Kai Rohs

Die koreanische Gesellschaft


Für einen Großteil der Lektorenkollegen, die nach Korea kommen, ist es der erste Kontakt mit diesem Land, für viele auch der erste Kontakt mit Asien.

Gerade denjenigen soll dieser Artikel eine kleine Orientierungshilfe geben. Es wird keinerlei wissenschaftlicher Anspruch erhoben - vielmehr geht es entsprechend der Zielsetzung der "DaF-Szene" eher um praktische Hilfen für angehende Lektoren in Korea. Viele Neuankömmlinge werden sich fragen, was die Koreaner, denen man am Arbeitsplatz oder im Privatleben begegnen wird, denn für Menschen sind. Sicherlich werden die meisten der Ankömmlinge schon viel über "die Koreaner" gehört haben, viel Glauben schenken sollte man solchen Gerüchten nicht. Objektive Tatsachen über das Wesen eines Volkes sind von Natur aus schwer aufzustellen, intrakulturelle Unterschiede verbieten Verallgemeinerungen. Viel hängt vom Auftreten eines jeden ab, überzogene Erwartungen, Eitelkeiten und Selbstüberschätzungen werden jedenfalls in keiner Kultur der Welt gern gesehen und können zu entsprechenden als negativ empfundenen Reaktionen der Einheimischen führen. Aus der unvermeidlich subjektiven Sicht des Verfassers nach nunmehr fünfjährigem Aufenthalt im Lande könnte man folgende Merkmale als repräsentativ für die koreanische Gesellschaft herausstellen.

Schnelligkeit

Ein wesentliches Kennzeichen der koreanischen Gesellschaft ist die Schnelligkeit, die in vielen Lebensbereichen anzutreffen ist. Charakteristisch dafür ist für den Verfasser das Treiben auf U-Bahnhöfen. An Umsteigebahnhöfen herrscht ein ständiges Gelaufe, es beschleicht ein dort manchmal das Gefühl, dass die Menschen die U-Bahn noch erreichen wollen, die bereits abgefahren ist. Am Gerenne im U-Bahnhof ändert sich auch dann nichts, wenn die U-Bahn offensichtlich noch gar nicht eingefahren ist, auch dann eilt man bis zum Bahnsteigrand. Aber auch in der U-Bahn selbst hat man manchmal den Eindruck, dass alle Fahrgäste gleichzeitig aussteigen wollen, jeder noch so kleine Freiraum vor der noch verschlossenen Tür wird genutzt, um eine gute Startposition für das bevorstehende Aussteigemanöver einzunehmen.

Dieses Streben nach Schnelligkeit führt auch zu dem neuerdings zu beobachtenden Phänomen, dass vor U-Bahnen bis zu acht verschiedene kostenlose aus Werbung finanzierte Tageszeitungen mit so schönen Namen wie "metro", "focus" oder "zoom" verteilt werden, während die reguläre Tageszeitungen erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. Zum vertieften Zeitungslesen fehlt die Zeit, es wird daher als ausreichend angesehen, in der U-Bahn mit den Schlagzeilen des Tages konfrontiert zu werden.

Selbst in der Kirche wird genau auf das Einhalten der Zeit geachtet. Als der Verfasser vor einiger Zeit einmal das Eingangsgebet in seiner koreanischen Kirchengemeinde halten durfte, teilte ihm einer der Nebenpfarrer vorher mit, dass es das Wichtigste sei, dass die für das Gebet vorgesehenen drei Minuten in keinem Fall überschritten werden dürften.

Hingabe

In Korea spricht man nicht von "meiner Familie", "meiner Frau", "meiner Firma" und "meinem Vaterland", sondern von "unsere Familie”, "unserer Frau", "unserer Firma" und "unserem Vaterland". Dies hat zur Folge, dass man bereit ist, sich für seinen Gruppenverband und die einzelnen Gruppenmitglieder aufopferungsvoll einzusetzen. Eltern stellen alle ihre finanziellen Möglichkeiten bereit, um ihren Kindern eine gute Schulausbildung zu ermöglichen, notfalls nimmt man Schulden auf. In der Firma ist es selbstverständlich, dass man beispielsweise beim Tod der Schwiegermutter eines Kollegen einen Beileidsbesuch macht. Im Verlaufes der Wirtschaftskrise Ende der 1990er Jahre haben viele Koreaner ihr Gold gegeben, um dem Staat zu helfen.

Heimatliebe

Koreaner sind stolz auf ihre Heimat und reagieren entsprechend sensibel, wenn beispielsweise Japaner, die Korea 35 Jahre lang als Kolonie unterdrückt und ausgebeutet haben, in Kenntnis dieser Sensibilität Gebietsansprüche geltend machen wie es jüngst bei der koreanischen Ostmeerinsel Dokdo der Fall war. In einer beispielslosen friedlichen Protestaktion trugen sich Millionen Koreaner in Protestlisten ein, es wurden Aktionen wie gemeinsame Bergtouren organisiert, wobei die Teilnehmer mit Stirnbändern mit der Aufschrift "Dokdo ist unser Land" ausgerüstet waren.

Weltoffenheit

Ebenso wie Koreaner ihre Heimat lieben, sind sie offen und interessiert an anderen Kulturen. Sie sind sehr erfreut, wenn Ausländer etwas von ihrer Heimat erzählen und Typisches aus ihrer Heimat mitbringen, seien es auch nur kleine Papierfähnchen. Wenig Verständnis hat man dafür, wenn Ausländer ihre Herkunft verleugnen. Dies gilt gerade auch für Deutsche. Dem Verfasser ist es schon oft widerfahren, dass beispielsweise Taxifahrer stolz ihre Kenntnis von deutschen Liedern oder auch ihre deutschen Sprachkenntnisse präsentiert haben.

Auch in den Schulen ist die Weltoffenheit zur Zeit bemerkbar. Beispielsweise ist die deutsch-koreanische Tochter des Verfassers an einer koreanischen Grundschule zur Vizeschulsprecherin gewählt worden, im Wahlkampf hat sie unter anderem mit dem Slogan "Deutsche Erfahrungen machen" für sich Werbung gemacht. Dies ist ein Umstand, der zeigt, dass dieses Bewusstsein für Weltoffenheit bereits bei Grundschülern ansetzt.

Ordentlichkeit

Koreaner sind ordentlich. U-Bahnhöfe sind stets sauber, Putzkolonnen reinigen die Bahnhöfe mehrmals täglich, auch Parks in den äußeren Wohnbezirken Seouls werden stets in einem ordentlichen Zustand gehalten. Es gibt private Bürgerinitiativen, die sich gegen ein einfaches Mittagessen zur Reinigung von öffentlichen Straßen und Grünanlagen zusammenfinden. Das gleiche betrifft auch die Kleidung, die meisten männlichen Angestellten in Firmen tragen Anzüge, und auch an Universitäten erwarten Studenten, dass sich die Professoren und Lektoren zumindest während des Unterrichts ordentlich kleiden.

Flexibilität

Koreaner sind flexibel. Man weiß sich als Koreaner in fast jeder Situation zu helfen, man improvisiert. Gibt es in einem Linienbus keine Sitzplätze mehr, dann breitet man seine Zeitung aus und setzt sich darauf, gibt es im Restaurant keinen Flaschenöffner, dann benutzt man die Gabel, gibt es in öffentlichen Badehäusern oder Schwimmbädern keinen Fön, nimmt man den Ventilator.

Hilfsbereitschaft

Hilfsbereitschaft ist ein weiteres Charakteristikum, gerade auch gegenüber Ausländern. Fragt man als Ausländer beispielsweise einen Studenten auf dem Campus nach der Lage der germanistischen Abteilung, dann wird er es nicht dabei belassen, mündlich den Weg zu erklären, er wird einen vielmehr bis zum entsprechenden Gebäude führen, nicht ohne zu fragen, zu wem man denn genau möchte. Das gleiche gilt für Ausländer, die mit einer Straßenkarte in der Hand angetroffen werden. Auch diesen wird nach nicht allzu langer Zeit von einem Koreaner Hilfe angeboten werden.

Schnelligkeit, Hingabe, Heimatliebe, Weltoffenheit, Ordentlichkeit, Flexibilität und Hilfsbereitschaft sind prägende Merkmale der koreanischen Gesellschaft - Merkmale, auf die man sich einstellen sollte, wenn man plant, in Korea eine Lektorentätigkeit aufzunehmen.


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DaF-Szene Korea Nr. 21

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