfer der Gesellschaft, Auswirkungen des Koreakrieges, Buddhismus - entsprachen im Ausland den Vorstellungen von koreanischen Themen, gründeten aber auch endlich seinen Ruf und seine Bekanntheit in Korea selbst. Besonders Mandara war der Film, der in Korea ein Kassenerfolg wurde und so die ära des neuen koreanischen Kinos (New Korean Cinema) einleitete.

Machten die 80er Jahre Im Kwon-taek international bekannt, so wurde er in den 90er Jahren zum Nationalhelden, weil er fortfuhr, historische Stoffe zu verfilmen und dabei seine Fähigkeit  vervollkommnete, ein ästhetisches und anschauliches Bild Koreas in der jeweiligen Zeit zu schaffen. Dabei war sein erster Film der 90er Jahre gerade kein Film, der allgemein als "künstlerisch wertvoll" galt. Changgun-úi adúl (Der Sohn des Generals) ist eigentlich ein kommerzieller Unterhaltungsfilm im Gangstermilieu, brach zu seiner Zeit, 1990, alle Kassenrekorde und wurde einer der erfolgreichsten koreanischen Filme, der auch heute noch nicht ganz aus dem Bewusstsein verschwunden ist.

Als der Film Changgun-úi adúl herauskam, war ich in der Mittelschule. Er hat die Situation dieser Zeit gut dargestellt, und weil viel Gewalt darin vorkam, hat mir der Film geholfen, den Stress abzubauen, den ich in der Pubertät und beim Lernen für die Universitätsaufnahmeprüfung hatte. (Student, 25 Jahre)

Kim Du-Hwan, von dem man sagt, er sei der Sohn eines Generals, weiß bis zum Schluss des Films nicht, dass er das wirklich ist. Es geht im Film auch gar nicht um Armee und Generäle, sondern um koreanische und japanische Banden im Seoul der 20er Jahre. Und so ist es indirekt doch wichtig, dass Du-Hwans Vater angeblich der General Kim Jwa-Jin war, ein Held der anti-japanischen Widerstandsbewegung. Du-Hwan - der am Anfang des Films aus dem Gefängnis entlassen wird und der schon in seiner schweren Kindheit als Waise mit Stolz behauptet hatte, dass er wahrscheinlich aus der berühmten Linie der Familie Kim aus Andong stamme - erwirbt sich dank seiner Kampfkünste nach und nach in der Gangsterwelt einen Ruf und steigt zum legendären koreanischen Mafia-Boss der 30er Jahre auf. Seine wichtigsten Siege erringt er gegenüber Mitgliedern japanischer Gangs, bis hin zum Höhepunkt, bei dem er fast im Alleingang in der Höhle des Löwen, d.h. gegen japanische Gangster in der überzahl in ihrem Quartier kämpft und gewinnt.

In diesem Film herrschte ein männliches Gefühl.

Das Leben des Helden Kim Du-Hwan, der seine Wut auf die japanische Kolonialzeit mit der Faust ausdrückte, war sehr attraktiv (Student, 27 Jahre)

Die Kampfszenen waren unglaublich gut anzusehen, die Darstellung der Schauspieler war ausgezeichnet. Vor allem kam das Volksbewusstsein der Koreaner zur Zeit der japanischen Kolonialzeit gut heraus. (Student, 26 Jahre)

Was den Film tatsächlich zu etwas Besonderem macht, ist die Kombination aus westlichem Gangsterfilm und östlichen Martial-Arts-Filmen. Im Kwon-taek selbst gab an, dass er herausfinden wollte, wie es wäre, wenn er mehr als 20 Jahre nach seiner Zeit als Actionfilm-Regisseur in den 60er Jahren wieder einmal einen reinen Actionfilm drehen würde, abseits vom Druck, Preise auf Filmfestspielen gewinnen zu müssen. Niemand erinnerte sich 1990 noch an ihn als  Actionfilm-Regisseur, und er fürchtete auch ein wenig diese Rückkehr zu seinen Wurzeln, denn er wollte auf der anderen Seite auch keine einfache Version eines 60er-Jahre-Actionfilms drehen. So entschied er sich dagegen, bekannte Actionschauspieler zu engagieren und drehte den Film mit unbekannten Gesichtern. Und er zeichnet – entsprechend seiner inzwischen verfeinerten Kunst, historische Themen darzustellen – ein stimmungsvolles Bild der Zeit der 20er Jahre voller Details. So wird der Film auch zum historischen Zeugnis. Frauen mit Kimonos auf den Straßen, Rikschas, Bordellszenen und ein Training in einer Judo-Schule sind nur einige dieser Details. Japanische Dialoge wurden nicht untertitelt, sondern im Filmgeschehen entweder direkt gedolmetscht oder einfach japanisch gelassen. Der Zuschauer mag sich genauso fühlen wie ein Koreaner dieser Zeit, der des Japanischen nicht mächtig ist.

Mein persönliches Lieblingsdetail war die  Aufführung eines Stummfilms mit live gelesenen Dialogen. Diese Szenen aus einem Film mit dem Titel “Kukkyóng” (Staatsgrenze) stellen den Beginn einer Flucht dar. Den Zuschauern wird erzählt, dass “es ein harter Winter war, der das koreanische Volk Hunger leiden ließ. Zwei Angehörige dieses koreanischen Volkes in der Stadt Úiju, an der Grenze zur Mandschurei, müssen vor der [japanischen] Polizei fliehen. Wie wird es mit ihnen weitergehen?” Im Kino sitzen auch zwei japanische Polizisten, die die Vorstellung überwachen. Vielleicht ist die ganze Filmvorstellung ein Hinweis auf Im Kwon-taek selbst und die Zeit, in der er “Qualitätsfilme” mit hintergründiger Handlung drehte? Die Handlung an der Grenze zur Mandschurei und die Flucht vor den japanischen Polizisten sind jedenfalls sicher kein Zufall, denn am Ende, nach seinem siegreichen Kampf gegen die japanische Gang, erfährt Du-Hwan, dass er tatsächlich der Sohn von Kim Jwa-Jin ist, der in die Mandschurei ging und von dort aus Kämpfe der anti-japanischen Unabhängigkeitsbewegung leitete. Einer der letzten Sätze des Film ist: “Der Kampf ist noch nicht vorbei, wir müssen weiterkämpfen um unsere Freiheit wiederzugewinnen.” So ist dieser Film doch mehr als ein reiner Actionfilm, er transportiert neben dem Augenmerk auf der Entwicklung einer einzelnen Person eine Ideologie und ein nationales Bewusstsein.

Ein weiterer Kassenschlager gelang Im Kwon-taek 1993 mit Sóp'yónje (Sopyonje), einem Film, dessen hoher künstlerischer Anspruch trotz seines kommerziellen Erfolgs allgemein anerkannt wurde. Was den Film so besonders macht, ist die klangliche Dimension, was von manchen Kritikern auch als vollständige Ausfüllung des gesamten Filmraums gelobt wurde.

Ein Film, der unsere Musik zum Thema macht, ich glaube, das ist ganz neu. (Studentin, 28 Jahre)

Die Musik der Koreaner wurde in die Welt geführt. (Studentin, 20 Jahre)

Ich konnte etwas über den koreanischen Gesang erfahren und es war ein beeindruckender Film.(Student, 25 Jahre)

„Sóp'yónje“ ist eine Variante des Pansori, einer koreanischen Aufführungskunst, die man vielleicht am besten mit "Erzähltheater" bezeichnen kann. Dem Publikum werden von einem Sänger, den ein anderer auf der Fasstrommel begleitet, Balladen dargeboten. In Korea selbst ging diese Kunst im Laufe der Zeit immer mehr zurück, und war in den 90er Jahren eigentlich schon fast vergessen. Der Film Sóp'yónje stellt den Niedergang des Pansori in der koreanischen Nachkriegszeit dar, indem er vom Alltag und den persönlichen Beziehungen dreier Berufsmusiker erzählt, dem Vater Yu-bong mit seiner Adoptivtochter Song-hwa und seinem Stiefsohn Dong-ho. Sie wandern durch das Land und bieten ihre Kunst auf Märkten dar. Die manchmal von unbeschwertem Gesang begleiteten Wanderungen bieten eine ideale Gelegenheit, die Schönheit und Idylle der Landschaft darzustellen. Die Natur ist dabei die Heimat, die durch die Modernisierung mehr und mehr verlorengeht, und die die jeweilige Lebenssituationen der Personen begleitet und symbolisiert .

Der Film hat am meisten das Empfinden und die Schönheit Koreas zum Ausdruck gebracht. (Student, 31 Jahre)

Sópyónje war einer der Filme, die tiefen Eindruck auf mich gemacht haben. Das Han-Gefühl, das man in einem Leben in sich tragen kann sowie dessen Darstellung mit künstlerischen Mitteln riefen bei mir einen tiefen Eindruck hervor. (Studentin, 20 Jahre)

Ich habe den Film in der Oberschule im Koreanisch-Unterricht gesehen. Er hat die koreanische traditionelle Musik und das Han-Gefühl eines Menschen gut ausgedrückt. (Studentin, 24 Jahre)

Ein bisher nicht bekannter charakteristischer Stoff wird im Film ausgedrückt, und das Han-Gefühl im Herzen der Frau wurde sehr gut geschildert. (Studentin, 24 Jahre)

Ein besonderes Augenmerk gilt dem Thema des koreanischen Han-Gefühls und der Vervollkommnung der Kunst des Gesangs. Yu-bong als Lehrer raubt Song-hwa eines Tages mit einem Trank das Augenlicht, damit sie sich ganz ihrer Kunst widmen kann. Dieses Leiden und dadurch die Anhäufung von Han im Herzen ist seiner Meinung nach die Grundvoraussetzung für ihre Ausdruckskraft.

Laut Im Kwon-taek selbst spiegelt der Erfolg des Films in einer Krise des koreanischen Kinos genau das Bedürfnis der Koreaner nach ihren so lange vernachlässigten Traditionen und Wurzeln wieder. Dieses Bedürfnis sei ihm genau in dieser Zeit zugute gekommen. Umgekehrt sorgte aber sicher auch der Film dafür, dass man sich in Korea auf diese traditionelle Kunstform besann und das Pansori wiederbelebte. Die Äußerungen der befragten Studenten zeigen genau dieses Bewusstsein für koreanische Traditionen, obwohl der Film gerade bei dieser jüngeren Generation, für die die Pflege von Traditionen wieder selbstverständlicher ist, durchaus auch auf Desinteresse stößt.

Der Inhalt war schwer und das Pansori war langweilig. (Studentin, 19 Jahre)

[Der Film hat mir gefallen] Weil es gut war, dass der Stoff koreanisch war und weil ich die Originalgeschichte mochte. (Studentin, 22 Jahre)

[Sóp'yónje] ist ein Film von Im Kwon-taek, der aus einem koreanischen Stoff gemacht wurde. Weil es ein Film war, der über Koreanisches informiert hat, habe ich ihn mit Interesse angeschaut, obwohl der Inhalt schwierig war und er auch ein bisschen langweilig war. (Student, 25 Jahre)

[Der Film ist] vor allem interessant, und das Bild und das Empfinden der Koreaner wurden gut ausgedrückt. (Student, 25 Jahre)

Ich weiß nicht viel über den Film. Wir haben den Film in der Mittelschule zusammen mit der Klasse geschaut und ich fand ihn, glaube ich, sehr langweilig. Aber ich fand es sehr gut, dass durch den Film unsere Kultur gezeigt wird. (Student, 26 Jahre)

Nein [der Film hat mir nicht gefallen]. In den Augen junger Leute ist der Inhalt langweilig. (Student, 21 Jahre)

Ich erinnere mich an Sópyónje als einen Film, der ausgezeichnet war, weil die konkrete und tatsachengetreue Darstellung des Stoffes, der mit der koreanischen 'Musik'kultur in Verbindung steht, die überdurchschnittlichen Fähigkeiten der Darsteller und der Aufbau der Story gut zusammenpassen. (Studentin, 26 Jahre)

Ging es Im Kwon-taek in Sóp'yónje um das Thema und die Philosophie des Pansori an sich, wurde es ein paar Jahre später zum erzählerischen Mittel, als er die Volkserzählung "Ch'unhyangjón" neu verfilmte. Es gab vorher schon einige Verfilmungen dieses klassischen Stoffes, neu war jedoch, sie im Stil einer Pansori-Aufführung darzustellen. Der Titel in vormoderner Schreibweise Ch'unhyangdyón (Die Geschichte von Ch'unhyang) unterstrich die besondere Note dieser Neuverfilmung noch.

[Der Film Ch'unhyangdyón] Hat mir gefallen. Es war neu für mich, den Film zusammen mit Pansori zu sehen. (Studentin, 21 Jahre)

Es war gut, dass viel Koreanisches in dem Film war. Ch'unhyangdyón hat ein ganz anderes Gefühl vermittelt, weil der Film im Einklang mit Pansori gedreht wurde. (Studentin, 20 Jahre)

Von Anfang an singt ein Sänger das "Ch'unhyangga" (Lied von Ch'unhyang), und dieser Gesang bleibt fast während des gesamten Films im Hintergrund präsent. Das muss man zugegebenermaßen mögen, aber es gibt dem Film eine sehr eigene Atmosphäre. Auf der anderen Seite füllt das Pansori Szenen, die vielleicht allein nicht überzeugend genug gewesen wären, da die Hauptdarsteller -  ganz der Erzählvorlage entsprechend - noch sehr jung waren. 

Die Szenen des Films, die sich zusammen mit Pansori entfalten, waren sehr beeindruckend. Und die beiden Hauptdarsteller haben sehr gut gespielt, obwohl sie noch neu im Geschäft waren. (Studentin, 21 Jahre)

Ja – Der Einsatz des koreanischen Pansori als Hintergrundmusik war beeindruckend. Die Schauspieler haben gut gespielt und das typisch Koreanische hervorgehoben. (Studentin, 21 Jahre)

Ch'unhyangdyon war ganz anders als die Verfilmungen der Geschichte, mit denen ich in Drama oder Fernsehen in Berührung kam, und viel uninteressanter als diese. (Studentin, 20 Jahre)

Das Bild, das die Leute von Ch'unhyang in ihrer Vorstellung haben, wurde gut gezeichnet. (Studentin, 21 Jahre)

Es herrscht in Korea eine bestimmte bildliche Vorstellung von dieser klassischen Liebesgeschichte zwischen Yi Mongnyong, dem Sohn eines Yangban aus der Oberschicht, und Ch'unhyang, der Tochter einer Kisaeng aus der Unterschicht. Dieses Bild wurde wohl vor allem durch die Erzählung selbst geprägt, aber auch durch die zahlreichen Verfilmungen des Stoffes. Im Kwon-taeks Verfilmung folgt diesen verbreiteten Bildern. Es gab auch schon vorher moderne Verfilmungen mit sehr jungen Schauspielern, die ungefähr im Alter der Helden der Geschichte waren, obwohl diese beiden besonders jung scheinen und gerade am Anfang der Bekanntschaft die Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit der beiden sehr glaubhaft darstellen, weil sie sich dabei nicht verstellen müssen (im Gegensatz zu der Herausforderung, dann ein wirkliches Liebespaar zu spielen). Wirklich wirken tut der Film jedoch durch die romantische Geschichte selbst und durch die farbenprächtige folkloristische Darstellung des Lebens der Koreaner in der Yi-Dynastie, das entsprechend idealisiert wurde und eigentlich ein bisschen wie aus dem Museum wirkt, was ihm jedoch keinen Abbruch tut.

Ich fand es gut, etwas über die traditionelle Kultur und die Bräuche Koreas zu erfahren. (Studentin, 24 Jahre)

Der Film hat mir geholfen, Dinge aus der Vergangenheit leicht verständlich zu sehen und mit der vergangenen Kultur unseres Volkes in Berührung zu kommen und dadurch das Empfinden zu verstehen. (Studentin, 24 Jahre)

Ich habe die traditionelle Stimmung und die ländliche Kultur Koreas gefühlt und war beeindruckt von der tiefen Liebe. (Student, 20 Jahre)

Gleich zu Beginn des Films reitet Myongnyong durch Dörfer, vorbei an einem Dorffest mit bäuerlicher Trommelmusik (ganz so, wie man sie heute im Folkloredorf zu sehen bekommt) und einem Wettkampf im Ringen. Weiter geht es, in die Berge, auf einem Weg voller Frühlingsblumen, und bald wird er Ch'unhyang (= "Frühlingsduft") zum ersten Mal begegnen. Die beiden werden ein Paar, heiraten heimlich und verbringen ein wunderbares Jahr zusammen, bis zu dem Tag, als Myongnyong in die Hauptstadt muss um die Beamtenprüfung abzulegen. Der Winter beginnt und Ch'unhyang bleibt allein. Das neue Jahr bringt einen neuen Statthalter, der sie zwingen will, seine Geliebte zu werden , aber wider Erwarten (von der Tochter einer Kurtisane hätte er das nicht gedacht) widersetzt sie sich und bleibt selbst unter Folterungen Myongnyong treu, bis der die Beamtenprüfung besteht, zurückkommt, mit Ausbeutung und Korruption aufräumt, Ch'unhyang offziell heiratet und damit in einen adligen Stand erhebt.

Wichtige Szenen werden immer mit ausdrucksvollem Pansori untermalt, beispielsweise als Ch'unhyang verzweifelt weint, weil Myongnyong weg muss. Die Darstellung der Natur spiegelt, wie schon in Sóp'yónje, Stimmungen wieder, und Details und Motive koreanischer Kultur - sei es der Kasten, in dem Myongnyongs Picknick mitgeführt wird, elegante weiße koreanische Vasen der Yi-Dynastie, blau-rote Laternen, eine verhüllte Frau der Oberschicht auf der Straße, Lotusblumen oder Berge im Morgennebel – wurden sorgfältig ausgewählt und in Szene gesetzt.

Ebenso stimmungsvoll ist ein dritter Film Im Kwon-taeks, in dem er koreanische traditionelle Kunstformen mit den Mitteln des Films dargestellt und verwoben hat. Wie Sóp'yónje und Ch'unhyangdyón setzt auch Ch'wihwasón (Chiwaseon) Elemente koreanischer Kulturtradition besonders in Szene. Dazu gehört eine Teezeremonie ebenso wie konfuzianische Symbolik: als die Hauptfigur Owón eine Pfingstrose und einen Pfirsich malt, erklärt ein nebenstehender Vater seinem Sohn, wofür diese Dinge stehen. Ch'wihwasón heißt eigentlich "Der Herr, der betrunken Bilder malt", und im Mittelpunkt des Films stehen Leben und Karriere des Hofmalers Owón Jang Seung-up im Korea der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Am Anfang des Films, wo in der Volkserzählung Ch'unhyangdyón die adlige Hauptfigur Yi Myongnyong durch ländliche Gegenden ritt und Volksbräuche in Aktion sah, geht der ursprünglich aus armen Verhältnissen stammende Owón zu koreanischer Hofmusik durch ein Viertel der Oberschicht. In eher zufällig wirkenden Momentaufnahmen wird dann im Rückblick sein Leben erzählt; wie er lernte, sein Talent zu nutzen und zu entwickeln, wie er zunächst Bilder nur kopierte, um dann immer mehr zu seinem Stil zu finden, immer voller Leidenschaft auf der Suche nach Vervollkommnung und Anderssein - eine subtile Parallele zu Im Kwon-taeks eigener beruflicher Entwicklung, die von den meisten Zuschauern  wahrscheinlich kaum bemerkt wird, genau wie die persönliche Beziehung zum Alkohol, in dem der Maler seine Frustrationen zu ertränken sucht, so wie es Im Kwon-taek eigenen Aussagen zufolge früher selbst jahrelang tat, bevor er künstlerisch ernsthaft an sich zu arbeiten begann.

Der Film Ch'wihwasón ist also weit mehr als nur die Darstellung einer Malerbiographie, vielschichtig wie er ist, versucht er auch, ein historisches Bild der Zeit des Malers zu zeichnen. Vor allem die Verfolgung und Hinrichtung von katholischen Missionaren und koreanischen Katholiken in dieser Zeit spielt in teilweise sehr blutigen Bildern immer wieder eine Rolle. Dem gegenüber stehen filmische Bilder, die wie gemalt wirken. Bäume im Gegenlicht aufgenommen machen den Eindruck einer bewegten Zeichnung und werden dann auch wirklich zu Bäumen auf dem Papier, das Meer bei Nacht sieht aus wie geriebene Tusche. An eine Tuschzeichnung in Schwarz-Weiß erinnert es auch, als Owón auf seiner Wanderschaft durch eine karge Landschaft im Mondschein kommt.

Die Szenen waren sehr beeindruckend, Koreas Schönheit wurde gut ausgedrückt und Choe Minsik hat auch gut gespielt (Studentin, 20 Jahre)

Es ist ein Film entstanden, der gut zum Empfinden der Koreaner passt. (Studentin, 20 Jahre)

Die Farben des Films waren schön und etwas ist anders als bei anderen Regisseuren. Er hat Charisma. (Studentin, 20 Jahre)

Sóp'yónje, Ch'unhyangdyón und Ch'wihwasón waren jedoch nicht die einzigen Filme von Im Kwon-taek in den 90er Jahren. Filme von ganz anderem Charakter sind Ch'ukche (1996), der von Ereignissen auf einer Trauerfeier erzählt, Taebaek sanmaek (1994), ein Film über den Koreakrieg. In seinem Film Ch'ang (1997) erzählt er das Leben einer 'Frau im Fenster' (ch'angnyó) und die Ausweglosigkeit ihrer Situation als Sinnbild der koreanischen Gesellschaft, die seiner Meinung nach wahre Werte erkennen soll, genau wie die Prostituierte, der die Liebe ihres langjährigen Freundes erst etwas bedeutet, als sie ernsthaft krank wird.

Sópyónje, Ch'unhyangdyón und Ch'wihwasón haben alle biographische Inhalte, aber sie haben mich nicht berührt. Der Film [Ch'ang dagegen] hat einen banalen Stoff philosophisch und mit einer Botschaft dargestellt. (Professor, 48 Jahre)

An Ch'ang knüpft der Film Haryu insaeng (Leben der Unterschicht), Im Kwon-taeks bislang letzter Film, in gewisser Weise an. Das Leben von Einzelpersonen wird auch hier dokumentarisch durch Radionachrichten zu jeweiligen aktuellen Ereignissen begleitet und darüber hinaus sichtbar in Szene gesetzt. Haryu insaeng ist aber auch in anderer Hinsicht eine Rückkehr und Weiterführung früherer Filme und Genres. Mit seiner Handlung im Gangstermilieu und mit seiner Kampfkunst-Szenen ist es kein Zufall, dass der Zuschauer sich an Changgun-úi adúl erinnert fühlt, und so ist der Film aus dem Jahr 2004 wieder einmal eine Hinwendung des Regisseurs zum Genre des Actionfilms nach Jahren der Erfahrung und Weiterentwicklung bei der Arbeit an anderen Stoffen.

Erzählt wird der Aufstieg  des jungen Mannes Choe Tae-ung im koreanischen Gangstermilieu der 50er, 60er und 70er Jahre. Wie der “Sohn des Generals” Kim Du-hwan schafft er es durch seinen Idealismus, seine kämpferischen Fähigkeiten und seine Gewaltbereitschaft sich Ansehen zu verschaffen und einen Ruf zu erwerben. Eingebettet wird das Ganze hier jedoch in größere historische Vorgänge über einen längeren Zeitraum hinweg. Durch Einblendung der jeweiligen Daten kann sich der Zuschauer gut in der Zeit orientieren, doch zwingt die Abfolge der chronologischen Ereignisse dem Film auch ein gewisses Tempo auf und man kann oft nicht so ruhig schauen wie beispielsweise in Ch'wihwasón.

Ja [der Film hat mir gefallen]. Der Film hat einen dichten Aufbau. Die meisten der anderen Filme von Im Kwon-taek scheinen so zu sein. (Student, 25 Jahre)

Im Fall von Haryu insaeng lief die Zeit zu schnell und es war schwer, den Inhalt zu verstehen. (Studentin, 21 Jahre)

Weil zuviel zu politische Szenen gezeigt wurden, war der Film langweilig. (Student, 21 Jahre)

Im Fall von Haryu insaeng ging es weniger um eine unterhaltsame Darstellung als vielmehr darum, die Tatsachen der damaligen Zeit ohne Übertreibung darzustellen. (Student, 21 Jahre)

Haryu insaeng ist ein Film, der sich wieder stärker mit Ereignissen der jüngeren koreanischen Geschichte auseinander setzt, angefangen bei politischen Manifestationen, die den Rücktritt des ersten Präsidenten Rhee Seung-man fordern, über den Militärputsch von Pak Chung-hee am 16. Mai 1961 bis in die Zeit nach der Ermordung Pak Chung-hees 1971. Tae-ung jedoch bleibt selbst nicht frei von der Korruption, gegen die er sich am Anfang so glühend eingesetzt hat. Er verändert sich mit seinem Aufstieg zunehmend negativ, und politische Verwicklungen mit dem koreanischen Geheimdienst werden gefährlich für ihn selbst und seine Familie. So wird das verachtete Leben eines Gangsters – das „Leben der unteren Klasse“, wie ein Arzt es gleichzeitig verschönernd und abwertend formulierte – zum Symbol für die Verachtungswürdigkeit der Leute aus der politischen Oberschicht, die „noch viel schlimmer als Gangster sind, weil sie so tun, als würden sie etwas aus edlen Motiven heraus für andere tun.“

Ein Bonbon des Films ist – ein weiterer Anklang an Changgun-úi adúl - die Darstellung des Films im Film, diesmal des Goldenen Zeitalters der koreanischen Filmindustrie. Anfang der 60er Jahre will Tae-ung einen anderen Beruf ergreifen, und der Beruf eines Filmproduzenten bietet sich an, weil die Filmindustrie zu dieser Zeit „sehr erfolgversprechend“ ist, auch wenn er nichts davon versteht. Schauspieler haben Doppelverträge und müssen von anderen Sets zur Aufnahme geholt werden, und das Damoklesschwert der Zensur schwebt ständig über den Produktionen. Sexszenen ohne Kleidung, so wünschenswert sie auch für den Erfolg beim Publikum sein mögen, werden gnadenlos von der Jury entfernt, ebenso die aus dem Leben gegriffene Darstellung amerikanischer Soldaten, die eine koreanische Frau schlagen. Im Kwon-taek wusste, wovon er erzählte, schließlich hatte er selbst in dieser Zeit öfter ärger mit der Zensur, und das ist wiederum eine Parallele zu seinem eigenen Leben.

Man kann das 40-jährige Werk des Regisseurs Im Kwon-taek unter vielen Aspekten betrachten. Es ist das Werk eines Regisseurs, der einen langen künstlerischen Weg hinter sich hat. Filme wie Ch'unhyangdyón, Sóp'yónje, Ch'wihwasón, Haryu insaeng, Changgun-úi adúl, Ch'ang, Taebaek sanmaek und Ch'ukche wurden sicherlich nicht nur deshalb am häufigsten genannt, weil sie seine jüngsten Werke sind. Sie sind auch seine besten und stehen am Ende einer langen Reihe von Filmen im Verlauf einer Karriere, die anfangs von so vielen Zufällen und gesellschaftlichen Zusammenhängen abhängig war. Dennoch darf Im Kwon-taek keinesfalls auf diese Filme reduziert werden. Seit er in den 1970er Jahren bewusst zum Regisseur zu reifen begann, hat er eine Reihe von bedeutenden  Filmen gedreht. Bedeutend als Zeugnisse historischer Ereignisse und als kritische Analysen der Wirklichkeit, und fast immer steht dabei das Schicksal einzelner Personen im größeren Kontext geschichtlicher Inszenierungen und Ereignisse. Dadurch wird er zu einem bedeutenden Vertreter des neuen koreanischen Kinos. Das und die überaus ästhetische Umsetzung sehr koreanischer Themen machen seine Filme schon heute zum Teil der Geschichte und eines nationalen koreanischen Kulturerbes.


Literatur


Copyright © 2005 by Birke Dockhorn


DaF-Szene Korea Nr. 22

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