Michael Menke

Editorial


"Deutsches in Korea" war der Schwerpunkt der Daf-Szene im Mai 2003. In jenem Heft konstatierten wir, dass man in Korea manches Deutsche finden kann, dieses aber vielleicht, so damals Irmgard Yu-Gundert, besser in Anführungsstriche zu setzen sei, also "Deutsches". Abgesehen von den wenigen Deutschen, die in Korea leben oder gelebt haben (und die vielleicht deutscher sind als Deutsche in Deutschland), seien viele Fundstücke vielleicht doch nur ein (koreanisches) Bild von Deutschland, das nicht oder selten der Realität entspreche. Heike Wildemann wollte in ihrem Artikel gar die „Abwesenheit des Deutschen“ in Korea feststellen, was quantitativ sicherlich nicht so ganz falsch ist.

In diesem Heft soll es um das gegensätzliche Sichtbild gehen, also um Koreanisches in Deutschland. Es soll um Koreaner gehen, die in Deutschland leben, aber auch um Korea und das Wissen, das Deutsche von Koreanern haben. Wir sind uns noch nicht sicher, ob wir nicht auch hier „Koreanisches“, also das Bild Koreas in Deutschland und bei Deutschen, besser in Anführungsstriche setzen sollten. Oder gibt es etwa auch hier eine Abwesenheit?

Meine persönliche erste Begegnung mit Korea war ein Schwarz-weiß-Fernseher der Marke Goldstar, den ich 1981 für 179 DM  für meine Studentenwohnung kaufte. Der hielt 14 Jahre lang. Danach kaufte ich mir einen Farbfernseher von Grundig, der aber nach zwei Jahren Rauchsignale von sich gab. Ich schraubte ihn auf, um nach der Ursache zu suchen, und fand innen das Schild „Made in Korea“. Seitdem ist meine Sicht auf Korea und auf Deutschland sehr ambivalent.

Die meisten Deutschen haben aber wohl kein bestimmtes Bild von Korea. Ihnen fallen ein paar Stichworte ein, z.B. der Korea-Krieg, Daewoo, Mun-Sekte, Studentenproteste und die PISA-Studie. Weißgott nicht alle diese Begriffe sind positiv besetzt. Und so versuchen koreanische Stellen wie Botschaft, Fremdenverkehrsamt, und zuständige Ministerien in den letzten Jahren, das Korea-Bild im Ausland, also auch in Deutschland, aufzupolieren. Ein wesentliches positives Ereignis dürfte dabei die Fußball-WM 2002 in Korea und Japan gewesen sein. Die Frankfurter Buchmesse 2005 mit dem Schwerpunkt Korea wird hoffentlich eine weitere gute Gelegenheit bieten.

Bei der Anzahl der Koreaner in Deutschland gibt es, im Gegensatz zu den Deutschen in Korea, bereits quantitativ große Unterschiede. Man bedenke, dass in Korea etwa 1000 Deutsche, in Deutschland dagegen ca. 24000 Koreaner leben, arbeiten, studieren, sich aufhalten. Dazu müsste man auch noch die Koreaner der zweiten Generation rechnen, die sich teilweise als „Halbkoreaner“ fühlen und in den meisten Statistiken gar nicht mehr auftauchen. Weiterhin gehören Studenten dazu, die sich für einige Jahre in Deutschland aufhalten, und, nicht zu vergessen, etwa 1500 Nordkoreaner, die eigentlich nicht so besonders auffallen.

Die Perspektive, aus der dieses Heft entstanden ist, sollte aber auch keine rein deutsche sein. Wir haben uns bemüht Koreaner aus Deutschland zu Worte kommen zu lassen, und die meisten deutschen Autoren dieses Heftes haben berufsmäßig oder privat mit Korea zu tun. So ist sicherlich kein objektives oder unvoreingenommenes Bild von „Koreanischem in Deutschland“ entstanden. In einigen Fällen schreibt hier also ein Deutscher aus Korea über einen Koreaner aus Deutschland.

Nicht nur in unserem Schwerpunktteil befassen wir uns mit dem Thema, auch in der ersten Buchrezension zum Roman bastard von Raul Zelik geht es um supranationalen Zwischenwelten.

Wieso haben wir gerade dieses Thema gewählt? Vielleicht darum, weil wir (also die meisten der deutschen Autoren)  als  Ausländer in  Korea leben, und gern einmal wissen möchten, wie das unsere "Gegenstücke" in Deutschland tun. Und um das dann vielleicht, als kleinen Teil der Landeskunde, unseren Studenten zu vermitteln. Deutschland ist eben nicht nur Bier, Bratwurst und Beckenbauer, sehr viel Simmel, Konsalik und sogar ein bisschen Goethe, sondern auch Klein-Istanbul, wo ein Herr özdemir Kebab verkauft, Little Italy mit seinen Tausenden von Pizzerias und Trattorias, und vielleicht auch ein kleines bisschen Seoul, mit dem Shiktang von Frau Lee oder der Taekwondo-Schule von Familie Kim.

Korea wird sich im nächsten Jahr mit zwei großen Ereignissen in Deutschland präsentieren. Das ist einmal die Frankfurter Buchmesse, wo es Schwerpunktland sein wird, und zum anderen die Asien-Pazifik-Wochen in Berlin. Beide Bereiche sollen in ein  bundesweit laufendes "Korea-Jahr 2005" integriert werden, damit möglichst viele Menschen in Deutschland Korea und die Koreaner kennen lernen. Hoffen wir, dass es ein großer Erfolg wird.


DaF-Szene Korea Nr. 20

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