Ungeachtet der steigenden ökonomischen, politischen und kulturellen Bedeutung Koreas in Ostasien gibt die aktuelle Gesamtsituation der Koreanistik in Deutschland, deren Anfänge bis in die Weimarer Republik zurückreichen,* seit einiger Zeit eher Anlass zur Sorge: So ist die koreanistische Abteilung der Humboldt-Universität zu Berlin bereits vor einigen Jahren geschlossen worden, und auch an der Universität Tübingen ist eine Neueinschreibung für das Hauptfach Koreanistik nicht mehr möglich. Eine nach langen Vorarbeiten eingerichtete und gerade erst zum Sommersemester kommissarisch besetzte C3-Professur an der Freien Universität Berlin ist nach dem etwas überraschenden Fortgang des Lehrstuhlinhabers nach nur einem Semester wieder vakant, wobei glücklicherweise der Lehrbetrieb aufrechterhalten werden konnte. Ferner wird auch der bisherige Diplom-Studiengang "übersetzen" an der Universität Bonn nach der Umstellung auf gestufte Studiengänge nicht mehr angeboten. Zwar besteht im Rahmen des neuen BA-Studienganges "Asienwissenschaften" die Möglichkeit, Koreanisch als erste Sprache zu wählen, ein vertiefendes MA-Studium auf Basis des Koreanischen ist jedoch nicht möglich. Trotz der von jeher etwas anderen Ausrichtung ist letztlich auch hier von einem bedauerlichen Rückschritt zu sprechen.
Somit verbleiben mit Hamburg und Bochum einstweilen lediglich zwei uneingeschränkt funktionsfähige Standorte, wobei bisher allerdings nur an der Ruhr-Universität Bochum die vorgesehene Umstellung auf gestufte Studiengänge vollzogen ist. Darüber hinaus scheint auch der Erhalt der Hamburger Koreanistik vor dem Hintergrund drohender massiver Einschnitte in den örtlichen Geisteswissenschaften nicht wirklich gesichert.
Diese unbefriedigenden Umstände hängen sicherlich zumindest teilweise zusammen mit äußeren Faktoren wie der allgemeinen Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland sowie den geringen Kenntnissen der Öffentlichkeit über das nicht selten in Südostasien vermutete Land. Zumindest in Hinsicht auf die mangelnde Außenwahrnehmung versprechen Aktivitäten im Zusammenhang mit der kommenden Frankfurter Buchmesse, deren Gastland Korea sein wird, eine gewisse Verbesserung. Es werden jedoch auch langfristigere Anstrengungen im Hinblick auf eine größere Breitenwirkung auf den nichtakademischen Bereich zu unternehmen sein.
Die im Hinblick auf die Anzahl der Standorte prekäre Situation beruht jedoch nicht nur auf externen Faktoren: So ist die deutsche Koreanistik in den letzten zwanzig Jahren aus verschiedenen Gründen nur bedingt in der Lage gewesen, sich selbst zu reproduzieren, was in der Vergangenheit zu Schwierigkeiten selbst bei der Besetzung von "traditionell" philologisch-kulturwissenschaftlich ausgerichteten Lehrstühlen führte, und so über längere Zeit den Ausbau des Faches hemmte.
Der Außendarstellung des Faches nicht gerade förderlich war, dass aus den Reihen der Koreanistik heraus – nicht ohne Kalkül - ein Auseinanderfallen von historisch-philologisch orientierter Koreanistik auf der einen und gegenwartsbezogener sozialwissenschaftlicher Koreaforschung auf der anderen Seite beklagt wurde. Damit wurde letztlich jedoch nur den Interessen von Kreisen innerhalb der so genannten "sozialwissenschaftlichen Koreaforschung" Vorschub geleistet, welche ein ohne einschlägige Sprachkenntnisse und damit auf entsprechend schmaler Materialbasis betriebenes "Korea watching" als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren suchen.
Tatsächlich darf es längst als Konsens innerhalb der deutschen Koreanistik betrachtet werden, dass einerseits ein Verständnis der aktuellen Entwicklungen nur auf Basis der historischen Grundlagen möglich ist, andererseits aber auch einseitig historisch orientierte Forschung und Lehre nicht nur im Hinblick auf die Arbeitsmarktperspektiven der Studenten problematisch sind - eine Einsicht, die sich bereits im Lehrangebot ausdrückt. Das evozierte Bild einer scharfen Trennung zwischen "traditioneller" Philologie einerseits und "moderner" Sozialwissenschaft andererseits ist mehr als fraglich, wie auch eine unlängst an der Universität Bochum erfolgte Habilitation im Fach Koreanistik mit einem gegenwartsbezogenen sozialwissenschaftlichen Thema zeigt. So überrascht es dann auch nicht, dass beide Vertreter des noch zu besetzenden sozialwissenschaftlich ausgerichteten Studienganges "Koreanologie" an der Universität Wien aus den Reihen der deutschen Koreanistik hervorgegangen sind.
Dass eine philologisch-kulturwissenschaftliche Ausrichtung eines Lehrstuhles, Bereitschaft zu integrativen Anstrengungen vorausgesetzt, Forschung mit aktueller gesellschaftlicher Relevanz nicht ausschließt, zeigt auch das Beispiel eines am Lehrstuhl für Koreanistik der Ruhr-Universität Bochum angesiedelten Projektes zum koreanischen Diskurs über Bioethik. Der in der Vergangenheit beklagte Mangel an sozialwissenschaftlicher Forschung im deutschsprachigen Raum beruht also kaum auf einem strukturellen Problem des Faches. Zudem dürfte sich das konstatierte Missverhältnis nach Besetzung der sozialwissenschaftlich ausgerichteten Professur in Wien ohnehin bereits weniger dramatisch darstellen.
Einstweilen bleibt nur zu hoffen, dass die vakanten Positionen besetzt werden können, bevor sie weiteren Einsparungen in den Geisteswissenschaften zum Opfer fallen, und so die Zahl der koreanistischen Standorte zumindest konsolidiert werden kann. Mit etwas Optimismus wäre in diesem Falle mittelfristig zu erwarten, dass weitere Universitäten bzw. Ministerien die deutliche Unterrepräsentation koreanistischer Lehrstühle erkennen, so dass im Zuge sich auf den "Zukunftsmarkt Ostasien" orientierender Profilbildungen weitere Ausschreibungen nachfolgen. Gleichzeitig steht zu wünschen, dass die veränderten Rahmenbedingungen es zulassen werden, dass die deutsche Koreanistik bei aller methodischen Differenzierung ihre – nach wie vor internationale Wettbewerbsfähigkeit garantierende – traditionelle Stärke im Bereich der philologisch-kulturwissenschaftlichen Forschung auch in Zukunft beibehalten wird. - Eine Reihe von Doktoranden an der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Hamburg geben zumindest Anlass zur Hoffnung, dass entsprechende Stellen auch mittelfristig besetzt werden könnten.
* So füllte der Benediktinermissionar, Kunsthistoriker und Erziehungswissenschaftler André Eckardt (1884-1974) von 1931 bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 eine Position als Korea-Referent am Internationalen erziehungswissenschaftlichen Institut der TH Braunschweig aus. In Nachfolge von Mirok Li (1899-1950) lehrte Eckardt bis 1974 im Rahmen von Lehraufträgen auch an der Universität München. Die erste koreanistische Abteilung wurde 1968 an der Humboldt-Universität zu Berlin eingerichtet, das Hauptfach Koreanistik auf Betreiben des Japanologen Prof. Bruno Lewin ab 1975 auch an der Ruhr-Universität Bochum gelehrt.
Copyright © 2004 by Jörg Plassen