Friedrich Strahl

Macht das Tor eng!

Koreanische Firmen in Deutschland


Dank Samsung hat Berlin ein neues Wahrzeichen, vor dem das Brandenburger Tor und die Siegessäule verblassen - ich meine das Charlottenburger Tor. Bislang führte das Bauwerk am Landwehrkanal ein Schattendasein, der Verkehr donnerte an ihm auf der achtspurigen Straße des 17. Juni vorbei, im Register von Dumonts Kunstreiseführer sucht man vergeblich nach seinem Namen. Doch dafür, dass es bald in neuem Glanze erstrahlt, sorgt ein koreanischer Konzern.

Während in der Topographie der Stadt das Brandenburger Tor den östlichen Zugang zum Tiergarten markiert, flankiert die kolonnadenartige Anlage des Charlottenburger Tores den Zugang zum Park von Westen her. Es ist in den Jahren 1907/08 ursprünglich als 10 Meter breite Durchfahrt von Bernhard Schaede errichtet worden. Ausführlich informiert ein Presseerklärung Samsungs vom 13.8.2004 über die historischen Verhältnisse: "Gleise der Pferdebahn führten hindurch. Für den Schwerlastverkehr wurde von Anfang an eine Umgehung eingeplant."

Der Figurenschmuck zeigt auf der südlichen Seite eine überlebensgroße Statue Friedrichs I., der sich auf ein Szepter stützt. Der erste preußische König hinterließ bei seinem Tod eine enorme Schuldenlast. Den Berlinern hat er unter seinem Nachfolger, dem Soldatenkönig, erste Erfahrungen mit rigiden Sparmaßnahmen beschert. Auf der Nordseite des Tors hat der Baumeister die Gemahlin Friedrichs I. platziert, Sophie Charlotte, die dort mit einem Modell ihrer Sommerresidenz Schloss Charlottenburg spielt.

Im Zuge ihrer Maßnahmen zum Ausbau Berlins als Reichshauptstadt Germania haben die Nazis nicht nur die Siegessäule auf den Großen Stern ins Zentrum des Tiergartens verpflanzt, sondern auch die beiden Flügel des Charlottenburger Tors zur Bedeutungslosigkeit auseinander gerückt. Allegorische Bronzeskulpturen auf den Pfeilern wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Witterungseinflüsse und Autoabgase haben beiden Flügeln schließlich derart zugesetzt, dass eine Sanierung unabdingbar geworden ist. Bis zum hundertsten Geburtstag des Tors im Jahre 2007 will es nun Dr. Michael Pauseback mit Millionenaufwand restaurieren. Doch wer soll das bezahlen, in einer Stadt, die notorisch pleite ist?

Sommer 2004, Auftritt Samsung Electronics: Der Konzern sponsert das gesamte Projekt und hat sich im Gegenzug das Recht zur Nutzung des Charlottenburger Tors als Werbefläche gesichert. Die Samsung-Werbeagentur hat eine Brücke über die Straße des 17. Juni schlagen lassen, welche die beiden Flügel des Tors verbindet. Mit 3500 Quadratmetern Plane wurde die gesamte Konstruktion verhüllt. Die Straße wird nun vom SAMSUNG-Schriftzug überspannt und an den Flanken sind Friedrich und Sophie Charlotte durch flotte Models ersetzt worden, Szepter und Spielzeugschloss durch Samsung-Handys. Millionen und Abermillionen von Autofahrern und Spaziergängern, Joggern und Radfahrern, von Fahrgästen der S-Bahn und des ICE, ganz zu schweigen von den Besuchern des Flohmarkts und den Freiern, sie alle werden jetzt dazu animiert, ein Volk von fröhlichen Simsern zu werden! – Doch wie man hört, soll ein miesepetriger Sponsor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 den Werbestrategen von Samsung ihren wahrhaft genialen Schachzug neiden. Er verweist darauf, dass er der FIFA das Monopol abgehandelt habe, die Magistrale zum Stadion mit eigenen Plakaten zu pflastern. Ist es den FIFA-Funktionären zuzumuten, von ihrem Hauptquartier im Adlon am Pariser Platz aus durch ein Samsung-Tor zu fahren, wenn sie zum Endspiel wollen? Muss Samsung also bis zur WM wieder weichen?

Noch an einem zweiten Standort in Berlin ist Samsung vertreten, und der ist eigentlich von wesentlich größerer Bedeutung als die Plakatfläche am Charlottenburger Tor. Im Köpenicker Ortsteil Oberschöneweide unterhält die Konzern-Tochter SDI Germany ein Zweigwerk. SDI steht für Samsung Digital Interfaces, produziert werden täglich 14000 Farbbildröhren von über 1000 Mitarbeitern. Nach der Wende hat Samsung hier das "Werk für Fernsehelektronik" übernommen. Statt mit der Kundenkartei abzuhauen, hat SDI die Fabrik sogar noch ausgebaut. Daraus ergibt sich ein konsequenter Schluss: Im Namen der deutsch-koreanischen Beziehungen, Samsung muss bleiben – vor allem in Oberschöneweide, möge das Werkstor dort für die Beschäftigten weiterhin weit offen stehen! In Bezug auf das Charlottenburger Tor aber sollte Samsung darauf achten, dass mit den Werbemillionen auch wirklich eine originalgetreue Rekonstruktion finanziert wird. Und das bedeutet, dass unter den wachsamen Augen von Friedrich und Sophie Charlotte eine Verkehrsberuhigung im Tiergarten durchgeführt wird, indem Dr. Pauseback sein denkmalpflegerisches Berufsethos ernst nimmt und die Durchfahrt wieder auf 10 Meter verengt! Die FIFA-Funktionäre können mit der S-Bahn ins Olympiastadion fahren, und sollten sie so übergewichtig sein, dass sie da nicht reinpassen, gibt es immer noch die Umgehungsstraße für den Schwerlastverkehr.


Copyright © 2004 by Friedrich Strahl


DaF-Szene Korea Nr. 20

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