Wer hin und wieder etwas über die Vorbereitung des koreanischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse erfahren hatte, blickte nicht ohne Bangen aufs Ereignis voraus: Würde, angesichts organisatorischer Verschiebungen bis zum letzten Moment vor der Eröffnung, der Ablauf klappen? Mit ganz wenigen Einschränkungen war nach fünf Tagen Messe die Frage mit Ja zu beantworten. Zwar fehlten, nicht unerwartet, die nordkoreanischen Autoren (Politik) und einmal auch, des Vormittags, ein Südkoreaner (Alkohol). Doch was es sonst noch an Reibungspunkten gab, war fürs Publikum kaum zu bemerken.
Und das Publikum kam zahlreich. Zumal die Bücher-Ausstellung und die Lesungen in der zentralen Gastlandhalle waren durchgehend gut besucht, am Samstag sogar überfüllt. Bei manchem Kommen und Gehen herrschte doch konzentriertes Zuhören vor, gerade wenn koreanische Autoren minutenlang auf Koreanisch lasen. Selbst den Sprachunkundigen vermittelte sich im Vergleich zur deutschen Fassung dabei der Verlust, den die Übersetzung zuweilen bedeutet. Rhythmisch gespannte Verse waren in schleppende Prosa verwandelt. Dank der Entscheidung der Veranstalter, deutsche Schauspieler und nicht, wie zunächst geplant, deutsche Autoren mit der Lesung der Übersetzung zu beauftragen, gewannen manchmal aber auch schwächere deutsche Fassungen einen Glanz, den sie bei stiller Lektüre nicht ausstrahlen.
Leider war das aufs Gastland Bezogene nicht auf jene Halle konzentriert. Die Stände der Verlage Pendragon und Edition Peperkorn, die einen Großteil der übersetzen koreanischen Literatur im Programm haben, lagen erstens weitab und zweitens voneinander getrennt. Zudem gab es noch einen zweiten Ort für Lesungen auf der Buchmesse, in der Halle für internationale Verlage. Nur wenige Besucher kämpften sich durch fremdsprachige Ausstellungen zum Veranstaltungsraum vor. Selbst bei einer wichtigen und leicht zugänglichen Autorin wie Yang Guija blieben dort Sitzgelegenheiten frei.
Korea auf der Frankfurter Buchmesse beschränkte sich nicht aufs Messegelände. Abends fanden Lesungen vor allem an etablierten Veranstaltungsorten wie dem Frankfurter Literaturhaus und im Mousonturm statt, die meist gut besucht waren. Nur gut halb gefüllt war der Kleine Saal des Frankfurter Schauspiels bei einer koreanischsprachigen Aufführung mit deutschen übertiteln (Yoon Young-Soon, „Reise“). Doch waren die Gekommenen begeistert.
Umstritten, natürlich, war und bleibt die Auswahl der Autoren. Zwölf waren mit Portrait und Lebenslauf in der Halle des Gastlands hervorgehoben, und unter ihnen war die 1947 geborene Oh Jung-Hee die jüngste. Das mag dadurch zu erklären sein, dass sich unter den älteren leichter entscheiden lässt, wer vorläufig zum Kanon gehört, und das Hauen und Stechen unter dem Nachwuchs eher noch blutiger verliefe. Doch kann man darüber streiten, ob die zentrale Rolle, die zwei ältere Autoren spielten, klug geplant war. Zwar sind Ko Un mit einem bei Suhrkamp wieder aufgelegten Gedichtband und Hwang Sok-Young mit zwei Büchern bei dtv bei renommierten Verlagen untergekommen und genießen sie so einen Vorteil. Ko konnte zudem mit seinem ungemein lebendigen Auftreten deutsche Journalisten faszinieren. Doch bleiben auf Dauer nur seine Werke, die Gedichte sind, damit schwer übersetzbar und in einer Gattung verfasst, die deutsche Leser heute kaum mehr interessiert. Jüngere Autoren und besonders Autorinnen, die bei Lesungen stark vertreten waren, haben auf Dauer wohl bessere Chancen. Das kann man bedauern: Helga Picht verwies im „Neuen Deutschland“ darauf, wie viel die Jüngeren literarisch und gesellschaftlich ihren literaturgeschichtlich wichtigen Vorgängern zu verdanken haben. Ihre Klage über die aus ihrer Sicht zu starke Repräsentanz der Jungen verfehlt allerdings die vielleicht bittere Tatsache, dass Übersetzungen keiner historischen Gerechtigkeit dienen, sondern potentiellen Lesern, die Bücher erwarten, die sie für ihre Bildung und ihr Leben nutzen können.
Literatur und Theater waren nicht die einzigen Künste, die in Frankfurt ein Bild von Korea vermittelten. Bereits vor der Buchmesse waren das Pansori Sim Tjong, ein Konzert mit moderner koreanischer Musik und eines mit Hofmusik zu hören. Ein Filmprogramm begann Anfang Oktober und zog sich bis in den November, in den Buchmessentagen mit einem Schwerpunkt für den daheim nicht gar so beliebten Kim Ki-Duk. Mediengeschichtliche Demonstrationen vom traditionellen Buchdruck mit Hangul-Lettern über die aktuelle Buchproduktion bis hin zu neuen Formen elektronischer Speicherung ergänzten das Programm.
Viele zusätzliche Lesungen fanden im hessischen Umland statt. Die Resonanz soll gut gewesen sein, eine Marburger Veranstaltung am Sonntag vor der Messe stützt das Gerücht. Die Auslagen der Buchhandlungen wurden davon, wie Stichproben in Marburg und Gießen vermuten lassen, nur wenig beeinflusst.
Überhaupt schien die Wirkung auf Frankfurter Medien und den Hessischen Rundfunk größer als auf überregionale Organe, die jedoch auch Korea durchaus Beachtung widmeten. Der Tenor der Berichterstattung war dabei fast stets positiv; dass ein Kritiker im Radio von mehreren Erzählungen einer Sammlung einen Text in deutlichem Ton abqualifizierte, war die Ausnahme. Angesichts der Qualität mancher Übersetzungen ist das ein schlechtes Zeichen – deutet es doch an, dass das Lob nicht auf literarischem Wert gründet, sondern auf einem grundsätzlichen Wohlwollen, das sich bei nächster Gelegenheit ein anderes Objekt sucht.
Hier wurde von deutscher Seite, in aller Freundlichkeit, eine Chance zur kritischen Auseinandersetzung vertan, die der weiteren Beschäftigung mit koreanischer Literatur wohl eher genutzt hätte.
Chancen wurden zuweilen auch durch eine mangelhafte Vorbereitung vergeben. Die Moderatorin, die erkennbar die Erzählung nicht gelesen hatte, um die es ging, und die sich mit Fragen à la: „Hatten Sie eine schwere Kindheit?“ Über die Zeit zu retten versuchte, war zwar negative Ausnahme, bezeichnet in ihrem Extrem jedoch die Arbeitshaltung mancher Deutscher, die der Überforderung mancher Dolmetscher entspricht. Lehrreich war der Blick auf den koreanischen Autor, der minutenlang etwas erklärt hatte und nach den zwei Sätzen Kurzversion, auf die die Übersetzerin seine Gedanken eindampfte, mit Körperhaltung und Augen zu fragen schien: „Wars das schon?“ War es natürlich nicht und zeigte so, dass hier noch Ausbildungsbedarf besteht. Ist ein Großereignis wie die Frankfurter Messe auch eine Ausnahme, so gibt es doch vielfältige Kontakte zwischen Deutschland und Korea, die durch den Glauben, die Leute hier wie dort sprächen und verständen brauchbares Englisch, eher behindert werden. In diesem Zusammenhang ist aus Lektorensicht eine gewisse Irritation angebracht, dass nicht alle koreanischen Hilfskräfte auf der Messe Deutsch konnten.
Den generellen Erfolg der Veranstaltung schmälert all das freilich kaum. Korea und vor allem koreanische Literatur konnten in Deutschland viel Sympathie auf sich ziehen. Im Vergleich etwa zum koreanischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover fiel positiv auf, dass alles Grelle und Laute fehlte und nationales Selbstlob nicht zu finden war. Viele der älteren Autoren, die in Frankfurt auftraten, waren früher als Kritiker der Militärdiktatur verfolgt; die jüngeren zeichnen Entfremdungserscheinungen in der modernen städtischen Welt mit scharfem Blick nach. Gerade der selbstkritische Blick überzeugt im Ausland mehr als Prahlen und Protz.
Klugerweise haben die koreanischen Veranstalter gesehen, dass eine Konzentration auf die fünf Tage der Messe nicht ausreicht. Monate vor dem Frankfurter Ereignis begannen die ersten Lesereisen und flogen die ersten Feuilletonisten aus wichtigen deutschen Medien nach Korea, um sich über das hiesige literarische Leben zu orientieren. So wie die Vorbereitung zum Erfolg beigetragen hat, so ist auch eine Nachbereitung nötig. Das Interesse, das einmal geweckt ist, kann schnell erlahmen, wenn andere Themen sich in den Vordergrund drängen. Daher erscheint es sinnvoll, künftig nicht nur Übersetzungen zu fördern, sondern Veranstaltungen in Deutschland: Lesungen, Diskussionen, die das Interesse an koreanischer Literatur und Kultur wach halten. So kann sich in Deutschland allmählich eine Aufmerksamkeit für Korea stabilisieren, die umgekehrt der Germanistik in Korea zugute kommt.
Copyright © 2005 by Kai Köhler