Sie, Mitte dreißig und ledig, Deutschlehrer auf Honorarbasis an der VHS Gütersloh (12 Stunden pro Woche), Lehrbeauftragter für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Bielefeld (9 Stunden pro Woche), haben das Honorarlehrerdasein und die Pendelei mal wieder so richtig satt! Just stehen auch noch die Sommerferien bevor, das heißt, mehr als zwei Monate keine Deutschkurse und somit kein Einkommen in Sicht. Und das, während Ihre Freunde wahrscheinlich bereits die Koffer für den jährlichen Karibik-Urlaub packen.
Eine feste Stelle mit einem sicheren Einkommen muss her, aber wo gibt es heutzutage so was noch? In Deutschland arbeitet jedenfalls die gesamte Zunft auf Honorar. Vielleicht sollte man es mal im Ausland versuchen? Sie setzen sich an Ihren Computer und surfen in den Jobbörsen für Sprachlehrer herum. Auch nicht berauschend, was da so alles angeboten wird. Aber hier: Südkorea, 2,2 Millionen Won Festgehalt. - Na ja, das mit den vielen Nullen kennen Sie bereits aus den Familienurlauben der späten 70‘er und frühen 80‘er in Italien und der Türkei, Papier ist geduldig. - Aber halt mal, Korea, da war doch was? Fußballweltmeisterschaft! Die war doch perfekt organisiert, ein Riesenspektakel. Sie erinnern sich noch lebhaft an die Fernsehbilder von den fröhlichen Studentenmassen dort auf den Straßen und an die interessanten Reportagen über Land und Leute im Begleitprogramm zur WM. Und dann - der ganze geniale Technikkram von LG und Samsung, der in den Wohnungen Ihrer wohlhabenden Freunde herumsteht. Die coole Kia-Werbung mit Andre Agassi nicht zu vergessen! Vielleicht steckt ja tatsächlich harte Münze hinter den vielen Nullen - und die Stellenbeschreibung klingt doch sehr interessant, 12 Stunden pro Woche, eigenes Büro und so weiter...
Neugierig geworden, klicken Sie einen Währungsumrechner im Internet an und lassen sich die Sache mal durchrechnen: 2,2 Millionen Won das sind... 1700 Euro. Klingt doch ordentlich. Aber die Sache hat bestimmt irgendeinen Haken, Sie haben nämlich schon öfter gehört, wie teuer das Leben in Koreas Nachbarland Japan ist. Und an den Spiegel-Artikel über die Wohnverhältnisse dort können Sie sich ebenfalls noch lebhaft erinnern: Wohnungen, halb so groß wie ein amerikanischer Kühlschrank, und Mieten, höher als in den nobelsten Villenvierteln von Hamburg oder Berlin. Womöglich werden Sie in Asien so arm wie eine Kirchenmaus sein? Und selbst wenn nicht, wie viel verdient ein Lektor denn normalerweise überhaupt in Korea? Und wie gut kann man eigentlich davon leben?
Bei Ihren weiteren Recherchen stoßen Sie auf die Homepage der Lektorenvereinigung Korea. Erstaunt stellen Sie fest, dass es recht viele deutsche Lektoren in Korea gibt, und dass die Lektorenvereinigung sogar eine Zeitschrift mit dem Namen DaF-Szene Korea herausgibt. Die aktuelle Ausgabe, "Informationen für deutschsprachige Lektoren und Lektorinnen in Korea", kann man teilweise sogar im Internet lesen. Sie überfliegen einen Text zum Thema Gehalt...
"Deutsche Lektoren an koreanischen Universitäten verdienen im Durchschnitt zwischen 2 und 2,5 Millionen Won pro Monat. Wie gut sie davon leben können, das wird aber von weiteren Umständen wie Wohnort, Wohnung, Lebensstil ganz entscheidend mitbestimmt."
Banalitäten! Dass das Leben in Berlin und München wesentlich teurer ist als im Studentenstädtchen Marburg, das wissen Sie nur zu gut - und als weitgereister Mensch wissen Sie ebenso, dass das im Ausland auch nicht anders ist: Lissabon und Madrid sind teurer als die altehrwürdigen Studentenkaffs Coimbra und Salamanca; folglich wird auch das Leben in Seoul teurer sein als das in dem Städtchen aus der Stellenanzeige - wie hieß die Stadt noch gleich, Chonju, Chongju, Gjeongju? Der Haken an der Sache ist also bestimmt die Sache mit der Wohnung...
"Die meisten koreanischen Universitäten stellen ihren Lektoren eine Wohnung in einem Professorenwohnheim zur Verfügung, und das in den meisten Fällen und vor allem in kleineren Universitätsstädten sogar mietfrei. Einige Universitäten nehmen jedoch eine Miete für die Wohnung, je nach Größe zwischen 400 000 und 700 000 Won pro Monat. Ziehen Sie diese Miete von einem Gehalt von 2,5 Millionen Won ab, so wird Ihnen schnell klar, weshalb ein höheres Gehalt am Ende nicht unbedingt mehr Geld bedeuten muss."
Wohnheim! Und das Ihnen, einem eingefleischten WG’ler, ehemaligen Hausbesetzer und militanten Wohnheimgegner! Auf keinen Fall! Na, dann werden Sie sich halt auf eigene Faust eine Wohnung suchen...
"Eine Privatwohnung sucht sich wohl kaum ein Neuankömmling in Korea, schon wegen der hohen Kautionen. Es fängt bei 10 Millionen Won für eine Miniwohnung an und schreitet dann, je größer die Wohnung ist, zügig in unbegrenzte Höhen weiter hinan: Für manche Wohnungen werden Kautionen verlangt, die das zwei- bis dreifache Ihres Jahresgehaltes betragen. Normalerweise wird die Universität Sie auf die Wohnungsfrage ansprechen und auch schon eine Lösung parat haben, sei es das Wohnheim oder eine von der Universität angemietete Wohnung. Falls Ihre koreanischen Partner die Wohnungsfrage allerdings wider Erwarten nicht ansprechen, so sollten Sie es auf jeden Fall tun, bevor Sie sich auf den Weg nach Asien machen."
Hm, also eventuell doch Wohnheim. Aber vielleicht sollten Sie zur Abwechslung mal was Neues ausprobieren und wahrscheinlich können Sie im Wohnheim ja auch nette Leute aus anderen Ländern kennen lernen. Bleibt noch die Sache mit dem Lebensstil. Was kommt jetzt wohl?
"Sie lieben es, exotische Speisen und Getränke auszuprobieren? - Gut so, denn Ihre Kasse wird es Ihnen danken, wenn Sie sich bemühen sich kulinarisch zu integrieren. Wenn Sie es scharf mögen und Knoblauch lieben, werden Sie sich sowieso erst einmal nach Herzenslust durch die koreanische Küche schlemmen. Nach einer gewissen Zeit kommt sicher Sehnsucht nach gewohnten Genüssen auf, aber auch das ist kein Problem, da man in Korea mittlerweile vielerorts ausländische Lebensmittel und Getränke kaufen kann. Leider haben diese Dinge aber ihren Preis. Ein deutsches Bier kostet doppelt oder dreimal so viel wie ein koreanisches, einmal Pizzaservice ist doppelt so teuer wie ein Essen in einem guten koreanischen Restaurant usw. Das kann auf Dauer ganz schön teuer werden. Wenn Sie sich dagegen ein wenig mäßigen, dann ist es um so schöner, sich dann und wann ein Hefeweizen statt eines koreanischen Biers zu leisten, einen guten Wein zu trinken, oder den Pizzaservice kommen zu lassen.
Zusammengefasst: Von einem Gehalt ab ca. 2 Millionen Won netto werden Sie zwar nicht reich, können aber als Single recht komfortabel davon leben. Sie können sich einen schönen Jahresurlaub leisten und wahrscheinlich noch etwas Geld sparen. Hinzu kommt, dass koreanische Universitäten einem am Ende der Dienstzeit ein Ablöse in der Höhe eines Monatsgehaltes pro Jahr auszahlen. Diese Regelung sollte in Ihrem Arbeitsvertrag erwähnt sein! Abzüge für Steuern und Krankenversicherung fallen im Vergleich zu Deutschland sehr niedrig aus, und die Einzahlungen, die man in die koreanische Rentenkasse einzahlt - lesen Sie hierzu auch den Artikel von Iris Brose im vorliegenden Heft - müssen nicht unbedingt verloren sein."
Sie haben sich die Sache nun zwei Tage in Ruhe überlegt, haben sich drei Reiseführer und einen luxuriösen Bildband gekauft, sind zum Essen ins einzige koreanische Restaurant der Stadt gegangen und haben nacheinander alle drei Koreaner aus Ihrem Oberstufenkurs der Uni zum Kaffee eingeladen und über ihr Heimatland ausgequetscht. Am dritten Abend setzen Sie sich an Ihren Computer, öffnen das Word-Programm und fangen an zu schreiben: "Sehr geehrter Professor Choi, vorgestern habe ich Ihr interessantes Stellenangebot ..."
"Lieber Bewerber, wir wünschen Ihnen viel Glück bei Ihrer Stellensuche in Korea. Und falls Sie die Stelle tatsächlich bekommen, würden wir uns sehr freuen, Sie bald als neues Mitglied der Lektorenvereinigung Korea begrüßen zu dürfen. Es kostet auch gar nicht mal viel: 20.000 Won - nein, nicht pro Monat, sondern pro Jahr. Und das können Sie sich bei einem Monatsgehalt von 2 Millionen Won sicher ganz locker leisten."
Copyright © 2005 by Stefan Simon