Immer, wenn ich in den Ferien von Korea nach Deutschland komme, habe ich zuerst einen ungeheuren Nachholbedarf an Bratwurst, Käse, Grünkohl, Kartoffelsalat, und was man noch so alles zu den lukullischen deutschen Highlights rechnen kann. Bald stellt sich aber eine Umkehrreaktion ein, der Wunsch nach etwas Scharfem, nach in roter, feuriger Soße schwimmenden Gemüse-, Fleisch- oder Fischteilchen, nach dem Hocken vor einem Tischgrill, um den Knoblauchschwaden wehen, oder nach Steintöpfen, die so heiß sind, dass deren duftender Inhalt noch eine Zeitland weiterköchelt. Ich renne dann in den Asia-Laden, der sich glücklicherweise direkt im Erdgeschoss meines Wohnhauses befindet, und greife mir aus dem Regal eine Tüte Nudelsuppe "Ramyon" (die koreanische Antwort auf die 5-Minuten-Terrine). Nachdem ich diese zuhause gekocht und möglichst heiß heruntergeschlürft habe, spüre ich im Magen ein zutiefst unbefriedigendes Gefühl. Ich brauche mehr, aber was richtig Koreanisches! Ja – manchmal bin ich süchtig danach. Und dann beginnt mein Leidensgang, von denen ich einige Stationen hier schildern muss.
Vorweg muss ich sagen, dass es sich in meinem Fall um Berliner Verhältnisse handelt, aber ich denke, dass es woanders in Deutschland genauso ist.
1. Der Laden heißt "Kimchi" und liegt am
Kurfürstendamm, U-Bahnhof Adenauerplatz. Ich müsste hier schon skeptisch werden,
denn ein deutsches Restaurant in Korea würde ich nicht unbedingt "Sauerkraut"
nennen. Der zweite Haken stellt sich gleich am Eingang heraus: Es handelt sich
um ein schweizerisch-koreanisches Restaurant. Eine brisante Mischung also. Rösti
mit Ginseng? Oder Tintenfisch-Fondue? Ich bestelle Bulgogi (am Tisch gegrilltes
Rindfleisch). Der Grill ist da, wenn auch nur mit Gas, nicht mit Kohle, das
Fleisch ist nur mäßig eingelegt, zwei kleine Beilagenschälchen schauen mich
traurig an. Na ja, wenigstens das Kimchi ist scharf, und als Nachtisch gibt es
Eis.
Ich bin der einzige Gast, und bei den Preisen muss meine Rechnung wohl das ganze Restaurant für diesen Tag finanzieren. Aber die Bedienung ist eine freundliche Koreanerin. (Wo ist der Schweizer Alphornbläser?)
2. "Korea-Haus", Danziger Straße,
Berlin-Prenzlauer Berg. Laut Anzeige in der Zeitung soll es koreanisches Buffet
geben.
Nichts wie hin! Bei der Kellnerin versuche ich mit "Anyonghaseyo" zu
punkten. Sie schaut mich fragend an, begreift dann aber irgendwann und sagt mir,
dass sie aus der Mongolei komme. Das Buffet besteht aus sechs Schalen, die an
der Wand aufgebaut sind. Ein paar Fleischstücke schwimmen in einer hellbraunen
Soße, ich bemerke das Schildchen "Kalbi" (das sind im koreanischen Normalfall
eingelegte gebratene Rippchen). Aha, hier vielleicht eher ein mongolisches Kalb?
Daneben liegt Schweinefleisch süß-sauer. Okay, das gibt es wenigstens in Korea
auch. Aber auch in jedem China-Restaurant. Das nehme ich dann, dazu den
Langkorn-Reis, und versuche, einen koreanischen Schnaps (Soju) zu bekommen.
Bedauerndes Kopfschütteln. Dafür ist es aber hier auch nicht so teuer. Wie beim
Chinesen halt.
3. "Seoul-Kwan", Walter-Schreiber-Platz, Berlin-Steglitz. Ich betrete das Restaurant, sehe als erstes eine Karaoke-Anlage (koreanisch "Norebang"), und erblicke gleichzeitig einen Tisch, vollbesetzt mit Koreanern. Ich denke, hier bin ich richtig. Ja, aber leider nur fast. Denn ich hätte eigentlich gleich merken müssen: Die Koreaner sprechen alle Englisch, kommen aus den USA, sind hier fast ebenso fremd wie ich. Trotzdem, es gibt Samgyetang (gekochtes Huhn mit Ginseng), die Beilagen etwas mehr als bei 1., aber hier werde ich die andere Hälfte meines Monatsgehaltes los. Der Soju, den ich noch aus Verzweiflung bestelle, kommt in einem kleinen Glas (in Korea könnte ich mich wenigstens an der kleinen Flasche festhalten)
Für den Nachtisch frage ich noch einmal nach der Karte. Unterhalb der Peking-Ente finde ich "frittierte Banane" und "Eis". Eis hatte ich schon beim Schweizer, also die Banane.
Liebe Leser. Wenn Sie irgendwo in Deutschland das Schild eines koreanischen Restaurants sehen, erwarten Sie bitte nicht, dass Sie dort richtiges koreanisches Essen bekommen. Beim Italiener in Winsen/Luhe bekommen Sie schließlich auch nicht dasselbe wie in Palermo, und sogar das Döner-Kebab soll nicht in Anatolien, sonder in Berlin-Kreuzberg erfunden worden sein. Sie werden also bestenfalls einen Hauch von Korea spüren, wenn Sie Glück haben, eine Ahnung. Der chinesische Kellner wird Ihnen Langkorn-Reis servieren (den es nirgends in Korea gibt), die Bedienung aus Vietnam wird Sie freundlich darauf hinweisen, dass es Pflaumenwein überall in Asien gibt und darum auch in diesem Lokal.
Koreanische Restaurants in Deutschland gehen meist eine Fusion mit der Küche der Nachbarländer ein. Ich glaube nicht, dass das gut ist, schließlich wollen Japaner ja auch nicht immer wieder für Chinesen gehalten werden, und am Ende stellt sich dann heraus, dass sie Koreaner sind. Wenn Sie Glück haben, finden Sie auf der Karte ein paar wirklich koreanische Gerichte, und dann müssen Sie noch das weitere Glück haben, dass der Koch gerade Besuch von Verwandten aus Korea hatte, die ihm ein paar koreanische Zutaten mitgebracht haben. Ich finde das schade, aber andererseits hat die koreanische Küche eben einige große Mankos: Sie ist mit viel, sehr viel Arbeit verbunden, alles muss klein geschnitten sein, eingelegt werden, und das Servieren und die Zubereitung, auch die direkt am Tisch, verlangen eine Unmenge von Schalen, Schälchen, Grillgeräten, und Horden von schnippelndem, abspülendem Personal, und nicht zuletzt braucht sie frische Bestandteile, die es in Deutschland selten gibt.
Seien Sie nicht traurig. Mein Tipp: Kaufen Sie sich ein Flugticket nach Korea. Das kostet soviel wie 10x Essen im "Kimchi" oder "Seoul-Kwan". Wenn Sie in Korea angekommen sind, meiden Sie dort nur die Flughafenrestaurants und die in den großen Hotels, und dann essen Sie überall, wo es etwas zu essen gibt. Sie werden nicht arm, aber irgendwann auch süchtig werden. Und nebenbei lernen Sie ein interessantes Land kennen.
Oder, vielleicht besser und einfacher für Sie, lernen Sie in Deutschland Koreaner kennen. Wie und wo, das erfahren Sie ja in diesem Heft. Seien Sie nett zu denen, damit Sie irgendwann mal nach Haus eingeladen werden, und dann bekommen Sie dort richtiges koreanisches Essen!
많이드십시오!
Copyright © 2004 by Michael Menke