Im folgenden Beitrag wird versucht, die Hochschulbeziehungen zwischen der BRD und Hong Kong in den Zusammenhang des radikalen Strukturwandels einzuordnen, den Hong Kong seit den 1980er Jahren durchlaufen hat. Schwerpunkt sind die quantitativen und qualitativen Veränderungen der 1990er Jahre, die auf den Erfahrungen meiner Zeit als DAAD-Lektor in Hong Kong zwischen 1991 und 1997 beruhen.
1. Von "Made in Hong Kong" zu "Made in China"
Im Jahre 1978 ergriff Deng Xiao Ping nach den Turbulenzen der Kulturrevolution und der Festnahme der so genannten Viererbande in der Volksrepublik China die Macht. Er verkündete einen radikalen politischen Kurswechsel und löste damit wohl die folgenschwerste strukturelle Veränderung des 21.Jahrhunderts aus, den Kern dessen, was heute ganz allgemein mit dem Begriff "Globalisierung" bezeichnet wird.
Deng Xiao Ping setzte eine außergewöhnliche - und für viele westliche Chinabeobachter nur schwer verdauliche - Kombination von vier Modernisierungen (Landwirtschaft, Industrie, Technologie und Verteidigung) mit vier Hauptprinzipien (Beibehalten des sozialistischen Weges, die Diktatur des Proletariats, die Führerschaft der Kommunistischen Partei und die Ideologie des Marxismus, Leninismus, Maoismus) durch, die bis auf den heutigen Tag gilt, und die der seitdem stattfindenden umwälzenden Entwicklung Chinas nur durch merkwürdig erscheinende Kampagnen wie der Massenrekrutierung von Kapitalisten für die Kommunistische Partei Rechnung trägt.
Für Hong Kong, eine boomende und sichere Kolonie - man denke nur an die vielen Flüchtlinge wegen der Turbulenzen in der Volksrepublik China - bedeutete das eine ungeheure Herausforderung. ältere Menschen in der Bundesrepublik erinnern sich noch an Billigprodukte, vor allem Spielzeug und Textilien, "Made in Hong Kong". Wenn China sich öffnet, hat Hong Kong keine Chance mehr als Produktionsstandort arbeitsintensiver Massenprodukte, da es viel teurer produziert. Dementsprechend wanderten von 1982 bis 1992 97% der 3200 Fabriken, die in Hong Kong Spielzeug produziert haben, in die benachbarte Provinz Guangdong ab. Diese Provinz bot sich wegen der geographischen Nähe, dem gemeinsamen Dialekt (Kantonesisch) und der Familienbande als ideales Hinterland an.
Hong Kong, zusätzlich verunsichert durch den Abschluss der Rückgabeverhandlungen zwischen der Volksrepublik China und Großbritannien im Jahre 1984, die die Rückgabe auf den 1.Juli 1997 festlegten, hat nur dann eine realistische Überlebenschance, wenn es einen radikalen Strukturwandel von einem Billigproduzenten hin zu einer Dienstleistungsökonomie (Finanzen, Handel, Tourismus, Forschung, Technologie) vollzieht, basierend auf besser qualifizierten Arbeitskräften. Chinas ökonomische Öffnungspolitik und die gleichzeitige Entkolonialisierung können somit als die Hauptursachen für den starken Ausbau des Schul- und Hochschulbereichs in Hong Kong gelten.
Die Merkmale dieses Ausbaus für den Hochschulbereich sind schnell aufgezählt:
Hochschulneugründungen (University of Science and Technology);
Aufwertung bestehender Institutionen (in Analogie zur ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien werden Polytechnics und Colleges zu Universitäten, insgesamt gibt es in Hong Kong heute acht Universitäten);
neue Studiengänge;
neue Forschungsinstitute:
neue Stellen mit sehr guten Arbeitsbedingungen (hohe Gehälter und - besonders wichtig - Dienstwohnungen bzw. Mietzuschüsse);
Internationalisierung der Hong Konger Hochschullandschaft.
Diese expansive Phase wird, kaum abgeschlossen, schon wieder neu angefacht durch die Zahl von 60% eines Jahrgangs, die in Hong Kong studieren sollen, sowie dem riesigen Andrang von zahlungswilligen Studenten aus China.
2. Ausbau der Hochschulbeziehungen zwischen der BRD und Hong Kong
Historisch bedeuteten internationale Hochschulkontakte in Hong Kong eine Fixierung auf die englischsprachigen Länder. Begonnen hat diese Entwicklung 1913 mit der Gründung der University of Hong Kong, die zur Ausbildung lokaler Eliten in der Kolonialverwaltung gegründet wurde, und dementsprechend von Großbritannien beeinflusst war. Nach dem Zweiten Weltkrieg, also nach dem Ende der japanischen Besatzung, wurde der Einfluss der USA größer, etwa ab den 1970er Jahren kamen Australien und Neuseeland wegen der geografischen Nähe, der Sprache und ihrer zunehmenden Bedeutung als Emigrationsländer für Hong Kong-Chinesen hinzu.
Der Ausbau des Hochschulsystems vor allem seit den 80er Jahren führte zu einer Ausweitung der internationalen Hochschulbeziehungen auf Japan, ein Großinvestor in der Region, und Kontinentaleuropa, also die Länder der Europäischen Union mit Frankreich und Deutschland an der Spitze. Die ökonomische Bedeutung spiegelt auch die Beliebtheit der Fremdsprachen wider: Japanisch ist nach Englisch und Mandarin-Chinesisch klar die Nummer 3.
Ebenfalls bedeutsam, wenn auch nicht im strikten Sinne den ausländischen Hochschulbeziehungen zuzurechnen, ist der ständig wachsende Einfluss Chinas, der sich im Ausbau der Hochschulbeziehungen und des Studentenaustausches niederschlägt.
Die BRD verstärkt in dieser expansiven Phase im Wissenschafts- und Bildungsbereich die Kontakte zu Hong Kong. Traditionell in Hong Kong tätige Mittlerorganisationen wie der DAAD, die Alexander von Humboldt-Stiftung oder das Goethe-Institut erweitern ihre Aktivitäten, um von der Dynamik Hong Kongs und der angrenzenden Region zu profitieren. Sie möchten gleichzeitig aber auch ein Zeichen setzen, dass sie Hong Kong in diesen turbulenten Zeiten (Massaker am Tiananmen-Platz 1989, Demokratisierungsbewegung, Rückgabe 1997) nicht im Stich lassen.
Bei Stipendiaten- und Austauschprogrammen wird aufgestockt, in neue Programme wird Hong Kong integriert, z.B. Projektbezogener Personenaustausch des DAAD, Leibniz- und Helmholtz-Stipendien, außerdem werden Alumni-Netzwerke und Vereine gegründet.
Die erste offizielle Hochschulpartnerschaft wird 1992 zwischen der Universität Bremen, der Hochschule Bremen und der University of Hong Kong unterzeichnet.
3. Deutsch als Fremdsprache in Hong Kong: Die Orchidee blüht
Deutsch, ein klassisches "Orchideenfach" in Hong Kong, seit den 1970er Jahren mit festen Stellen (Ortskräften) und Lektoraten an den beiden wichtigsten Universitäten, der Hong Kong University und der Chinese University, unterrichtet, entwickelt sich in dieser expansiven Phase ebenfalls. Deutsch wurde in Bachelorprogrammen als Nebenfach unterrichtet, die Sprachkenntnisse und ihre praktische Nutzbarmachung standen hinter der klassischen Bildungsidee zurück. Aus finanziellen und hochschulpolitischen Erwägungen gab und gibt es in Hong Kong keine Chance, die so genannte Auslandsgermanistik, basierend auf Literaturwissenschaft und Linguistik, und/oder Deutsch als Hauptfach innerhalb eines B.A.s oder M.A.s einzuführen.
Stärker praxis- und berufsorientiert, und damit in der Tradition des Faches Deutsch in China stehend, gab es allerdings Möglichkeiten das Fach aufzuwerten. Dies geschieht im Rahmen eines vierjährigen Bachelorprogramms "Europastudien" mit Deutsch als wichtiger Teildisziplin seit 1994 an der Hong Kong Baptist University. Es zeigte sich, dass die Bereitschaft, Deutsch als Fach aufzuwerten, an einer weniger etablierten Institution größer war als in bereits bestehenden Programmen an etablierten Hochschulen.
Der Studiengang ist, wie alle so genannten "Area Studies", nicht eng fachwissenschaftlich ausgerichtet, sondern enthält Veranstaltungen aus verschiedenen Fachdisziplinen, deren gemeinsamer Fokus ein geographisch definiertes Gebiet ist. In diesem Fall werden europäische Sprachen (Deutsch und Französisch) mit sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern kombiniert (Politik, Geschichte, Landeskunde inkl. Österreichs und der Schweiz).
Für das Fach Deutsch als Fremdsprache hatte dieser Kurs zwei einschneidende Veränderungen gebracht, die deutsche Sprachkenntnisse in Hong Kong auf ein neues Niveau hoben:
a) Die Erhöhung der Wochenstunden in den ersten zwei Studienjahren auf 15, aufgeteilt in 12 Kontaktstunden und 3 Stunden Selbstlernen im Selbstlernzentrum. Dies entspricht mehr als einer Verdopplung gegenüber anderen Studiengängen.
b) Das dritte Studienjahr wird als Auslandsjahr im deutschsprachigen Teil Europas verbracht. Es besteht aus Teilung in Sprachkurs und Praktikum.
Dieser Kurs hat Bewegung in die Entwicklung des Faches Deutsch gebracht. Andere Hochschulen versuchten daraufhin ebenfalls Deutsch aufzuwerten.
4. Veränderungen der Lektorentätigkeit
Die oben genannten Veränderungen brachten auch neue Anforderungen an die Lektoren mit sich. Hochschulpolitisch fand im Zuge des globalisierten "Kampfes um die besten Köpfe", vorangetrieben vor allem vom DAAD, ein Paradigmenwechsel statt. Als Schwachpunkte des in Hong Kong und in der Welt als nicht besonders attraktiv angesehenen deutschen Hochschulsystems wurden plötzlich nicht mehr Studienbedingungen oder die Organisation des Studiums bzw. der Forschung identifiziert, sondern das Marketing des Hochschulsystems, d.h. wir müssen das "Produkt", Studiengänge werden im neoliberalen Jargon "Produkt" genannt, besser verpacken, und schon können wir auch mehr davon verkaufen, m.a.W. mehr ausländische Studenten anwerben. Erst mit etwa zehnjähriger Verspätung wird diese Marketingstrategie durch strukturelle Reformen, z.B. die Umstellung auf die international kompatiblen Abschlüsse Bachelor und Master, unterstützt.
Für das Auslandsjahr im Studiengang Europastudien mussten in Zusammenarbeit mit der Niederlassung der deutschen Industrie- und Handelskammer und den österreichischen und schweizerischen Generalkonsulaten Praktikumsplätze bei Unternehmen und Institutionen, die ein strategisches Interesse an Hong Kong haben, eingeworben werden. Das bedeutet, auch hier mussten Marketingstrategien entworfen werden, um den Kurs zu etablieren.
Dieses Marketing traf den ökonomischen, kulturellen und technologischen Nerv der Zeit, besonders in Asien, das geprägt ist durch eher formelle ritualisierte Verhaltens- und Umgangsstandards, die die Form (das "Wie") über den Inhalt (das "Was") stellen, und durch eine Leidenschaft für Technik, die im Falle der Präsentation (Beamer, Powerpoint etc.) und der Informationsbeschaffung (Internet, Google) rapide Fortschritte machte.
Das führte zu einer schrittweisen Verlagerung der Anforderungen an DAAD-Lektoren in Zentren und Metropolen weg von den Fachkenntnissen bzw. Spezialisierungen hin zu den so genannten "Soft skills", z.B. kommunikative Fähigkeiten, Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen, und auch weg vom Campus hinein in andere Bereiche der Gesellschaft. Ausdruck dieser Veränderung ist die Einrichtung von Informations- und Beratungszentren an bestimmten Hochschulen in Verbindung mit einer Statusaufwertung (IBZ-Lektorate). Für die Lektoren, genauso wie für die Absolventen des Studiengangs "Europastudien", ergeben sich nach dem Lektorat bzw. nach dem Studium ähnliche Qualifikationen und Beschäftigungschancen.
Abgesehen von wenigen "Hard skills", z.B. Sprachkenntnissen, liegt der Schwerpunkt auf den sog. "Soft skills", was beiden Gruppen relativ weit gefasste Beschäftigungsfelder, besonders als "Kommunikatoren" zwischen Kontinentaleuropa und Hong Kong/Asien eröffnet.
Copyright © 2005 by Manfred Kaluza