Young-Jin Choi

Jenseits des cultural turn
Regionale Aspekte von DaF am Beispiel Korea


Einleitung

Kultur ist auch in der Fremdsprachendidaktik ein Modethema geworden. Wer als Auslands-DaFler das Kulturlernen nicht explizit thematisiert, findet nur schwer einen Förderer. Die programmatische Behandlung von Kultur geht mit der Pauschalisierung von Unterrichtspraxis im Ausland einher. Es gibt allerdings keine didaktischen und methodischen Konzepte, die für alle Welt gelten. "Die künftige Entwicklung wird", so Neuner, "wohl darauf hinauslaufen, dass immer weniger ‘fertige Produkte’ exportiert werden" (2000: 44). Die Bedürfnisse einer vom Zielland weit entfernten Region wie Korea werden leider nicht zur Genüge wahrgenommen, zumal Informationen über diese Regionen nur begrenzt zu erhalten sind. Im Folgenden wird über die aktuelle Lage in Korea aus Sicht einer DaF-Lehrerin an der Universität berichtet.

1 Reformcurricula auf Sand gebaut

Eine lange anhaltende Reformdiskussion in der koreanischen Germanistik führt gegenwärtig anscheinend zur landes- und kulturwissenschaftlichen Umorientierung deutscher Abteilungen der Universitäten, und zwar in Anlehnung an das amerikanische Modell German Studies. Diese Umorientierung ist in erster Linie als Überlebenskampf in existentieller Not zu verstehen. An koreanischen Universitäten zählen Lehrveranstaltungen, die massenweise besucht werden, egal was gelehrt wird. Unter germanistischen Lehrangeboten für die Allgemeinbildung[1] werden landes- und kulturkundliche Lehrveranstaltungen ziemlich gut besucht, erleben sogar einen Boom. Diese Veranstaltungen sind jedoch nicht wissenschaftlich fundiert. Hier wird ein enzyklopädisches Faktenwissen über Deutschland gesammelt und präsentiert, wobei die Vermittlung der Sprache völlig ausbleibt. Es sieht so aus, als ob es nun möglich wäre, das Land kennen zu lernen, ohne dabei dessen Sprache erlernen zu müssen.

Viele koreanische Professoren und Lehrbeauftragte für Germanistik glauben, dass dieser "Erfolg" des allgemein bildenden Landes- und Kulturkundeunterrichts auf das Fachstudium Germanistik übertragbar sei. Der Schein trügt. Die Teilnehmer der Landes- und Kulturkundeveranstaltungen wollen ohne große Lernanstrengungen Credits sammeln, zumal sie die "schwierige" Sprache dabei umgehen können. Solche Veranstaltungen eignen sich nicht dazu,  zum Landes- bzw. Kulturwissenschaftler auszubilden. Selbst die Studierenden der German Studies nehmen einen solchen Beruf nicht ernst. Die koreanischen Studierenden sind heutzutage überhaupt pragmatisch orientiert. Sie studieren, um später einen gut bezahlten Job zu bekommen, nicht um sich kulturell zu bereichern, wie manche Professoren und Lehrbeauftragte für Germanistik annehmen. Die Studierenden wissen, dass Kulturwissenschaftler genauso gute oder schlechte Berufsaussichten wie Germanisten haben. Diejenigen, die wirklich Kulturwissenschaften studieren wollen, werden zum Studium sicherlich nach Amerika, nicht aber nach Deutschland gehen, es sei denn, sie können sehr gut Deutsch und relativ schlecht Englisch.

In der deutschen Landeskundedidaktik besteht ein Konsens, dass Sprache und Kultur nicht voneinander zu trennen sind (vgl. Biechele/Padrós 2003: 94). In Korea wird die deutsche Kultur aber weiterhin prinzipiell von der Sprache getrennt vermittelt werden. Dies ist wohl verständlich, wenn man sieht, wie hierzulande die Fremdsprachenausbildung überhaupt verläuft - was ich im Folgenden ausführen werde.

2 Deutsch nach Englisch

Englisch als erste Fremdsprache wird auch in Korea selbstverständlich immer wichtiger. Das Fieber des Englischlernens hat die ganze Nation längst erfasst. Die Universitäten haben bereits alle ihre Studierenden zu einer Englischprüfung verpflichtet, ohne deren Ablegung kein Hochschulabschluss möglich ist. Vor einigen Jahren gab es sogar eine akademische Diskussion darüber, ob das Englische als Amtssprache eingeführt werden soll.

Die Stellung des Englischen in Korea muss aus fremdsprachendidaktischen Gründen kritisch betrachtet werden. "Deutsch nach Englisch" bedeutet für viele Lerner, dass man Deutsch auf die Weise lernen soll, wie man Englisch gelernt hat. Zu Teilnehmern der universitären Deutschkurse lässt sich z.B. Folgendes anmerken:

- Sie erwarten, dass bei koreanischen Lehrern die Unterrichts- und Verkehrssprache Koreanisch ist.
- Sie lesen Texte Wort für Wort und versuchen, alle Wörter ins Koreanische zu übersetzen. Globalverstehen wird nicht geübt.
- Sie lernen stark grammatikorientiert, wissen aber häufig nicht, ihre Grammatikkenntnisse richtig anzuwenden.
- Sie erwarten vom Lehrer, dass er alle grammatischen Details erklärt. Wenn er dies nicht tut, gilt er als schlecht.

Hier spielt auch der Faktor Alter eine Rolle. Die Studierenden sind erwachsene Lerner. Sie bestehen lieber auf den Lernmethoden, die ihnen vertraut sind, als sich mit neuen Lernmethoden anzufreunden. An koreanischen Schulen wird Englisch nach der Grammatik-Übersetzungs-Methode gelehrt, wobei die Förderung der kommunikativen Kompetenz zu kurz kommt. Die so genannte Konversation wird, von Fremdsprachenoberschulen abgesehen, an außerschulischen privaten Lehrinstituten gelernt, die in der Regel Muttersprachler engagiert haben. Selbstverständlich können sich nicht alle Schüler eine solche Nachhilfe leisten. Die Lehrsituation an Universitäten ist im Grunde nicht anders. Auch an Universitäten finden englischsprachige Lehrveranstaltungen, Sprachkurse eingeschlossen, fast nur bei Muttersprachlern statt. Manche Anglistikprofessoren verteidigen die Grammatik-Übersetzungs-Methode sogar als die richtige Lehrmethode für Koreaner.

3 Deutschunterricht für wen?

Deutsch als zweite Fremdsprache an koreanischen Schulen verliert zusehends an Attraktivität. Immer mehr Schüler wählen lieber Chinesisch oder Japanisch als Deutsch. Die überflüssig gewordenen Deutschlehrer müssen sich nun umschulen lassen. Dies bedeutet aber nicht, dass der Deutschunterricht in Korea irgendwann verschwinden wird. Es gibt nach wie vor eine Nachfrage nach Deutsch, auch wenn sie nicht groß ist.

Wenn Deutsch an Schulen weiterhin abgewählt wird, setzt der Beginn des Deutschlernens immer später ein, und zwar erst an den Universitäten. Tatsächlich wird Deutsch von relativ vielen Studierenden als dritte Fremdsprache gelernt. Auf curricularer Ebene gibt es zweierlei Deutschkurse, nämlich allgemein bildende Kurse für Studierende aller Fakultäten und zum Fachstudium gehörende Kurse für Studierende der Germanistik. Letztere dürfen natürlich auch von Nicht-Germanisten besucht werden. Eines ist klar: Fast alle universitären Deutschkurse finden auf Grundstufenniveau statt und bauen für viele Teilnehmer faktisch nicht aufeinander auf. Jeder wählt selbst Kurse, die er gerade besuchen möchte. Die Vorkenntnisse der Lerner innerhalb eines Kurses sind daher sehr unterschiedlich. Ebenso unterschiedlich ist auch ihre Motivation.

Motivation ist besonders im Erwachsenenunterricht ein wichtiger aber oft unterschätzter Faktor für den Lernerfolg. Die Teilnehmer der universitären Deutschkurse sind von der Motivation her folgendermaßen zu klassifizieren:

Kategorie 1)

Es gibt motivierte Lerner, denen Deutschlernen Spaß macht. Sie identifizieren sich mit der Zielkultur. Sie haben recht unterschiedliche Vorkenntnisse.

Kategorie 2)

Es gibt instrumentell motivierte Lerner. Ihnen macht Deutsch nicht so viel Spaß. Sie lernen aber fleißig, um eine gute Note zu bekommen. Sie haben unterschiedliche Vorkenntnisse auf Grundstufenniveau.

Kategorie 3)

Es gibt lern- und leistungsschwache Lerner, die gar nicht motiviert sind. Sie haben keine oder sehr geringe Vorkenntnisse.

Kategorie 4)

Es gibt Lerner, die durch frühere Deutschlandaufenthalte über erheblich bessere Deutschkenntnisse als die anderen Kursteilnehmer verfügen und nicht erwarten, etwas dazuzulernen. Sie belegen den Kurs, um leicht eine gute Note zu bekommen.

Nicht selten finden sich Vertreter dieser vier Kategorien in einem Kurs zusammen; es ist allerdings unmöglich, im Unterricht sie alle gleichermaßen zufrieden zu stellen. Den Lehrern wird diese Kurszusammensetzung oktroyiert.

Die eigentliche Zielgruppe des universitären Deutschunterrichts sollte Kategorie 1 sein. Die Lerner dieser Kategorie sind häufig Nicht-Germanisten. Manche von ihnen werden über die Lehrveranstaltungen hinaus betreut, weil sie einen Studienaufenthalt in Deutschland vorhaben. Die Kategorie 1 wird bedauerlicherweise oft nicht wahrgenommen und mit der Kategorie 2 gleichgesetzt. Den Lernern der Kategorie 2 ist egal, was eigentlich gelernt wird, wenn sie eine gute Note erzielen. Die Kategorie 2 schrumpft genauso wie die Kategorie 3, wenn Deutschkurse keine Pflichtveranstaltungen mehr sind. Die Kategorie 3 war vor der Hochschulreform zahlenmäßig die stärkste. Den Lernern der Kategorie 3 hilft keine Didaktik. Die Zahl der Lerner der Kategorie 4 ist sehr klein. Die Lerner dieser Kategorie passen nicht in universitäre Deutschkurse hinein oder überschätzen ihre Kenntnisse. Die meisten von ihnen lassen sich schwer in den Unterricht integrieren und wirken auf die Lehrer oft als "Störenfriede".

Deutsch sollte niemandem aufgezwungen werden. Vielen Studierenden nützt Deutsch faktisch gar nichts. Motivierte Lerner müssen aber optimal gefördert werden.

4 Ist das Deutschlernen in Korea bloß eine Zeitverschwendung?

Ein Hauptgrund für die Verwahrlosung universitärer Deutschkurse ist, dass viele Professoren und Lehrbeauftragte für Germanistik der Meinung sind, dass das Deutschlernen an koreanischen Universitäten bzw. in Korea überhaupt eine pure Zeitverschwendung sei. Erfahrungen besagen tatsächlich, dass man durch einen mehrmonatigen Besuch eines Intensivkurses in Deutschland viel größere Lernfortschritte macht als durch eine mehrjährige Teilnahme universitärer Deutschkurse in Korea. Außerdem ist ein abgeschlossenes Germanistikstudium in Korea keine Garantie für gute Deutschkenntnisse. Es ist allgemein bekannt, dass die meisten koreanischen Studienbewerber in Deutschland, sogar Germanistikabsolventen, zuerst Sprachkurse besuchen müssen, um die Sprachprüfung der Universität abzulegen. Heutzutage gehen viele Lerner mit geringen Deutschkenntnissen zu Sprachkursen nach Deutschland. Die Zahl der Studierenden der Germanistik, die sich für ein oder zwei Semester beurlauben lassen und nach Deutschland gehen, wächst ständig an.

Selbstverständlich ist eine Fremdsprache im Zielland viel einfacher und effektiver zu erwerben als im Heimatland. Das kann jedoch nicht heißen, dass universitäre Deutschkurse in Korea nutzlos seien. Grundstufenkurse können z.B. nicht gänzlich ins Zielland verlagert werden. Ich nenne zwei Gründe dafür:

Erstens: Die Sprachkurse der deutschen Universitäten sind normalerweise auf Lerner mit guten Deutschkenntnissen zugeschnitten. Lerner auf Grundstufenniveau landen daher in Volkshochschulen oder privaten Sprachschulen, bei denen die gesamte Grundstufe zu absolvieren, nicht nur teuer ist, sondern auch dazu führt, dass die Studiendauer in Deutschland verlängert werden muss, falls ein deutscher Hochschulabschluss angestrebt wird.

Zweitens: Tatsächlich geht kein Koreaner ohne Deutschkenntnisse zu Sprachkursen oder zum Studium nach Deutschland. Es ist jedoch eine andere Frage, inwiefern die in Korea erworbenen Deutschkenntnisse als Fundament für das Weiterlernen der Sprache in Deutschland dienen. Universitäre Deutschkurse in Korea ermöglichen also vielen Studierenden die erste Erfahrung mit der Sprache. Warum sollte diese Chance ungenutzt bleiben?

5 Nicht gedeckter Bedarf an Lehr- und Lernmaterialien

Der universitäre Deutschunterricht in Korea leidet derzeit unter dem Mangel an geeigneten Lehr- und Lernmaterialien für die Grundstufe. Besonders in Anfängerkursen, in denen sich die erwachsenen Lerner oft sprachlich überfordert und intellektuell unterfordert fühlen, ist das Problem akut. Die in Korea entwickelten Lehrwerke folgen generell alten Didaktiken und Methoden. Die Lehrwerke aus Deutschland, die angeblich für erwachsene Anfänger bestimmt sind, werden tatsächlich von Lernern in universitären Anfängerkursen in Korea als sprachlich schwierig empfunden, so dass sie auszugsweise als Zusatzmaterial eingesetzt oder von Kursleitern individuell modifiziert werden müssen.

In vom Zielland weit entfernten Ländern wie Korea sind audiovisuelle Materialien wie Videos unentbehrlich. Sie dienen nicht nur der Schulung des Hör-Seh-Verstehens, das gerade koreanischen, besser gesagt, asiatischen Lernern besonders schwer fällt, sondern auch der Vermittlung der deutschen Landeskunde, insbesondere der Alltagskultur, die koreanischen Lernern recht fremd ist. Moderne Videosprachkurse wie Hallo aus Berlin[2] finden bei koreanischen Lernern durchaus ein gutes Echo. Es müssen aber noch mehr Videos für den Grundstufenunterricht entwickelt werden. Eine Kooperation zwischen koreanischen DaF-Lehrern und DaFlern in Deutschland ist in dieser Hinsicht erwünscht.

Zusammenfassung

Auslands-DaF leidet stets unter der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. "Exportierte" Konzepte gelten in der Regel als Diktat und sind schwer zu integrieren. Mit der Tendenz der Kulturkundisierung der Germanistik wird in Korea Schritt gehalten. Der DaF-Unterricht wird aber nach wie vor dem Zufall überlassen. Davor warnt die Autorin und appelliert an die DaFler in Deutschland, die Bedürfnisse des Auslands wahrzunehmen.

Literatur

Aktionsprogramm des Fachverbandes Deutsch als Fremdsprache zur Förderung ausländischer Studierender, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 26 (2000), S. 489-506.

Biechele, Markus / Padrós, Alicia: Didaktik der Landeskunde, Berlin u.a.: Langenscheidt 2003 (= Fernstudieneinheit 31).

Kelletat, Andreas F.: Vom Deutschen leben. Beitrag zum DAAD-Lektorensommertreffen im August 2000 in Bonn: "Wieviel Deutsch braucht die Welt? Zur aktuellen Diskussion um eine zeitgemäße Sprachenpolitik", in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 27 (2001), S. 423-431.

Menke, Michael: European Studies - Hoffnung oder Ratlosigkeit?, in: DaF-Szene Korea. Rundbrief der Lektoren-Vereinigung Korea (2002), Nr. 16, S. 24-25.

Neuner, Gerhard: Die Lernenden im Blickpunkt, in: Fremdsprache Deutsch (2000), Sondernummer II, S. 38-48.


[1] Die Studierenden müssen ihre Mindest-Credits in allgemein bildenden Lehrveranstaltungen sammeln. Die Auswahl der Veranstaltungen bleibt ihnen vorbehalten.

[2] Ernst Endt, Hallo aus Berlin, Ismaning: Hueber 2000.


Copyright © 2005 by Young-Jin Choi


DaF-Szene Korea Nr. 21

Back Home