Der hier veröffentlichte Text ist ein Auszug aus einem längeren Aufsatz, der vollständig in einer weiteren Ausgabe der "DaF-Szene Korea" erscheinen soll. Anlass war ein Gastvortrag auf Einladung der Lektoren-Vereinigung Korea zur Fortbildungsveranstaltung mit dem Thema Wie viel Deutsch braucht ein ausländischer Student in Deutschland? (Hauptvortrag: Frau Dr. Barbara Dahlhaus, Ruhr-Universität Bochum) am 5. Juni 2004 im Goethe-Institut Seoul.
Bei der Auswertung eines freundlicherweise durch das TestDaF-Institut zur Verfügung gestellten Statistikmaterials rangiert China im Beobachtungszeitraum seit TestDaF-Einführung bis zum 24. Mai 2004 erwarteterweise mit 3.811 Prüflingen (= 20,83 Prozent von 18.296 Teilnehmern insgesamt) unangefochten auf dem ersten Platz unter den ausländischen Probanden. Unter den insgesamt 146 erfassten Herkunftsländern folgen Süd-Korea mit 398 (= 2,18%) bzw. Japan mit 238 (= 1,30%) Teilnehmenden wenngleich mit deutlichem Abstand, so dennoch auf den vorderen Plätzen neun bzw. 14, wobei Japan sich seine Position übrigens mit ebenso vielen vietnamesischen TestDaF-Teilnehmenden teilt:
|
TestDaF-Rang |
Herkunftsland |
Teilnehmerzahl |
Prozent an Gesamtteilnehmerzahl¹ |
|
01 |
China |
3.811 |
20,83 % |
|
09 |
(Süd-)Korea |
398 |
2,18 % |
|
14 |
Japan |
238 |
1,30 % |
|
14 |
Vietnam |
238 |
1,30 % |
|
23 |
Taiwan |
154 |
0,84 % |
|
30 |
Indonesien |
119 |
0,65 % |
|
36 |
Malaysia |
104 |
0,57 % |
|
48 |
Thailand |
58 |
0,32 % |
|
42 |
Singapur |
19 |
0,10 % |
|
67 |
Hongkong |
32 |
0,17 % |
|
77 |
Philippinen |
24 |
0,13 % |
|
80 |
Singapur |
23 |
0,13 % |
|
123 |
Kambodscha |
2 |
0,01 % |
|
129 |
Myanmar |
1 |
0,01 % |
|
129 |
(Nord-)Korea |
1 |
0,01 % |
Tab. 1: Herkunftsländer der Prüfungsteilnehmenden aus (Süd-)ostasien (Stand: 24.5.2004)[1]
Bei Betrachtung der nachfolgenden Tabelle, die Aufschluss über die Anzahl abgelegter TestDaF-Prüfungen - nach Testländern geordnet - gibt, zeigt sich im Vergleich zu Tabelle 1 ein teilweise äußerst divergentes Bild: 2.954 der insgesamt 3.811 chinesischen TestDaF-Teilnehmenden haben den Deutschtest erst nach Ausreise aus ihrem Heimatland aller Wahrscheinlichkeit in Deutschland abgelegt, lediglich 857 bereits im Herkunftsland; dennoch behaupten die chinesischen TestDaF-Absolventen mit dem dritten Rang weiterhin einen der vorderen Plätze. Relativ stabil bleibt im Vergleich zwischen Tabelle 1 und 2 das Platzierungsspektrum der Länder (Süd-)Korea (9/8 = +1), Taiwan (23/14 = +9) und Thailand (58/48 = -10). Zu den Testländern, die ihre Platzierung gegenüber Tabelle eins beträchtlich verbessern, da ihre Staatsbürger die TestDaF-Prüfung im Herkunftsland abgelegt haben, zählen Malaysia (36/17 = +19), Hongkong (67/34 = +33) und Singapur (80/42 = +38). Umgekehrt büßen Japan (14/45 = -31), wiederum gleichauf mit Vietnam (14/48 = -34), sowie Indonesien (30/50 = -20) ihre vorderen Platzierungen aus Tabelle eins ein.
|
TestDaF- Rang |
Testland |
Anzahl Testzentren/GI |
Anzahl Teilnehmer¹ |
Teilnehmer in Prozent |
|
03 (01²) |
China |
5/0 = 5 |
857 (- 2.954) |
4,68%(-16,15%) |
|
08 (09) |
(Süd-)Korea |
4/1 = 5 |
188 (-210) |
1,03%(-1,15%) |
|
14 (23) |
Taiwan |
2/0 = 2 |
91 (- 63) |
0,50%(- 0,34 %) |
|
17 (36) |
Malaysia |
0/1 = 1 |
74 (- 30) |
0,40%(- 0,17 %) |
|
34 (67) |
Hongkong |
1/1 = 2 |
24 (- 8) |
0,13%(- 0,04 %) |
|
42 (80) |
Singapur |
1/1 = 2 |
19 (- 4) |
0,10%(- 0,03 %) |
|
45 (14) |
Japan |
1/0 = 1 |
17 (- 221) |
0,09%(- 1,21 %) |
|
48 (14) |
Vietnam |
2/1 = 3 |
16 (- 222) |
0,09%(- 1,21 %) |
|
50 (30) |
Indonesien |
1/1 = 2 |
15 (- 104) |
0,08%(- 0,57 %) |
|
58 (48) |
Thailand |
0/1 = 1 |
5 (- 53) |
0,03%(- 0,29 %) |
Tab. 2: TestDaF-Prüfungsteilnehmende in (süd-)ostasiatischen Testländern¹ - (Stand: 24.5.2004)[2]
Mögliche Gründe für die Disparität japanischer TestDaF-Absolventen in Japan und Deutschland
Wie im vorstehenden Kapitel anhand der offiziellen TestDaF-Statistik belegt ist, stehen bislang 17 japanischen TestDaF-Absolventen in Japan 221 gleicher Herkunft in Deutschland gegenüber. Was mögen die Gründe für dieses Missverhältnis unter japanischen TestDaF-Teilnehmenden sein, das in diesem Ausmaß sonst ausschließlich und sogar nahezu identisch auf vietnamesische TestDaF-Prüflinge zutrifft?
- Seitens potenzieller japanischer TestDaF-Prüfungsteilnehmender
Der Bekanntheitsgrad von TestDaF innerhalb der japanischen Zielgruppe ist schlicht zu gering, da sich potenzielle Teilnehmende i.d.R. aus so genannten Fremdsprachenuniversitäten bzw. aus den Germanistik-Abteilungen von Hochschulen rekrutieren, die grundsätzlich in den beiden Großräumen Tokio und Osaka angesiedelt und damit rund 1.000 Kilometer vom TestDaF-Zentrum Saga entfernt sind[3]. Diejenigen Japaner, denen bekannt ist, dass es ein TestDaF-Angebot in Saga gibt, scheuen u.U. den zeitlichen und damit verbundenen finanziellen Aufwand (Anreise am Prüfungsvortag per Shinkansen oder Flugzeug, Kostenaufwand inkl. Prüfungsentgelt von zz. 130,- Euro schätzungsweise ca. 500,- Euro)[4].
TestDaF ist wesentlich weniger grammatiklastig als die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer Studienbewerber (DSH)[5] und deshalb m.E. auch weniger populär gerade unter japanischen Fremdsprachenlernern, die trotz aller Reformbemühungen in der Fremdsprachendidaktik aufgrund ihrer Schulerfahrung mit Englisch nach der Grammatik-übersetzungs-Methode (GüM) so konditioniert sind, dass sie sich nach wie vor schwer tun mit kommunikationsintensiven Methoden. Insbesondere der Subtest Mündlicher Ausdruck bereitet Japanern im Vergleich zu anderen TestDaF-Prüflingen anderer ethnischer Herkunft erfahrungsgemäß größte Probleme, da dort spontane Sprechreaktionen (z.B. das Hinterlassen einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter) gefordert werden. Dieses inhibitorische Phänomen durch lediglich geringfügig ausgebildete aktive Fremdsprachenkenntnisse wird übrigens noch verstärkt durch die sowohl spezifisch japanische Sozialisation als auch Mentalität, aufgrund deren Spontaneität in der Alltagskommunikation als eher unschicklich gilt[6].
Offensichtlich legen Japaner mit Studierabsichten im deutschen Sprachraum TestDaF überwiegend erst dort ab, nachdem sie etwa in Sprachkursen an Hochschulen bzw. bei privaten Bildungsträgern vor Ort ihre deutschen Sprachkenntnisse dergestalt verbessert haben, dass ihre Bestehenschancen deutlich steigen. Für diese Immersionstheorie sprechen nochmals die offiziellen TestDaF-Zahlen: 221 japanische TestDaF-Teilnehmende in Deutschland gegenüber 17 in Japan (Stand: 24.5.2004) (vgl. Tab. 1 und 2).
- Seitens potentieller TestDaF-Anbieter in Japan: Hochschulen
Neben den bereits unter vorgenannten Gründen (u.a. - Scheu vor Zusatzarbeit neben dem Tagesgeschäft; - Koordinationsprobleme bei der Prüfungsdurchführung; - finanzielles Risiko aufgrund zu entrichtender Raummiete) mögen noch weitere für die offensichtlich ablehnende Haltung gegenüber TestDaF in Japan zählen: Bei ungünstigst angenommener Konstellation des TestDaF-Termins an einem Werktag (Prüfungsbeginn: 9.00 Uhr, Prüfungsende: ca. 14.00 Uhr) muss der die Prüfung beaufsichtigende TestDaF-Beauftragte ggf. drei eigene Lehrveranstaltungen verlegen und i.d.R. zu einem anderen Zeitpunkt nachholen - in Japan besteht grundsätzlich Nachholpflicht für ausgefallene Vorlesungen (VL), da die Lehrverpflichtung je Veranstaltung 15 Termine pro Semester beträgt. Auch die auf den ersten Blick probate Alternative, einen Kollegen ohne Lehrverpflichtung um die Aufsicht zu bitten, birgt Konfliktpotential in sich, da eine solche Gefälligkeit in der japanischen Gesellschaft zu unliebsamer Abhängigkeit führt (giri)[7].
Ggf. gibt es unter japanischen Kollegen allerdings auch eine Art Berührungsangst mit diesem relativ neuen TestDaF-Format. Diese Angst vor Blamage grassiert mehrmals im Jahr, u.a. bei der Durchführung der berüchtigten Hochschulaufnahmeprüfung. Geht bei dieser Gelegenheit etwas schief und ist überdies eine solche Panne auf das Verschulden einzelner Universitätsangehöriger zurückzuführen, verbreitet sich ein solcher Fauxpas wie ein Lauffeuer landauf und landab - der damit verbundene Reputationsschaden für eine Universität wäre nachhaltig und man müsste wahrscheinlich über Generationen hinweg mit dem Stigma des Dilettantismus leben[8].
In diesem Kontext sei noch erwähnt, dass es unter den japanischen insbesondere Germanistikprofessoren gerade der älteren Kollegenschaft sicherlich auch solche gibt, die ihrerseits Probleme hätten, die zeitgemäße deutsche Standard- und teilweise Alltagssprache, wie sie beide im Rahmen von TestDaF Anwendung finden, lösungsprobat zu bearbeiten - m.E. übrigens kein ausschließlich japanisches Phänomen: Ein kompetenter Germanist muss keineswegs ein überdurchschnittlich guter aktiver Sprecher des Deutschen sein, was jedoch zum Bestehen von TestDaF m.E. zwingend notwendig ist.
Neidvoller Blick in Sachen TestDaF nach Korea
Die Lernerattraktivität der deutschen Sprache ist in Korea ebenso wie in Japan im Schwinden begriffen:
«In Japan [und Korea] ist seit Jahren ein langsamer, aber stetiger Rückgang des Interesses an Deutsch festzustellen. Ein Grund dafür dürfte das zunehmende Interesse an asiatischen [Nachbar-]Sprachen sein. Das führt dazu, dass nach dem Englischen als erster Fremdsprache verstärkt Chinesisch oder Koreanisch [bzw. Japanisch] als zweite Fremdsprache gelernt werden. Von diesem Trend ist u.a. die deutsche Sprache negativ betroffen»[9].
«Dennoch hoffen die [Deutschlehrenden in beiden Ländern], dass sich ihr Fach bei niedrigen Studierendenzahlen stabilisiert. Diese liegen mit je 100.000 Studienanfängern jährlich proportional immer noch hoch [...]»[10].
Trotz dieser offensichtlichen Parallele erfreut sich TestDaF bereits kurze Zeit nach seiner weltweiten Einführung einer - im Vergleich zu Japan - zumindest eindrucksvollen Präsenz in Form von fünf TestDaF-Zentren einschließlich des GI Seoul. Aus zuverlässiger Quelle heißt es dazu u.a., die dortige GI-Leitung sei zwar ob der damit verbundenen Mehrarbeit keineswegs begeistert gewesen über die Aufnahme des TestDaF-Zusatzangebotes, aber es sei niemals erwogen worden, dieses Testformat nicht in das Gesamtprogramm zu integrieren, da man sich aufgrund der zwischenstaatlichen Mittlerfunktion dazu verpflichtet fühle. Diese Bezeigung pro TestDaF lässt den Schluss zu, dass eine erfolgreiche institutionelle Implementierung dieses Testformats eng gekoppelt ist an die Idealkonstellation aus persönlichem und politischem Willen!
Was die Akzeptanz von TestDaF an koreanischen Hochschulen angeht, wurden von den deutschsprachigen Kollegen anlässlich der Fortbildungsveranstaltung der Lektoren-Vereinigung Korea Anfang Juni 2004 im GI Seoul u.a. folgende mögliche Gründe genannt[11]:
- Die Germanistik- bzw. Deutsch-Abteilungen an koreanischen Universitäten empfinden es als Ehre - im Sinne eines Ritterschlags für ihre Hochschule -, als TestDaF-Zentrum zu fungieren. Damit signalisieren sie u.a. die Internationalität der jeweiligen Hochschule[12].
- Die bürokratischen Hürden (Entscheidungsinstanzen: Seminar, Abteilung, Fakultät, Dekanat, Rektorat; Raummiete etc.) an koreanischen Hochschulen sind offensichtlich geringer als in Japan[13].
- Deutschland gilt unter koreanischen Studierenden als grundsätzlich attraktiver(er) ausländischer Studienstandort - als unter Japanern[14].
- TestDaF ist als Nachweis deutscher Sprachkenntnisse für die Aufnahme eines Studiums in Deutschland mindestens ebenso gut geeignet für koreanische Studierende wie die DSH, da Koreaner - offensichtlich mentalitätsbedingt - über eine höhere kommunikative Kompetenz verfügen als japanische Studierende[15].
[1]
Quelle: nach TestDaF-Institut Hagen (¹Gesamtteilnehmerzahl: 18.296)
[2]
Quelle: nach TestDaF-Institut Hagen (¹ Gesamtteilnehmerzahl: 18.296, davon
TestDaF-Teilnehmende in Deutschland: 12.407 = 67,81%; ² Angaben in
Klammern jeweils Veränderung gegenüber Tab. 1)
[3]
Vgl. Guido Oebel: TestDaf in Japan - a never-ending story?
Thesenpapier zur TestDaF-Situation in Japan anlässlich des Treffens
deutschsprachiger Hochschullektorinnen und -lektoren in Japan am 4. Juni
2004 an der Nihon Daigaku in Tokio.
[4] Ebd.
[5] Christian
Krekeler: «Die Grammatik fehlt! Fehlt die Grammatik?
Rückwirkungsmechanismen von DSH und TestDaF», InfoDaF 29, 5
(2001), S. 441-458; derselbe: «TestDaF und DSH - ungleiche Sprachtests
im Vergleich», Essener Linguistische Skripte - elektronisch (EliS_e),
Jg. 2, Heft 2 (2002), S. 19-50.
[6] Ebd.
[7]
Vgl. Guido Oebel: TestDaf in Japan - a never-ending story?
Thesenpapier zur TestDaF-Situation in Japan anlässlich des Treffens
deutschsprachiger Hochschullektorinnen und -lektoren in Japan am 4. Juni
2004 an der Nihon Daigaku in Tokio.
[8] Ebd.
[9]
Bundesregierung: «Antwort auf
die Große Anfrage der Abgeordneten N. Lammert et al. zu Verbreitung,
Förderung und Vermittlung der deutschen Sprache», Drucksache 14/7250
, 31.10.2001, S. 7.
[10]
Ulrich Ammon: «Michael Schumacher spricht nie Deutsch - Kann der
Aufschwung des Deutschlernens in China die deutsche Sprache in Asien
stabilisieren?», DIE WELT, 21.11.2002.
[11]
Guido Oebel: TestDaF in
Japan und Korea. Gastvortrag anlässlich der
Fortbildungsveranstaltung der Lektoren-Vereinigung Korea zum Thema: «Wie
viel Deutsch braucht ein ausländischer Student in Deutschland?» am 5.
Juni 2004 im GI Seoul.
[12] Ebd.
[13] Ebd.
[14] Ebd.
[15] Ebd.
Copyright © 2005 by Guido Oebel