Kai Köhler

Kultureller Wandel

Das 12. Sorak-Symposium


Das diesjährige, 12. Sorak-Symposium beschäftigte sich unter der Leitung von Klaus-Michael Bogdal (Bielefeld) mit: "Werte und Wandel. Deutsche Literatur und Kultur im Prozess der Wiedervereinigung". In mehrfacher Hinsicht erwies sich diese Themenwahl als günstig. Anders als beim der Kulturwissenschaft gewidmeten Symposium von 2003 war keine Methode vorgegeben, die dann mehr oder minder freiwillig auf einen Stoff angewendet wurde, sondern ermöglichte der gemeinsame Stoff verschiedenste Zugriffe. Vielfach untergründig, zuweilen auch explizit spielten die Fragen eine Rolle, ob und wann es zu einer koreanischen Wiedervereinigung kommen wird und was in diesem Fall, im Guten und im Schlechten, von der deutschen Vereinigung zu lernen sei. Die Diskussionen waren durchgängig lebhaft, stets konstruktiv, nie von starren Formalitäten und hierarchischen Frageordnungen behindert. Manche lohnende gründlichere Erörterung fiel dem durchgängigen Zeitmangel zum Opfer; ein freilich auch gutes Zeichen, das die Qualität der Referate und Fragen belegt.

Man kann sich nun freilich streiten, welchen Stellenwert die Wiedervereinigung (die, da es die heutigen Grenzen so nie zuvor gab, doch besser als Vereinigung zu bezeichnen wäre) für die Literatur und Kultur der letzten anderthalb Jahrzehnte hatte. Schließlich liegt kein Zusammenkommen gleichberechtigter Partner vor, sondern ein Sieg des marktwirtschaftlichen Systems über das planwirtschaftliche. Entsprechend wurde die westliche Ordnung auch im Osten durchgesetzt, damals dem Mehrheitswillen der ehemaligen DDR-Bewohner entsprechend. Der demokratische Anschluss der neuen Bundesländer an die alte Bundesrepublik ging einher mit jener weltweiten Ökonomisierung des Handelns und Denkens, die heute unter Globalisierung gefasst wird. Ungeachtet der neuen, kurzlebigen "Montagsdemonstrationen" des Jahres 2004 ist im Ergebnis die Konfliktlage der Gegenwart wohl weniger die zwischen Ost und West als die zwischen neuer sozialer Härte und alter Bundesrepublik (auf die die Beitrittsbürger wohl größere Hoffnungen setzten als die 1989 bereits desillusionierten Westbewohner). Welchen Stellenwert also hat heute die Kultur der Ostler, die mehrheitlich 1989 dankbar ihr politisches System und in der Folge weniger freudig ihre ökonomischen Illusionen verloren?

Glaubt man dem Themenkatalog des Symposiums: für die Literatur einen geringen. Soweit es um DDR-Autoren ging, stand ihr Schaffen vor der "Wende" im Mittelpunkt. Anna Seghers, von Ko Maengim (Ewha Frauen Univ.) vorgestellt, hat die Vereinigung gar nicht mehr erlebt; für die "Dramaturgie Volker Brauns" (Kim Chung Wan, Changwon Nat. Univ.) bedeutete 1989 keinen Einschnitt. Die von Noh Hee-Jik (HUFS) vorgestellte Berlin-Lyrik datiert aus der Zeit vor der "Wende", und allenfalls die von Kai Rohs (Soongsil Univ.) vorgestellte geheimdienstliche Kontrollpraxis regte nach 1989 die Phantasie an.

Gleich zwei Vorträge widmeten sich zwar Durs Grünbein. Er aber, in der DDR aufgewachsen, schaffte erst nach 1989 seinen literarischen Durchbruch. Spielen, wie Chon Young-Ae (SNU) nachwies, in "Schädelbasislektion" spezifische Osterfahrungen durchaus noch eine Rolle, so zeigt die Epitaph-Sammlung "Den teuren Toten", vorgestellt von Ahn Mi-Hyun (HUFS) in der weltweiten Sammlung der Sterbeanlässe Grünbein ganz in den siegreichen Westen integriert.

Ein anderes Bild freilich entstand für den Film, wie Frank Grünert (SNU) in einem Überblick und Sebastian Donat (LMU München) am Beispiel von Verfilmungen von Büchern Thomas Brussigs zeigte; Brussig oder auch Jana Hensel zu interpretieren hätte allerdings vielleicht auch das Bild der Literatur verschoben. Immerhin ist auffällig, dass in der vergleichsweise kapitalintensiven Filmproduktion die durchaus sympathisierende Beschäftigung mit dem Osten stattfindet (ein Beitrag eigens über die international erfolgreiche Produktion "Good Bye Lenin" fiel leider aus), während auf dem Buchmarkt ostspezifische Globalisierungskritik, im Gewand einer Ostalgie, weniger Bedeutung hat. Möglicherweise reagiert gerade der Filmmarkt empfindlicher auf ein spezifisches Publikumsbedürfnis als Bücher, deren Autoren von Meinungen leben müssen, die im Feuilleton akzeptiert werden.

Eine Reihe von Vorträgen beschäftigte sich mit Nachwirkungen der DDR-Kultur. Kazuo Hosaka (Nihon Univ.) blickte auf die Debatte zurück, die 1990 um Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" geführt wurde. Freilich ging es, wie Hosaka eindringlich demonstrierte, schon damals nicht allein um die DDR-Literatur und das Verhalten einer prominenten Autorin. Gemeinsam mit der moralischen Instanz Christa Wolf standen auch die politisch engagierten Schriftsteller des Westens am Pranger. Hosakas provokative Parteinahme in dieser Auseinandersetzung wurde leider nicht gründlich diskutiert: Erfreut begrüßte er mit Karl Heinz Bohrer eine von Gesinnungsästhetik und Geschichtsphilosophie befreite Literatur, die endlich sich selbst überlassen sei. Literaturhistorisch könnte man einwenden, dass fast alle Literatur, die je geschrieben wurde, inhalts- und zweckbezogen war und das l’art pour l’art, das Bohrer so sehr schätzt, Ausnahmeerscheinung; literaturtheoretisch, dass es gewagt ist, das Wesen einer Sache aus Sonderfällen abzuleiten; und vom Standpunkt der Aktualität, dass die sozialen und militärischen Kämpfe der nächsten Zukunft eine solide Grundlage für politisch funktionale Werke bilden werden.

Mit einem anderen Komplex der DDR-Nachwirkung beschäftigten sich Beteiligte eines internationalen und interdisziplinären Forschungsprojekts zu soziokulturellen Auswirkungen der Vereinigung in Ost und West. Grundlegend wandte sich der Projektleiter Kim Nuri (Chungang Univ.) soziokulturellen Konflikten zwischen Ost und West zu. Er stellte eingangs dar, in welchem Maße eine "Mauer in den Köpfen" entstanden ist, nachdem die Betonmauer fiel. Die Ursachenbestimmung ordnete er drei Hauptthesen zu, die er jeweils politisch verortete: der rechten "Deformationsthese", deren Anhänger die gegenwärtigen Probleme in den Nachwirkungen von vierzig Jahren sozialistischer Erziehung sehen; der liberalen Transformationsthese, der zufolge die Verwerfungen unvermeidliche Übergangsprobleme sind; und schließlich die linke Kolonisationsthese, deren Anhänger den Zorn der ehemaligen DDR-Bürger als Folge rücksichtsloser westlicher übernahme interpretieren. Auch wenn Kim jeder These ihre eigene Logik zubilligte, wurde doch deutlich, dass er der dritten Version zuneigt. Seine Mahnungen, die erhoffte koreanische Wiedervereinigung als Vereinigung von Gleichen durchzuführen, sind ebenso begründet wie seine Warnungen vor einem "romantischen" Nationalismus, der Begeisterung an die Stelle rationaler Problemlösungen setzt. Ob unter den zu erwartenden ökonomischen Machtverhältnissen ein solcher Ausgleich erhofft werden darf, ist freilich eine andere Frage.

Kims Vortrag wurde noch unterstützt durch die Darlegungen des Soziologen Rainer Zoll (Univ. Bremen), der das Projekt von Deutschland aus beratend unterstützt. Zoll legte dar, welche Umbrüche in ihrer Lebenswelt und in der Folge auch: welche Verluste an alltäglichem Vertrauen die ehemaligen DDR-Bewohner zu verkraften haben. Zwei Arbeitsskizzen komplettierten dann das Bild des Forschungsprojekts. Bae Ki-Chung (HUFS) untersuchte nicht nur die jüngsten Phänomene einer Ostalgie besonders in Fernsehen und Film, sondern auch die ästhetische und die politische Kritik daran. Bürgerrechtler, die 1989 Demonstrationen gegen die Regierung der DDR initiierten und danach sich auf verschiedenste westliche Parteien verstreuten, wurden von Lee No-Eun (SNU) vorgestellt. Eine lebhafte Kontroverse entstand um die Fragen, inwieweit der Sturz der SED tatsächlich das Werk der Demonstranten oder nicht vielmehr Resultat sowjetischen Rückzugs aufs Kernterritorium und Resignation der Ost-Berliner Führung gewesen sei; und ob, nachdem die ohnehin nur in der Gegnerbestimmung einigen Bürgerrechtler sich auf die verschiedenen Flügel des neuen westlichen Machtzentrums aufgeteilt haben, sich nicht die Rede von ihnen als einheitlicher Gruppe verbietet.

In den anderen Vorträgen kam östliches nur am Rande vor. Der Vortrag Gerhard Fischers (Univ. of New South Wales) zu Hans Magnus Enzensberger zeigte, wie gesamtdeutsche Konflikte nur punktuell – dann allerdings präzise gedeutet – bei Enzensberger auftauchen, insgesamt jedoch sich eine Blickverschiebung vom Bundesrepublikanischen zum Globalen und schließlich in den Großessays der neunziger Jahre ("Die große Wanderung", "Aussichten auf den Bürgerkrieg) eine Anthropologisierung nachweisen lässt. Suitbert Oberreiter (Taiwan Nat. Univ., Taipeh) wandte sich Kanon-Diskussionen zu und stellte heraus, in welchem Maße jeder Kanon historisch bestimmt und damit wandelbar ist – leider ohne auf die Wiederkehr von Literaturkanons im etwa letzten Jahrzehnt einzugehen und damit auf ein kompliziertes Verhältnis vom Verlust an traditioneller Bildung und dem bis in Fernsehshows wirkenden Bestreben, sich solcher Werte durch Ranglisten bedeutender Deutscher, Bücher oder was es sonst so geben mag zu versichern.

Zukunftsgerichtet, ohne Bezug auf die nun verlorene DDR und gleichzeitig nicht ohne ideologische Pointierung wies Kim Ihmku (SNU) auf die Wiederkehr des Christlichen überhaupt in der Literatur und besonders bei Peter Handke und in dessen Königsdrama "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" hin; in der Diskussion blieb umstritten, inwieweit die Hinwendung Handkes zum Religiösen als spezifisch christlich zu werten sei. Kai Köhler (SNU) stellte dem also vielleicht Christlichen bei Handke den Teufel gegenüber, der in Alexander Kluges Prosasammlung "Die Lücke, die der Teufel lässt" für eine Theologisierung der Politik steht. Einig, bei allem Kontrast in der konkreten Ausrichtung, waren die beiden Referenten dieser Sektion damit in dem Punkt, dass vorgängig gesetzte Werte, statt postmoderne Beliebigkeit, Literatur und Auseinandersetzungen der näheren Zukunft bestimmen werden.

Chae Yon-Suk (Kyungpook Nat. Univ.) erprobte anhand von Texten Bachmanns und Enzensbergers, wie eine intermediale Sicht moderne deutsche Lyrik erschließen kann; Mittel sollte eine gegenseitige Erhellung von Bild und Gedicht, besonders von Film und Gedicht sein. Umstritten blieb, ob nicht gerade Chaes Beispiele sich für Bezüge von Literatur und Musik geeignet hätten. Als didaktisches Problem für die Lehre kam die Befürchtung hinzu, dass die besondere sprachliche Prägung von Literatur durch Bilder auch überdeckt werden könnte.

Enger am Tagungsthema orientierte sich Roger Lüdeke (LMU München), der sich Rainald Goetz’ "1989" zuwandte. Anders als etwa bei Bachmann ist hier Intermedialität nicht allein Werkzeug des Interpreten, sondern schon im Schreibakt enthalten. Goetz’ Fernsehprotokolle der "Wende" verfremden im Akt des Notierens die Kommentare, denen ihre Bildebene entzogen wird. Lüdeke wies nach, wie Goetz so die normsetzende Funktion der Medien anschaulich machen kann; ob sich so auch eine "kontextuelle Unbestimmtheit", gar "Tötlichkeit" von Schrift erweisen lässt, erscheint demgegenüber weniger sicher. Immerhin berücksichtigt im Normalfall das Schreiben den fehlenden Bildkontext durch Zusatzinformation, während die Goetz’ bewusste Dekontextualisierung des Gesprochenen einen Grenz- und Sonderfall des Mediums Schrift darstellt.

Zwei sehr unterschiedliche Beiträge widmeten sich neueren kulturellen Entwicklungen. Kim Dong-Uk (Dankuk Univ.) stellte faktenreich die Reform der Studienstruktur an deutschen Universitäten dar. Der informative und zuverlässige Vortrag musste aus Zeitgründen den Wunsch nach einer Diskussion offen lassen, die sich in diesem Rahmen angeboten hätte: ob nicht die Anpassung der deutschen Universität ans amerikanische Marktmodell nicht auch Ausdruck und Medium eines kulturellen Wandels ist; einer durchgreifenden Orientierung an Wettbewerbsmaßstäben, die gerade das Neue darstellt gegenüber den kleinbürgerlich-sozialdemokratischen Prinzipien, die vor 1989 in Ost und West herrschten.

Absehbar konfrontativer war die Reaktion auf den Vortrag Yuk Hyun-Seungs (Chonbuk Nat.Univ.) zu Martin Walsers umstrittenen Roman "Tod eines Kritikers". Durch theoretisch ambitionierte Definitionen von Komik und Ironie vermochte Yuk Darstellungsprinzipien des Romans zu erfassen; ob ihm nicht gleichzeitig wichtige stoffliche Momente entgingen, war Gegenstand der Diskussion. Einerseits beklagten manche Teilnehmer in vom Ressentiment bestimmten Beiträgen "zionistische Propaganda" und wie manche Deutschen einen Heidegger (der ja wohl kaum als unwissender Idiot NSDAP-Mitglied war) als Nazi diffamierten oder wie sogar ein Michel Friedman bald wieder obenauf sei; andererseits wurde auch benannt, welche Elemente eines literarischen Antisemitismus Walser in seinem Roman bewusst fortschreibt.

Walser erscheint so als Teil eines kulturpolitischen Felds, das durch mehrere Konflikte bestimmt ist, die nicht auf einen zentralen Widerspruch zu reduzieren sind. Klaus-Michael Bogdal stellte in seinem Eröffnungsvortrag mehrere Werke vor, die insgesamt die Komplexität der Problematik vermitteln. Neben einer durchaus distanzierten Darstellung von Walsers die NS-Vergangenheit verklärendem Roman "Ein springender Brunnen", den er gleichwohl für gelungener als den "Tod eines Kritikers" hält, hob Bogdal die Bedeutung von Dieter Fortes Romantrilogie "Das Haus auf meinen Schultern" hervor. Während eine Autorin der mittleren Generation wie Ulla Hahn Bildungserlebnisse wie auch die Entfremdung vom Herkunftsmilieu durch einen von einer nun auch vergangenen Sozialdemokratie ermöglichten Bildungsaufstieg thematisiert, so will ein jüngerer – vierzigjähriger! – Autor wie Feridun Zaimoglu vom Klischee des Immigrantenschreibers wegkommen und gestaltet die kümmerlichen "Ränder" der globalisierten Welt. Zugespitzt las Bogdal dann Christian Krachts Roman "Faserland" dem Klischee einer warenfixierten Pop-Literatur entgegen als Rückkehr zur literarischen Tradition und damit zur Wertorientierung.

Diese Pointe, von der Tageskritik unbemerkt, steht im Zusammenhang mit Bogdals zweitem Vortrag, der Überlegungen zum Stellenwert von Literatur in der Mediengesellschaft vorstellte. Hier konnte Bogdal in der Tat entmutigende Symptome anführen: Die Aufmerksamkeit etwa, die ein Dieter Bohlen über den ihm angemessenen medialen Bereich hinaus einheimsen kann, oder auch eine Vorlesung Thomas Gottschalks über eben jenes Bohlen-Buch. Das studentische Publikum entledigte sich elitären germanistischen Protests gegen jene Niveausenkung gewaltsam, um schließlich noch mit Gottschalks Niveau gelangweilt zu sein.

Bogdals Fazit war zwiespältig: Im Zitat eines Händlers, ein gutes Buch sei ein verkauftes Buch, wie in einem Zitat Reinhard Jirgls, das tradierte Sprachnormen sprengt. Freilich kann es kein Selbstzweck sein, den Leser zu verschrecken. Immunisiert sperrige Sprache ihn indessen gegen allzu platte Gegenwärtigkeit, so ist dem kulturellen Wandel zum Schlechteren immerhin ein Geringes entgegengesetzt. Auf der Ebene des Literarischen überzeugte Bogdals Hoffnung auf ein Buch, dessen Verfasser nicht allein darauf schielt, den Verkaufshit für eine Saison zu landen. Auf der Ebene auch kultureller Kräfteverhältnisse wäre zu fragen, ob nicht der umfassenden Ökonomisierung ohne politischen Streit Einhalt geboten werden kann. Der untergegangene Osten, der noch ganz dem fordistischen Wohlstandsideal folgte, hat zu den aktuellen Konflikten wohl nur wenig beizutragen; zu Recht wies Bogdal auf die Warenfixierung auch der Ostalgie hin und sprach Bae Ki-Chung von einer "Vermarktung der 'Ostalgie'". Doch wäre ein Sieg einer Denkform, auf den keine Gegenbewegung folgt, historisch neu. Sets regten ungelöste Konflikte die literarische Produktion an. So ist auf mittlere Sicht auf ein kulturell ausstrahlungskräftiges Deutschland zu hoffen, das dann auch der Germanistik zum Aufschwung verhilft.


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DaF-Szene Korea Nr. 20

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