Ballspiele in Japan … früher betrieben solche vor allem Herren in engen weißen Hosen mit merkwürdigen braunen Flecken an der Kehrseite, die meistens untätig in fächerförmigen Stadien herumstanden, bis dann mal einer warf, ein anderer den viel zu kleinen Ball mit einer Art Nudelholz traktierte und zu einer Eckfahne lossprintete. Beim Rutschen über den Platz entstanden dann die besagten braunen Flecken. - Dieser schreckliche Zustand änderte sich erst 1993, als die neu gegründete J-League Profifußball in die Stadien und auf die Bildschirme brachte. Zuerst bestand das Spiel noch darin, dass jemand einen Ball in eine Horde von 22 herumwuselnden Spielern warf, die sich dann alle zugleich auf ihn stürzten. Inzwischen ist Fußball aber auch in Ostasien gereift, und bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Korea konnte man beobachten, wie beide Gastgeberteams ins Achtel- bzw. bis ins Halbfinale vorrückten.
Aus Anlass eben dieser WM fanden 2002 in Tokyo und Seoul Symposien statt, die sich auf wissenschaftliche Art mit Aspekten des Spiels mit der Lederkugel befassten. Die ergiebigsten Beiträge sind nun herausgegeben worden und, um es vorwegzunehmen: wer hätte gedacht, welch disziplinäre und thematische Vielfalt dieses geliebte / gehasste Spiel doch anzuregen versteht!
Die Beiträge nähern sich dem Thema in vier Blöcken: Nationen - Medien - Sprache - Literatur. Im ersten Block bot für mich der Beitrag von Mario Kumekawa, ausgewiesener Fußball-Germanist und Übersetzer des Fußball-Literaten Thomas Brussig, die meisten Einsichten. Mit autobiografischer Färbung erklärt Kumekawa die Beliebtheit der »Außenseitersportart« Fußball unter einigen Jungen als Opposition zum eigentlichen Nationalsport Baseball. Die wild frisierten und bunt gefärbten Haare japanischer Nationalspieler leuchten im Meer von einförmig schwarzen Baseballerhaarschöpfen plötzlich in einem neuen Licht. Es wäre nur schön gewesen, einen vergleichbaren Beitrag aus der Feder eines Koreaners lesen zu können.
Reinold Ophüls-Kashimas Beitrag - ebenfalls höchst lesenswert und unterhaltsam - erhellt die Masche hinter der oft wundersam anmutenden Namensgebung japanischer Fußballteams. Diese Namen kommen aus der Retorte und beginnen bei noch nachvollziehbaren Exotismen wie Tokyo Verdy (von verde = grün, entsprechend der Trikotfarbe). Vegalta Sendai ist dagegen nicht etwa der Werksverein eines Produzenten vegetarischer Fertiggerichte, sondern eine kreative Kombination der Sternennamen Vega und Altair, die sich zum Sternenfest tanabata treffen (der Termin, an dem Sendai mal ein Spiel gewinnt…). Linguistisch richtig spannend wird es dann aber in den oberen Amateurklassen, wo sich u. a. die Alo's Hokuriku (Abkürzung von antilopes), Alouette (frz. Lerche) Kumamoto und Professor Miyazaki tummeln, letzterer Verein, wer hätte es gedacht, ein Lehrerteam.
In der Abteilung »Medien« geht es primär um Fußballberichterstattung im Fernsehen. Unter »Sprache« findet sich u. a. Uwe Wiemanns süffisant mit einem Zitat des Cottbuser Präsidenten Dieter Krein betitelter Beitrag über die Mühen, ausländische Profis sprachlich in ihre Bundesligavereine zu integrieren (»Wir haben Lehrer, die die Spieler die deutsche Sprache beibringen.«). Bei der Arbeit der DaF-Kollegen wirkt sich allerdings das Fehlen von Lehrbüchern mit dem spezifischen Fußballwortschatz ungünstig aus. Die Arbeitsgruppe des Autors an der Universität Dortmund beschäftigt sich daher mit der Entwicklung eines eigenen Lehrwerks »Deutsch für Ballkünstler«, das aber wohl leider noch nicht veröffentlicht ist - stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre Studienanfänger demnächst mit demselben Lehrbuch unterrichten, mit dem »auch Naohiro Takahara in Hamburg lernt«! Gestaltungselemente wie flache Lernprogression, didaktisch reduzierte »Sprintgrammatik«, Spiel- und Wettbewerbsformen muten da verheißungsvoll an.
Den Band beschließen ein Interview mit Thomas Brussig und einige literarische Miniaturen von Dieter Augustin.
Fazit: ein vom ehemaligen Korea-Lektor Thomas Schwarz und seinen Mitstreitern mit großem Engagement hergestellter Band, der eigentlich in den Handapparat eines jeden hierzulande Deutsch Lehrenden gehört, der sein didaktisches Fähnchen in den Wind der WM 2006 in Deutschland hängen, dabei aber nicht auf Tiefenschärfe verzichten möchte. Jetzt fehlt nur noch, dass Trainer Zico seine japanischen Mannen tatsächlich zur WM führen kann, sonst droht auch im Sommer 2006 die Höchststrafe: die Herren in den weißen Hosen Tag für Tag auf den Bildschirmen, Kanal rauf und runter!
Ralf Adelmann / Rolf Parr / Thomas Schwarz (Hg.): Querpässe. Beiträge zur Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte des Fußballs. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren 2004, ISBN 3-935025-58-0, € 24,80.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus Lektoren-Rundbrief Japan 24, August 2004.
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