Kai Rohs

Koreanische Kirchengemeinden in Deutschland


Die Tatsache, dass die Anzahl der Christen in Korea ständig zunimmt - etwa 30 % der Gesamtbevölkerung gehören vornehmlich einer der evangelischen christlichen Kirchen an - spiegelt sich in dem Umstand wider, dass den koreanischen Kirchengemeinden in Deutschland eine zentrale Funktion im Alltag der in Deutschland ansässigen Koreaner zukommt. Die soziologische Zusammensetzung der koreanischen Kirchengemeinden fällt je nach der Region, in der die jeweilige Kirche beheimatet ist, unterschiedlich aus. Koreanische Studenten stellen einen nicht unerheblichen Teil der Mitglieder von Gemeinden in Universitätsstädten dar, und zwar insbesondere auch in Städten, in denen es eine Musikhochschule gibt. Denn gerade für koreanische Musikstudenten ist Deutschland noch ein sehr beliebtes Studienland. Dann gibt es koreanische Gemeinden, wie beispielsweise die in Kaiserslautern, die zumindest bislang vornehmlich von den vielen koreanischen Ehefrauen amerikanischer Soldaten frequentiert werden. Schließlich seien noch die koreanischen Kirchengemeinden im Ruhrgebiet zu nennen, die insbesondere auch von vielen ehemaligen Einwandererfamilien besucht werden. Denn vor allem das Ruhrgebiet war das Ziel vieler Koreaner, die in den 1960er und 1970er Jahren als Bergarbeiter und Krankenschwestern nach Deutschland kamen, Familien gründeten, und zu einem nicht geringen Teil bis heute dort leben.

Eine dieser koreanischen Kirchengemeinden im Ruhrgebiet, der der Verfasser in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre angehörte, soll im Folgenden näher beschrieben werden.

Diese Kirchengemeinde im Herzen des Ruhrgebiets setzte sich zum einen aus Studenten, zum anderen aus ehemaligen Einwandererfamilien zusammen. Gottesdienst fand am Sonntagnachmittag in einem Kirchraum statt, der von einer deutschen evangelischen Gemeinde angemietet worden war. Ab und zu fanden sich auch einige wenige deutsche Gottesdienstbesucher ein, wobei es sich bei diesen entweder um deutsche Ehegatten von Koreanern und/oder auch um Studenten der koreanischen Sprache handelte, die durch den Besuch des Gottesdienstes ihre Koreanischkenntnisse anwenden konnten - die Ruhruniversität Bochum, die einer der wenigen deutschen Universitäten ist, an der es den Studiengang "Koreanistik" gibt, befand sich in der näheren Umgebung der Kirche.

Nach dem eigentlichen Gottesdienst wurde dann zur Kaffeetafel im Gottesdienstraum geladen. An koreanischen traditionellen Feiertagen wurden auch warme koreanische Speisen serviert. Jedenfalls hatte der Sonntagnachmittag neben dem religiösen Zweck auch die Funktion eines Treffpunktes der Koreaner, der zum Meinungsaustausch und gemütlichen Zusammensein genutzt wurde.

Als eine typische Veranstaltung für eine koreanischen Gemeinde im Ruhrgebiet sei die so genannte "Hangeul-Akademie" hervorzuheben, die an jedem Freitagabend stattfand - diese Akademie, die ebenfalls im Kirchraum veranstaltet wurde, sollte der Lehre der koreanischen Sprache dienen. Zielgruppe der "Hangeul-Akademie" war vor allem die so genannte "Zweite Generation", wobei man als "Zweite Generation" die Kinder der damaligen Einwanderer bezeichnet, die in Deutschland blieben und Familien gründeten. Da diese Angehörigen der "Zweiten Generation" in Deutschland aufgewachsen sind, deutsche Schulen besucht haben und nur noch im Elternhaus koreanische Kultur erleben konnten, sprechen sie zwar fließend Deutsch, haben aber oftmals kleinere bis größere Schwierigkeiten mit dem Koreanischen. Die "Hangeul-Akademie" sollte helfen, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch die zahlreichen außerordentlichen Veranstaltungen der Kirchengemeinde, von Veranstaltungen in Privatwohnungen - bei denen es allerdings mitunter recht weltlich zuging, insbesondere dann, wenn der jeweilige Gastgeber über eine Karaoke-Maschine verfügte - bis zur das Jahr abschließenden Silvesterfeier im traditionellen Gewand - um Mitternacht wurden Tänze mit Schellen aufgeführt -, gerade hier werden bisweilen deutliche Unterschiede zur Praxis der Christen in Korea ersichtlich, die sich in der Silvesternacht in der Kirche versammeln und um Mitternacht einen Gottesdienst begehen.

Das Verhältnis der koreanischen Kirchengemeinde zur deutschen Gemeinde, auch zu der Gemeinde, die das Kirchengebäude am Sonntagnachmittag zur Verfügung stellte, war leider oft vom fehlenden gegenseitigen Verständnis geprägt - dies scheint jedoch ein Umstand zu sein, der umgekehrt auch auf das Verhältnis der koreanischen und deutschen Christen in Korea zuzutreffen scheint, ein Umstand, der eigentlich nicht nachzuvollziehen ist, die Gemeinsamkeit der Christen als "Bürger des Himmels" sollte gewichtiger sein als kulturelle Unterschiede.


Copyright © 2004 by Kai Rohs


DaF-Szene Korea Nr. 20

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