Bedenkt man die Art und Weise, wie hierzulande Fremdsprachen traditionellerweise gelehrt und gelernt werden, ist das Fragezeichen am Ende des Titels sicherlich berechtigt. Der Lehrer als allwissende Autoritätsperson ist gewöhnlich der Einzige, der im Sprachunterricht spricht, während die Schüler und Studierenden zuhören. Frontalunterricht mit Fokus auf Grammatik und Übersetzung ist üblich, der Stoff wird auswendig gelernt.[1] Hinzu kommt die eher mäßige Motivation der meisten Studierenden, die durchaus nachvollziehbar ist: Germanistik ist das Wunschfach der allerwenigsten Studierenden, die an meinen Kursen teilnehmen, das Studium stellt nach drei entbehrungsreichen Schuljahren endlich ein Stück Freiheit dar: "university life is, for many students, a time to relax and enjoy life” (Vegdahl Hur/Hur 2000: 71)[2], fast niemand hier plant ernsthaft eine Deutschlandreise und schließlich sind die Berufsaussichten mit dem Germanistikabschluss einer mittelprächtigen Provinzuniversität nicht allzu viel versprechend.
Aber gerade weil die Mehrzahl der Studierenden eher wenig Interesse zeigt, ist es meiner Ansicht nach nötig, ihnen den Unterricht so schmackhaft wie möglich zu machen. Waren sie bisher daran gewöhnt, dass ihnen Wissen in mundgerechten, bereits vorgekauten Häppchen auf einem silbernen Tablett serviert wird, dass sie gefüttert werden und nur schlucken müssen, so heißt das noch lange nicht, dass die Studierenden nicht selbst essen und mehr noch kochen können. Ich denke, sie erwarten sogar eine andere Speisekarte von einem ausländischen Lehrer und sind neugierig darauf.[3] Man kann die Studierenden also fragen, was sie denn eigentlich essen möchten. Ist ihr Appetit angeregt, können wir ihnen bei der Zubereitung ihrer selbstgewählten Speisen helfen und sie gemeinsam und füreinander kochen lassen. Dass viele Köche den Brei verderben, stimmt in diesem Falle nicht, auch wenn die Zubereitung des Menüs deutlich länger dauert, aber dafür sind diese Mahlzeiten äußerst wohlschmeckend, haben einen hohen Nährwert und werden gut verdaut.[4]
Mir persönlich gefällt in diesem Zusammenhang der Ansatz der Lernerautonomie, der bereits in den 80er Jahren von Henri Holec begründet wurde. Lernerautonomie ist die Fähigkeit, "das eigene Lernen selbstverantwortlich in die Hand nehmen zu können. Dies erfordert, dass die Lerner in die Lage versetzt werden, Lernziele, Inhalte und Progression bestimmen zu können, die eigenen Lernmethoden und Techniken auswählen und diese sowie das Gelernte bewerten zu können." (Holec 1981: 3)
Dieser Ansatz sieht die Lernenden als Subjekte ihres eigenen Lernens und nicht als zu belehrende Objekte. Die Fähigkeit selbstständigen Lernens stellt eine der Schlüsselqualifikationen in der Wissensgesellschaft dar. Nicht zuletzt wird dieser Ansatz auch den einzelnen Lernern in ihrer Eigenartigkeit gerecht, die Lehrperson kann den Unterricht leichter differenzieren, so dass jeder nach eigenem Interesse sowie nach eigener Fähigkeit und Persönlichkeit lernen kann. Das ist in unserem Fall besonders wichtig, da die Gruppen sehr leistungsheterogen und Einstufungstests nicht erwünscht sind. Ein wesentlicher Grund für die Bewusstmachung einer potentiellen Lernerautonomie ist, dass die Studierenden die Möglichkeit bekommen, die Verantwortung für ihren Lernprozess und -erfolg zu übernehmen.[5]
Es gibt nur ein kleines Problem: dieser Ansatz korrespondiert nicht in besonderem Maße mit den Lern- und Lehrerfahrungen der Studierenden. Der Einfluss der konfuzianischen Lehr- und Lerntradition ist besonders am Anfang des Unterrichts, der auf die Förderung der Lernerautonomie abzielt, deutlich zu spüren. Er sollte aber dennoch nicht überbewertet werden. Dasselbe gilt für das Thema "Gesichtsverlust". Nach meiner Erfahrung tauen die meisten Studierenden nach relativ kurzer Zeit auf und zeigen keine großen Hemmungen mehr, in der Fremdsprache zu sprechen.[6] Trotzdem löst man nicht unbedingt Begeisterungsstürme bei allen Teilnehmern aus, wenn man seine Ideale eines lernerzentrierten, interaktiven, kreativen, kommunikativen und autonomiefördernden Unterrichts in die Praxis umsetzen will. Als ich z.B. nach meinen ersten Wochen im Land die Studierenden in einem anonymen Fragebogen[7] u.a. nach ihren individuellen Wünschen und Erwartungen an den Kurs fragte, schrieben einige, dass ich entscheiden solle, was für sie am besten sei, denn schließlich sei ich doch die Lehrerin. Andere meinten eher treu ergeben, sie wollen mir und meinem Unterricht folgen. Die Mehrheit jedoch konnte konkrete Interessen (z.B. im Restaurant Essen bestellen, einen Liebesbrief schreiben, dt. Musik hören) formulieren. Immer wieder wünschen sich gewitzte Studierende auf diese Frage auch, dass wir im Unterricht zusammen Soju trinken.[8]
Im Sinne des Pädagogen Wagenschein ist es wichtig, die "Studierenden dort abzuholen, wo sie stehen". Ich kann nicht erwarten, dass sie von Anfang an ihre Lernziele benennen oder gar ihre Lernmethoden bewusst auswählen, geschweige denn ihren Lernprozess evaluieren können. Denn der Weg zur Lernerautonomie ist lang und oft holprig. Aber auch hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Es geht also darum, die Studierenden auf ihrem Weg zu begleiten, ihnen Lernstrategien langsam näher zu bringen[9], sukzessive mehr Verantwortung zu übergeben und vor allem Geduld und Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu haben. Holec würde mir möglicherweise widersprechen, aber für mich ist der Begriff der Lernerautonomie dehnbar: Wenn koreanische GermanistikstudentInnen von sich aus Fragen stellen, ihre Interessen und Wünsche bezüglich des Unterrichts äußern, wenn sie selbstständig ein Rollenspiel entwerfen und einstudieren, wenn wir z.B. über das Vokabellernen sprechen und sie sich einander Lerntipps geben, dann sind das für mich bereits alles Zeichen von Autonomie. Von entscheidender Bedeutung ist außerdem das Schaffen einer nicht nur angstfreien, sondern positiven, möglichst humorvollen Lernatmosphäre[10] mit authentischen Kommunikationssituationen. Man sollte den Studierenden Erfolgserlebnisse ermöglichen, die ihr Selbstvertrauen stärken. So korrigiere ich z.B. sehr wenig, lobe hingegen sehr viel, gebe viel positives Feedback auf die Lernfortschritte der Studierenden und betone immer wieder, dass es in unserem Konversationsunterricht in erster Linie um flüssiges (und nicht um grammatisch korrektes) Sprechen geht. Als sehr positiv für die Kursatmosphäre hat sich ein großer Gruppentisch bewährt, denn so kann jeder jeden gut sehen und hören, man kann ohne großen Aufwand Partner- und Gruppenarbeit machen und niemand sitzt allein für sich in der hintersten Reihe.
Hier einige autonomiefördernde Unterrichtsideen:
Lernen durch Lehren - eine schrittweise Übernahme der Lehrerrolle, indem die TeilnehmerInnen wahlweise allein oder zu zweit (bereits im Anfängerunterricht) jeweils einen Teil einer Unterrichtseinheit selbstständig vorbereiten. Die Studierenden müssen sich am Anfang sehr überwinden, denn sie meinen, dass das viel zu schwierig sei. Ein Teilnehmer fragte mich sogar, was ich denn dann eigentlich in dieser Zeit machen würde. Es ist sehr spannend zu sehen, welche Lehrerpersönlichkeiten sich hinter den Studierenden verbergen und wie eifrig die restlichen Teilnehmer in diesem Unterricht mitarbeiten.
Regelmäßiger e-mail-Kontakt[11] - Von einem Kurs erwarte ich anstelle von Hausaufgaben, dass die Studierenden mir wöchentlich eine E-Mail schreiben. Ich beantwortete jede Mail individuell und stelle Fragen zu den von ihnen erwähnten Themen. So entwickelt sich mit jedem einzelnen Studierenden eine kleine Korrespondenz über ein Semester. Ich korrigiere dabei keinen einzigen Fehler. Die meisten Studierenden verbessern sich nach und nach und werden auch im Unterricht aktiver und selbstbewusster.
Fragebogen auf Deutsch und Koreanisch - In jedem Semester frage ich nach den individuellen Erwartungen und inhaltlichen Wünschen an den Kurs, die dann berücksichtigt werden. Eine weitere Frage lautet: "Was möchtest du auf Deutsch sagen können?" - da kommen die witzigsten Sachen, die sich die Studierenden dann auch in der Regel gut merken können.[12] Aufschlussreich sind auch die offenen Fragen "Was gefällt dir gut bzw. nicht so gut an unserem Deutschkurs?". Durch die Wahrung der Anonymität antworten die Studierenden überraschend ehrlich. Sie können den Fragebogen auf Koreanisch ausfüllen, ich lasse mir anschließend die Antworten von einer Kollegin übersetzen.
Die Studierenden gestalten füreinander Übungen, Aufgaben und Spiele. Wenn sie selbst Übungen entwerfen, können sie den zu lernenden Stoff viel besser verstehen.
Mini-Videos, in denen sich die Studierenden selbst oder ihre Uni vorstellen und z.B. kleine Dialoge/Situationen auf der Post, auf der Bank, im Restaurant (an Originalschauplätzen auf dem Campus) spielen.
Aufgabenstellungen mit einem Endprodukt wählen und die Foto-Stories, Geschichten, Sketche etc. öffentlich ausstellen bzw. vorspielen.
Die TeilnehmerInnen gestalten in Gruppenarbeit eine Seite auf der ihrer persönlichen Homepage "cyworld" auf Deutsch.
Kleiner Rhetorikkurs, bei dem jeder Studierende einen Kurzvortrag zu einem selbstgewählten Thema hält, im Anschluss daran Selbst- und Fremdevaluation anhand relevanter Kriterien, wie z.B. Gestik, Blickkontakt, Betonung, Aussprache.
Die Kursteilnehmer wählen selbst die Testform für die Zwischen- und Abschlussprüfung aus, z.B. ein kleiner Vortrag zu einem eigenen Thema mit anschließender Beantwortung der Fragen aus dem Publikum oder ein selbstständig einstudiertes Rollenspiel mit bis zu vier Personen. In diese auswendig gelernten Rollenspiele schalte ich mich am Ende ein und spiele mit, wobei die Prüflinge auf mich reagieren müssen. Ich sehe die Tests nicht als Inquisition, sondern als Möglichkeit für die Studierenden mir und vor allem sich selbst zu zeigen, was sie gelernt haben. Die Ergebnisse sind in vielen Fällen so witzig und überraschend gut, dass die Prüfungen schon einige Male zu einem "Event" wurden, wo Studierende sich z.B. für einen Dialog als Arzt, als "Ajuma" mit obligater Dauerwelle(nperücke) oder als sprechendes Pferd verkleidet haben.[13]
Positiv wäre es, einen eigenen Raum zu haben, in dem nur Deutsch unterrichtet wird und den man als anregungsreiche Lernwerkstatt einrichten könnte. Ich habe versucht, mein Büro, in dem Unterricht mit kleinen Gruppen stattfindet, entsprechend zu gestalten.
Fazit:
Auch wenn es anfangs so aussehen mag, als ob die konfuzianische Lernsozialisation der Anbahnung von Lernerautonomie im Weg steht, so bewahrheitet sich diese Befürchtung nicht. Erfahrungsgemäß wissen die Studierenden einen lernerzentrierten Unterricht sehr schnell zu schätzen und können sich gut darauf einstellen. Ich möchte aber gar nicht so tun, als ob alle Studierenden hier nun besonders gut und autonom lernten. Ganz bestimmt nicht. Einige Studierende erweisen sich geradezu als "resistent" gegen die Idee autonomen Lernens und bevorzugen nach wie vor einen sehr gelenkten Unterricht - und das ist ja auch völlig in Ordnung, schließlich möchte ich niemanden "missionieren", sondern persönlich bedeutsames Lernen ermöglichen - aber in der Regel steigt in meinem Unterricht die Motivation der Studierenden, sobald sie merken, dass sie das Unterrichtsgeschehen entscheidend mitgestalten können. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen kann ich das Fragezeichen im Titel durch ein kleines Ausrufezeichen ersetzen.
Literatur:
Bolton, S. (2003): Probleme der Leistungsmessung. Lernfortschrittstests in der Grundstufe. Berlin: Langenscheidt (= Fernstudieneinheit 10)
Holec, H. (1981): Autonomy in Foreign Language Learning. Oxford: Pergamon Press
Martin, V.S. (2003): Promoting Fluency in Korean EFL Students through Dialogue Journals in Oral Communication Classes. In: Oak, S./ Martin V.S. (Hrsg.) (2003): Teaching English to Koreans. New Jersey/ Seoul: Hollym, 13 - 28
Vegdahl Hur, S./ Hur B. (2000): Culture Shock! Korea. A Guide to Customs and Etiquette. Portland: Graphic Arts Center Publishing Company
[1] Hier sei erwähnt, dass ich meine Erfahrungen und Beobachtungen in Daegu gesammelt habe - die Provinz Gyeongsangbuk gilt als die konservativste des Landes.
[2] So verwundert es auch nicht, dass die Katholische Universität Daegu im letzten Herbst mit dem Slogan "Come and have fun!" um potentielle Studierende warb. Nomen est omen.
[3] Um einem Missverständnis vorzubeugen: Natürlich gibt es koreanische Lehrende, die einen kommunikativen, lernerzentrierten Unterricht praktizieren, ebenso wie es deutsche Lehrer gibt, die frontalen Grammatikunterricht bevorzugen. Und: Ein herkömmlicher Sprachunterricht muss nicht unbedingt schlecht sein, so eignet sich z.B. das beliebte Chorsprechen sehr gut für Ausspracheübungen.
[4] Im ersten Falle des bloßen "Gefüttertwerdens" besteht hingegen die Gefahr, dass eine gewisse Art von Bulimie kultiviert wird.
[5] Das heißt natürlich nicht, dass der Lehrer sich nun "verantwortungslos" verhalten darf, sondern seine Rolle ändert sich in Richtung Lernberater.
[6] Allerdings erwarte ich von jedem einzelnen Studierenden, dass er/sie vom ersten Tag an Deutsch spricht. Einige Teilnehmer sagten mir, dass sie zuerst die deutsche Grammatik perfekt beherrschen möchten, um DANN - so wie Phönix aus der Asche - plötzlich fehlerfrei Deutsch zu sprechen. In diesem Punkt bin ich aber nicht kompromissbereit, da sonst die Sprechhemmungen tatsächlich immer größer werden. Außerdem kann damit einer zu starken Hierarchieorientierung unter den Studierenden, also dass z.B. immer nur die älteren sprechen, entgegengewirkt werden.
[7] Dieser war auf Koreanisch und enthielt eine Auswahl an Möglichkeiten als Muster.
[8] Vielleicht wäre das sogar eine gute, vertrauensbildende Maßnahme: "Drinking with someone is a sign of trust. Drinking a lot with someone breaks down social barriers quickly. You may be surprised at how much easier business [auch Unterricht? K.D.] becomes (…) after a night of hard drinking.” (Vegdahl Hur/Hur 2000: 179)
[9] Theoretisch klingt das gut, in der Praxis ist das oft etwas schwierig, da metakognitive Gespräche über den Lernprozess im Anfängerunterricht am besten in der Muttersprache stattfinden sollten. Meine Sprachkenntnisse reichen dafür aber nicht aus, ich lasse die Studierenden daher ab und zu auf Koreanisch diskutieren. Die Ergebnisse sind oft eher oberflächlich.
[10] Laut des Berliner Gestaltpädagogen Burow laufen 80% des Unterrichts auf der Beziehungsebene ab.
[11] Vgl. Martin 2003: Promoting Fluency in Korean EFL Students through Dialogue Journals in Oral Communication Classes.
[12] Einige Beispiele: "Ich sterbe vor Hunger!" "Lassen Sie bitte den Unterricht ausfallen!" "Willst du mich heiraten?" "Du sollst nicht fremdgehen!"
[13] Bei solch offenen Testformen ist es natürlich unerlässlich, ein gutes Bewertungsraster (vgl. z.B. Bolton 2003: 137f) zu haben, um halbwegs objektiv bewerten zu können.
Copyright © 2005 by Kerstin Desch