Als es in den 60er Jahren in Deutschland einen Mangel an Bergarbeitern gab, warb man Arbeitskräfte aus dem Ausland an. So kamen seit 1963 auch Koreaner nach Deutschland. Die koreanischen Bergarbeiter gingen ins Ruhrgebiet oder ins Saarland. Bis 1977 betrug ihre Anzahl etwa 8000. Ungewöhnlich war, dass erstmals ein solches Abkommen mit einem Land außerhalb des europäischen Raumes geschlossen wurde, und dass über den Anwerbestopp 1973 hinaus angeworben wurde.
Die Gründe, warum Koreaner nach Deutschland gingen, sind vielfältig. 1961 hatte in Korea die Militärjunta geputscht, der 1963 gewählte Präsident Park Chung-Hee ließ die Opposition durch Geheimdienste überwachen und einschüchtern, verhängte 1972 das Kriegsrecht und schränkte die Bürgerrechte weiter ein. Der Bergbau bot eine der wenigen Chancen abzuhauen. So kamen auf 100 Bergarbeiter-Stellen in Deutschland bisweilen 2500 Bewerber. Prüfungen siebten dann aus. "Man wollte eher Leute mit Köpfchen als Muskeln, schließlich muss auch ein Bergmann bald die Sprache können", erinnert sich ein ehemaliger koreanischer Bergarbeiter.
Die Verschickung der Bergleute hatte auch zum Ziel, die koreanische Wirtschaft anzukurbeln und die koreanische Bevölkerungsexplosion auszugleichen. Viele der späteren koreanischen Bergleute in Deutschland wollten der Arbeitslosigkeit in Korea entfliehen. Im Jahre 1967 war Korea ein sehr armes Land. Die Arbeitslosenquote lag bei über 30% und das Durchschnittseinkommen pro Kopf betrug weniger als 300 US$. Eine Arbeitsstelle für Akademiker war damals ein Traum. Als Lehrer eingestellt zu werden, war fast unmöglich.
Auch das damalige Militärregime wollte sich nicht blamieren und unterzog die vielen Bewerber strengen Prüfungen in Allgemeinwissen. So kam es, dass die ersten 180 koreanischen Vertragsarbeiter, die 1963 unter Tage in Castrop-Rauxel, Aachen und Duisburg ihre erste Schicht fuhren, zu einem Gutteil aus Akademikern bestanden. Nur wenige waren gelernte Bergleute, die meisten gehörten mit ihrem Schulabschluss zur intellektuellen Elite ihres Landes. Und gerade die stürzte sich damals auf die Arbeitsangebote des deutschen Bergbaus. Studenten, Professoren oder ehemalige Angestellte - alle wollten auswandern. Dennoch war ihre Lebenssituation in Deutschland teilweise noch schwieriger als die ihrer weiblichen Landsleute.
In Deutschland angekommen wohnten die meisten in Heimen und blieben daher unter sich. Durch Sportvereine, Feste und Gottesdienste begann sich eine koreanische Gemeinschaft zu bilden.
Ein deutscher Bergmann erinnert sich: Ich war Ortsältester im Streb und hatte acht Koreaner in meiner Schicht. Ich war erstaunt, dass sie die deutsche Sprache einigermaßen gut beherrschten. Wenn Verständigungsschwierigkeiten auftauchten, kamen wir irgendwie mit Englisch zurecht. Es war klar, dass diese Leute eine gute Ausbildung in Sprache und Arbeitsweise erhalten hatten. Bald beobachtete ich, dass die Koreaner arbeitswillig waren. Vor allem waren sie lernbegierig und hilfsbereit. Es war ein gutes Auskommen mit ihnen.
Sie wohnten in den Ledigenheimen Siersdorf und Mariadorf. Manche kochten selbst nach heimatlichen Rezepten. Der intensive Gebrauch von Knoblauch schuf anfangs ein paar Probleme, bis wir lernten, auch Knoblauch zu benutzen. Nie hörte man Klagen über die Kumpels aus dem fernen Asien. Die Koreaner waren bemüht, nicht aufzufallen, Ruhe zu bewahren und einen engen Zusammenhalt in ihrer Gruppe zu bilden. Da ich als Ortsältester für die Leistungsabnahme zuständig war, konnte ich feststellen, dass trotz Krankheit keine Ausfälle zu notieren waren. Die Koreaner steigerten ihre Arbeitsleistungen, um Ausfälle von kranken Kollegen auszugleichen. Ich bin sicher, das hätte niemand sonst getan.
Ja, sie waren sehr gute Arbeitskräfte. Den Vorgesetzten
gegenüber verhielten sie sich respektvoll. Dazu will ich Ihnen ein nettes
Beispiel erzählen: Bei Schichtende unterhielt ich mich auf dem Weg vom Stapel
530 nach 710, wo wir den Zug kriegen wollten, mit einem Koreaner über Sport. Er
berichtete von Judo und führte zur Demonstration einen entsprechenden Griff bei
mir aus. Die anderen Koreaner glaubten, er hätte mich im Ernst angegriffen und
zu Boden geworfen. Sie fielen über ihn her, um mich zu verteidigen, und waren
ganz erleichtert, als sie erfuhren, dass alles nur Spaß gewesen war.
Die drei Jahre waren schnell vergangen. Manche Koreaner – so hörte ich in
unseren vielen Gesprächen – wollten nach Amerika, um weitere Studien zu
betreiben.
Die Arbeitsverträge dauerten in der Regel drei Jahre, danach musste man wieder zurück - es sei denn, man heiratete. Das taten denn auch viele, meistens heirateten sie Koreanerinnen, die als Krankenschwestern tätig waren.
Nur ein kleinerer Teil der koreanischen Kumpel sind in Deutschland geblieben. Die anderen wanderten nach ihrer Zeit unter Tage oft nach Kanada oder in die Vereinigten Staaten aus. Die zweite Arbeitergeneration in den 70ern kehrte zum größten Teil nach Südkorea zurück.
Die in Deutschland verblieben Koreaner gründeten Vereine, wie z.B. "Glückauf" (der heute in ähnlicher Form auch noch in Berlin existiert), einen Verband der koreanischen Bergleute, der später zum "koreanischen Freundschaftsverein in der BRD" wurde.
Heute leben in Deutschland noch etwa 1500 aktive oder ehemalige Kumpel. Die meisten von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen
Der Koreaner Pak Kwang-Seoug, der als Bergarbeiter in Deutschland tätig war und später ein bekannter Professor in Korea wurde, hat seine Erlebnisse in einem Buch notiert. Die ersten Eindrücke in dem neuen Land müssen für viele ein Schock gewesen sein. "Die Lehrlinge stellten sich in einer Reihe auf, die Frauen gaben jedem ein Bockwürstchen und Sauerkraut auf einen Pappteller. Dann setzten sich die Koreaner in Gruppen zu zweit oder zu dritt auf den Rasen und versuchten diese ungewohnten Nahrungsmittel zu essen. Aber obwohl sie alle viel Hunger hatten, brachten die meisten Männer nichts herunter, einige mussten sich sogar übergeben. Schon während des Fluges mit der Air France hatten sie dreimal fettige, schmierige ölige europäische Speisen essen müssen und sich nach den scharfen, feurigen, innerlich brennenden koreanischen Speisen gesehnt."
Quellen:
Pak Kwang-Seoug, "Ich war ein koreanischer Gastarbeiter in Deutschland", edition fischer im R.G. Fischer Verlag 2001
Heinz Bielefeldt: "Stolz, ein Bergmann zu sein“, Modellprojekt der Stadt Jülich, gefördert mit Mitteln des MFJFG des Landes Nordrhein Westfalen, 2003
Konrad Lischka, "Erste Frage: Kannst du Kung Fu?", in taz-ruhr, 27.05.1999
Copyright © 2004 by Michael Menke