Sigrid Gaffal

Warum denn immer groß und viel?


Als ich mit meinem Universitätsunterricht in Korea begann, sah ich mich Klassen in der Größe von etwa vierzig Studenten bei den Geisteswissenschaften gegenüber. Das erleichterte die Arbeit nicht unbedingt. Damals gab es auch noch eine Pädagogische Abteilung, an der ungefähr zehn Studenten zu Deutschlehrern ausgebildet wurden. Heute sind sie bei den Geisteswissenschaften integriert, deren Studenten dadurch die Wahl haben. Die Studenten waren hoch motiviert und es ließ sich bis hin zu kleinen Referaten vieles ausprobieren, was von den Studenten positiv aufgegriffen wurde. In den großen Klassen versuchte ich durch eine Aufteilung in Arbeitsgruppen die große Gruppe zu strukturieren, sofern das durch Räumlichkeiten ohne festgeschraubte Bänke und Tische möglich war. Diese Klassengröße findet sich sehr oft an Universitäten, besonders bei den Pflichtkursen. Bei fakultativen Kursen hingegen kann die Anzahl der Studierenden weit geringer sein.

Es gibt aber auch Universitäten oder Abteilungen mit durch Numerus clausus klein gehaltenen Klassen.  Dieser Umstand ist ein großer Vorteil für Lehrende und für Lernende. Kleine Klassen ermöglichen einen ganz anderen Umgang: intensiver und auch sehr viel persönlicher. Man kann sich nicht nur die Namen der Studenten schneller merken, sondern auch die Persönlichkeit der einzelnen Teilnehmer kennen lernen. überhaupt wird ein gegenseitiges Kennen lernen dadurch leichter und damit auch das Eingehen auf die Bedürfnisse der Klasse einerseits, wie auch auf das unterschiedliche Sprachniveau der einzelnen Studenten. 

Es lässt sich also als banale Erkenntnis festhalten, dass kleinere Universitäten als Orte des Lehrens und Lernens viele Vorteile in sich vereinen. Damit verbunden sollte erwähnt werden, dass eine kleine Einrichtung nicht nur bei Universitäten von Vorteil sein kann, sondern auch bei Schulen, und das ist gerade auch für Studenten der Pädagogischen Abteilungen als zukünftigen Lehrern sehr wichtig.

Schon seit den 60er Jahren verlassen immer mehr Leute Dörfer und Orte auf dem Land in Richtung der Städte. Ging es am Anfang darum, in den großen Städten, besonders Seoul, Arbeit zu finden, kamen mit der Zeit andere Faktoren dazu, wie Kultur- und Erziehungseinrichtungen. Das Gesicht der Städte hat sich dadurch stark verändert.

Wenn man die Entwicklung der Städte in Korea in den letzten Jahren mitverfolgt hat, kann man feststellen, dass an vielen Orten ganz neue Stadtteile aus dem Boden gestampft wurden. Im Fall von Cheongju zieht sich ein breiter Streifen halbkreisförmig von Westen über Süden nach Osten. Ganze Bezirke entstehen hier zwischen zwei Ringstraßen neu. Die Bebauung fokussiert sich vornehmlich auf Hochhäuser, die viel mehr Bewohner in sich aufnehmen können und das innerhalb einer kurzen Zeitspanne, als die langsam gewachsenen Stadtteile, die zumeist Einzelhäuser aufweisen. Diese Konzentration zieht viele Konsequenzen nach sich. So entstehen neue große Schulen, die die Kinder aus diesen Hochhaussiedlungen aufnehmen, wie auch eine immens große Anzahl von privaten Nachhilfeeinrichtungen, die "Hagwons". Die Schulen laufen oft fünf- oder sechszügig und meistens sind 35 Schüler in einer Klasse. Bei sechs Jahrgängen in Grundschulen (Mittel- und Oberschulen haben jeweils drei Jahrgänge) ergibt das über 1.200 Schüler in einer Schule. Bereits die Schulanfänger im ersten Schuljahr haben in Anlehnung an das Schulsystem in Seoul in jedem Schulhalbjahr Zwischen- und Abschlussprüfungen.

Die "Hagwons" können ganz sinnvolle Einrichtungen sein, in denen Schüler ein Musikinstrument oder ein Fach lernen und vertiefen, das sie besonders interessiert. Zumeist aber werden Kurse angeboten, in denen der Schulunterricht repetiert oder vorgelernt wird, den Schülern wird der Unterrichtsstoff also gleich zwei Mal präsentiert. (Eine treffende Beschreibung dieser Situation aus der Sicht eines Hagwonlehrers ist Oe Kenzaburo, dem japanischen Nobelpreisträger für Literatur 1994, in seinem Roman "Eine persönliche Erfahrung" von 1964 gelungen.) Dass sich das nicht unbedingt positiv auf den eigentlichen Unterricht in der Schule mit gelangweilten oder übermüdeten Schülern  auswirkt, lässt sich denken.

Und wie sieht es auf dem Land aus? Die Bevölkerung nimmt ab, besonders die Jüngeren verlassen die ländlichen Gebiete, es bleiben überwiegend die älteren zurück.

Welche Konsequenzen hat das nun für die Schulen? Die Schülerzahlen werden geringer, damit auch die Anzahl der Klassen und viele Schulen überleben nur mit großer Not, andere werden geschlossen. (Hier muss allerdings erwähnt werden, dass auch in der näheren Umgebung von Cheongju die Schülerzahl der in Cheongju entspricht, aber die Parallelklassen in einem Jahrgang wesentlich geringer sind.) Damit diese Entwicklung nicht immer weitergeht, wäre es wünschenswert, die sinkenden Schülerzahlen und die kleiner werdenden Schulen auf dem Lande auch als Chance zu begreifen; als Chance mit einer geringen Schülerzahl eine Art von Unterricht zu versuchen, wie er in den Städten nicht mehr möglich erscheint, da dafür die Klassen zu groß sind - besonders wenn man Fremdsprachen unterrichtet. Zum Abschluss soll generell ein Appell an den Mut erfolgen, sich auf eine vielleicht ungewohnte Situation einzulassen und auf die Möglichkeit, Neues zu erproben.

Der Artikel ist eine überarbeitete Fassung eines im November 2003 in "Werden 16", dem Magazin der Abteilung Deutsch als Lehramt der Korea National University of Education, erschienenen Artikels.


Copyright © 2005 by Sigrid Gaffal


DaF-Szene Korea Nr. 21

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