Sigrid Gaffal

Düstere Prophezeiungen.
Kim Dae-Seung: Blood rain


Eine Insel, fern vom Festland, ein Tag gegen Ende der Joseon-Dynastie, wie er zwei Mal im Jahr vorkommt. Ein Schiff wird mit Papier, dem feinsten, das in der Papiermühle nach einem streng geheim gehaltenen Verfahren hergestellt wird, beladen, dem Tribut für den Königshof. Gleichzeitig bereitet die Schamanin der Insel einen Gutt (hier ein Ritual für eine unproblematische überfahrt) vor. Atmosphärisch dicht werden die Seeleute, Arbeiter und Inselbewohner gezeigt. Aber schon der Vorspann lässt erahnen, dass Unheil droht: Eine junge Frau, auf der Flucht durch einen Bambuswald, dann von den Verfolgern eingeholt, stirbt im Meer. Der unheilvolle Verlauf lässt nicht sehr lange auf sich warten: Während des Rituals wird die Schamanin von dem Geist des früheren Papiermühlenbesitzers Kang besessen, der die Bewohner verflucht und wohl besonders Kim Chi-song, einen Angehörigen der herrschenden Yangban-Klasse.

Als dann noch das Frachtschiff mit der Tributladung in Flammen steht, beginnt die eigentliche Geschichte. Beamte kommen auf der Insel an, um die Vorgänge aufzuklären. Ab diesem Zeitpunkt wird Kim Dae-seungs Film „Blood Rain“ (Hyeol-ui nu, 2005) in Tage untergliedert. An jedem Tag geschieht ein Mord, jedes Mal auf eine andere Art und Weise, korrespondierend mit Hinrichtungen, die sieben Jahre vorher auf der Insel stattfanden. Es sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass diese Morde sehr explizit gezeigt werden und viel Blut fließt.

Der frühere Mühlenbesitzer Kang war einer Konspiration zum Opfer gefallen und als angeblicher Katholik - es war die Zeit, in der Katholiken gnadenlos verfolgt wurden – angeklagt. Seine ganze Familie und er wurden an fünf Tagen, jeder Tag ein Familienmitglied, auf eine jeweils andere Art und Weise grausam exekutiert. Kang hatte eine Mühle, die exzellente Papierprodukte herstellte und Beziehungen, die ihm den Handel mit China erleichterten. Dass er als einfacher Mann Ansehen und einen gewissen Reichtum erlangte, erregte Neid. Nur so lässt sich erklären, dass der Yangban Kim Chi-song und viele der Bewohner, die Schulden (wenn auch zu für sie erträglichen Konditionen) bei Kang hatten, nichts gegen die falschen Anklagen und auch nichts gegen die Hinrichtungen unternehmen. Diese Vorgänge gehen auf historische Tatsachen zurück. 1801 fanden Verfolgungen von Katholiken aufgrund eines königlichen Ediktes statt und einige der überlebenden wurden wenige Jahre später aufgrund ihres Reichtums aus Neid denunziert und ermordet. 

Besonders der Beamte Yi Won-gyu arbeitet bei den Ermittlungen mit modernen Methoden, ihm zur Seite sein Vorgesetzter, der aus seiner Erfahrung kombinieren kann, aber Yi auch zur Eile antreibt. Fälschlicherweise Verdächtigte werden verhaftet, Erkundigungen müssen vom Festland eingeholt werden, bevor sich der Verdacht verdichtet. Aber die Ermittler sind nicht einem normalen Verbrecher auf der Spur. Der Mord an der jungen Frau zu Anfang des Films hat alle weiteren Morde ausgelöst. Die Vergangenheit holt die Gegenwart ein und auch Yi Won-gyu muss sich ihr stellen.

„Blood rain“ führt vor, was passieren kann, wenn Standesdünkel, Neid, Ambition, Gier und Hass sich zusammenschließen und voneinander zu profitieren suchen. Aber besonders Leidenschaft und romantische Liebe und deren Unerfülltheit sind Auslöser für die tragischen Ereignisse in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Diese wären nicht denkbar ohne die doppelten Standards in der vom Konfuzianismus tief geprägten Gesellschaft. Auf die Frage an Kim In-kwon, den Sohn Kim Chi-songs, der für seinen Vater die Papiermühle verwaltet, warum er mit seinen Fähigkeiten kein Amt am königlichen Hofe anstrebe, antwortet er, dass er lieber nichts mit dem Schmutz der Welt zu tun haben wolle. Möglicherweise ist das eine Reaktion auf die Beteiligung seines profitgierigen Vaters, aber auch Besorgnis um das Leben der Inselbewohner und  Wut auf Leute (wie den bürgerlichen Kang), die gegen die göttliche Hierarchieordnung verstoßen haben – in seinen Augen schlimmer als alles andere. Auf Grund der schrecklichen Vorkommnisse ist Reinheit, Lauterkeit, ein Leben nach Idealen wohl nur möglich in Zurückgezogenheit.

Obwohl in einem historischen Ambiente nach klassischer, westlicher Suspense-Methode gestrickt – nichts und niemand ist, was oder wer sie/er zu sein scheint, der Verdacht wird, um die Spannung aufrecht zu erhalten, auf die Falschen gelenkt –, ist es doch ein Film, der trotz einiger Unklarheiten, Verwirrungsmomente und überfrachteten Symbolismen – etwa die Wunde am Arm, die geplant verursacht wurde, die erneut aufbricht und dann endlich heilen darf – einen Eindruck von gewissen Denkweisen in der Joseon-Dynastie geben kann. So zum Beispiel die „aufgeklärte“ Denkweise der (an klassischen chinesischen Texten) geschulten Konfuzianer, die mit dem "Aberglauben" der einfachen Bewohner in Kontrast gesetzt wird. Oder auch die Verachtung des Yangban gegen Aufsteiger aus niedrigeren Schichten. Oder die Zwiespältigkeit von Yi Won-gyus Vater, der dem Sohn als tugendhaftes Vorbild galt, aber aus Ambition alles verraten hat. Rache folgt.

Am Ende haben die Beamten den Fall zwar gelöst, aber nichts ist mehr so auf der Insel, wie es einmal war. Nur die Natur, in schönen Landschaftsaufnahmen gezeigt, bleibt bestehen.


Copyright © 2005 by Sigrid Gaffal


DaF-Szene Korea Nr. 22

Back Home