Dies ist der Versuch in Worte zu fassen, was einem mitunter die Sprache verschlägt, aber dies soll ja ein nützlicher Wegweiser für Neuankömmlinge werden, also versuche ich, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Dem Buserleben soll aber eine kurze Situationsbeschreibung des U-Bahn-Fahrens vorausgehen, da man als Besucher oder Längerbleibender am ehesten mit der U-Bahn in Berührung (und zurecht) kommt. Die Seouler U-Bahn ist easy: ich bin geneigt zu sagen, sie sei idiotensicher und bequem. Wer zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein hat, dem/der sei die U-Bahn ans Herz gelegt. Im Untergrund ist auch alles dreisprachig: Koreanisch, Englisch, Chinesisch. (Übrigens eine sehr gute Möglichkeit, das Lesen des Hangul im wahrsten Sinne des Wortes im Vorbeigehen bzw. -fahren zu üben). Hat man den U-Bahn-Eingang gefunden, geht's oft ziemlich tief runter, manchmal aber auch hoch, oft via Rolltreppe. Wenn man sich wirklich nur rollen lassen will, schön rechts stehen bleiben, die Sportlicheren oder Gestressten geruhen nämlich links zu überholen. Allerdings muss man - so man den leicht zu übersehenden Fahrstuhl nicht findet - große Höhenunterschiede auch per eigener Muskelkraft zurücklegen. Im eigentlichen Eingangsbereich angekommen, schaut man zunächst auf die Linienübersicht, die groß über jedem Fahrkartenschalter bzw. -automaten hängt, da findet man dann auch die Preise für ein Ticket bis zur Zielstation (innerstädtisch sympathische 900 Won und immer noch akzeptable 2600 Won, wenn es in die entferntesten Ausläufer der Megastadt gehen soll). Ticket kaufen (Schwarzfahren is nich!), dann in den Schlitz an der Kontrollschranke damit (immer rechts reinstecken, Freunde, sonst öffnet sich die Schranke am anderen Sesam!). Das entwertete Ticket kommt auf der anderen Seite der Barriere wieder rausgeschossen. Mitnehmen, aufbewahren! Die nächste Schranke kommt bestimmt, nämlich am Zielbahnhof. Dort: gleiche Prozedur des Reinsteckens, Durchschreitens, dann aber nix mit rausschießendem Ticket. Das ist jetzt unerreichbar und für immer in den Tiefen der Schranken versunken.
Ein bisschen leichter wird es, wenn man als Vielfahrer gleich eine paycard (mit dem schönen Namen "Korea Smart Card" und dem Aufdruck "T money") kauft. Die gibts an jeder Station und auch in einigen Geschäften. Kostet 1500 Won und die lässt man am Fahrkartenschalter bei Bedarf aufladen. Die paycard hält man an das markierte Feld oben auf der Schranke. Die Einzelfahrt ist mit der paycard auch billiger, statt 900 beispielsweise nur 800 Won.
Das U-Bahnnetz ist übersichtlich. Jede der 9 Linien ist nummeriert und farblich gekennzeichnet. Es gibt auf jeder Strecke mehrere Umsteigebahnhöfe. Jede Station hat eine dreistellige Nummer. Die erste Ziffer steht für die Linie, die dahinter für die laufende Nummer auf dieser Linie. Aber das ist mancher/m, die/der hier schon länger lebt, noch nicht mal aufgefallen. Will heißen, das gehört nicht zu den wichtigsten Informationen dieses Artikels. Aber worum geht es hier eigentlich? Doch nicht um die unwichtigen Details des undergrounds! Nein! Ums Busfahren! Also, wie gesagt, U-Bahn-Fahren ist idiotensicher und bequem.
Busfahren in Seoul hingegen, das ist fun, das ist action, das ist Überraschung, Aufregung und Herausforderung! Korea pur! Darum also weiter zum Thema Bus.
Das Chaos fängt damit an, dass sich keiner so recht auszukennen scheint, also mit den Buslinien und -nummern. Selbst die "alten Hasen" unter den Kollegen an der Uni sind oft überfragt, weil just im letzten Sommer das ganze System umgemodelt wurde: Andere Nummern, andere Linienführung, andere Fahrpläne. Ich habe bislang auch keine brauchbaren übersichten über das Gesamtsystem gefunden. Ergo: Augen auf & merken, wo man welche Nummer hat fahren sehen. Dann ran an eine Haltestelle. Da gibt’s dann zumindest Routenskizzen für die Busse, die hier halten: blaue Linien mit den Namen der Haltestellen - was allerdings nur partiell weiterhilft, da lediglich die wichtigen Haltestellen an U-Bahnstationen und an Universitäten (von letzteren scheint es fast so viele wie zuvor genannte zu geben), also sagen wir jede siebte Haltestelle, auf Englisch benannt werden. Wohl dem/der, der/die des koreanischen Alphabets mächtig ist. Dem/der eröffnen sich dann ganz andere Orientierungsmöglichkeiten. Nun, zu dieser Gruppe gehöre ich (noch) nicht ganz.
Bevor’s ans Einsteigen geht, sollte ich eins klarstellen: Ich fahre hier selten mit dem Bus, um ein Ziel möglichst schnell und sicher und in time zu erreichen! Eher des Spaßes wegen, wie der aufmerksame Leser vielleicht schon bemerkt haben wird. Ich stelle mich manchmal aufs Geratewohl an eine Haltestelle und steige in den erstbesten Bus ein, so es ein großer grüner, wahlweise blauer Bus ist. Grün mit vierstelliger Nummer fährt wichtige U-Bahnstationen und Busbahnhöfe an. Blau mit dreistelliger Nummer fährt Gu(Stadtbezirk)-übergreifend und ist relativ schnell, weil er auf der Busspur rollen darf, wo sonst eigentlich niemand was zu suchen hat. Die kleinen grünen mit zweistelliger Nummer fahren nur im Dong (Nachbarschaft). Mit Orange und Weiß geht es in die Vororte. Das habe ich noch nicht probiert. Von außen besehen, machen diese Busse aber einen reisebusähnlichen, bequemen Eindruck.
Gelbe Busse kreisen in Geschäfts- und Touristengegenden und halten an U-Bahnstationen und den wichtigen Bushaltestellen für die blauen Busse.
So, jetzt steigen wir aber ein! Nein, halt, fast hätte ich’s vergessen. Man muss dem Fahrer signalisieren, dass man gerade in seinen Bus einsteigen will, damit er hält. Kurzes Handzeichen, intensiver Blick, Schritt auf die Straße. Alles erlaubt und akzeptiert. Einsteigen immer vorne! Bei großen Haltestellen im Stadtzentrum bzw. an Hauptstraßen ist der Bushaltesteig allerdings schon mal vier bis fünf Buslängen lang, da muss man dem Bus oft hinterher oder entgegen rennen. Flinke Beine sind da gefragt!
Ach, vorm Einsteigen haben wir uns natürlich der Einfachheit halber eine paycard gekauft, die wir nun am Einstieg an die markierte Stelle so eines Piepgeräts halten. Aber Kleingeld tut’s auch, das werfen wir in den Schlitz am obligatorischen Plexiglaskasten beim Fahrer und nehmen das Wechselgeld aus dem Loch in Wadenhöhe (sic!). Deswegen vielleicht doch lieber paycard, außerdem ist paycard ja billiger. Den Fahrschein beim cash-Zahlen nehmen wir jedenfalls nicht entgegen. Der schlängelt sich mitsamt seinen auch nicht abgeholten Kollegen in interessante Sammelvorrichtungen. Hier kann man sich ein Bild vom Erfindungs- und Improvisationsvermögen der Koreaner im Allgemeinen und des aktuellen Busfahrers im Besonderen machen.
Spielen wir mal die Variante mit paycarddurch. Wir hoffen, das Piepgerät piept nur einmal, dann ist alles in Ordnung: Auf der Anzeige erscheint der abzuziehende Preis und der verbleibende Betrag. Piept es zweimal kurz hintereinander, scheint auch noch alles in Ordnung (ganz sicher bin ich mir da aber nicht). Aber wenn es dreimal piept, fängt das Gerät außerdem noch an zu sprechen - und dann muss etwas nicht in Ordnung sein. (Manchmal spricht es aber auch bei nur einem Piep. Das scheint nur eine freundliche Begrüßung zu sein.) Leider erkennt das Gerät nicht, ob man taub ist oder kein Koreanisch versteht. Es schnattert also munter mit klarer Frauenstimme auf feinstem Koreanisch los. Ich halte dann versuchsweise die Karte nochmal ran und meist piept es beim zweiten Mal ein-fach. (Wir gehen jetzt davon aus, dass genug Geld auf der Karte ist.) Ich hab das mehrmalige Piepen, als die Stimme beim dritten Versuch immer noch plapperte, auch schon mal ignoriert und hab mir einen Platz gesucht - und ich bin nicht des Busses verwiesen worden. Man kann es wie einige Eingeborene aber auch immer und immer wieder probieren und piepen lassen. Mit einer Seelenruhe geschieht das. Alles schon erlebt. Und das nervt! Da mochten diese Fahrgäste einfach nicht glauben, dass was mit der Karte nicht in Ordnung zu sein scheint. Immer und immer wieder "piep-piep-piep". Ich konnte nur der guten Laune wegen, mit der ich normalerweise Bus fahre, über diesen Störfaktor hinweghören.
Jetzt aber ab die Post und los!
Schnell einen Platz gesucht - oder zumindest schnellstmöglich irgendwas zum Festhalten, denn es geht in fünf Sekunden von 0 auf 50! Gnadenlos! Da messen die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stöckelbeschuhten Koreanerinnen schon mal trippelnder Weise im Eilverfahren die 10 Meter Buslänge aus. (Trägheitsgesetz, oder?) Echt lustig!
Dann gewöhne man sich ans Hupen. Damit wird nur kundgetan, dass man kommt, oder einfach da ist. Des Weiteren gewöhne man sich schnell an abruptes Bremsen (wo von 0 auf 50 in 5 Sekunden geht, geht auch von 80 auf 0 in höllischer Geschwindigkeit!). Links oder rechts überholen und wilde Spurwechsel nehmen wir auch gelassen hin. Bloß die Ruhe bewahren! Aufschreie vermeiden. Man macht sich lächerlich! Wer den Anblick eines wenige Zentimeter neben sich fahrenden anderen Verkehrsmittels nicht erträgt, bei von der Seite auf sich zurasenden Fahrzeugen Panik kriegt, sich um wie Ameisen herumquirlende Motorräder (mit Teppichrollen, Gasflaschen und ähnlich sperrigem Transportgut beladen) ängstigt - der/die nehme doch lieber die U-Bahn! Aber ich habe noch keinen Unfall erlebt, und vermute, Busse und Taxis haben hier immer Vorfahrt oder zumindest Vorrecht auf selbige - und motorisierte Zweiräder nehmen sie sich eben, auch mal über die Fußwege, über Zebrastreifen sowieso - ja, mit und gegen den Fußgängerstrom!
Apropos Taxi: Wenn man nicht gerade im Stau stecken bleibt, immer eine bequeme Alternative zu den öffentlichen Verkehrsmitteln; im Vergleich zu Deutschland eine preisgünstige. So man nicht die schwarzen nimmt, die Taxis deluxe, aber letztendlich fahren die auch nur dahin, wohin man möchte. Bloß eben für viel mehr Geld. Also nicht schwarz, sondern weiß oder grau, ocker tut’s auch. übrigens sind Taxis des Nachts oft die einzige Möglichkeit, nach Hause zu kommen, denn die U-Bahnen fahren nur bis ca. Mitternacht und Busse auch nicht durchgängig.
Einige Taxifahrer sprechen Englisch, kann man sich aber nicht drauf verlassen. Man sollte sich wiederum nicht wundern, wenn der eine oder andere Fahrer ein paar Brocken Deutsch spricht oder zumindest versteht. Mit ein paar taxirelevanten Brocken Koreanisch, die man sich möglichst rasch zulegen sollte oder zumindest dem Versuch, das Ziel Koreanisch auszusprechen, kommt man jedenfalls in der Regel an.
Im Taxi also erlebt man das Chaos der Straße dann aus Augenhöhe, das ist manchmal recht arg! Bei meiner ersten Taxifahrt hätte ich fast durch unkontrolliertes Aufschreien auf dem Beifahrersitz, als ich mein letztes Sekündchen glaubte schlagen zu hören, einen Unfall verursacht, weil der Fahrer völlig irritiert war. Ich durfte aber sitzen bleiben, musste dann aber den Spott des Taxifahrers und der Abgebrühten im Fond ertragen.
Wo waren wir? Beim Busfahren und überhaupt im Verkehr gilt: Don’t panic!
Ruhe bewahren und genießen!
Was noch?
Endstationen gibt es nicht. Irgendwie fahren die Busse im Kreis oder
Endlosschleifen. Das sieht aber auf den oben erwähnten Skizzen nicht so aus. Bei
der Fahrt, auf der mir die Idee zu dieser Berichterstattung kam, hatte ich nach
einstündiger Erlebnistour einen AHA-Effekt: "Hier war ich doch schon mal!" - Es
war genau die Stelle, wo ich eingestiegen war! Dabei wollte ich eigentlich ans
andere Ende der Stadt. Naja, ich hatte mal wieder keine Eile und hab mich damit
abgefunden, und ich hab mich damit getröstet, wieder was von Seoul gesehen zu
haben (z.B. zwei (und das hätte mich stutzen machen müssen) tolle
Flussüberquerungen in der Abenddämmerung bei atemberaubendem Misch aus
künstlichem und natürlichem Licht).
Ach, bevor ich’s vergesse: beim Aussteigen
nicht vergessen, nochmal die paycard (für später Gekommene: siehe Bericht
weiter oben) an das zweite Piepgerät am Ausstieg zu halten! Sonst gilt die Fahrt
nicht! Man hat dann Probleme beim nächsten Einstieg - egal ob in Bus oder Bahn!
Den Preis haben Busse und U-Bahn in etwa gemeinsam. Eine Gemeinsamkeit von Bus
und Taxi wäre, dass man völlig dem Musikgeschmack bzw. den Hörgewohnheiten des
jeweiligen Fahrers ausgeliefert ist. Nicht immer wird man angenehm beschallt.
Lautstärke, Tonqualität und Senderwahl variieren beträchtlich. Das kann durchaus
nerven, aber manchmal kann man Seoul auch bei Bach und Telemann erfahren.
Damit bin ich am Ende. Dem einen oder der anderen mag der Bericht die Lust am Busfahren genommen haben, auch wenn das eigentlich nicht mein Anliegen war. Vielleicht gibt es aber auch Wagemutige, die es trotzdem oder jetzt erst recht wissen wollen. Vielleicht sieht man sich. Ich sitze meist auf dem erhöhten Sitz direkt links am Eingang, weil man da so gut sehen kann. Bis dann.
PS: Alle, die sich an fehlenden weiblichen -in-Formen gestoßen haben,
mögen Nachsicht walten lassen.
PPS: Alle, die sich an den sperrigen dem/der-Konstruktionen gestoßen haben,
mögen Nachsicht walten lassen.
PPPS: Wohl denen, die's nicht bemerkt haben...
PPPPS: Das Internet bietet natürlich auch
nützliche (englischsprachige) Seiten: Auf dass sie meinen Ausführungen nicht
allzu sehr widersprechen, seien hier genannt:
http://bus.congnamul.com/SeoulRouteWebApp/view_english/map.jsp
http://english.seoul.go.kr/residents/transport/trans_05bus_01.html
Copyright © 2005 by Andrea König