Edeltrud Kim

Das Grundstudium an koreanischen Universitäten

Dieser Text erschien, etwas erweitert, in der "DaF-Szene Korea" Nr. 18, November 2003


Die Organisation der Hochschulen

Die koreanischen Universitäten orientieren sich bei der Organisation des Studiums und bei den Verwaltungsstrukturen am us-amerikanischen Hochschulsystem. In Korea gibt es mehr als 200 Hochschulen: In Seoul, in den anderen Städten mit Provinzstatus und in jeder Provinz befindet sich je eine staatliche Universität, die anderen Hochschulen sind (in der Regel staatlich anerkannte) Hochschulen in privater Trägerschaft. Die Studiengebühren sind ziemlich hoch, so dass trotz verschiedenster Stipendienprogramme viele begabte junge Leute aus armen Familien aus finanziellen Gründen nicht studieren können.

In Korea gibt es zwei bzw. drei Typen von Hochschulen:

Für alle Hochschulen gilt ein numerus clausus, da das Erziehungsministerium vorschreibt, wie viele Studienanfänger eine Hochschule jedes Jahr maximal aufnehmen darf. Die Verteilung der Studienanfänger auf die Fakultäten bzw. auf die Fächer regeln die Hochschulen dann selbst.

Zugang zum Hochschulstudium

Studieren kann jeder, der bei der zentralen staatlichen Eignungsprüfung[1] (수능시험 su nung shi hom) die vorgeschriebene Mindestpunktzahl erreicht und die Oberschule[2] 고등학교, go dung hak gyo) absolviert oder eine entsprechende Sonderprüfung abgelegt hat. Die Punktzahl bei der Eignungsprüfung und die Schulnoten aus der Oberschule entscheiden darüber, wo man was studieren kann, bzw. (realistischer formuliert) von welcher Hochschule auf welcher Rangstufe der fetischisierten Rangordnung koreanischer Hochschulen man für welches Fach bzw. für welchen Fachbereich, für die in den Köpfen der Leute ebenfalls eine Rangordnung existiert, aufgenommen werden kann.

Jede Hochschule hat das Recht, die Modalitäten der Aufnahme selber zu regeln, d.h. die Hochschulen entscheiden, wie die Punkte der Eignungsprüfung und die Schulleistungen für die einzelnen Fachbereiche gewichtet werden, ob sie eine zusätzliche Aufnahmeprüfung machen lassen oder ob sie Sonderregelungen einführen, um begabte Studienanfänger zu gewinnen. So werden z.B. an vielen Universitäten schon vor der Eignungsprüfung einige Studenten ausgewählt, die über besondere Fähigkeiten wie z.B. gute Fremdsprachenkenntnisse verfügen. Sie müssen sich sofort für ein Hauptfach entscheiden, haben im letzten Semester der Schulzeit schon Aufgaben für die Uni zu erledigen, können sich auf diese Weise aber einen Studienplatz in einer der besseren Universitäten sichern und dabei die Teilnahme an der schrecklichen Eignungsprüfung umgehen.

Der Aufbau des Studiums

An den Universitäten unterscheidet man generell zwischen Grundstudium und Graduate School. Das Grundstudium ist nach Jahrgängen mit je zwei Semestern gegliedert. Die Matrikelnummern der StudentInnen enthalten daher immer in irgendeiner Form das Jahr des Studienbeginns.

Reformbestrebungen seit den neunziger Jahren

Mitte der neunziger Jahre wurde vom Erziehungsministerium eine große Universitätsreform angeordnet. Die neue Ordnung wird Fachbereichsordnung (학부제 = Hak bu che) genannt.
Vor dieser Reform hatten die Universitäten festgelegt, wie viele der ihnen von der Regierung zugestandenen Studienanfänger jedes einzelne Fach aufnehmen konnte, und alle Studienanfänger mussten sich bei der Anmeldung schon für ein bestimmtes Fach entscheiden. Und in der Regel konnte auch nur dieses eine Fach studiert werden.

Angesichts der riesigen Bedeutung des Studiums an einer der Spitzenuniversitäten für die Stellensuche und für das gesellschaftliche Ansehen war der Maßstab für die Fächerwahl nicht das Interesse bzw. die Begabung, sondern die Überlegung, mit welchem Fach man in eine möglichst gute Universität gelangen könne. So hatten auch die deutschen Abteilungen stets ihr festes Kontingent an Studenten, die natürlich leider zum größten Teil nicht sehr lernwillig waren.

Durch die Reform sollten die Schüler nun angeregt werden, bei der Wahl ihres Studienfaches ihren Interessen und Begabungen zu folgen. Daher sollten die Studienanfänger jetzt nicht mehr für ein ganz bestimmtes Fach, sondern für einen Fachbereich oder für ein Fakultät aufgenommen werden und sich erst am Ende des ersten allgemeinbildenden Studienjahrs für ihr erstes Hauptfach entscheiden.

Bei der Studienreform wurde außerdem angeregt, dass jeder zwei Hauptfächer oder ein Hauptfach und maximal zwei Nebenfächer studieren sollte, dabei dürfen das zweite Hauptfach und die Nebenfächer auch aus einem anderen Fachbereich gewählt werden als aus dem, für den man aufgenommen wurde.

In der Philosophischen Fakultät gibt es kaum besondere Regelungen für die Wahl der zusätzlichen Fächer, die meist gegen Ende des zweiten Studienjahres erfolgt. Bei den anderen Fakultäten existieren allerdings von Hochschule zu Hochschule und von Fach zu Fach wechselnde Beschränkungen.

Seit der Einführung dieser Reform sind die Studentenzahlen für die deutschen Abteilungen leider drastisch gesunken, da Deutsch für sehr schwierig und leider auch für ziemlich nutzlos gehalten wird.

Inzwischen wird die Fachbereichsordnung an einigen Universitäten schon wieder rückgängig gemacht, weil das Erziehungsministerium nicht mehr darauf besteht.

Die Reform an sich geht aber weiter. Wiederum nach amerikanischem Vorbild sollen etliche Universitäten nur noch das Grundstudium anbieten, und zwar etwa als vierjährige Ausbildung in General Studies mit einigen Schwerpunkten im Hinblick auf das Berufsleben oder ein späteres Studium an einer Graduate School. Andere Hochschulen sollen nur noch Graduate Schools haben, in die man auch aufgenommen werden kann, wenn man für das betreffende Fach keinerlei Vorbildung im Grundstudium erhalten hat. Einige Hochschulen wollen die beiden Typen auch kombinieren und z.B. geisteswissenschaftliche Fächer nur noch fürs Grundstudium anbieten und andere z.B. Jura nur noch in der Graduate School. So spricht man z.B. darüber, dass die Seoul National University eine Graduate Hochschule mit nur noch sehr wenigen undergraduate Studenten werden solle.

Zur Zeit wird die baldige Einführung einiger Graduate Schools für Medizin angestrebt, ansonsten befindet sich diese Reform noch im Stadium der Planung, wird aber bei Entscheidungen in Personal- oder Sachbereichen heute schon bedacht. Unter den Hochschulneugründungen gibt es aber heute schon einige Graduate Hochschulen für bestimmte Fächer.

Credits im derzeitigen Grundstudium

Wie in den USA ist das Grundstudium sehr verschult, allerdings wegen der besonderen koreanischen Verhältnisse beim Studienzugang nicht so leistungsorientiert.

An koreanischen Universitäten gibt es für das vierjährige Grundstudium in der Philosophischen Fakultät eigentlich keine Abschlussprüfung. In einigen, sehr beliebten Fächern führt man an einigen Universitäten einen Schlusstest durch, der den Lehrstoff der beiden letzten Studienjahre berücksichtigt, anderswo gibt es eine schriftliche Hausarbeit, die aber im Grunde nur eine Formalität ist.

Zum Erreichen des Studienziels und damit zur Ausstellung einer Abschlussurkunde muss nachgewiesen werden, dass man eine von der Universität vorgeschriebene Mindestzahl an sog. Credits (학점= akademische Punkte) erworben hat und dass die Leistungen nicht schlechter als D (oder 1,7) sind.

Zu diesem Zweck unterhält die Universitätsverwaltung für jeden Studierenden eine Karteikarte, die alle Kurse nennt, die man je besucht hat, und die Zahl der Credits, die der Kurs wert war, sowie die Note, die man erhalten hat. Als Gesamtnote wird am Ende auch ein Durchschnittswert in Zahlen genannt. Die beste Note ist 4, wer in vielen Fächer A+ erhalten hat, kann auch schon mal einen höheren Durchschnittswert als 4 erreichen. Dieser  Karteikarte entspricht der Studiennachweis, den jeder sich von der Verwaltung ausstellen lassen kann. Dieser Studiennachweis ist das eigentliche Zeugnis, und er ist bei der Stellensuche usw. wichtig, viel wichtiger als die Urkunde, die bei der Absolvierungsfeier ausgehändigt wird. Von diesem Studiennachweis kann man sozusagen sein Leben lang bei der Universitätsverwaltung eine Kopie machen lassen.

Die Organisation des Curriculums und die Festlegung der Zahl der Credits, die bis zur Absolvierung in den Haupt- und Nebenfächern erreicht werden müssen, insbesondere die Verteilung der Credits auf allgemeinbildende Fächer und Haupt- und Nebenfächer variieren von Uni zu Uni und von Fakultät zu Fakultät. Ich gebe hier, da wir es zur Hauptsache mit FremdsprachenstudentInnen zu tun haben, einige Durchschnittswerte nach dem Schema der Ewha Womans University[4] für Fächer in der Philosophischen Fakultät an.

Für eine Unterrichtseinheit sind vom Erziehungsministerium 150 Minuten pro Woche und 16 Wochen pro Semester vorgeschrieben. An einigen Universitäten werden diese 150 Minuten pro Woche als drei Stunden zu 50 Minuten gegeben, an anderen als zwei Stunden zu 75 Minuten. Für eine 150minütige Unterrichtsveranstaltung gibt es pro Semester in aller Regel drei Credits, es gibt allerdings auch einige praktische Fächer (z.B. Sport), Praktika (z.B. Übungen im Sprachlabor) oder allgemeine Einführungen, für die es nur 2 oder 1,5 Credits oder nur 1 Credit gibt.

Die Studenten müssen im Grundstudium je nach Fach mindesten 120 bis 170 Credits erwerben. An der Ewha müssen die Studentinnen der Philosophischen Fakultät, die 1998 mit dem Studium angefangen haben, noch 140 Credits erwerben, die Studentinnen, die 2002 begonnen haben, brauchen nur noch 120 Credits. Sie können einige mehr erwerben, dürfen aber nicht mehr als 5 Kurse pro Semester belegen.

Von den Credits sind jeweils 36 Credits Pflicht für das erste Hauptfach ([소속]전공 = [so sok] chon kong) und für das zweite Hauptfach (복수 전공 bok-su chon kong), 15 Credits müssen in allgemein bildenden Pflichtkursen (교양 필수과목 = kyo yang pilsu kwa mok), die einen Bezug zum ersten Hauptfach haben, erworben werden und 12 Credits in anderen allgemein bildenden Pflichtkursen. Für ein Nebenfach müssen mindestens 21 Credits erworben werden. Weitere Credits können nach Wunsch und Interesse aus dem Angebot der Universität in der Allgemeinbildung oder in den Hauptfächern ausgewählt werden.

Theoretisch könnte man auch nur ein Hauptfach studieren und dafür aus dem Hauptfachangebot 72 Credits sammeln, aber das tut heute kaum noch jemand.

 

Erstes Hauptfach

Zweites Hauptfach

Nebenfach

(freiwillig)

Allgemeinbildung

Pflichtkurse mit Bezug zum ersten Hauptfach

Allgemeinbildung

Pflichtkurse

für alle

Freie Wahl

Credits

Minimum

36

36

(21)

15

12

?

Eine Mindestanforderung von 36 Credits in Germanistik als erstem Hauptfach bedeutet, dass die Studentinnen in den drei Jahren des Hauptfachstudiums nur 12 germanistische Kurse zu besuchen brauchen, und dies einschließlich der Sprachkurse der native speaker. (Wie viel kann man da von der deutschen Sprache und Landeskunde oder gar von der Germanistik lernen?)

Prüfungen und Semesternoten

Zweimal im Semester gibt es Prüfungen, eine Zwischenprüfung und die Schlussprüfung. Wie man die Prüfungsaufgaben stellt, steht jedem frei, aber gemacht werden müssen diese Prüfungen. Man kann sie allerdings auch durch eine Serie von schriftlichen und mündlichen Tests ersetzen, aus denen man die Endnote errechnet. Dieses Verfahren muss aber mit der Abteilung und den StudentInnen abgesprochen werden. An einigen Universitäten gibt es einen zentralen Prüfungsstundenplan, an anderen gibt es den nur für die allgemeinbildenden Fächer, an wieder anderen gibt es gar keine zentrale Regelung.

Das Notensystem folgt wieder dem us-amerikanischen Vorbild: Gezählt werden nicht die Fehler, sondern die richtigen Antworten.

1 00 - 91 Punkte  =  A     (An einigen Universitäten wird noch zwischen A+, Ao und A-, etc. unterschieden.)
   90 - 81 Punkte  =  B
   80 - 71 Punkte  =  C
   70 - 60 Punkte  =  D
 unter 60 Punkte  =  F     (Bei F muss der Kurs wiederholt oder durch einen gleichwertigen ersetzt werden.)

An einigen Universitäten, so an der Ewha-Uni, gibt es ein relatives Notensystem mit festen Prozentsätzen für jede Note. An anderen Unis herrscht Freiheit. Gibt es keine Quoten, ist man mit den Noten sehr großzügig, so dass die Mehrzahl der Teilnehmer immer A und B erhält, F kommt kaum vor, D ist auch schon eine Katastrophe. Deutsche Lektoren haben meist Schwierigkeiten mit dieser Großzügigkeit bzw. mit dem Verlangen der StudentInnen nach guten Noten unabhängig von ihren Leistungen, aber der DaF-Lektor sollte sich an das System bzw. an die Gepflogenheiten seiner Universität halten, denn zu strenge Noten bewirken keinesfalls eine Leistungssteigerung der Kursteilnehmer, sondern nur leere Klassen.


[1] Vgl. die entsprechende Anmerkung im Beitrag "Die studentische Perspektive".

[2] Die koreanische "high school" sollte man nicht mit "Gymnasium" übersetzen, da sie nur drei Klassen umfasst, nämlich die Klassen 10 bis 12.

[3] Die Übersetzungen Magisterkurs und MA = Magister sollte man vermeiden, weil in Deutschland zwecks Anwerbung ausländischer StudentInnen jetzt Masterstudiengänge angeboten werden, deren Studienordnung sich von den Regelungen für den Studienabschluss mit dem deutschen Magister unterscheiden. (Vgl. z.B. Uni Jena, Masterstudiengang DaF.)

[4] Die Schreibung Ewha Womans University ist die offizielle Schreibweise. "Womans" wurde gewählt, weil das Bildungsinstitut, aus dem die Universität erwachsen ist, mit einer einzigen Schülerin begonnen hatte, man hat nur das lästige Apostroph bei woman’s weggelassen. Ewha hat nichts mit Eva zu tun, sondern E () = Birnbaum, und wha (eigentlich hwa ) = Blüte. Wörtlich übersetzt müsste es daher eigentlich heißen: Birnenblüten-Universität der Frau.


Copyright © 2005 by Edeltrud Kim


DaF-Szene Korea Nr. 21

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