Englischtests sind bei koreanischen Studenten höchst populär: Die Flut der Werbeplakate für TOEFL und TOEIC an den Universitäten zeugt eindrucksvoll davon, etliche Buchläden führen anscheinend nur Vorbereitungskurse für diese Tests in ihrem Sortiment und selbst im Deutschunterricht liegen die TOEIC und TOEFL-Bücher zum Frust des Deutschlehrers oftmals auf den Tischen der Studenten herum.
Im Vergleich dazu fristen Deutschprüfungen lediglich ein Nischendasein, doch zwei werden auch für eine große Zahl von koreanischen Studenten seit ca. 3 oder 4 Jahren zunehmend wichtiger. Es handelt sich um den TestDaF und um das Zertifikat Deutsch, Ich gehe im Folgenden kurz auf die Rolle der beiden Prüfungen an koreanischen Universitäten ein, sodann darauf, mit welchen Teilen koreanische Studenten besonders große Probleme haben und aus welchen Gründen sie sich gerade damit so schwer tun.
Der TestDaF ist eine Prüfung zum Nachweis deutscher Sprachkenntnisse für das Studium in Deutschland. Man kann den Test im Gegensatz zur DSH in seinem Heimatland ablegen und dadurch Zeit und Geld sparen, weil man keinen Vorbereitungskurs in Deutschland machen muss, der für das Bestehen der DSH dringend empfohlen wird. Folglich haben sehr viele der koreanischen Studenten, die in Deutschland studieren möchten, Interesse daran. In Korea kann man die Prüfung an der Korea Universität, an der Yonsei Universität und am Goethe-Institut in Seoul sowie an der Fremdsprachen-Universität in Pusan und an der Universität Incheon ablegen. Die Korea Universität bietet zudem zweimal pro Jahr, jeweils im Januar und im Juli, dreiwöchige Vorbereitungskurse auf den TestDaF an. Diese Kurse stehen Studenten aller Universitäten und aller Fachrichtungen offen. Die Adressen der genannten Institute, die jährlichen Prüfungstermine und Informationen zur Prüfung selbst (Niveau, Teile, Ablauf etc.) kann man bequem im Internet unter www.testdaf.de bekommen.
Mit dem Zertifikat Deutsch (des Goethe Institutes) kann man nachweisen, dass man solide Grundstufenkenntnisse erworben hat. Es gewinnt in letzter Zeit in der koreanischen Germanistik an Bedeutung, da es Universitäten gibt, die von Germanistikstudenten neben ihrem regulären Abschluss in Korea auch noch das Zertifikat verlangen. Um ihr Studium abzuschließen, sollen die Studenten dieser Seminare nach Möglichkeit das Zertifikat ablegen (Wahlpflicht, TOEFL dient bei Nichtbestehen als Ersatz), oder sie müssen es sogar ablegen (Pflichtprüfung, TOEFL kann das Zertifikat nicht mehr ersetzen). Informationen sind unter www.goethe.de erhältlich, zusätzliches übungs- und Prüfungsmaterial kann man bei Goethe in München bestellen oder man kann unter http://members.aon.at/osd eine vollständige Probeprüfung herunterladen.
Mittlerweile ist genug Info- und Prüfungsvorbereitungsmaterial zu beiden Tests auf dem Markt, ich möchte daher nicht mehr darauf eingehen, was man leicht dort nachlesen kann, sondern mich konkret auf die Situation in Kora beziehen.
Obwohl es sich um sehr unterschiedliche Prüfungen handelt, sind die Probleme, die koreanische Studenten damit haben, durchaus vergleichbar: Die großen Angstmacher heißen - Sie ahnen es vielleicht schon - Sprechen, Schreiben und Hören.
Die mündlichen Prüfungen stehen an der Spitze der Sorgenhitparade. In ihnen wird von den Studenten z.B. verlangt, eine Meinung zu äußern, mit jemandem zu diskutieren, oder gar eine Grafik zu beschreiben - das aber haben sie in der Schule gar nicht gelernt und im universitären Sprachunterricht oft nur rudimentär. Hinzu kommt, dass weder in TOEFL noch in TOEIC mündlich geprüft wird. Und nochmals erschwert wird die Sache im TestDaF dadurch, dass der mündliche Teil der TestDaF- Prüfung eine Laborprüfung ist: Man hört Aufgaben von einem Masterband, man liest sie gleichzeitig im Aufgabenheft mit und soll dann in einer vorgegebenen Zeit seine Antwort formulieren, bevor die nächste Aufgabe vom Band kommt. Die Antworten werden auf einer separaten Kassette aufgenommen. Wahrscheinlich sind Sie selbst noch nie auf solch eine Weise geprüft worden, Ihre koreanischen Studenten sind es ganz sicher nicht!
Nun kennen die Studenten zwar sehr wahrscheinlich mündliche Prüfungen aus Ihrem Unterricht oder aus dem Ihrer amerikanischen Kollegen, aber das lässt sich wohl kaum mit langen Abschlussprüfungen in der Art des TestDaF oder des Zertifikates vergleichen. Auf Sie könnte aber vielleicht bald schon die Aufgabe zukommen, die Studenten mit den Elementen, Inhalten und dem Ablauf dieser Prüfungen vertraut zu machen, und dann ist für die mündliche Prüfung natürlich erst einmal die Vermittlung von Strukturen und von konkreten Redemitteln zu jedem Aufgabentyp sehr wichtig. Die TestDaF- und Zertifikatsvorbereitungsbücher tun dies auch zur Genüge, doch ist es ebenso wichtig, gerade den koreanischen Studenten klarzumachen, welcher Aufgabentyp in der mündlichen Prüfung an genau welcher Stelle kommt, und dass sich diese Reihenfolge niemals ändert. Immer genau zu wissen, welcher Aufgabentyp als nächstes kommt, ermöglicht es ihnen, im Unterricht erlernte Redemittel im Voraus zu aktivieren, das mindert Stress und gibt auch oft schwächeren Kandidaten mehr Sicherheit: Wer weiß, was als nächstes kommt und welche Redemittel er dazu zur Verfügung hat, reagiert wesentlich schneller als der, auf den eine Überraschung zukommt. Ihre Studenten sollten unbedingt wissen, dass die Prüfungen durch diesen geregelten Ablauf zu einem gewissen Teil berechenbar sind! Sie sollten allerdings beachten, dass der Prüfungsteil "Mündlicher Ausdruck" ab der Prüfung am 16.06.2005 auf sieben Aufgaben beschränkt wird.
Die Teile der mündlichen Zertifikatsprüfung lassen sich mühelos in ihren Unterricht integrieren, da es sich immer um Alltagssituationen handelt, die ohnehin fester Bestandteil aller gängigen Grundstufenlehrbücher sind. Hilfreich könnte es außerdem sein, die beiden neuen Prüfungen des Goethe-Institutes unterhalb des Zertifikatsniveaus (Start Deutsch 1 und Start Deutsch 2) im Unterricht oder in Prüfungen einzusetzen. Es handelt sich um Tests auf ganz elementarem Niveau, die wesentlich kürzer sind als die mündliche Zertifikatsprüfung, aber auf gleichem Wege testen. Wenn Sie dann immer noch nicht da sind, wo Sie hinwollen oder hinsollen, wird ein einsemestriger Vorbereitungskurs wohl hoffentlich die letzten Probleme beseitigen.
Schwieriger ist es da schon mit dem TestDaF. Der Deutschunterricht in Korea geht meist nicht über das Grundstufenniveau hinaus, die einzelnen Aufgabentypen sind also nicht aus dem Unterricht bekannt.
Ich selbst gehe in meinen Vorbereitungskursen normalerweise wie folgt vor: Nach Vorstellung der einzelnen Aufgaben und der Einführung einer Auswahl von Redemitteln dazu weise ich nochmals ausdrücklich darauf hin, dass sich die Reihenfolge der Aufgaben niemals ändert. Dann lasse ich einzelne Aufgaben und später eine ganze Prüfung in Partnerarbeit durchspielen. Die Partner wechseln sich dabei nach jeder Aufgabe im Rollenspiel als Prüfer und Kandidat ab: In Aufgabe eins spielt man Prüfer und liest den Aufgabentext vor, in Aufgabe zwei ist man Kandidat usw. - und das erst einmal und in jedem Fall ohne Zeitvorgaben, damit sich die Studenten stressfrei an die Situation gewöhnen können. Dieses Testspiel lasse ich mit wechselnden Partnern an verschiedenen Tagen mit jeweils einer neuen TestDaF Prüfung und immer noch ohne Kassette wiederholen. Ich selbst nehme an diesem Rollenspiel teil und achte darauf, dass ich mit jedem der Teilnehmer mindestens einmal die ganze Prüfung durchspiele. Sie sollten also auf jeden Fall mehrere Musterprüfungen zur Hand haben, eine reicht sicher nicht! Dabei reduziere ich nach und nach die Zeitvorgaben, bis wir dann irgendwann bei den Original-Zeitvorgaben sind. Erst danach wird eine Prüfung mit der Kassette durchgespielt. Sie werden denken, dass das alles doch unendlich lange dauern muss, doch sicher ist, dass Ihre koreanischen Studenten die Sache anders sehen: Sie sind bei jedem Probedurchlauf voll bei der Sache!
Probleme in der schriftlichen Prüfung beruhen zu einem großen Teil darauf, dass auch sprachlich gute Kandidaten die Konventionen westlich geprägter Texte nicht kennen, und dass es selbst ihnen an konventionellen Redemitteln für diese Textsorten mangelt. Hinzu kommt auch hier wiederum, dass weder in TOEFL noch in TOEIC schriftlich geprüft wird. Es ist daher sehr wichtig, die Studenten rechtzeitig mit den typischen Textbausteinen der Textsorten vertraut zu machen. Das ist für die Elemente des Briefs im Zertifikat einfacher zu bewerkstelligen und in kürzerer Zeit zu schaffen, als für die schriftliche Grafikbeschreibung und die mündliche Stellungnahme im TestDaF, doch gilt insgesamt für beide Prüfungen: Kenntnisse der elementaren Textgrammatik erleichtern das Formulieren erheblich. Es gibt immer wieder recht gute Kandidaten, die in den schriftlichen Prüfungen schlechter abschneiden als eigentlich verdient, weil sie nicht wissen, welche Elemente ein Brief aufweisen muss, wie man systematisch eine Grafik beschreibt und wie man argumentiert. Das rührt beim TestDaF zum Großteil daher, dass die Kandidaten als Geisteswissenschaftler nie gelernt haben eine Grafik schriftlich zu beschreiben - bei über 90 % der Kandidaten in Korea handelt es sich aber um Geisteswissenschaftler! Das macht noch einmal deutlich, warum man die Studenten mit den Schreibkonventionen für den schriftlichen Teil erst einmal grundlegend vertraut machen muss.
Wer schon einmal als Prüfer in Korea an einem TestDaF teilgenommen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass Studenten, die diese Schreibkonventionen und Textbausteine nicht kennen, wild drauflos schreiben, weil sie fürchten, sie könnten in Zeitnot geraten. Dahingegen erstellen sich Kandidaten, die diese Dinge gelernt haben (sei es in einem Vorbereitungskurs oder privat von ihrem Lehrer) erst einmal eine Gliederung auf einem Schmierpapier. Und das ist sehr wichtig, weil als Ergebnis ein strukturierter Text vorliegen sollte.
Die Probleme mit dem Hören lassen sich insgesamt leichter angehen, als etwa die beim Sprechen oder Schreiben. Einerseits sind Hörprüfungen aus den Englischtests bekannt, andererseits gibt es übungsmaterial in Hülle und Fülle, so dass man seinen Studenten zusätzlich zu den Hörübungen im Unterricht auch Material für das Selbststudium zur Verfügung stellen kann, etwa in Form eines Semesterhandapparates. Wenn man ihnen genau erklärt, wie sie damit arbeiten können, nehmen sie das Angebot meiner Erfahrung nach sehr gut an.
Vorsicht! Nur scheinbar bereitet das Lesen die kleinsten Probleme, man sollte seinen Studenten frühzeitig klar machen, dass genau das, was man in der koreanischen Germanistik lernt - das genaue Wort-für-Wort lesen - in beiden Prüfungen zum Verhängnis führen muss.
Ein letztes Wort zum mündlichen TestDaF: Nicht alle sind glücklich mit der Kassettenprüfung; ich selbst kann mich nach vier Jahren als Prüfer immer noch nicht recht daran gewöhnen. In einer Prüfung vor zwei Jahren gab es Bandsalat auf der Kassette einer Kandidatin - ein Erlebnis, das weder sie noch ich jemals vergessen werden. Hier würde ich eine Lösung mit einem richtigen Partner aus Fleisch und Blut ganz klar bevorzugen. Könnte man den mündlichen Teil denn nicht von den Goethe-Instituten oder den DAAD-Lektoren abnehmen lassen?
Copyright © 2005 by Stefan Simon