Immer fällt mir, wenn ich das Wort "Kollege” höre, der Holländer ein. Hermann van Veen. Von ihm gibt es "Eine Geschichte von Gott”[1]. Darin besucht Gott, um sich vor dem Essen noch kurz die Beine zu vertreten, eine Kirche. Sein erster Eindruck ist nicht berauschend, er stellt einen Pfarrer zur Rede, und dessen Erklärung dafür, dass so wenige Menschen in die Kirche kommen, lautet: "Die Menschen denken heutzutage, dass sie selber Gott sind und sitzen lieber auf ihrem Hintern in der Sonne.” - "Und Gott lief fröhlich pfeifend aus der Kirche auf den Platz. Da sah er auf einer Bank einen kleinen Kerl in der Sonne sitzen. Und Gott schob sich neben das Männlein, schlug die Beine übereinander und sagte: '....Kollege!' ”
Die Erfahrungen mit Kollegen und Studenten, die ich hier zu skizzieren versuche, kann jeder, der ein Jährchen oder länger in Korea als Lektor gearbeitet hat, so oder ähnlich gemacht haben; oder auch nicht, zu seiner Erleichterung oder seinem Leidwesen. Der Autor rechnet sie jedenfalls zu Erlebnissen einer Gottähnlichkeit, bei der ihm alles andere als bange werden musste. Manches hat er selbst erlebt, manches ist ihm als Anekdote zugetragen worden. Für eine rechte Typologie wird es nicht ganz reichen.
Ich beschränke mich auf die koreanischen und deutschen Kollegen. - Haben wir koreanische Kollegen? Die meisten von uns arbeiten an einer Abteilung, an der zwei, drei oder mehr Koreanerinnen oder Koreaner deutsche Sprache und Literatur lehren. Sind wir ihre Kollegen? Wenn es glückt, haben wir unter ihnen eine, einen, oder mehrere, die an irgendwelchen spannenden, aufregenden und faszinierenden literaturwissenschaftlichen oder philosophischen Themen arbeiten; die ihre Produkte gerne auch einmal im Gespräch mit dem Deutschen, der auch an ihrer Abteilung berufstätig ist, auf die Probe stellen; die beherzt Anteil nehmen, Anteil haben, an Forschungsarbeit, der ihre deutschen Mitarbeiter nachgehen; die sie zu eigenen Arbeiten ermuntern, zu deren Publikation ermutigen, aus dem aufrichtigen Interesse an Mitarbeit, die die ganze Abteilung weiterbringt. Schön, dass sie da sind.
Und dann gibt es die, die einen, auch im täglichen Umgang, mitunter kaum mehr als beim Namen kennen, die der Arbeit des Fremden - der Arbeit, die in seinem jährlich zu verlängernden Vertrag festgelegt ist; der, die er gewissermaßen als Hobby, Privatvergnügen, wie andere Wandern, Angeln oder Krimilesen, betreibt - mit geradezu niederschmetterndem Desinteresse begegnen, und mit so schneidend kalter Gleichgültigkeit im Stile von "ach wissen Sie, Frau Soundso, das wird von Ihnen auch nicht erwartet”, dass man fast eine gewisse Mühe hat, nicht doch zu verzagen, und wenigstens ab und zu seinen wissenschaftlichen Steckenpferden Auslauf zu verschaffen. Es befällt einen das merkwürdige Gefühl, solchen Kollegen zu nahe zu treten, schneidet man einmal in ihrer Gegenwart ein wissenschaftliches Thema an, selbst wenn man sich dazu angeregt fühlt, weil man etwas von ihnen gelesen hat. Man ist in ihrer Wahrnehmung kaum mehr als ein muttersprachlicher Hausmeister, der ihnen ab und zu einen defekten Genitiv auswechselt, oder nach erschöpfender Diskussion zu einem Semikolon raten kann. Allein schon zahlenmäßig handelt es sich hier um ein weites Welt, das gleichwohl kaum Raum für eine Grauzone aufweist.
Die Szene der deutschsprachigen Kollegen erweist sich als mindestens etwas vielschichtiger, durchwachsener. Wir sind zwar, von der Anrede in den LVK-E-mails zu urteilen, alle Kollegen, und doch haben wir oft keinen Kollegen. Lehrt jemand in diesen Millionenstädten, zumal in der Provinz, auch nur an einer anderen Universität am anderen Ende der Stadt, ist er damit so gut wie völlig aus der Welt. Zum Glück gibt es die LVK und die Gelegenheit wenigstens zweimal im Jahr ihren Viehmarkt der sowohl gemeinsamen als auch unterschiedlichen Interessen zu besuchen. Glückt es, dann stellen sich bei diesen Treffen Bekanntschaften her, gemeinsame Interessen heraus, von Bergwandern bis Neostrukturalismus, Kampfsportarten bis Orientalismus, oder aus Uneinigkeit über die exorbitante Langweiligkeit eines Autors, Überschätztheit eines Regisseurs oder einer Schauspielerin ergibt ein Wort das andere und gute Gespräche setzen sich fort und fort, und halten die Unzufriedenheit damit kurz, irgendwo in der Provinz immer nur in seinem eigenen Saft zu schmoren. Egal, wie lohnend, so anstrengend ist es doch oft, neben dem täglichen Kleinklein solche Kontakte zu hegen, sich zu einem guten Telefongespräch oder einer längeren Email aufzuraffen, oder zu einer ausführlicheren Wortmeldung während einer der vielen Fachtagungen im Lande. Hat man sich einmal einen Eindruck von den Forschungsgebieten der Landsleute verschafft, allein, wenn man z.B. die Mitgliederliste überflogen hat, dann bietet unser im Lande weit verstreutes Kollegium zumindest denjenigen, die das wünschen, einen derartigen Reichtum an Verknüpfungsmöglichkeiten von Interessen, wechselseitigem Austausch, dass uns unsere koreanischen Kollegen darum nur beneiden können. Selbst Gott erscheinen wir, bei Hermann van Veen, als "eine höchst unwahrscheinliche Menge kleiner Kerle.” Wahrscheinlich!
[1] Zuerst auf der LP "Inzwischen alles Gute”(1974); nachzulesen z.B. auf http://slowakai-online.info/librgott.htm
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