Wenn ich Kollegen und auch Koreaner selbst frage, wie sie die Studenten im ersten Semester einschätzen, so klingt das zusammengefasst oft so: Na ja, gerade im ersten Jahr studieren sie eigentlich nicht sehr fleißig. Sie hängen rum, trinken und genießen ihr Leben. Daran ist schon etwas Wahres, auch wenn man natürlich keinesfalls alle Studenten im ersten Semester über diesen Kamm scheren sollte. Vielleicht mag ein Blick auf den Bildungsweg bis zur Uni helfen, dieses Verhalten, wenn auch nicht zu akzeptieren, zumindest in einem anderen Licht zu sehen.
Der Konkurrenzkampf um die besten Plätze im gesellschaftlichen Ansehen - resultierend aus dem Abschluss an den besten Unis - beginnt früh. Der Grundstein wird oft schon im Kindergarten gelegt, in den allerdings nicht alle Kinder gehen. Neben Spiel und Spaß als Hauptbeschäftigung wird dort auch bereits auf die Erziehung in der Grundschule hingearbeitet, indem die Kinder in ersten Ansätzen Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Manche Kindergärten engagieren auch Lehrer für die ersten spielerischen Englischstunden, der Sprache, die in Korea als so wichtig für berufliches Fortkommen gilt und für deren Erlernen alle Mühen auf sich genommen werden - Mühen, die bei manchen mehr und bei vielen weniger von Erfolg gekrönt sind.
Ansonsten schicken Eltern, deren Kinder nicht in den Kindergarten gehen, ihre Kinder meist in eines der zahlreichen Hagwons (private Bildungsinstitute), dort können sie vor allem Dinge wie Malen und Klavierspielen, aber natürlich ebenfalls Englisch lernen.
In der Grundschule setzen dann nach einigen kreativen Einstiegswochen oft schon Uniformität und Kontrollen ein, wenn auch Berichten zufolge noch nicht in dem Maße wie in späteren Schuljahren. Es werden soziale Kompetenzen gefördert, und das Konkurrenzdenken geht wohl vor allem von den Eltern aus, die sich wünschen, dass ihre Sprösslinge bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Preise und Auszeichnungen zu erringen, die sie aus der breiten Masse herausheben und zeigen, dass sie besser sind als andere.
Nach sechs Jahren Grundschule und drei Jahren Mittelschule beginnt die dreijährige Oberschulzeit.
Das ist die unumstritten wichtigste und schwierigste Zeit für die Schüler, weil es gilt, die Akademische Eignungsprüfung[1] zu schaffen. Das ist das eigentliche Ziel, denn das Ergebnis dieser Prüfung macht unter den Aufnahmekriterien an einer Universität bisher mehr als die Hälfte aus. Weitere Kriterien sind die Noten der Oberschule sowie andere Bonuspunkte wie die Teilnahme an außerschulischen Wettbewerben und Tests. (Diese gelten jedoch nur dann für die Aufnahme an der Uni, wenn sie im gleichen Fach errungen werden, für das die Schüler sich dann bewerben wollen.) Die endgültige Entscheidung fällt die Uni dann durch persönliche Gespräche. [2]
Vom frühen Morgen bis zum späten Abend sind Oberschüler also an Schule und Hagwon unterwegs, um den Stoff direkt oder per Nachhilfe aufzunehmen. Spezialschulen wie Fremdsprachen- oder naturwissenschaftliche Oberschulen bilden keine Ausnahme in der Gestaltung des schulischen Tagesablaufs, abgesehen vielleicht davon, dass die Schüler oft nicht in Schule und diversen Hagwons, sondern in der Schule selbst von früh bis spät betreut werden. Der Druck auf die Schüler und der Konkurrenzkampf um gute Noten ist eventuell sogar noch stärker als in einer normalen Oberschule.
Die meisten Studenten, die nach all diesen langen, schweren Schuljahren dann endlich an der Uni angekommen sind, gönnen sich erst einmal eine Atempause, bevor sie schon wieder anfangen, sich Sorgen um den Einstieg ins Berufsleben zu machen. Das Bewerbungsverfahren sieht nämlich meist ebenfalls zunächst eine Prüfung vor, bevor die persönlichen Bewerbungsunterlagen und ein Gespräch mit dem Kandidaten überhaupt in Betracht gezogen werden. Es ist eben wie überall und hier in Korea im Besonderen: Die Konkurrenz schläft nicht. Wenn sie das doch tut, dann höchstens einmal kurz - bei den Studenten im ersten Studienjahr.
(Viele Informationen stammen aus: Bildung in Korea. Daf-Szene Korea Nr. 18, November 2003. Dort findet der Interessierte auch genauere Ausführungen zu den einzelnen Stufen des Bildungssystems sowie zur Akademischen Eignungsprüfung.)
[1] Der deutsche Ausdruck für den koreanischen Terminus Suhak neungryeok siheom (wörtl.: Studium-Fähigkeiten-Prüfung) verlangt immer irgendwie nach einer Anmerkung, weil er von verschiedenen Autoren unterschiedlich wiedergegeben wird. Mit "Akademische Eignungsprüfung” übernehme ich den Ausdruck von Edeltrud Kim aus der DaF-Szene 18.
[2] Im Moment wird eine Änderung dieses Aufnahmesystems diskutiert. Es gibt verschiedene Vorstellungen des Erziehungsministeriums und der wichtigen Universitäten, unter anderem die, das persönliche Gespräch und die Noten der Oberschule insgesamt mehr zu betonen. Die Eignungsprüfung selbst soll weniger stark gewichtet bzw. eventuell sogar nur als Qualifikation für ein persönliches Gespräch angesehen werden.
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