Der Schwerpunkt des letzten Heftes der DaF-Szene Korea war "Koreanische Literatur in deutscher Übersetzung". Dieses Projekt hatten wir in Hinsicht auf die Frankfurter Buchmesse im Herbst 2005 geplant, und darin bereits einen Roman von Yi Munyol, "Der entstellte Held", vorgestellt. Zwischen Buchmesse und dem Erscheinen dieses Rundbriefs liegen aber noch etwa ein Jahr bzw. zwei Ausgaben, und so möchten wir weiterhin Hinweise und Informationen zu neu erschienener koreanischer Literatur im deutschen Buchhandel bieten.
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Yi Munyol, geboren 1948 in Seoul, gehört zu den produktivsten Autoren Korea, seine Werke wurden in Korea häufig mit Preisen ausgezeichnet und oftmals in andere Sprachen übersetzt. Der Roman "Jugendjahre" trägt stark autobiographische Züge, wenn auch Yi selbst meint, dass "70 Prozent Fiktion sei".
Der dreigeteilte Text setzt mit der Jugend des Erzählers in einem kleinen Fischerdorf in der Nähe von Pusan ein. Der Held ist vaterlos und soll dort bei seinem Bruder leben, die Schul-Abschlussprüfung nachholen und sich auf den Universitätseintritt vorbereiten. Nebenbei muss er seinem Bruder, der eine Firma mit Lastkähnen hat, zur Hand gehen.
Interessant ist in dieser Schilderung nicht nur die Beschreibung von Ängsten und Nöten junger Koreaner in dieser Prüfungssituation (und davor), von der eigentlich der gesamte weitere Lebensweg abhängt, es fasziniert auch die Schilderung eines Korea der frühen 60er Jahre, in dem langsam ein gesellschaftlicher Umbruch stattfindet. Das kleine Dorf am Meer und seine Umgebung, in dem die Menschen einst von Fischerei lebten, dient mittlerweile nur noch als Sandreservoir für die Bauindustrie der nahen Millionenstadt Pusan. Die ehemaligen Fischer und Seeleute verdingen sich auf Sandkähnen, sind als Zulieferer von anderen abhängig geworden. Irgendwann im Verlauf des Textes rückt die Großstadt Pusan an das Dorf heran und verschluckt sie gleichsam, ebenso wie zuvor die Fischer von Bauunternehmen vereinnahmt wurden.
Yi beschreibt, wie der Erzähler in diesen ersten Monaten Menschen aus dem Ort kennen lernt, ihre Schicksale betrachtet, und wie er diese Menschen dann wieder verlässt.
Der zweite Teil des Buches, "die schöne Jugendzeit", schildert die Erlebnisse als mittelloser Student in der Hauptstadt Seoul. Dem Helden steht nur wenig Geld zur Verfügung, er muss sich neben dem Studium als Hauslehrer verdingen, betreibt seine Freizeit aber dennoch opulent, indem er, wo es nur gerade geht, sich mit Kameraden betrinkt oder begeistert an Literaturzirkeln teilnimmt. Dieses "schöne Studentenleben" findet aber bald seine Grenzen, er ist hoch verschuldet und bricht den Kontakt mit seiner Freundin ab.
Wieder verbindet sich die Schilderung der persönlichen Welt mit der Beschreibung der Gesellschaft in den 60er Jahren. Es gibt die "Unteren" (wobei unser Held, durch seine Position als Student durchaus nicht als Teil der untersten oder ärmsten Gesellschaftsschicht zu verstehen ist) und eine Oberschicht (die Freundin), deren Familie Autos hat, Empfänge gibt und Verbindungen ins Ausland hält.
Der Erzähler ist am Ende des zweiten Teils völlig mittellos, wohnt nachts in der Wartehalle des Seouler Bahnhofs und bricht schließlich sein Studium ab. Niemand will oder kann ihm mehr helfen, dazu stirbt sein bester Freund bei einem Unfall. Der Abschnitt endet rückschauend mit dem wehmütig-sarkastischen Satz "... heute sehne ich mich nach dir, oh, du schöne Jugendzeit."
Der dritte Teil setzt im Winter ein. Der Erzähler, jetzt 21 Jahre alt, hat vergeblich versucht sich als Bergmann oder Fischergehilfe durchzuschlagen, und findet nun eine Stelle als "Hauswart" in einer kleinen Pension auf dem Lande. Hier hält er es einige Zeit aus, beobachtet die Menschen, die vom Tabakanbau leben, ihre Sorgen und Nöte. Danach wandert er weiter, immer in Richtung zum Meer getrieben, von dem aus er am Anfang des Buches losgezogen ist.
Das Erlebnis von Natur, einer eindrucksvollen Schneelandschaft und der Wanderung durch diese eisige Umwelt werden für ihn zu einem Schlüsselerlebnis. Die letzte Figur, der er begegnet, ist ein Messerschleifer, von dem sich herausstellt, dass er eine alte Rechnung begleichen und jemanden umbringen will. Wie dieser lässt er aber am Ende von dem Vorsatz ab sich selbst zu zerstören und gewinnt ein positives Selbstgefühl.
An einigen Stellen im Text wird zwischenzeitlich erwähnt, dass der Erzähler heute, rückblickend auf seine Jugendjahre, ein gutsituierter Mann mit Familie ist.
Das Buch hat für mich als deutschen Leser zwei interessante Aspekte. Einmal ist es die Schilderung Koreas in den 60er Jahren, hier besonders des Studentenlebens, das, will man dem Verfasser glauben, für manche jungen Leute ein ziemlich wildes gewesen sein muss. Die Handlung scheint dennoch an vielen Stellen allgemein und zeitlos zu sein, die Gegenwart taucht nur schemenweise auf, wenn z.B. irgendwo von einem Auto, von einem Bus oder einer U-Bahn-Station gesprochen wird. Das mag natürlich auch an der Realität Koreas in diesen Jahren liegen, die besonders auf dem Land sicherlich noch nicht so "modern" war. Das andere Bemerkenswerte ist die Form eines Lebensweges, die hier dargestellt wird. Immer wieder wird man an Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre erinnert, hier also in einer koreanischen Version.
Die Übersetzung von Christina Youn-Arnoldi und Cornelia Roth finde ich sehr gelungen, man liest den Text wie einen "deutschen Text", wird nur durch manche Objekte, Namen oder Ortsbezeichnungen daran erinnert, dass man sich literarisch in Ostasien befindet. Das sind oftmals nur Kleinigkeiten, wenn der Held sich eben nicht mit Schnaps oder Bier sondern mit Makkoli und Soju betrinkt.
Dennoch gewinnt man durch den eher realistischen Erzählstil ein Bild Koreas fern einer romantisierten Darstellung.
Yi Munyol, Jugendjahre,
übersetzt von Christina Youn-Arnoldi und Cornelia Roth,
mit einem Nachwort von Christina Youn-Arnoldi.
Edition Moderne koreanische Autoren
Pendragon Verlag Bielefeld 2004
213 S., ISBN 3-934872-74-3, 18,50 Euro
Copyright © 2004 by Michael Menke