I. Kanaken und Bastarde
Im Juli 2000 meldete sich die Neueste deutsche Literatur in einer Anthologie mit dem Titel Morgen Land zu Wort. Ihre Autoren zeichnen sich laut Klappentext dadurch aus, dass sie »keine deutschen Eltern haben, aber in Deutschland aufgewachsen sind«. Die Mehrzahl von ihnen stammt aus der »zweiten Generation«, sie sind Kinder von Migranten. Jamal Tuschick, der Herausgeber, vertritt die These, dass die »deutsche Literatur an den ethnischen Rändern der Gesellschaft intensiv befruchtet wird«.[1] Diese Befruchtungs-Metapher ist der symptomatische Ausdruck einer Entwicklung, in der das semantische Feld um das Konzept der Hybridität herum zunehmend positiv besetzt worden ist. In Deutschland wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ›Bastardisierung‹ mit Sterilität assoziiert. Doch in einer Zeit forcierter Hybridisierung sind Bindestrich-Identitäten zur Normalität geworden, hybride Autoren reklamieren heutzutage ein außergewöhnliches Maß an Kreativität für sich.
Einer von ihnen ist der 1968 in München geborene Raul Zelik. Er selbst ist zwar »durch und durch deutsch«[2], doch in der eingangs erwähnten Anthologie ist auch er mit einer Erzählung vertreten. Er firmiert hier in einer Verfremdung von Feridun Zaimoglus Projekt »Kanak Attak« als »Kanak-Attrapp«.[3] Im Manifest von »Kanak Attak« definiert sich diese Initiative im November 1998 als ein Zusammenschluss verschiedener Leute über die Grenzen zugeschriebener Identitäten hinweg. Pass oder Herkunft spielen keine Rolle für die Zugehörigkeit zu Kanak Attak. Das Projekt wendet sich gegen »alles, was Menschen ausbeutet, unterdrückt und erniedrigt«, insbesondere aber gegen die »Kanakisierung bestimmter Gruppen von Menschen durch rassistische Zuschreibungen«. Kanak Attak kritisiert eine Politik der Integration von Ausländern, die sich multikulturell gibt, hinter der sich jedoch eine Zwangsassimilation verbirgt. Diese Form der Anpassung an deutsche Normalität weist Kanak Attak als eine »Variante des Rassismus« zurück. Sie protestiert gegen eine Biopolitik, die sich anmaßt, die Zusammensetzung der Bevölkerung zu regulieren und zu steuern. Kanak Attak versteht sich als eine Plattform für »Kanaken« aller Art, für »Migranten aller Generationen«.[4]
Zeliks Zugehörigkeit zu diesem Projekt ist eine freie Wahl. Die leicht ironische Selbststilisierung als Attrappe, Zeliks Camouflage und Maskerade als ›Kanake‹ ist eine Entscheidung für eine hybride Existenz und die Ästhetik kultureller Überblendungen. Anfang 2004 hat er einen Roman mit dem Titel bastard vorgelegt,[5] der von der Kritik als »Postmigrationsstory« gefeiert wird.[6] Seine Protagonistin gehört der ›zweiten Generation‹ an. Wahlweise imaginiert sie sich als die übermenschliche Superheldin Catwoman[7] oder als Astronautin Ellen Ripley, die in der Filmserie Alien Weltraummonster bekämpft, zur Welt bringt und selbst als hybrides Human-Alien geklont wird.[8] Aufgrund solcher Bezüge auf die aktuelle Popkultur wird der Roman auch in der Rubrik »Popliteratur« verzeichnet. Eine Kritikerin verweist darauf, dass es »derzeit noch kein eigenes Wort für diese Gruppe Menschen« gebe, zu der die Protagonistin des Romans gehört.[9] Man bemerkt bei ihr ein fortwährendes »Ringen um Identität«,[10] einem Rezensenten gilt sie als »wurzelerkrankt«.[11] Die Rede ist davon, dass es in dem Roman um »Grenzgänger« gehe, die nationale Grenzen mit derselben Leichtigkeit überschreiten wie der »gemeine Geschäftsmann« oder der »Globetrotter«. »Grenzgängerisch« zu sein, bedeutet hier auch, sich am »Rand der Gesetzlichkeit zu bewegen«, zum Beispiel Visa-Verordnungen zu ignorieren.[12]
Bei Kanak Attak wird die Bezeichnung ›Kanakster‹ positiv besetzt, sie verfremdet den diskriminierenden Ausdruck ›Kanake‹.[13] Zeliks Roman betreibt eine Aufwertung des Begriffs »Bastard«. Dieses Wort ist gegen Ende des 12. Jahrhunderts aus dem Mittelfranzösischen ins Deutsche übernommen worden. Im Feudalwesen bezeichnet man zunächst das uneheliche Kind eines Adligen und einer Frau niederen Standes als Bastard, dann auch das uneheliche Kind im Allgemeinen, bis ins 18. Jahrhundert das ›Hurenkind‹. Seit dem 15. Jahrhundert kommt der Begriff in der Naturforschung vor. Ein Bastard ist der Nachkomme aus einer Kreuzung zweier verschiedener Rassen bzw. Arten, zunächst wird der Term nur auf hybride Pflanzen oder Tiere angewandt. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird er zunehmend auch in der Anthropologie verwendet. Im übertragenen Sinne ist mit einem Bastard das durch Vermischung von seiner gewöhnlichen Art im schlechten Sinn Abweichende gemeint.[14] Zeliks Roman bricht mit dieser pejorativen Verwendungsweise des Begriffs.*
II. Die Reise der Journalistin Carla Lee nach Seoul
Protagonistin des Romans ist die 27jährige Carla Lee, die im 12. Semester Soziologie und Koreanistik an der Freien Universität Berlin studiert. Bei einer politisch an den Grünen orientierten Zeitung der deutschen Hauptstadt, unschwer als die tageszeitung, kurz taz, identifizierbar, macht ihr ein fest angestellter Redakteur ein paradoxes Angebot. Sie könne als ›feste freie‹ Mitarbeiterin für den Politikteil schreiben. Hier gibt man sich liberal, multikulturell, integrationsbewusst und kosmopolitisch. Man begrüßt das »Frischfleisch« gerade deshalb, weil es sich bei der Volontärin um eine »Tochter von Einwanderern« handelt (23, 28). Das Unbehagen, das sich bei der angehenden Journalistin einstellt, rührt vor allem daher, dass es sich auch bei dieser scheinbar bevorzugten Behandlung um eine Form von Diskriminierung handelt.
Der Vater von Carla Lee ist als Bergmann aus dem koreanischen Kwangju ins deutsche Ruhrgebiet gekommen. Nachdem das Bergwerk geschlossen worden ist, arbeitet er bei Thyssen. Als Carla 14 Jahre alt ist, kehrt ihr Vater 1987 nach Korea zurück, um sich dort in der Arbeiterbewegung zu engagieren. Er organisiert ausländische Arbeiter, Bengalen, China-Koreaner und Mongolen. Um seiner Verhaftung zu entgehen, kehrt er 1993 nach Deutschland zurück. Dort bleibt ihm nichts anderes mehr übrig, als in Dortmund einen Asia-Imbiss zu eröffnen: »Linke Gewerkschafter sind auch bei Thyssen nicht besonders beliebt« (21, 27, 54, 78, 152).
Doch koreanisch ist Carla Lee »nur zur Hälfte«, die Mutter stammt aus Portugal. In Deutschland verläuft deren Karriere von einem Arbeitsplatz bei Siemens am Fließband über einen Putzjob bis zum Nachtdienst als Krankenschwester auf der Intensivstation. Unter all den »Kim-Lees«, »Lee-Müllers« und »Kim-Szymanskis«, unter all diesen verschiedenen »Halbbluts« aus der kulturellen Kontaktzone des Ruhrgebiets, ist Carla eine »Porto-Koreanerin« geworden (21f., 53f., 74f.).
Um an der Seoul National University einen Sprachkurs zu besuchen, reist Carla Lee im August während der Regenzeit in ein Land, das von einem Friedensnobelpreisträger regiert wird. Der Roman spielt hier auf Kim Dae-Jung an, dem der Preis im Herbst 2000 zugesprochen worden ist. Unter Berücksichtigung des Alters der Protagonistin kann man hier als Zeit der Handlung den Sommer des Jahres 2001 ansetzen.[15] Im Roman verfällt der Präsident der Kritik wegen seiner »Koalition mit dem ehemaligen Geheimdienstchef«, mit der er sich den Wahlsieg gesichert hat.[16] Das Nationale Sicherheitsgesetz bringt es mit sich, dass Gewerkschafter, die unter der Militärdiktatur inhaftiert worden sind, noch immer im Gefängnis sitzen. Darüber hinaus werden dem Präsidenten neue »Verhaftungswellen gegen Gewerkschafter« vorgeworfen (38, 77, 154).
Der Autor dieses Romans, der sich nach eigenen Angaben nur relativ kurz in Korea umgesehen hat,[17] besitzt eine erstaunliche Beobachtungsgabe. Sein Roman birgt eine Fülle von Details aus dem koreanischen Alltagsleben, für die man möglicherweise blind wird, wenn man sich zu lange im Land aufhält. Seine Protagonistin mietet sich in Seoul zunächst in einer »Rotlichtabsteige« ein, die im Amüsierviertel Shinchon liegt. Das Zimmer wird von Neonröhren in »rotes Pufflicht« getaucht und lässt sich wie ein »Brutkasten« ausleuchten (16, 20, 26). Ihr zweites Quartier ist die Wohnung ihrer koreanischen Verwandtschaft in einer Seouler Trabantenstadt. Ihre koreanische Umgebung vergleicht die Erzählerin mit dem »Gefängnisplaneten« aus dem Hollywood-Spielfilm Alien 3. Sie selbst identifiziert sich mit »Commander Ripley«, ihre Tante und ihren Onkel nimmt sie als Aliens wahr. Sie stellt sich vor, dass in der futuristischen Hochhauskulisse der »Nachwuchs der Spezies gezüchtet« wird (37ff., 48f.). In Alien geht es um den Horror vor der Vermischung mit dem Artfremden, um die instinktive Repulsion, um den Abjektionsmechanismus, den der grauenhafte Anblick des geifernden und sabbernden Monsters auslöst.[18] Die Vermischung mit dem außerirdischen Parasiten zieht für die menschliche Spezies unweigerlich den Untergang nach sich. Der Vergleich, den die Erzählerfigur hier für ihre koreanische Verwandtschaft wählt, ist nicht gerade schmeichelhaft.
Carla beginnt eine journalistische Recherche zur »Ki-Yop-Katastrophe«. Es geht um ein Hochhaus, ein Einkaufszentrum, das in der literarischen Welt des Romans im Jahr 1997 eingestürzt ist. 500 Menschen sind in den Trümmern umgekommen (33f., 62ff., 71f., 82, 94ff., 116ff., 193ff.). Zelik verdichtet hier den Kollaps des Sampoong-Kaufhauses im Juni 1995, für den in der Regel eine Kultur verantwortlich gemacht wird, der rasche Profite wichtiger als Sicherheitsstandards sind.[19] An einer Stelle erklärt Carla, dass sie eigentlich nicht gegen »Aliens auf dem Gefängnisplaneten« kämpfen möchte. Als »Superheldin« namens »Clark Lee-Kent« identifiziert sie sich jetzt mit der Comicfigur Superman, die als Reporter der Zeitung Daily Planet eine Doppelexistenz führt.[20] Ihren »Radarblick« verdankt Carla der Lektüre von Marx, ihrer Kenntnis der Gesetze von »Mehrwert, Akkumulation und Prozentrechnen«. Einen kritischen Journalismus betrachtet sie als »Aufstandsstrategie gegen die Allmacht des Imperiums« (80).
Im Roman wird noch ein weiterer Film als Folie ins Spiel gebracht, der »Aufstand gegen die Maschinenwelt« in dem Film The Matrix (135).[21] Vor diesem Hintergrund kokettiert Carla Lee mit der Rolle der subversiven Rebellin gegen den globalen Herrschaftsapparat des Empire.[22] Schließlich dient dem Roman noch der Film Catwoman als Folie. Carla identifiziert sich bei ihrer Recherche in Seoul auch mit dieser »Comicfigur«, sie stellt sich vor, die nahezu unbezwingbare »CATWOMAN« zu sein: Eine »schöne Frau im Latex-Anzug«, eine »mutierte Blondine«, die sich selbstsicher und verführerisch durch Gotham City bewegt. Bei einer Wendung ans Fernsehpublikum zitiert die von Carla imaginierte Catwoman den Appell, mit dem in Matrix Neo die Öffentlichkeit aufklären und erleuchten möchte: »Vertraut eurem eigenen Verstand«. Danach erwachen alle aus ihrer »geknechteten Existenz als biologische Energiequellen der Maschinen«. Im Roman wird das Zitat jedoch ironisch gebrochen. Der messianische Eifer, mit dem die Protagonistin ihre Recherche verfolgt, wird als Allmachtsphantasie bloßgestellt. Die Catwoman des Romans ist alles andere als perfekt, durch ihren »Latexanzug« erkennt sie an sich einen »Bauchansatz« (144, 147, 158f., 171, 174). Von der imaginierten, hybriden Vielfachexistenz als Catwoman-, Neo-, Clark- oder Ripley-Lee bleibt am Ende nur die machtlose Journalistin übrig.
Neben Carla Lee tritt im Roman noch ein zweiter Typus von Migranten auf, südasiatische Wanderarbeiter der ersten Generation. Sie lassen sich auf der untersten Ebene in der Hierarchie des globalen sozialen Raums lokalisieren. Ihre Wohnverhältnisse in Seoul sind prekär: Neun Bengalen leben auf 16 Quadratmetern. In einem Kirchenkeller campieren 40 Leute: Thais, Filipinos, Bengalen, Inder, aber auch Mongolen, sibirische Russen und Koreaner aus China (152f., 179). Vor diesem Hintergrund wird sichtbar, dass sich die Journalistin Lee in einem relativ privilegierten Feld für hybride Akteure bewegt.
Ihren Artikel über das Kaufhaus verkauft sie schließlich an die Zeitung Hangyoreh. Das Blatt wird als »alternative Presse« vorgestellt, als koreanisches Gegenstück zur deutschen taz, die ihre Autoren ebenfalls mit »Trinkgeldern« abspeist, ihnen aber die Chance bieten möchte, »aufrichtig zu bleiben«. Doch die Hangyoreh bringt den Kaufhaus-Artikel nur in einer völlig entstellten Fassung. »Ex-Catwoman« erwägt nach dieser demütigenden Erfahrung, »durch den nächsten Telefonanruf wieder aus der Matrix zu verschwinden« (206, 213, 216). Ihre illegalen Nachforschungen bringen sie in Konflikt mit koreanischen Zivilbeamten und der Migrationsbehörde (10f., 76ff., 80, 145). Am Ende wird sie von Zivilpolizisten verhaftet. Das Privileg ihrer deutschen Staatsangehörigkeit schützt sie zwar vor Misshandlung, aber nicht vor der Ausweisung. Sie ist mit einem Touristenvisum eingereist, hat ihre Aufenthaltsgenehmigung überzogen und außerdem als Journalistin gearbeitet – Grund genug, sie abzuschieben (223, 226, 229).
III. Die abjekte Seite der Hybridität
Carla stellt sich als deutsche Studentin mit »Identitätsproblemen« vor, sie bezeichnet sich selbst als »Assimilationskanakin« (23, 161). Auf ihrer deutschen Identität besteht sie nachdrücklich, Deutschland ist ihre »Heimat«: »Kanak attitude hin oder her, ich bin und bleibe Allemannin, eine ganz gewöhnliche Deutschlandschnepfe«. Zwar findet sie es befremdlich, dass ihre deutschen Nachbarn ihre »Aussprache« loben. Doch als »Fremde« fühlt sie sich noch viel mehr im »koreanischen Seltsamland«, in dem sie niemand wegen ihrer äußeren Erscheinung als »Alien« behandelt (35f., 44). So ist sie zwar in Seoul ein »Schlitzaugengesicht unter zehn Millionen Schlitzaugengesichtern«, doch denkt sie auf Deutsch, mit Wörtern wie »Kuckucksuhr«, »Frühlingskartoffel« oder »Eckkneipenbier«. Mögen ihre Eltern auch Immigranten sein, Carla Lee betrachtet sich als Deutsche, als »ganz normale Durchschnittskartoffel«. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1990 wird diese Selbstwahrnehmung in Frage gestellt. Im Rückblick stellt Carla fest: »Der Westen annektierte 17 Millionen costabravahungrige Ostler und stieß zehn Millionen Kanaken, Halbbluts und Juden auf der anderen Seite wieder aus. Zur Bekräftigung veranstalteten normalerweise anständige Jugendliche aus normalerweise anständigen Familien Hetzjagden auf Schwarzköpfe, ohne dass deswegen größere Empörung ausgebrochen wäre. Ich schaute also zum ersten Mal richtig in den Spiegel und stellte fest: Fidschi-Fotze mit Knoblauchfressergesicht«. Auf dieses horrende Schlüsselerlebnis datiert sie den Beginn ihrer »Suche nach den koreanischen Wurzeln«. Doch diskriminiert wird sie auch in Korea, wo man sie als eine »Kyopo«, eine »Auslandskoreanerin«, klassifiziert (15, 53ff.).
Eines Tages geht Carla in eine Seouler Diskothek, wo ihre Aufmerksamkeit auf einen GI gelenkt wird, einen schwarzen Soldaten. Sie kann beobachten, wie die Einheimischen »Schwarze« diskriminieren. Sie lassen ihn nicht singen, während alle anderen problemlos Zugang zum Mikrophon erhalten. Carla nimmt Korea zunächst als ein Land wahr, in dem man nur in der Umgebung von Kasernen Schwarzen oder Latinos begegnet, weil es hier praktisch keine Migration gegeben habe (30ff.). Bei einem weiteren Besuch in der Diskothek lässt sie sich von dem US-Soldaten diverse Drinks ausgeben. Als sie das Lokal gemeinsam verlassen, ist in Shinchon »immer noch die Hölle los«: »hysterisch kreischende Mädchen liegen am Straßenrand und kotzen«. Der Soldat schlägt vor, in eine Videothek zu gehen, aber Carla lehnt ab, weil in den dort bereitgestellten »Fickkabinen« nur diejenigen »poppen«, die zuwenig Geld für die Pension haben. Stattdessen sucht sie mit ihm das Yogwan auf, in dem sie bereits ihre ersten Nächte in Seoul verbracht hat. Das Erlebnis frustriert sie derart, dass sie glaubt, es kompensieren zu müssen, indem sie »Markenprodukte« einkaufen geht (59ff., vgl. 134).
Die Begegnung mit dem GI bleibt Episode, näher steht der Protagonistin ihr Freund, der »Abiturtürke« Cem, der Sohn türkischer Einwanderer, mit dem sie eine »Seelenverwandtschaft« verbindet (67f.). Als zweite Erzählerfigur sorgt Cem im Roman für eine Außenperspektive auf Carla. Um ihre Freundschaft nicht zu belasten, haben die beiden zwar ausgeschlossen, miteinander zu schlafen, ungeplant passiert es aber doch. Wieder reagiert Carla mit Ekel und erbricht sich (135f.). Doch am Ende des Romans kehrt sie zu ihm zurück, er erwartet sie am Flughafen. Im Schlussbild umarmen sie sich, und Carla Lee ist fähig, die körperliche Nähe Cems ohne eine Abstoßungsreaktion zu ertragen (236).
Ekelgefühle sind ein Leitmotiv der Erzählung Carlas. Dauernd muss sie sich erbrechen. Sie leidet an Bulimie, und mit der Zeit erhärtet sich der Verdacht, dass sie es selbst ist, vor der sie sich ekelt (55f., 70f., 88, 98, 177): Sie erkennt, dass sie ein Problem mit sich selbst hat (107, 111). Carla spekuliert, ob ihre Depressionen ein väterliches oder ein mütterliches Erbteil sein könnten. Sie verweist auf den portugiesischen »Trübsinn«, die »saudade« (22, 35), aber auch das »Han« käme in Frage, die »koreanische Variante fortgeschrittenen Weltschmerzes« (171, 205). Der somatische Abjektionsmechanismus, der in Carla Lee am Werk ist, scheint sich vor allem gegen die koreanische Seite ihrer psychischen Apparatur zu richten. Eines Tages wird sie in einem Gebäude von zivilen Ermittlern wegen ihrer journalistischen Recherchen gestellt. Einer der Männer greift nach ihren Wangen und »zieht an der Haut«. Sie reagiert jetzt mit »EKEL« in Kapitälchen. Hilflos ist sie der Situation ausgeliefert und wünscht sich, sie könnte aus ihr einfach wie bei einem Computerspiel in ein anderes »Level« entkommen. Sie stellt sich vor, wie Neo in der Matrix schlicht die Wände hochlaufen zu können (125f.).
Gegen Ende des Romans bemächtigt sich ihrer das »Entsetzen«, selbst ein »Alien zu sein«. Sie ist sich selbst entfremdet, sie ist »nicht die Person«, die sie »zu sein vorgibt oder erträumt« (214f.). Ihre »Übersiedelung nach Korea« hat sie als »Radikaltherapie« geplant, doch mit wenig Erfolg. Ihrer Freundin erklärt sie, »Fremdheit« sei eine »Zuschreibung von außen«: »Die Leute behandeln dich als Fremde, und darum bist du eine. Aber ich frage mich, was ist, wenn das gar nicht daher kommt. Wenn die Fremdheit nichts mit der Zuschreibung zu tun hat, sondern damit, dass man sich selbst nicht erträgt« (217, vgl. 224).
Für Zelik ist sein Roman eine »Auseinandersetzung mit dem Thema Fremdheit«.[23] Julia Kristevas Essay Fremde sind wir uns selbst bietet sich als Kommentar zu Zeliks literarischem Text an. Sie schreibt, dass die Figur des Fremden die »verborgene Seite unserer Identität« repräsentiere, das Fremde in uns selbst. Für diejenigen, die eine Grenze überqueren, die sich von ihrer Familie und Sprache, ihrer Heimat und ihrem Land losreißen, gehört fremd zu sein zu einem Habitus, der auch mit »sexueller Frenesie« einhergeht. Alte Verbote gelten nicht mehr, die Fremden überspringen die sexuellen Tabus am leichtesten und provozieren im Gastland skandalöse Exzesse. Kristeva interpretiert Xenophobie mit Freud als Furcht vor dem Unbewussten. Wer die Fremden bekämpft, kämpft gleichermaßen gegen sein Unbewusstes. Mit Freud ruft Kristeva dazu auf, den Mut zu haben, sich selbst als desintegriert zu benennen. Ihre These lautet, dass das die Bedingung sein könnte, um die Fremden nicht mehr zu verfolgen.[24] Carla Lees Reise nach Korea lässt sich als ein Versuch lesen, den Abjektionsmechanismus angesichts ihrer eigenen Fremdheit zu überwinden, indem sie sich der Fremde auf extreme Weise aussetzt. Es kommt ihr letztlich darauf an, sich weder als ›Kanake‹ oder ›Schlitzauge‹, noch als ›Kyopo‹ oder ›Bastard‹ definieren zu lassen, sondern sich selbst unter all diesen Kategorien positiv wahrzunehmen.
IV. yang-gongchu und honhyol
Raul Zelik hat sich mit seinem bastard-Roman auf ein für koreanische Verhältnisse brisantes Terrain gewagt. Die kalifornische Journalistin Elizabeth Kim erzählt in ihrer Autobiographie von traumatischen Erinnerungen an ihre Kindheit als honhyol, als Tochter eines US-amerikanischen GIs und einer koreanischen Mutter. Diese wird, um die Familienschande zu tilgen, von ihrem Vater und ihrem Bruder erhängt. Die Bastard-Tochter wird an den Genitalien verstümmelt und in ein Waisenhaus abgeschoben.[25]
Zustimmend hebt der Historiker Nahm einen Aspekt der koreanischen Geschichte hervor, auf den die Koreaner besonders stolz seien, er meint die Fähigkeit zur Verteidigung ihrer ›Rassenreinheit‹.[26] Glaubt man dem kritischen Bericht einer südkoreanischen Tageszeitung, dann werden ›gemischtrassige‹ Koreaner noch heute scharf diskriminiert. Er führt drei historische Hybridisierungsschübe an. Seit dem Korea-Krieg sind es in erster Linie die Kinder US-amerikanischer Soldaten und koreanischer Mütter, die als ›Amerasians‹ stigmatisiert worden sind. Dazu kommen die so genannten ›lai taihan‹, die während des Vietnam-Kriegs aus Verbindungen südkoreanischer Soldaten mit vietnamesischen Müttern hervorgegangen sind. Seit den 90er Jahren dominieren die ›Kosians‹ das Feld, der Nachwuchs aus Beziehungen zwischen Koreanern und südost-asiatischen Gastarbeitern.[27] Heute ist es nicht mehr in erster Linie der Krieg, der Hybridisierungsprozesse beschleunigt, sondern die ökonomische Globalisierung, ihr Bedarf an Arbeitskräften.
In den Korea-Romanen des früheren GIs Martin Limón figurieren die Verfügbarkeit über Frauen und das Rotlicht-Milieu als wichtige Motive, die einen Arbeitsplatz in der US-Armee attraktiv erscheinen lassen.[28] Im Koreanischen wird die koreanische Frau, die sich auf ein Verhältnis mit einem US-Soldaten einlässt, als ›yang-gongchu‹ bezeichnet, als ›westliche Prinzessin‹. Der Begriff wird ironisch verwendet, es handelt sich um ein Schimpfwort, mit dem eigentlich die ›yang-galbo‹ gemeint ist, die ›Ausländerhure‹.[29] Wer sich auf eine Übersetzung von Raul Zeliks Roman ins Koreanische einließe, muss vor diesem Hintergrund mit ungünstigen Rezeptionsbedingungen rechnen.
Doch für den literatur- und kulturwissenschaftlichen Unterricht in der graduate school bietet der Roman verschiedene Anknüpfungspunkte. Einsteigen könnte man mit der Frage, welche Formen von Hybridität es in Korea gibt und wie sie bewertet werden. Die Art und Weise, wie der Roman Versatzstücke aus dem Imperium einer globalen Popkultur verarbeitet, wird koreanischen Studenten den Zugang zum Text erleichtern. Die Wahrnehmung der koreanischen Kultur durch Zeliks Protagonistin schließlich dürfte im Seminar interessante Diskussionen provozieren.
[1] Jamal Tuschick (Hg.): Morgen Land. Neueste deutsche Literatur. Frankfurt/Main: Fischer 2000, S. 2. Vgl. das Nachwort von Jamal Tuschick: Träger von Zukunftsinformationen, S. 283-291, hier 284.
[2] Vgl. Ulrich Noller: Raul Zelik und sein neues Buch ›Bastard‹. In: Buchtipp. WDR-Feature, 3.3.2004.
[3] Vgl. das Autorenverzeichnis in Morgen Land S. 293f. Darin: Raul Zelik: Nie wieder Spandau, S. 29-44.
[4] Vgl. das Manifest auf der Internet-Plattform http://www.kanak-attak.de/ka/
[5] Raul Zelik: bastard. die geschichte der journalistin lee. Berlin: Assoziation A 2004. Weitere Romane von Raul Zelik: ›Friss und stirb trotzdem‹ (1997) und ›La Negra‹ (2000), beide bei Nautilus in Hamburg.
[6] Sami Khatib. Raul Zelik – Bastard. In: De-Bug 83, Juni 2004.
[7] Verfilmungen: Tim Burton: Batman Returns (1992), mit Michelle Pfeiffer, vgl. Pitof: Catwoman, 2004, mit Halle Berry.
[8] Ridley Scott: Alien (1979), James Cameron: Aliens (1986), David Fincher: Alien 3 (1992), Jean-Pierre Jeunet: Alien Resurrection (1997).
[9] Nora Sdun: Packesel und Cat Woman. In: www.textem.de, 30.8.2004.
[10] Doro Wiese: Identität ist Krise. Hämmern auf die Delete-Taste. In Raul Zeliks Roman ›bastard‹ wird die eigene Realität zum Verschwinden gebracht. In: die tageszeitung, 17.3.2004, S. 23. Vgl. Doris Achelwilm: Figur der gefestigten Unruhe. In Spex 275, 2004.
[11] Andé Dahlmeyer: Sinn fressen. Raul Zeliks Roman ›Bastard‹ reflektiert Moderne und Depression im Zeichen von Fremdheit und Bulimie. In: Junge Welt, 23.6.2006.
[12] Sabine Peters: Fressen und Kotzen. Grenzgänger. Raul Zeliks neuer Roman ›Bastard‹. In: Freitag 20, 7.5.2004
[13] Entlehnt aus dem Polynesischen, dort heißt kanaka einfach nur Mensch, vgl. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage, bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin: de Gruyter 1999, S. 421.
[14] Deutsches Fremdwörterbuch. Bd. 3, Berlin: de Gruyter 1997, S. 207-212, hier 207f.
* Für kritische Kommentare danke ich Kai Köhler und Holger Korthals.
[15] Vgl. Zelik, bastard, S. 5, die Angabe: »Korea, um die Jahrtausendwende«. Die im Text erwähnten Pieper sind 2001 in Korea eigentlich schon nicht mehr Mode.
[16] Mit dem Geheimdienstchef ist Kim Jong-Pil gemeint, die Koalition mit ihm ist im Herbst 2001 zerbrochen.
[17] Vgl. Raul Zelik im Interview mit Nedo / Tollmann.
[18] Zum Konzept der Abjektion vgl. Julia Kristeva: Powers of Horror. An Essay on Abjection (1982). übersetzt von Leon S. Roudiez. New York: Columbia University Press 1982: Das Abjekte ist das, was verächtlich gemacht, was verabscheut und verworfen wird, was Grauen und Schrecken erregt. In der Literatur drängt es zum Ausdruck, pervertiert die herrschende Moral und stellt dabei die zynischen Machtspiele der Herrschenden bloß. Bei Kristeva ist Abjektion eine Reaktion der Abstoßung und des Ausschlusses, sie wird ausgelöst durch ein Abjektes, das keine festgeschriebenen Grenzen, Positionen und Regeln respektiert. Sie richtet sich gegen die Ambiguität von Zusammengesetztem, gegen die Ambivalenz von Heterogenität und Hybridität, gegen all das, was das Bedürfnis nach einer klaren Identität verstört und bedroht.
[19] In seinem Roman schreibt Zelik, »Präsident Roo« habe 1997 eine dreitätige Staatstrauer verhängt (79). Der wirkliche Präsident Roh Tae-Woo hat sein Amt schon 1992 an Kim Young-Sam abgegeben.
[20] Diverse Verfilmungen: Richard Donner: Superman (1978), Richard Lester: Superman II (1980).
[21] Filmtrilogie von Andy & Larry Wachowski: The Matrix (1999), Matrix Reloaded (2003), The Matrix Revolutions (2003).
[22] Michael Hardt / Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung (2000). übersetzt von Thomas Atzert und Andreas Withensohn. Frankfurt a. M.: Campus 2003.
[23] Kito Nedo und Vera Tollmann: Politik, Schreiben, Identität. Raul Zelik im Interview. In: www.fluter.de, 1.5.2004.
[24] Julia Kristeva: Fremde sind wir uns selbst (1988). übersetzt von Xenia Rajewsky. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1990, S. 11, 39f., 208f.
[25] Elizabeth Kim: Weniger als nichts. Ein Frauenschicksal zwischen Osten und Westen. München: Blessing 2001, S. 9–15, 20f., 28, 41.
[26] Andrew C. Nahm: A Panorama of 5000 Years. Korean History (1983). 8. Auflage, Seoul: Hollym 1997, S. 6, vgl. 124.
[27] Anonym: Mixed-race Koreans face continued discrimination. In: JoongAng Daily, 15.2.2003.
[28] Martin Limón: Jade Lady Burning. New York: Soho Press 1992, S. 8: »That's what brought me back«, erläutert ein Angehöriger der US-Streitkräfte. Limón selbst war 10 Jahre lang in Korea stationiert, mit seiner koreanischen Freundin hat er in den USA eine Familie gegründet. Vgl. Martin Limón: Slicky Boys. New York: Bantam 1997.
[29] Hyeonseon Lee: Broken Silence. The Taboo of Korean Prostitutes during American Occupation and Its Depiction in the Korean Films of the 1990s. In: Kulturrevolution. Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie 47, 2004, S. 68–71. Hong-Ryeol Choi: U.S. Troops Not Always a Welcome Presence in Korean Literature. In: Chosun Ilbo, 25.5.2004.
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