Andrea König

Das Wandern ist nicht nur des deutschen Müllers Lust


Auch für Koreaner ist das Wandern eine regelmäßig gern betriebene Freizeitbeschäftigung.

Es gibt in Korea viele Nationalparks. Man bekommt für einen kleinen Obolus eine hübsche Eintrittskarte - und jede Menge wunderschöner Aussichten geboten.

Man sollte also ruhig die Wanderschuhe einpacken, wenn man sich eine Weile in Korea aufzuhalten gedenkt. Und selbst für den kürzesten Aufenthalt hier sollte Zeit für eine Wanderung sein.

Korea ist ein hügeliges Land. Wohin man schaut, ziehen sich Ketten überdimensionaler Maulwurfshügel bis zum Horizont. Die grünen Hügel prägen auch das Stadtbild von Seoul. Die innerstädtischen Hügel erklimmt man mal eben bei einem Nachmittagspaziergang inmitten hunderter Spaziergänger, Familien und sportiver Koreaner jenseits der 50. Die größeren Berge außerhalb Seouls sind da schon anspruchsvoller. Es liegt in der Natur der Dinge, dass es beim Bewandern von Bergen ständig bergauf und bergab geht. Aber als im Harz Großgewordene muss ich sagen, dass das hiesige Wandern sich vom heimischen arg unterscheidet. Hier ist es eine schweißtreibende, anstrengende Angelegenheit, man muss bei der Sache und gut in Form sein, gedankenverlorenes Dahinschlendern und Abschalten gibt es selten. Vielmehr hat man es oft mit felsigen Passagen zu tun. Man muss sich dort gelegentlich an Hanfseilen und Stahltrossen entlanghangeln oder wahre Treppenungetüme bewältigen. Außerdem drängen sich manchmal einfach zu viele Wanderer auf den Wegen, da kann man gar nicht abschalten.

Was aber macht das Spezielle am Wandern in Korea aus? Nicht die Berge, nicht die Aussicht, nein, diese Wanderer. Während man die jüngeren Seouliter am Wochenende eher in den zahllosen Shoppingmeilen der Metropole findet, zieht es die gesundheitsbewussten Koreaner jenseits der 30 raus, vor die Tore der Stadt, rein in die Natur, rauf auf die Hügel.

Drei Faktoren bestimmen die Atmosphäre:

Der Koreaner ist ein Gruppenmensch. Das heißt Individualwanderer sind eindeutig in der Minderheit, stattdessen Horden und Pulks, wo man geht und steht.

Zweitens: Wandern ist Sport. Nicht in erster Linie des Genießens und des Schauens wegen bricht der Koreaner auf. "Schnelles Gipfelstürmen" scheint die Wandergewohnheiten besser zu beschreiben.

Und: Auf das richtige Outfit wird großer Wert gelegt.

Es dominiert ein gewisser Einheitslook in schwarz und rot. Von Kopf bis Fuß ist das koreanische Wandervolk gut gestylt. Ein beeindruckendes Repertoire an Zubehör fahren die Koreaner auf : Brillen, Handschuhe, Rucksack, Schweißtuch, Gürtel, Taschenlampen, Sitzkissen, Wanderstöcke, diverse Kopfbedeckungen, jahreszeitlich bedingte Sonderausstattungen wie winterliche Steigeisen für vereiste Wanderwege, frühsommerliche Gesichtsmasken für Tage mit Gobiwüstenwinden und hochsommerliche Regenausrüstung. Ganz zu schweigen von den Picknick-Utensilien. Zu den koreanischen Wanderriten zählt nämlich das Picknick auf oder zumindest am Gipfel. Da ist alles dabei! Die Thermoskanne für warm und kalt, stapelbare Schüsselsets, auf ein Minimum schrumpfbares Besteckset, der Kocher, der Topfhalter. Alles ist garantiert wasser-, stoß- und reißfest, höhen- und tiefentauglich und wetterbeständig.

Neben den weltweit gängigen Kopfbedeckungen wie Baseballcap und Rangerhut findet sich hier für die Frauen ein besonderer Sonnenschutz. Wie ein Schwarm Schnabeltiere sehen sie aus mit ihren tief vors Gesicht gezogenen Schirmmützen. Tatsächlich mehr Schirm als Mütze.

Das hiesige Wandern lässt sich aber auch akustisch beschreiben.

Ein Wanderausflug in Korea kann mit verschiedenen Klangerlebnissen verbunden werden. Zum Beispiel die lautstarken "JAHUU"-Rufe. Denn wenn der Berg erst einmal erstiegen, gilt es, das auch der Welt zu verkünden! Vielleicht ist es aber auch eine Form von Schreitherapie. Jedenfalls kann es im Land der Morgenstille sehr laut sein, gerade auch in der Natur. Zum Glück nur vereinzelt trifft man Wanderer, die ein urtümlich anmutendes, quäkendes Mini-Radiogerät am Rucksack hängen haben, als gäbe es im Land der Hightech-Fanatiker keine besseren Geräte - wenn es denn überhaupt sein muss. Ein anderes verwunderliches Klangobjekt: Glöckchen am Rucksack. Wer’s mag. Ich käme mir wie die Miniversion einer Allgäukuh vor.

Vogelzwitschern und den Wind im Laub rascheln hören werden also leider unter Umständen künstlich überschallt.

Will man in stiller Einsamkeit der Wanderlust frönen, muss man in der Woche losziehen und am besten den Großraum Seoul weiträumig vermeiden.

Wer nicht allein wandern will, sollte sich einem Wanderverein anschließen. Derer gibt es viele. Im Internet findet man unter den Suchbegriffen hiking und korea so viele Links, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen müsste, nichts passendes für sich zu finden. Ich bin Mitglied im Seoul Hiking Club (www.hikingkorea.com). Der hat an die hundert Mitglieder, die aber nicht alle allsamstäglich aktiv sind. Stattdessen ziehen ca. 10 (+/- 5) Leute samstags zusammen los. Sie sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die eine Hälfte machen Koreaner aus, die andere ist ein international gemischtes Völkchen. Der Chef, ein Koreaner, organisiert die Wanderungen. Man trifft sich an einem bestimmten U-Bahnhof, bezahlt einen geringen Tagessatz und dann geht's mit Bus und Bahn in die Berge. Zur Tradition unseres Klubs gehört das Dongdongju-Trinken nach der Wanderung. Wir kehren in eins der ungezählten kleinen koreanischen Restaurants am Fuße der Wandergebiete ein. So kann man gleich auch Ess- und Trinkkultur kennen lernen.

Will man Korea und die Koreaner verstehen, ist das Wandern eine gute Gelegenheit, Land und Leuten näher zu kommen. Also: Wanderschuhe nicht vergessen!


Copyright © 2005 by Andrea König


DaF-Szene Korea Nr. 21

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