Was haben Sie sich im Alter von zwanzig Jahren von der Zukunft erhofft, und wo stehen Sie heute?
Das ist der Kern des Plots, um den die Geschichte von Lee Chang-Dongs Film „Bakha Satang“ (Peppermint Candy, 2000) kreist.
Zum besseren Verständnis empfiehlt es sich, diese Geschichte erst einmal in verkehrter Reihenfolge zu erzählen.
1979 trifft der etwa zwanzigjährige Kim Yong-ho (Sol Kyung-gu) seine erste Liebe, Sun-Nim (Moon So-ri), ein Mädchen aus der Peppermint-Candy-Fabrik, bei einem Betriebsausflug am Fluss. Er stellt sich ein künftiges Leben als Fotograf vor, sie will ihn dabei unterstützen, und in der letzten Szene dieser Episode ist Yong-ho dann zu sehen, wie er sich mit großen lachenden Augen in sein zukünftiges Leben aufmacht.
1980 ist er Sun-Nims Liebhaber, muss zur Armee und dann auch gleich nach Gwangju, um den Volksaufstand niederzuschlagen, was wohl 2000 Zivilisten das Leben kostet. Er wird durch die Schüsse seiner eigenen Kameraden am Bein verletzt, was ihm lebenslang einen leicht hinkenden Gang einbringt. Dann erschießt er zitternd vor Angst und eher durch Zufall eine jugendliche Schülerin.
1984 wird Yong-ho Polizist und muss das erste Mal, wieder zitternd vor Angst, einen politischen Gefangenen foltern. Ungläubig starrt er am Ende der Tortur auf seine von Exkrementen verschmierten Hände und erfährt gleich in der nächsten Szene, in einem Restaurant, von seiner ersten Liebe, welch wunderschöne Hände er habe. Eigentlich ist Sun-Nim gekommen, um ihm eine Kamera für seine Fotografen-Zukunft zu schenken. Aber er missachtet sie, tapst dafür lasziv die Oberschenkel einer Kellnerin ab und wendet sich bald darauf einer neuen, anderen Kellnerin zu, die ihm vor dem ersten Geschlechtsverkehr sprichwörtlich ins Gebet nimmt, d.h. tatsächlich erst einmal in Gebetform bereut, was sie gleich tun werden.
1987 ist Yong-ho immer noch Polizist und foltert mit jetzt professioneller Präzision harmlose Studenten, die er kopfüber in die Toilettenschüssel steckt. Man witzelt danach im Kreis der Kollegen über die angeblichen Untermenschen. Die ehemalige Kellnerin ist seine Ehefrau geworden und schwanger. Er heult sich bei einer Bar-Dame über die verlorene Unschuld aus.
1994 ist er offensichtlich vom Polizei-Dienst entlastet, betreibt mit einem seiner Folter-Kumpanen ein erfolgreiches Business, betrügt seine Frau mit seiner Angestellten und rastet aus, als er vom Verhältnis eben seiner Frau mit einem Fahrlehrer erfährt. Auf der Toilette trifft er eines seiner Folter-Opfer und raunt dem immer noch Traumatisierten zu:„Das Leben ist schön!“
1999 liegt Big Business in Scherben. Yong-ho erfährt, dass die Frau, die er zuerst liebte, im Sterben liegt und sucht sie vergeblich. Er besorgt sich illegal einen Revolver, schießt damit durch die Windschutzscheibe seines ehemaligen, betrügerischen Business-Kompagnions und experimentiert auch mit dem eigenen Selbstmord.
1999, im gleichen Jahr, ist Yong-ho wieder zu sehen, wie er völlig verwirrt auf die Belegschaft der Peppermint-Company trifft, die an gleicher Stelle am Fluss zwanzigjähriges Jubiläum feiert. Er diskreditiert sich schnell durch sein durchgedrehtes Wesen, und die Leute sind froh, Yong-ho wieder los zu sein. Aber zu ihrem Schrecken steht er plötzlich auf der nahen Eisenbahnbrücke, den aus dem schwarzen Tunnel herausbrausenden Zug vor Augen. „Ich will wieder zurück!!!“ schreit er mit weit aufgerissenen Augen und Mund.
Allein von der historischen Spannbreite und von der glaubwürdigen Verschränkung des Einzelnen, Besonderen und Allgemeinen her kann es diese Geschichte mit Klassikern der amerikanischen Geschichtsschreibung wie Coppolas „Godfather“ oder Leones „Once upon a time in America“ aufnehmen. Sie könnte einen unterschwellig zynischen Kammerton zur Erzählung finden – und tut dies im übrigen auch in der Tat und unter anderem. Aber Lee Chang-Dong geht noch einen Schritt weiter. Die Geschichte, wie sie hier wiedergegeben worden ist, ist, wie gesagt, in verkehrt Reihenfolge nacherzählt, vom Anfang zum Ende. Lee Chang-Dong erzählt dagegen die Geschichte vom Ende zum Anfang, also von 1999 bis 1979.
Die Geschichte beginnt im realen Film mit der Jubiläumsfeier am Fluss und mit den anschließenden Sekunden vor dem Selbstmord, der mit „Ich will wieder zurück!!!“ eingeleitet wird. In der Rückwärtsbewegung des Films, im Flash-Back, wird somit fast jedes Ereignis und fast jede Person zum Rätsel, das sich erst im Lauf der Regression allmählich auflöst.
Es ist dies ein ungemein schwer zu handhabendes Kunstmittel, das nicht unbekannt und filmisch etwa in Christopher Nolans „Momento“ oder literarisch in Ambros Bierce` „An occurence at Owl Creek Bridge“ umgesetzt worden ist. Es ist das Kunstmittel der Konfusion. Die am Anfang stehende Konfusion über die Kontinuität der Geschichte löst sich in Lee Chang-Dongs Film tatsächlich auf, fordert dem Rezipienten allerdings auch hohe Konzentration und logisches wie geschichtliches Verständnis ab: der humpelnde Gang des Protagonisten erweist sich als Folge der Schussverletzung von Gwangju; der rätselhafte Nachbar vom Pissoir ist das frühere Folteropfer aus der Polizeiwache; das verzweifelte Tischgebet der betrogenen und betrügenden Ehefrau ist in dieser Chronologie ein Vorhall auf den ersten Geschlechtsakt; die breit gestreuten Erzählungen über die Unschuld der ersten Liebe führen zum Anfang/Ende des Films anno 1979.
Die der Geschichte innewohnende Tragik muss für die Biografie koreanischer Normalbürger nicht repräsentativ sein. Dennoch ist es für normale Koreaner relativ einfach, sich am Kompass des eigenen Erlebens bzw. Erinnerns in den zwanzig Jahren der verfilmten Geschichte zu orientieren. Sie fällt mit einer der spektakulärsten und blutigsten Abfolgen von Ereignissen der jüngeren Demokratisierungs-Geschichten in ehemals unterentwickelten Ländern zusammen, die nach dem Mord an Präsident Park Chung-Hee über das Gwangju-Massaker und ein nachfolgendes Jahrzehnt mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen allmählich in ruhigere, demokratischere Gestade geführt hat.
Die Glaubwürdigkeit und die damit zusammenhängenden Wiedererkennungs-Effekte bezieht „Peppermint Candy“ aus seinem inhärenten Dokumentarismus. Allein schon der Titel spielt auf eine in vergangenen Jahren allmählich verlorene koreanische Tradition an: an der Tankstelle oder im Restaurant gab es gratis ein Pfefferminz-Bonbon extra. Für die historische Glaubwürdigkeit steht der durch diesen Film zum koreanischen Superstar gewordene Hauptdarsteller Sol Kyung-gu, der die von Kosmetik, Haarstil und körperlichem Gewicht unterstützte physische Hülle beim Übergang eines naiven Zwanzigjährigen über den immer zynischer werdenden Dreißiger bis zum vierzigjährigen Selbstmörder zum psychischen Leben erweckt. Der Bühnenbau, die vielen liebevoll aus vergangenen Zeiten zusammengesuchten Accessoires, Kulissen und Dingsymbole tun ein übriges. Hervorzuheben sind die eher überflüssig erscheinenden, nebensächlichen Kamera-Einstellungen – wenn etwa vom irrsinnig im Fluss planschenden Yong-ho über die vom Planschen ausgelösten Schlammwellen zur Widerspiegelung der Brücke übergeleitet wird, auf der er sich letztendlich umbringen wird, oder wenn der Scheibenwischer das Wasser von der Auto-Frontscheibe wegpeitscht und dieses Peitschen im Einstellungstakt dem rabiaten Fortgang der Zeit gleichkommt. Gewöhnlich kann man sich am Drehbuch-Reißbrett Szenen wie diese nicht ausdenken.
Zuschauer aus Kulturen, denen der Kompass durch die letzten fünfundzwanzig Jahre höchst spektakulärer koreanischer Geschichte nicht zur Verfügung steht, werden womöglich etwas im Nebel stochern. Als Radar, der die hinter dem Nebel liegenden Konturen erahnen lässt, eignet sich „Peppermint Candy“ bestens. Zu den kostbarsten Preziosen, die das koreanische Kino in den letzten Jahren zu bieten hatte, zählt der Film ohnehin.
Regisseur Lee Chang-Dong selbst ist das extreme Gegenbild zum Haupthelden des Films. Kim Yong-ho wird im Film unaufhaltsam immer tiefer ins Verderben gezogen. Lee Chang-Dongs Weg ging dagegen ebenso unaufhaltsam himmelhoch zu den Sternen. Ursprünglich ein Koreanisch-Lehrer, arbeitete er schon immer an seinem Traum, Schriftsteller zu werden. Mit dem Roman “Die Sympathie der Goldfische” (dt. 2005) löste er diesen Traum endgültig ein und gewann damit den Hankook Ilbo-Literaturpreis, der höchste Preis, der in Korea zu vergeben ist. In der Folge wandte er sich mehr dem Schreiben von Drehbüchern zu, etwa für Park Kwang-Soos „Ku Some Kagosipda“ (Zur Sterneninsel, 1993). Ab Mitte der 90er reifte der Plan, es selbst mit Filmregie zu versuchen. Er hatte keinerlei praktische Ausbildung und Erfahrung, nur das taiwanesische Kino, insbesondere Hou Hsiao-hsien oder seinen theatererfahrener Bruder, die ihm als Vorbild dienten. Der erste Film, „Green fish“ (1997), ein sozial-dokumentarischer Gangster-Film, war schon ein Kritiker-Erfolg und brachte auch sein Geld an der Kino-Kasse ein. „Peppermint Candy“ wurde dann auch international mit besten Kritiken überhäuft und brachte es allein in Seoul auf über 300000 Zuschauer. Sein bislang letzter und dritter Film „Oasis“ (2002), ein Film über die Liebe eines ehemaligen Sträflings zu einer spastisch behinderten Frau, brachte ihm beim Filmfestival von Venedig dann nicht weniger als den Preis für die beste Regie (und seiner Hauptdarstellerin den Preis für die beste weibliche Hauptdarstellerin) ein. Wer jetzt meint, dass diese beispiellose Karriere nicht mehr zu überbieten sei, der werfe einen Blick auf die Jahre 2003 bis 2004. In dieser Zeit konnte man in koreanischen Zeitungen nicht nur Würdigungen eines mittlerweile international berühmten Regisseur lesen, sondern ebenfalls Debatten über die neuesten Entscheidungen des Ministers für Kultur und Tourismus, eben Lee Chang-Dong. Diese Entscheidungen hatten übrigens auch mit der Quotierung ausländischer Filme zu tun, für die sich Lee Chang-Dong seit je eingesetzt hat.
Die beispiellose Karriere zeigt, welche Wertschätzung der Film heute in Korea genießt. In Deutschland wäre das so, als ob Wim Wenders der neue Staatsminister für Kultus geworden wäre.
Copyright © 2005 by Reinhold Rauh