Thomas Zimmer

Lektoren in der V.R. China


Anders als in manchen anderen Ländern Asiens gibt es in China (hier ist mit China ausdrücklich die Volksrepublik, nicht aber Taiwan und Hongkong gemeint) keine besonders lange Geschichte der Lektoren im DaF-Bereich. Das hängt sowohl mit politischen Faktoren zusammen als auch mit ökonomischen. Erst nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik seit Ende der 70er Jahre fand auch eine Öffnung im Rahmen der Entwicklung der Bildung, namentlich der Hochschulbildung statt. Treibende Kraft für die Einladung von chinesischer Seite aus war sicherlich der Gedanke, über Sprachkenntnisse Zugang zu westlicher Technik und westlichem Wissen zu haben, aber auch, die Studiermöglichkeiten für Chinesen im Ausland zu verbessern. In diesem Rahmen sind auch die Abmachungen mit dem DAAD zu sehen, dessen Lektoren neben der Tätigkeit in germanistischen Abteilungen auch in Vorbereitungskursen für Regierungsstipendiaten zu finden waren und sind. Bis in die 90er Jahre waren es auch vor allem DAAD-Lektoren oder von Deutschland entsandte Kräfte, die an chinesischen Bildungseinrichtungen zu finden waren. Einmal resultiert dies auch aus politischen Gründen - ein so genanntes Expertenvisum, das zur Arbeitsaufnahme notwendig war, hatte ein aufwendiges Procedere notwendig -, zum anderen aus der Tatsache, dass die von chinesischer Seite gezahlten Vergütungen maximal ein eingeschränktes Leben im Lande ermöglichten, es aber nicht gestatteten, eventuelle Rücklagen zu bilden oder notwendige Zahlungen in Deutschland zu leisten.

Die bis hier gemachten Aussagen gelten verständlicherweise nur für den Daf-Bereich, im englischsprachigen Bereich mag es sicherlich schon früher andere Lösungen gegeben haben.

Seit Ende der 90er Jahr ist jedoch eine neue Tendenz zu beobachten. Einmal hat der DAAD die Zahl der Lektoren in China reduziert. Zum anderen ist die Zahl der so genannten freien Lektoren immer weiter gestiegen. Momentan arbeiten in China 27 DAAD-Lektoren und etwa 100 frei vermittelte Lektoren. Naturgemäß findet sich die Hauptzahl der Lektoren in den Städten Shanghai und Beijing, da diese hohe Attraktivität für Ausländer haben. Diese Attraktivität führt aber vor allem in Shanghai zu einer recht seltsamen Entwicklung. Während das Einkommen, auch das der chinesischen Lehrer, immer weiter steigt, werden ausländische Lektoren von den Unis eher schlecht bezahlt. Die Löhne bewegen sich (umgerechnet) zwischen € 200 und € 350, wozu die seitens der Uni gestellte Wohnung kommt. Waren diese Wohnungen in früheren Jahren oft weit über dem üblichen Standard und wiesen damit einen hohen Wert auf, hat die laufende Entwicklung dies oft revidiert, da der "normale" Wohnungsmarkt bessere und nicht unbedingt teurere Wohnungen anbietet, als die Unis dies für ihre eigenen Wohnungen berechnen. Zudem ist es sicherlich nicht jedermanns Sache, auf dem Campus zu wohnen, was bei einigen Wohnanlagen der Fall ist und es so das nicht unbegründete Gefühl einer gewissen "Überwachung" gibt, auch wenn sich dies im letzten Jahrzehnt verbessert hat.

Grundsätzlich gibt es für die Arbeit der "ausländischen Experten" (so noch die offizielle Bezeichnung) einen Rahmenvertrag aus Beijing, der allerdings viele Details offen hält und damit im Bereich der Entscheidung der Uni belässt. Als normales Lehrdeputat werden 12 bis 13 Stunden angesehen, die gesamte Ferienzeit pro Jahr liegt bei knapp 3 Monaten (3-4 Wochen im Winter, 6-8 Wochen im Sommer). Inwieweit Ferienzeiten (besonders im Sommer) weiterbezahlt werden, welche Sonderzahlungen es gibt und wie mit der Bezahlung der Flüge verfahren wird, unterliegt oft dem Verhandlungsgeschick des Lehrers. Einige Institutionen, besonders private Unis und Schulen, sind übrigens zu einer eher leistungsbezogenen Bezahlung übergegangen, stellen aber zumeist keine Wohnung.

Das Niveau der Studenten in China im Bereich der Germanistik ist als relativ gut anzusehen, unterliegt aber auch stark der jeweiligen Uni und Abteilung. Zumeist, wie oft im Bereich der Auslandsgermanistik, beschränkt sich der Unterricht auf Spracherwerb und -vermittlung sowie einige landeskundliche Kenntnisse. Nur wenige Spitzen-Unis können konsequent Inhalte wie etwa Literatur oder Sprachwissenschaft vermitteln, dann aber auf erstaunlichem Niveau. Das Studium gliedert sich in ein vierjähriges Bachelorstudium, dem - nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung - ein 2- bis 3jähriges Masterstudium folgen kann, wobei die meisten Studenten nach dem Bachelor die Uni verlassen. Wie oft in Asien gibt es kaum Studienabbrecher, so dass fast alle Studenten - soweit sie nicht schon vorher nach Deutschland gegangen sind - die Uni mit dem Titel verlassen. Die Einbindung der Lektoren in die Abteilungen ist sehr unterschiedlich und sicherlich vor allem von den Personen und Beziehungen abhängig. Manche Unis binden die Lektoren komplett in den gesamten Bereich von Lehre, Prüfungen, Lehrbuchentwicklung und andere Aufgaben ein, in anderen Fällen beschränkt sich die Arbeit auf ein Ableisten der zu gebenden Unterrichtsstunden.

Eine Webseite der Deutschlehrkräfte in China ist zu finden unter: http://www.deutsch-lehren-china.org. Auch der Autor des vorliegenden Textes, der das DAAD Informationszentrum in Shanghai leitet, gibt unter shanghai@daad.org.cn entsprechende Auskünfte.

Wer also eine Arbeit als Lektor in China ins Auge fasst, sollte sich klare Vorstellungen hinsichtlich der Arbeit, den Gegebenheiten und Vergütungen machen und dies im Vorfeld klären. In den großen Städten ist die Versorgung mit fast allem, was man braucht, ebenso gut oder besser als beispielsweise in Deutschland, je weiter man sich von den Zentren entfernt, desto größer mögen die Einschränkungen in einigen Bereichen sein. Sind in Beijing oder Shanghai kaum chinesische Sprachkenntnisse zum Leben notwendig (ich spreche nichts von dem, was wünschenswert ist), sieht es anderswo schon deutlich anders aus. Mit der sehr stark fortschreitenden Modernisierung Chinas sollte man sich auch vor einer übermäßigen Romantisierung hüten, da die Realität eher pragmatisch geprägt ist. Wie oben angedeutet profitieren die Unis in den großen Städten von der ungebrochenen Anziehungskraft und Faszination Chinas. Ob aber eine Arbeit an einer chinesischen Hochschule für einen deutschsprachigen freivermittelten Lektor momentan als dauerhafte Alternative in Frage kommt, ist sicherlich nicht uneingeschränkt zu bejahen.


Copyright © 2005 by Thomas Zimmer


DaF-Szene Korea Nr. 21

Back Home