Irmgard Yu-Gundert

Private Erinnerungen an die Zeit der "Lethe" Koreas


Die gesamten Jugendjahre nach dem Ende der eigentlichen Kindheit habe ich mit meinen jüngeren Geschwistern in unmittelbarer Nähe eines angesehenen Japanologen verbracht, eines Gelehrten, der vor der Übernahme eines Lehrstuhls in Deutschland mit seiner Familie rund dreißig Jahre lang in Japan gelebt hatte. Dieser Gelehrte war mein Großvater, der mit der Großmutter zunächst in der gleichen Stadt, später aber auch im gleichen Hause wie wir wohnte. Unsere Kinder- und Jugendjahre waren durchtränkt von Erzählungen und Belehrungen über Japan, japanische Sitten, Geschichte, Religion, Kunst, Sprache und über chinesischen Zen-Buddhismus. Ein Thema jedoch blieb stets ausgeklammert: die jüngste japanische Geschichte, bestimmt durch Japans Kolonisationspolitik. Dass Japan ebenso wie Deutschland Kriegsverbrechen angelastet werden, dass Japan in Korea eine bedrückende Kolonialherrschaft ausgeübt hat, das habe ich nicht in meinem Ostasien zugewandten Elternhause, sondern erst spät, in den Studentenjahren, durch Zeitungslektüre erfahren. Die Ausklammerung des Themas war keine isolierte Erscheinung: in den Jahren des Heranwachsens gab es bei uns zu Hause auch nahezu keine Gespräche über die allerjüngste deutsche Geschichte. Der Großvater trug nicht leicht am Wissen um die eigenen Verirrungen in der nationalsozialistischen Vergangenheit, doch äußerte sich das nicht im Gespräch.

In meiner Erinnerung ragt in die Leere dieser Wüste des Nichtwissens hinsichtlich Koreas wie ein erratischer Findlingsblock die frühe Begegnung mit Mirok Lis Buch über Kindheit und Jugend in Korea, "Der Yalu fließt". Das Buch endet bekanntlich mit dem Bericht von der Flucht des jungen Mirok Li in den Westen nach Teilnahme an der Märzdemonstration gegen die japanische Kolonialherrschaft. Auf einer einzigen Seite werden mit kargen Worten die grausamen Methoden beschrieben, mit der die koreanische Widerstandsbewegung unterdrückt wurde. Der Großvater kannte und liebte Mirok Lis Buch. Er verschenkte es in der Familie mehrfach gleich nach seinem Erscheinen, 1946. Noch als Kind habe ich die Erzählung gelesen. Ihr Inhalt blieb mir jahrelang als ein exotisches, vollkommen verworrenes Rätsel im Gedächtnis. Nur den idyllischen Teil, die anmutige Schilderung des ruhigen Lebens in der koreanischen Provinzstadt und auf dem Lande, konnte ich einigermaßen auffassen. In diesen Schilderungen muss der Großvater das Bild jenes ländlichen Japan wiedergefunden haben, das er in den frühen Jahren seines Aufenthalts in dem Inselreich kennen gelernt hatte, das er liebte und nach dem er sich später zurücksehnte.

Der Großvater kannte nicht nur das Buch; er kannte auch den neunzehn Jahre jüngeren Autor durch persönliche Begegnungen und durch einen Briefwechsel. Es sind bei uns acht an Wilhelm Gundert gerichtete Briefe Mirok Lis erhalten, geschrieben zwischen dem Dezember 1947 und dem Dezember 1948 in Gräfelfing bei München. Die Briefe sind kurz und überwiegend sachlich gehalten. Es geht um die Ausleihe von Büchern für den Unterricht, um geplante und sehr erwünschte Zusammentreffen mit dem Adressaten, um Angelegenheiten des ostasiatischen Seminars der Universität München. Nur der letzte Abschnitt des letzten bei uns erhaltenen Briefes Mirok Lis an meinen Großvater ist bedeutsam; er wurde nie gedruckt; ich zitiere ihn daher hier: "Heute gerade erhalte ich aus Newyork einen Brief von einem Landsmann, der meinen Aufenthalt in Europa als eine nutzlose Zeitvergeudung auffasst und mich an die Rückkehrmöglichkeit erinnert. Ich sehe es auch ein und würde mich selbstverständlich meiner Heimat zur Verfügung stellen, wenn ich nur wüsste, womit ich ihr dienen könnte. In der Wissenschaft bin ich noch ein Laie und ich bin jetzt gewöhnt, so verborgen und so "nutzlos" zu leben. Soll ich mich mit meiner Halbbildung der westlichen Kultur in den Strom der östlichen Umwälzung werfen, deren Sinn mir noch sehr unklar ist. "Die Wendung "verborgen und nutzlos leben" erinnert an den berühmten taoistischen und zen-buddhistischen Begriff "wu-we", japanisch "mu-i", koreanisch "mu-ui", (無爲), den Wilhelm Gundert in seinem Bi-yän-lu-Kommentar, Band 2, als "ohne Tun", "ohne absichtliches, auf Zweck und Ziel gerichtetes Tun" erläutert. Mirok Li scheint anzudeuten, dass er dem Tao (Dau) zugewandt lebe - eine Selbstaussage, die gut mit allem zusammenstimmt, was wir in Berichten seiner Freunde über ihn lesen. Von Wilhelm Gundert galt - trotz der in der nationalsozialistischen Zeit eingeschlagenen Irrwege - im Wesentlichen ähnliches. Es scheint daher verständlich, dass die beiden Männer in den ersten Jahren nach dem Kriege einander näher kommen konnten.

Mirok Li erkrankte im Jahre 1949 schwer, im März 1950 starb er. Krankheit und Tod haben offenbar einen Gedankenaustausch zwischen ihm und Wilhelm Gundert über einen Auftrag verhindert, der Wilhelm Gundert im Herbst 1948 vom Hanser-Verlag zukam: die Edition des Ostasien-Teils einer neu in Angriff genommenen Anthologie "morgenländischer" Lyrik. Das Buch erschien 1952 unter dem Titel "Lyrik des Ostens".

Die Sammlung ist in drei Sektionen gegliedert: Vorderer Orient, Indien, Ferner Osten. Während im vorderorientalischen Teil, ediert von Annemarie Schimmel, die bunte Vielfalt nahöstlicher Literaturen mit großer Vollständigkeit zu Worte kommt, während im indischen Teil außer den indoeuropäischen Sprachen des Subkontinents auch das Tamil und seine Lyrik einen Platz erhalten hat, sind im fernöstlichen Teil nur China und Japan mit ihrer lyrischen Dichtung vertreten. Korea fehlt. Der Herausgeber beherrschte die koreanische Sprache nicht; Kenntnisse koreanischer Geisteswelt und Literatur waren ihm nur aus zweiter Hand zugekommen. Der Verlag mag auf die Lücke hingewiesen worden sein: 1959, sieben Jahre später, kam bei Hanser ein sehr hübsch und sorgsam gemachter kleiner Band mit koreanischen Gedichten heraus, betreut von Peter H. Lee - offenbar von demselben angesehenen Koreanologen, der jüngst die umfangreiche 'Columbia Anthology of Traditional Korean Poetry' erstellt hat. Der Großvater hat das Hanser-Bändchen mit koreanischen Gedichten sofort nach dessen Erscheinen erhalten. Doch ich habe es erst etwa fünfzehn Jahre später kennen gelernt, als in der Familie klar geworden war, dass ich der Information über Korea bedurfte. Die deutschen Übertragungen der Gedichte, von einem Team erarbeitet, treffen nicht immer den schlichten Ton der Originale. Dennoch wäre das kleine Buch sehr geeignet gewesen, einen größeren deutschen Leserkreis mit der Anmut und gedanklichen Tiefe alter koreanischer Lyrik vertraut zu machen.

Ganz dieselbe Lücke wie in der Lyriksammlung meines Großvaters ist in Dietrich Seckels "Einführung in die Kunst Ostasiens", erschienen 1960, festzustellen, in einem Werk, das mich als Jugendliche tief beeindruckt hat und das ich nach wie vor - eben als in Ostasien lebende Europäerin - für sehr lesenswert halte. Schlägt man das Buch hinten auf, findet man eine Zeittafel für China und eine für Japan - Korea fehlt. überprüft man die Auswahl der abgebildeten und interpretierten Kunstwerke, fällt ins Auge, dass im Bereich der Keramik Korea übergangen ist. Anders steht es um die buddhistische Plastik: eines der wunderbaren Bodhisattva-Reliefs des Sŏkkuram ist in die Auswahl aufgenommen. Die Interpretation des Reliefs endet mit den Worten: "so vertritt das Werk ... eine in China selbst nur spärlich erhaltene ... Gipfelphase der chinesischen Plastik". Der Fehler in der Anlage des Buchs dürfte an dieser Stelle evident sein: die Bildwerke des Sŏkkuram sind natürlich von der Kunst des Tang-zeitlichen China beeinflusst und abhängig. Dennoch ist die glänzende Leistung der Planung und Errichtung des Grottenheiligtums nicht in China und nicht von chinesischen Staatsmännern oder reichen Privatleuten, sondern in Shilla von der Führungschicht dieses koreanischen Königreichs vollbracht worden. Eine angemessene Interpretation des bedeutenden Kunstwerks und seiner Teile darf nicht die politische und kulturelle Geschichte Koreas als quantité négligeable behandeln. Dietrich Seckel hat nur etwa zwei Jahre später seinen Fehler selber wieder gutgemacht - zum wenigsten weitgehend gutgemacht. In seiner Darstellung der `Kunst des Buddhismus´, erschienen im Holle-Verlag, Baden-Baden, 1962, bespricht er die buddhistische Kunst Koreas mit gleicher Ausführlichkeit wie die Japans. Im letzten Satz des Kapitels über Korea jedoch - dem Satz, der zu dem Kapitel über Japan überleitet - ist dem alten Vorurteil zur Kultur Koreas in fast schockierend unbedachter Weise offen Ausdruck gegeben: in Japan sei die Entwicklung der buddhistischen Kunst in der gleichen Abfolge bestimmter einzelner Phasen verlaufen wie in Korea, "freilich infolge der stärkeren kulturellen Schöpferkraft Japans in einer viel deutlicheren Ausprägung". Worauf er sich bei seinem Urteil stütze, möchte man den Autor gerne fragen. Im Jahre 1976 habe ich mich Dietrich Seckel gegenüber einmal lediglich in allgemeiner Weise darüber beklagt, dass die Kunst Koreas in Deutschland überall vernachlässigt werde - insbesondere auch im Bücherangebot der Bibliotheken. Darauf hat er in beruhigender Weise geantwortet, dass doch mittlerweile auf diesem Gebiet "viel getan" werde.

Das objektiv nicht begründbare alte Vorurteil ist von dem koreanischen Kunsthistoriker Chewon Kim nur ein Jahr nach dem Erscheinen des letztgenannten Seckelschen Buchs in einer schönen Gesamtdarstellung der Geschichte der koreanischen Kunst widerlegt worden. Diese Darstellung ist im gleichen Verlag und auch in der gleichen Buch-Reihe wie Seckels Werk über buddhistische Kunst veröffentlicht worden. Unter anderem verwendet Chewon Kim das hübsche Argument eines Vergleichs: die Stellung Koreas im Raume ostasiatischer kultureller Überlieferung sei der Englands im Bereich der abendländischen Kunst und Kultur ähnlich. Mir selber liegt der Gedanke an die alten Etrusker in ihrem Verhältnis zur Kultur Griechenlands näher: Zweifel an der Selbstständigkeit der etruskischen Kunst und Kultur liegen mittlerweile mehr als hundert Jahre zurück; sie wurden beseitigt durch sorgsame Erforschung und Interpretation des Gegenstands. Seit dem Erscheinen der hier genannten Werke zur Kultur Koreas sind etwa vierzig Jahre vergangen. Kenntnisreiche und schöne neue Bücher zum Thema stehen heute dem interessierten Leser im deutschen Sprachraum zur Verfügung. Wie mir scheinen will, vermitteln dennoch auch sie noch den Eindruck, als sei die koreanische Kunst und Kultur ein Forschungsgebiet, das spannende neue Entdeckungen verheißt und zugleich zu Betrachtungen und Diskussionen über historische Einordnung und richtige Würdigung des Bekannten einlädt.

- Li, Mirok, Der Yalu fließt, Eine Jugend in Korea, München 1946
- Li, Mirok, Der andere Dialekt, hrsg. v. Kyu-Hwa Chung, Seoul 1984
- Lyrik des Ostens, hrsg.v. W. Gundert, A. Schimmel, W. Schubring, München 1952
- Kranich am Meer, Koreanische Gedichte, hrsg. v. P. H. Lee, München 1959
- Seckel, Dietrich, Einführung in die Kunst Ostasiens, 34 Interpretationen, München 1960
- Seckel, Dietrich, Kunst des Buddhismus, Werden, Wanderung und Wandlung, Baden-Baden 1962 (in der Reihe "Kunst
  der Welt, Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen", Sektion "Die außereuropäischen Kulturen")
- A. B. Griswold, Chewon Kim, P. H. Pott, Burma, Korea, Tibet, Baden-Baden 1963 (in der Reihe "Kunst der Welt, Ihre
  geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen")


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DaF-Szene Korea Nr. 20

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