Zunächst: thailändische Germanistik? Doch, so etwas gibt es. Gelegentlich rückt sie sogar in den Mittelpunkt des Interesses, nämlich dann, wenn bei der Diskussion um die Verteilung von DAAD-Mitteln ein möglichst exotisches Beispiel gesucht wird. So mokierte sich auf dem DAAD-Lektorensommertreffen 2000 der Übersetzungswissenschaftler Andreas F. Kelletat: "Was macht es für einen Sinn, das Germanistikstudium an thailändischen Universitäten zu fördern, wenn es bisher nicht gelungen ist, dort auch nur eine Deutsch- und Deutschland-Expertin auszubilden, die es dem thailändischen König gestatten würde, in einem gemeinsamen Gespräch ihre jeweilige Muttersprache Thai bzw. Deutsch zu verwenden? Denn das sollte doch das Mindeste sein, was der universitäre Deutschunterricht in welchem fremden Land auch immer als Resultat vorweisen können muss: Dass Deutsche und Vertreter jenes Landes miteinander problemlos parlieren können, ohne auf das Englische ausweichen zu müssen. Wo der Deutschunterricht eines ganzen Landes nach 15 oder 30 Jahren nicht einmal eine einzige Person mit solcher professionellen Sprach- und Kulturmittlerqualität hervorgebracht hat, da kann man - Pardon! - auf seine Förderung durch deutsche Institutionen vielleicht auch gänzlich verzichten."[1]
Herr Kelletat musste keinen Widerspruch fürchten, da aufgrund der Semestertermine DAAD-Lektoren aus Thailand nicht am Sommertreffen teilnehmen können. Abgesehen davon, dass man sich fragt, was der von Kelletat betriebene übersetzungs- und Dolmetschstudiengang soll, wenn fürs Dolmetschen auch ein normaler auslandsgermanistischer Abschluss reicht: Erstens gibt es thailändische Germanistinnen, die bei Staatsbesuchen auf höchster Ebene dolmetschen. Zweitens spricht der thailändische König neben Englisch und Französisch auch Deutsch und benötigt keinen Dolmetscher. Drittens fordert Kelletat wenig später in seinem Beitrag, die verlangte Dolmetschqualität müsse von mindestens einem von 200 Germanistik-Absolventen erbracht werden. Nehmen wir an, dass er damit MA-Absolventen meint: So viele Absolventen hat die thailändische Germanistik in ihrer ganzen Geschichte noch nicht produziert.
Dabei ist die Geschichte gar nicht so kurz. Schon in den Dreißiger Jahren gab es für kurze Zeit eine Deutschabteilung an der Chulalongkorn-Universität, der ältesten und renommiertesten Universität Thailands, und die Möglichkeit, Deutsch als Nebenfach zu studieren. Als eigentlicher Beginn ist die Entsendung des ersten DAAD-Lektors 1957 an die "Chula" anzusehen. Zur Zeit wird Deutsch an achtzehn Universitäten angeboten, oft aber lediglich als Wahlfach. An acht Universitäten gibt es die Möglichkeit, Deutsch als B.A.-Hauptfach zu studieren.[2] Darüber hinaus gibt es zwei M.A.-Programme und ab dem Wintersemester 2006/07 ein PhD.-Programm: eine kleine Auslandsgermanistik mit einigen hundert Studierenden und ca. 50 thailändischen Lehrkräften.
Ein paar Eckdaten sollen eine genauere Vorstellung vermitteln: Das Deutschstudium basiert wesentlich auf dem Schulunterricht. Deutsch wird in Thailand, internationale Schulen nicht mitgerechnet, an knapp 40 Oberschulen in den letzten drei Jahrgängen als zweite Fremdsprache angeboten. Mehr als die Hälfte dieser Schulen befindet sich in Bangkok. Die Zahl der Schüler, die Deutsch lernen, liegt zwischen 3.500 und 4.000.[3] Für die Aufnahme in eines der vierjährigen B.A.-Programme werden diese Schulkenntnisse, im Idealfall ZDaF-Niveau, meist vorausgesetzt. Einige Universitäten haben ihre B.A.-Programme jedoch auch für Anfänger geöffnet und bieten diesen die Möglichkeit, in den ersten zwei Studienjahren über Intensivkurse aufzuschließen.
Es gibt insgesamt neun B.A.-Programme in Deutsch, sechs davon an fünf Bangkoker Universitäten, zwei in Chiang Mai im Norden und eins in Khon Kaen in Nordostthailand. Die Studiengänge sind an der Faculty of Arts bzw. Humanities bzw. Liberal Arts angesiedelt - mit Ausnahme eines Programms an der Pädagogischen Fakultät der "Chula". An den Bangkoker Universitäten Thammasart und Ramkhamhaeng gibt es selbstständige Deutschabteilungen. Ansonsten sind die Deutschprogramme in die Abteilungen für Westliche Sprachen integriert.
Das Studienjahr gliedert sich in zwei Semester. Das Sommersemester läuft von Juni bis Oktober, wobei Anfang Oktober die Prüfungen abgeschlossen sind. Die Veranstaltungen des Wintersemesters beginnen im November und enden in der zweiten Februarhälfte. Der Studienplan des B.A.-Studiums enthält vor allem in den ersten beiden Jahren viele Pflichtveranstaltungen außerhalb des Hauptfachs, so dass die Studierenden im ersten Studienjahr nur sieben SWS Deutsch haben. In höheren Semestern werden es neun bis elf. Unterrichtet wird meist in Doppelstunden von nominell 120 Minuten, von denen aber zehn bis fünfzehn Minuten gebraucht werden, um Studierenden und Lehrenden zwischen zwei Veranstaltungen die Möglichkeit zu geben, die Räumlichkeiten zu wechseln.
Vom Sprachniveau sollten thailändische Studierende am Ende ihres B.A.-Studiums in der Lage sein, die ZMP zu absolvieren - und sind es in den meisten Fällen auch. Die Curricula der B.A.-Studiengänge sind in den letzten Jahren stärker berufsorientiert ausgerichtet worden, also mit Pflichtveranstaltungen in Wirtschaftsdeutsch und Deutsch für Touristik, am konsequentesten wohl in dem jüngsten Hauptfachstudiengang in Khon Kaen. Absolventen (zu 80-90% sind es Absolventinnen) finden Jobs vor allem in der Touristikbranche, bei Fluggesellschaften, internationalen oder international tätigen Firmen oder im Lehrberuf.
Insgesamt dürften zur Zeit zwischen 400 und 500 Thais Deutsch im B.A.-Hauptfach studieren.[4] Dabei ist die Ramkhamhaeng-Universität nicht mitgezählt, da es sich um eine Fernuniversität und außerdem um eine "Open University" handelt. Das heißt, dass man sich ohne die für staatliche Universitäten ansonsten vorgeschriebene zentrale Aufnahmeprüfung einschreiben kann und die Teilnahme an Veranstaltungen freiwillig ist. An der Ramkhamhaeng allein sind etwa 400 Studierende für Deutsch eingeschrieben, nur machen längst nicht alle auch einen Abschluss.
Zu den Hauptfachstudierenden kommen Nebenfachstudierende und Hörer anderer Fakultäten, an denen Deutsch als Wahlfach angeboten wird. An fünf weiteren thailändischen Universitäten gibt es Deutsch als Nebenfach oder als Wahlangebot.
Magisterprogramme gibt es an zwei Universitäten. An der Chulalongkorn-Universität existiert schon seit Anfang der 70er Jahre ein Magisterprogramm in Germanistik, lange Zeit das einzige in Südostasien. Magisterprogramme sind in Thailand zweijährig. Man hat aber bis zu vier Jahre Zeit, das Studium abzuschließen. Je nach dem, ob man an der "Chula" mit einer kleinen oder großen Arbeit abschließt, sind drei oder zwei Semester Seminare zu absolvieren. Dass die Magisterarbeit in einem bzw. zwei Semestern und damit das Studium in der Regelstudienzeit tatsächlich abgeschlossen wird, ist eine Ausnahme. Nach zweieinhalb oder drei Jahren ist das Studium aber im Normalfall beendet. Das Curriculum versucht, alle Bereiche abzudecken, also Literatur, Linguistik, Landeskunde und DaF.
Die Ramkhamhaeng bietet seit vier Jahren einen M.A.-Studiengang in Deutsch als Fremdsprache an, in dem auch Studierende aus Vietnam und Laos ihren Abschluss machen. Insgesamt studieren zur Zeit etwa 25 Studierende in Thailand auf M.A.-Niveau Deutsch.
Zum Wintersemester 2006/07 wird an der Chulalongkorn der erste Ph.D.-Studiengang für Deutsch eingerichtet, der erste in SOA. Schon seit einem Jahr gibt es die Möglichkeit, in einem Fakultätsprogramm über deutsche Literatur zu promovieren - von der allerdings noch niemand Gebrauch gemacht hat.
In diesem überschaubaren Rahmen arbeiten etwa zwanzig ausländische Lehrkräfte. Vor nicht langer Zeit blieb an einer thailändischen Universität eine Bewerbung wegen des "koreanisch" klingenden Nachnamens des Applikanten ("de Jong") unberücksichtigt. Tatsächlich aber unterrichteten und unterrichten in den letzten Jahren neben "deutschen" Lektoren im engeren Sinne auch Menschen aus Frankreich, Italien, Österreich, Rumänien und Mali in thailändischen Deutschstudiengängen.
Das Ortsgehalt für ausländische Lektoren an staatlichen Universitäten beträgt etwa 500 Euro. Da die generellen Lebenshaltungskosten in Thailand (Ernährung, Wohnung, Kleidung, Transport) niedrig sind, lässt sich durchaus gut davon leben - vorausgesetzt, man passt sich an die lokale Lebensweise an, verzichtet auf den Luxus einer deutschen Krankenversicherung und Altersvorsorge und hat keine Kinder, die man auf eine internationale Schule schicken möchte. Da mancher diese Voraussetzungen nicht auf Dauer erfüllt und auch die Bereitschaft, wie alle thailändischen Staatsbediensteten mit zehn Urlaubstagen im Jahr auszukommen, vorübergehen mag, gibt es eine gewisse Fluktuation, und Ortslektoren verweilen im Schnitt für zwei Jahre auf ihrem Posten.
Nicht zuletzt deshalb sind die der thailändischen Germanistik verbliebenen zweieinhalb DAAD-Lektorate ein wichtiger Faktor dafür, dass sie im regionalen Rahmen weiter entwickeln kann. Dabei geht es weniger um problemloses Parlieren auf höchster Ebene oder um international relevante wissenschaftliche Beiträge, sondern darum, dem vor allem von Wirtschaft und Tourismus nachhaltig genährten Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache gerecht zu werden. Und überhaupt: Wo blieben sonst die exotischen Beispiele?
[1] Kelletat, Andreas F. "Vom Deutschen leben." Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 27 (2001): 423-31. 425-26.
[2] Angaben der Commission on Higher Education für 2004.
[3] Die letzte StADaF-Erhebung aus dem Jahr 2000 gibt knapp 3500 an.
[4] Die bei StADaF 2000 angegebene Zahl von 240 ist definitiv zu niedrig. Die Commission on Higher Education schlüsselt bei ihren Angaben nicht nach Haupt-, Neben- und Wahlfach auf.
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