Eigentlich gibt es keinen Grund, in Südkorea ein eigenes Auto zu besitzen, insbesondere wenn man als Lektor in Seoul arbeitet. Die in der Hauptstadt lebenden Koreaner benutzen ihr oft teures Fahrzeug als Beleg dafür, dass sie es sich leisten konnten, nicht aber um sich fortzubewegen, denn dies ginge manchmal schneller zu Fuß, allemal aber mit der U-Bahn (ich übertreibe natürlich; außerhalb der rush hour kommt man auch in und um Seoul gut voran).
Eigentlich gibt es aber selbst dann keinen Grund, ein eigenes Auto zu besitzen, wenn man wie ich in der Provinz (d.h. überall außerhalb Seouls) lebt. Südkorea bietet dem nicht privat motorisierten Verkehrsteilnehmer diverse Möglichkeiten, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Im Vergleich mit Deutschland sind diese meist nicht weniger komfortabel und zugleich deutlich günstiger.
Als erstes wäre an dieser Stelle die Bahn aufzuführen, genauer gesagt: die Korean National Railroad (KNR) oder Hanguk Cheoldo Gongsa. Seit 2004 schmückt sich das Unternehmen mit einem auf der Technologie des französischen TGV basierenden Hochgeschwindigkeitszug namens KTX, der auf der wichtigsten Verkehrsachse des Landes, der Strecke Seoul - Daejeon - Daegu - Busan, verkehrt. Obwohl dem Zug noch nicht überall die separate, kurvenarme Trasse zur Verfügung steht, mit der vor allem die bergige Landschaft zwischen Daejeon und Gimcheon verschandelt wurde, hat sich durch ihn die Fahrtzeit zwischen meinem Wohnort Daegu und Seoul gegenüber dem zuvor schnellsten Zug nahezu halbiert. Während jener Saemaeul (Sae-ma-eul) für die 300 Kilometer drei Stunden und zwanzig Minuten benötigt, ist der KTX schon nach etwa einer Stunde und fünfzig Minuten am Ziel. Preislich liegen die beiden Züge nicht ganz so weit auseinander: Kostet eine Fahrt mit dem Saemaeul etwa 27.000 Won, so sind für eine Fahrt mit dem KTX um die 35.000 Won fällig. Einen wirklichen Preisvorteil bietet erst der Mugunghwa, der auch an zahlreichen kleineren Bahnhöfen hält. Bei vier Stunden und zehn Minuten Fahrzeit von Daegu nach Seoul beträgt der Fahrpreis nur noch ungefähr 18.000 Won.
Unbequem wird das Zugfahren, wenn man - z.B. auf dem Weg zum Flughafen - größere Gepäckstücke mit sich führt, die sich nur mühsam über die schmalen Einstiege in die Waggons befördern lassen. Darüber hinaus weist das Streckennetz einige Lücken auf. Zwischen dem südöstlichen Daegu und dem südwestlichen Gwangju gibt es beispielsweise keine direkte Verbindung, eventuell eine Folge der historischen Feindschaft zwischen der konservativen Region Kyongsang und den rebellischen Cholla-Provinzen (siehe ebenfalls unten zum Thema Autobahn). Auch an der landschaftlich schönen Ostküste oder in weiten Teilen von Kangwon-Do kommt man mit der Bahn nicht besonders weit. An dieser Stelle tritt mit dem Expressbus (Gosok) ein weiteres Verkehrsmittel auf den Plan, um die Lücke zu schließen. Expressbusse verbinden die größeren Städte Südkoreas mit Seoul, aber auch mit kleineren Zielen in der näheren und ferneren Umgebung. Besonders wichtig sind sie für Reisende, die eine der bekannten, üblicherweise jedoch recht abgelegenen Tempelanlagen besuchen wollen. Eine Fahrt mit dem Expressbus von Daegu nach Seoul dauert mit circa vier Stunden ähnlich lange wie mit dem Mugunghwa, und auch die Preise sind ähnlich. Für die Fahrt mit einem normalen Expressbus (Ilban) zahlt man etwa 14.000 Won, für den komfortableren Udeung sind es 21.000.
Außergewöhnlich stark entwickelt ist in Korea der Kurzstreckenflugverkehr. Die Website der Korea Airports Corporation (Hanguk Gonghang Gongsa) verzeichnet derzeit (ohne den internationalen Flughafen Incheon) vierzehn Flughäfen, von denen sieben wegen vereinzelter Auslandsflüge sogar das Prädikat "international" tragen dürfen (als wirklich international kann man jedoch neben Incheon nur die Flughäfen Seoul-Gimpo, Busan-Gimhae und Jeju bezeichnen). Nicht nur Großstädte wie Busan, Daegu oder Gwangju leisten sich einen Flughafen, der sie in der Regel einerseits mit Seoul und andererseits mit der Insel Jeju verbindet. Auch kleinere Orte wie Gunsan oder Wonju sind auf der Liste vertreten. Meistens werden die Flughäfen von beiden koreanischen Fluglinien, Korean Air und Asiana, angeflogen. Die Zahl der Flughäfen scheint inzwischen einen kritischen Punkt erreicht bzw. überschritten zu haben, denn im vergangenen Jahr wurde der Flughafen Yecheon im ländlichen Norden von Kyongsangbukdo aufgegeben. Ein Flug von Daegu nach Seoul kostet aktuell etwa 52.000 Won und dauert weniger als eine Stunde.
Eigentlich also, wie gesagt, gibt es keinen Grund, in Korea ein eigenes Auto zu besitzen, und wer in Deutschland ohne ausgekommen ist, wird sich hier nicht plötzlich nach einem sehnen. Mich selbst allerdings, der ich in Deutschland auf eine vierzehnjährige lückenlose Autofahrerkarriere vom 18. Geburtstag an zurückblicken konnte, überfielen schon während des ersten Semesters starke Entzugserscheinungen. Warum waren gerade diejenigen Orte, zu denen ich hinwollte, so kompliziert zu erreichen? Warum waren die Züge so pünktlich, dass es einen notorisch unpünktlichen Menschen wie mich große Mühe und im Sommer viel Schweiß kostete, sie zu erreichen? Warum ließ der eine Busfahrer im Juni die Fahrgäste bei 30 Grad ohne Klimaanlage vor sich hin brutzeln, während der andere bei 25 Grad den Bus in ein Pinguin-Biotop verwandelte (von den koreanischen Schlagern ganz zu schweigen, mit denen beide die Insassen beschallten)?
Ich kam aus dem Deutschlandurlaub zurück mit dem festen Entschluss, diesen Zustand zu beenden, nahm ein Monatsgehalt vom Konto und erstand einen Kleinwagen. Seitdem ist mein Leben in Korea besser geworden, denn … eigentlich gibt es auch keinen Grund, in Korea kein eigenes Auto zu besitzen. Anders als z.B. in Japan herrscht Rechtsverkehr. Das Straßennetz ist gut ausgebaut. Die Straßenschilder sind selbst außerhalb der großen Städte durchgehend in Hangeul und lateinischer Schrift. Der Stadtverkehr ist zwar nicht so geordnet wie in Deutschland, von chinesischen oder südostasiatischen Verhältnissen aber doch weit entfernt. Schließlich wird einem der Autobesitz - vor allem eines Kleinwagens - auch nicht durch rasches Verschwinden desselben verleidet. Autodiebstahl scheint nicht besonders verbreitet zu sein, und gerade im Falle dieses Landes müsste man sich ja auch ernstlich fragen, über welche Grenze die Diebe den Wagen denn verschieben wollten.
Bei der Entscheidung für oder gegen ein Auto spielt selbstverständlich eine wichtige Rolle, wie lange man vorhat, im Land zu bleiben. Die Preise für Gebrauchtwagen waren allerdings zumindest in den letzten Jahren auf einem Niveau, bei dem sich die Anschaffung schnell amortisiert. Der Einfachheit halber gehe ich davon aus, dass ein gewöhnlicher Lektor / eine gewöhnliche Lektorin sich wie ich vornehmlich in Richtung gebrauchter Kleinwagen orientieren und nicht wie viele Koreaner auf Pump nach einer nagelneuen, schwarz glänzenden Großlimousine vom Typ "Equus", "Magnus" oder "Chairman" streben wird (das Modell "Potentia" ist ja leider schon etwas älter). Mittelklassefahrzeuge sind ähnlich uniform gestaltet, hier dominiert die Farbe weiß; wer in Korea eine Bank überfallen möchte, sollte sich als Fluchtfahrzeug einen weißen Hyundai Avante beschaffen, das minimiert die Aufklärungschancen der Polizei. Für einen Kleinwagen wie z.B. den Daewoo Matiz sprechen somit neben dem Preis auch die buntere Farbpalette und - nicht zuletzt - geringere Betriebskosten bei der Versicherung und bei den Autobahngebühren. Kleinwagen mit bis zu 800 ccm Hubraum zahlen für die Autobahnbenutzung gegenüber den stärkeren Fahrzeugen nur die Hälfte (z.B. etwa 6.000 Won für eine einfache Fahrt von Daegu nach Seoul).
Als vorteilhaft bei der Suche nach einem Gebrauchtwagen erweist sich die koreanische Angewohnheit, Gewerbebetriebe nicht über die Stadt zu verteilen, sondern alle Juweliere, Handtuchverkäufer oder eben Gebrauchtwagenhändler in einer Gegend zu konzentrieren. Mit der Alien Registration Card und einem koreanischen Führerschein, den man bei der Führerscheinstelle der Stadtverwaltung mit Hilfe einer Übersetzung des EU-Führerscheins beantragen kann, wird man sich also dorthin begeben. Für die Frage nach Details, die Organisation von Probefahrten und das Feilschen um kleine Preisnachlässe empfiehlt sich die Mitnahme einer koreanischen Vertrauensperson. Nicht ganz leicht ist die Suche nach einem Wagen mit Gangschaltung, da die Koreaner Automatik bevorzugen; wenn man ihn aber findet, ist der Preis aus genau diesem Grund möglicherweise noch vorteilhafter.
Hat man den Kauf abgeschlossen, so unterscheiden sich die weiteren Schritte nicht wesentlich von denen in Deutschland. üblicherweise wird nun der Händler auf der Basis der Angaben im Kaufvertrag die Anmeldung vornehmen. Die Kennzeichen übernimmt man vom Vorbesitzer, kann also mit dem Wagen sofort losbrausen. Mit Hilfe des Übersetzers sollte man sich allerdings rückversichern, dass man nicht zugleich unbezahlte Strafzettel übernimmt, denn für diese würde man ansonsten später aufkommen müssen. Man erhält dann von der Stadt einen Jadongcha Deungnogjeung, das koreanische Gegenstück zum KFZ-Schein, und bekommt einmal im Jahr eine Zahlungsaufforderung in Sachen KFZ-Steuer. In dem Dokument steht auch, wann man den Wagen zur Überprüfung bringen muss; zwischen der Erstzulassung eines Neuwagens und der ersten Überprüfung vergehen vier Jahre, die weiteren folgen wie in Deutschland im Abstand von zwei Jahren. Wie die KFZ-Steuer und die Reparaturkosten in Werkstätten bleibt jedoch auch diese koreanische TüV-Prüfung preislich klar hinter den aus Deutschland bekannten Summen zurück (die kurze Dauer lässt vermuten, dass sie zugleich weniger gründlich ist - doch welcher Fahrer eines älteren Modells würde sich darüber beschweren wollen?).
Wahrscheinlich wird der Händler außerdem anbieten, eine Versicherung zu vermitteln. Anders als in Deutschland ist die Zulassung nicht an deren Nachweis gekoppelt, d.h. es fahren auf den Straßen Koreas auch einige Leute herum, die sich eine Versicherung nicht leisten können bzw. wollen oder die ihre Versicherung nicht verlängert haben. Während sich in Deutschland die Versicherung automatisch verlängert, wenn man sie nicht kündigt, muss man in Korea jedes Jahr von sich aus bestätigen, dass man weiter bei der einmal gewählten Versicherung bleiben möchte. Im ersten Jahr ist sie selbst bei Kleinwagen ziemlich teuer, doch schon nach einem Jahr ohne Unfall sinkt der Betrag erheblich. Die Autoversicherung deckt Aufgaben ab, die in Deutschland von den Automobilklubs wahrgenommen werden, ist also auch bei Pannen der richtige Ansprechpartner.
Tanken kann man in Korea im Wesentlichen drei Sorten von Treibstoff: Benzin, Diesel und LPG (liquified petroleum gas). Letzteres wird heute bei Neuzulassungen auf Taxis beschränkt, gebrauchte Fahrzeuge könnten jedoch noch damit angetrieben sein. Die Benzinpreise liegen meistens ein wenig (aber nicht exorbitant) unterhalb des deutschen Preisniveaus. Da Korea eine Dienstleistungsgesellschaft ist, gibt es an den Tankstellen keine Selbstbedienung. Der wichtigste Satz lautet "Gadeuk neoheo juseyo!" ("Bitte voll tanken!"), alternativ kann man den Geldbetrag nennen, den man ausgeben will. Wer in der Nähe der eigenen Uni tankt, trifft vielleicht seine Studenten, die sich auf diese Weise ein bisschen Geld verdienen.
Der einzige Grund, der neben Geldmangel und Zufriedenheit mit den anderen Beförderungsgelegenheiten gegen die Benutzung eines Autos auf den Straßen Koreas sprechen könnte, ist die Angst vor dem brutalen Fahrstil der Koreaner, namentlich der Taxi- und Busfahrer. Es handelt sich hierbei m.E. um einen modernen Mythos, der auf das richtige Maß zusammenschrumpft, wenn man ihn an der eigenen Erfahrung misst. Im koreanischen Straßenverkehr ist der Rowdy-Typus vielleicht häufiger vertreten als in Japan, wie in Deutschland habe ich mich jedoch in mehr als 50 % der Fälle eher über zögerliche Frauen, am Steuer wegdämmernde Opis mit Hut und autistische Fußgänger geärgert.
Dennoch: Wer schon in Deutschland Angst vorm Fahren hatte, sollte vielleicht nicht gerade in Korea damit anfangen. Gerade als Ausländer hat man manchmal Probleme mit der Orientierung und ist darum gezwungen, innerhalb von 500 Metern vom äußersten linken auf den äußersten rechten Streifen einer fünfspurigen Stadtstraße zu wechseln. überhaupt sollte man bei Fahrten innerorts ein gutes visuelles Gedächtnis haben, denn das Adresssystem der Koreaner orientiert sich an Wohnvierteln. Die Straßen haben zwar Namen, doch die Schilder sind schwer zu finden, die Namen den Einwohnern unbekannt und die Bezeichnung auf Karten überwiegend nicht verzeichnet. Wenn man Hangeul gut lesen kann, können die Stadtkarten aus dem Hause Sungji Munhwa hilfreich sein (man kann in ihnen später nachsehen, warum man sich wieder verfahren hat). Empfehlen kann ich auch den englischsprachigen "Atlas of Korea" vom gleichen Verlag (mein Exemplar von 2000 ist teilweise schon veraltet, eventuell gibt es bereits eine neue Auflage).
Autobahnfahren finde ich in Korea um einiges bequemer als in Deutschland, wo man selbst beim überholen mit 150 km/h noch den Rückspiegel im Blick behalten muss, damit nicht plötzlich ein 220 km/h-Geschoss knapp hinter dem eigenen Kofferraum auftaucht. Das Tempolimit von 100 km/h (auf manchen Streckenabschnitten und vor allem an Baustellen 80 km/h, diese Geschwindigkeit gilt auch für Landstraßen) macht das Reisen ruhiger und sorgt annähernd für Waffengleichheit zwischen Matiz und (Import-)Mercedes. Ein dichtes Netz von Blitzanlagen, vor denen aber brav im Voraus mit dem gelben Schild "Police Enforcement" gewarnt wird, sichert die Einhaltung der Höchstgeschwindigkeiten. Hat man eine solche Anlage passiert, gibt man freilich erstmal wieder Gas bis zur nächsten.
Der Kyeongbu Expressway zwischen Seoul und Busan ist auf manchen Abschnitten bereits vierspurig ausgebaut, andere Strecken bringen es auf zwei bis drei Spuren. Ein Kuriosum ist der Olympic Expressway, der aus Anlass der Olympiade 1988 zwischen Gwangju und Daegu gebaut wurde. Diese Autobahn weist nicht nur unmögliche Steigungen und Gefälle auf, sie ist auch - außer an Steigungen - auf jeder Seite einspurig! Wer überholen will, muss also auf die Gegenfahrbahn und spürt so ein weiteres Mal, dass das Bedürfnis nach Kontakt zwischen Cholla-Do und Kyungsang-Do offenbar gering ist. Je mehr Spuren eine Autobahn hat, desto einfacher ist das Fahren (sic!), da es zwar offiziell verboten, inoffiziell aber völlig normal ist, rechts zu überholen; jedes Hindernis lässt sich so ohne große Anstrengung passieren.
Sollte man doch einmal erwischt werden, bekommt man es wie in Deutschland mit Geldstrafen und einem Punktesystem für Verkehrssünder zu tun. Ein sehr häufiger Betrag für mittlere Vergehen wie das Ignorieren einer roten Ampel ohne Gefährdung anderer scheinen 60.000 Won zu sein, denen 15 Strafpunkte entsprechen. 121 Strafpunkte in einem Jahr führen zum Entzug der Fahrerlaubnis. Alkoholkonsum ist bis zur 0,5 Promille-Grenze erlaubt. Bei Unfällen muss in jedem Fall die Versicherung verständigt werden, eigentlich auch die Polizei, doch im Interesse des Verkehrsflusses ist es erlaubt, die Unfallstelle selbst zu markieren und die Fahrzeuge dann an den Straßenrand zu schaffen. Wenn später die Polizei eintrifft, muss sie manchmal erst die Schlägerei unterbinden, die zwecks Klärung der Schuldfrage begonnen wurde. Dass auch Ausländer bereits in diese folkloristischen Riten mit einbezogen wurden, hat man bisher noch nicht gehört. Im Zweifelsfall ist man der erste, dem so etwas passiert. Aber wie ich schon oben schrieb: no risk, no fun.
Copyright © 2005 by Holger Korthals