Auf den Websites und in den Internet-Foren der zweiten Generation von Koreanern in Deutschland werden oft die Themen Herkunft, eigener Stand in der (deutschen) Gesellschaft oder Selbstbewusstsein diskutiert. Das betrifft besonders eine Gruppe von Koreanern, die weder ihre Herkunft noch ihren jetzigen Lebensbereich frei bestimmen konnte. Es handelt sich um Adoptierte, die als Babys oder Kleinkinder von Korea nach Deutschland kamen und sich mit zunehmendem Alter fragen, wo sie herkommen und wer sie eigentlich sind. Viele von ihnen reisen irgendwann nach Korea und merken, dass sie auch dort nicht richtig "zuhause" sind.

Einst wurde Korea als der Exporteur Nummer eins für Adoptivkinder bezeichnet. Einige sprachen angesichts von Koreas wirtschaftlichem Aufschwung von einer nationalen Schande, aber in einer Gesellschaft, in der die Menschen sich stark nach der patriarchalischen Blutsverwandtschaft richten, ist die Adoption eines Kindes selten. Die Zahl der nach Deutschland adoptierten Koreaner beläuft sich auf etwa 4000. Wir veröffentlichen hier den Text eines Betroffenen, der eine mögliche Sicht auf diese Vorgänge formuliert.

"Martin Jeon"

(Pseudonym, Name d. Red. bekannt)

Adoption


Heute sagte man mir, ich solle etwas für die LVK schreiben. Bedenkt man, dass ich bis vor etwa 3 Monaten gar nicht wusste, was die LVK ist, scheint es mir wunderlich, nun hier etwas zu schreiben. Nun gut, Zeiten ändern sich und Menschen ändern sich auch... manchmal zumindest.

Und das Thema ist halt etwas, was ich gut kenne - Adoptierte in Deutschland, adoptierte Koreaner in Deutschland. Ich war sechs Jahre alt, als ich nach Deutschland adoptiert worden bin. Seit einigen Jahren habe ich den Weg "nach Hause" wieder gefunden. Ich bin also gebürtiger Koreaner, mittlerweile 30 Jahre alt und habe mein Leben von sechs bis heute in Deutschland verbracht. Bis hier hin nicht sehr interessant, nicht wahr? Sie haben alle diese Geschichten schon gelesen und Sie alle kennen dies hier schon... denken Sie.

Sie kennen nichts, sofern Sie nicht selber adoptiert wurden. Der Begriff alleine verrät schon einiges. Nämlich, dass sie nicht selber gehandelt haben, sie sind gehandelt worden.

Das meine ich ernst. Sie sind gehandelt worden.

Warum adoptieren Deutsche Kinder? Weil sie so gute Menschen sind? Sicher, das auch. Aber hat wirklich jemals einer gesagt: weil er sich dann als besserer Mensch fühlt? Weil er dann glaubt, seinem Himmel näher zu kommen?

Kein Mensch wird so etwas sagen. Alle sind einfach nur die kleineren Ausgaben Mutter Theresas. Und doch steckt darin etwas sehr Wahres.

Ein Forscher hat mal gesagt, dass wir (er meinte Menschen damit) keinen wirklichen Altruismus kennen und es auch nicht wirklich ausleben. Wenn wir also jemanden retten und gleichzeitig dabei vor der Wahl stehen, entweder das eigene Kind oder die eigene Mutter zu retten, so würden wir immer das Kind retten, weil dies bedeute, dass wir die Weitergabe unseres Samens gewährleisten... und das soll schließlich die wichtigste Aufgabe unseres Daseins sein. Wenn man diese Theorie auf die Adoptiveltern überträgt, haben sie bloß einen Weg gefunden ihre eigene Unfruchtbarkeit durch die Adoption eines Kindes zu kaschieren.

Wirklich?

Was ich damit sagen will, ist nicht, dass alle Adoptiveltern unfruchtbar sind und nur ihre eigene Reproduktion sicherstellen wollen. Nein, aber glauben Sie bitte auch nicht, dass alle Eltern bloß die Gutmenschen schlechthin seien.

Ein differenzierteres Bild sollte schon entwickelt werden. Also, lassen Sie uns damit hier anfangen.

Meine deutschen Eltern haben mir ein Kindermädchen gegeben... die ersten 6 Monate. Klingt toll, oder? Sie war sogar sehr nett und ich habe sie sehr gemocht. Meine Eltern hatten keine Zeit für mich. Aber sie hatten genug Geld.

Meine deutschen Eltern haben mich in die beste Schule geschickt. Eine bessere gab es und gibt es heute noch nicht im weiten Umkreis. übrigens waren mein Onkel, mein Vater und mein älterer Bruder auf der gleichen Schule. Ich fand sogar noch ein Kaugummi meines Onkels unter dem altehrwürdigen Arbeitstisch im Kunstraum... er konnte mir genau Platz und die Wörter, die er daneben geritzt hatte, beschreiben. Aha, es gibt auch Tradition in Deutschland…

Ich war im Segelverein, schließlich war mein Patenonkel auch da...

Ich war im Tischtennisverein, Handballverein und auch in der Musikschule. Ich hatte sogar Einzelunterricht bei einem Hochschulprofessor. Nicht schlecht, oder? Ich durfte nach meinem 8ten Geburtstag keine weiteren Geburtstage zu Hause feiern... meine deutschen Geschwister schon.

Meine deutschen Eltern gaben viel Geld für meine Bildung aus. Auch für meine Gesundheit. Wenn ich in eine Klinik musste, ich war schon immer ein Rabauke, dann war ich sofort dran, ohne Warteschleife. Meine Eltern sind Ärzte... ich bemitleide heute noch die Kinder, an denen ich im Krankenhaus im Rollstuhl vorbei in den Behandlungsraum geschoben wurde, weil ich mir den Knöchel verstaucht hatte, und sie nur Kassenpatienten waren.

Meine Eltern legten immer viel Wert darauf, dass meine Erziehung gut, teuer und vorzeigbar war. Weihnachten und an anderen Gelegenheiten, wenn Verwandte da waren, wurde ich besonders nett angezogen und musste immer auf dem Klavier vorspielen. Ich war ja so ein braves Adoptivkind. Ich habe es gehasst.

Als ich in die Pubertät kam, und damit ungenießbar, platzte ihr Traum vom braven koreanischen Sohn, der fleißig und anspruchslos ist und nicht gegen Autorität rebelliert. Aber ich hatte wohl schon zu viel Freiheit inhaliert. Ich rebellierte, und wie. Sie konnten mich nicht halten. Nicht, weil sie kein Geld gehabt hätten... sie steckten mich in ein Internat, nicht gerade die billigste Lösung. Das ging ein Jahr, dann hatte das christliche Internat auch die Nase voll von mir, ich flog raus.

Also musste ich wieder nach "Hause".

Sie sehen, dass nicht der Sinn, sondern der weitere Weg einer Adoption sehr in Frage steht. Sicherlich, sie hatten das Beste mit mir vor. Aber sie waren nicht darauf vorbereitet, dass ihr neuer Sohn auch eigene Wünsche hat und aus einer ganz anderen Kultur kommt.

Die ersten Tage in Deutschland war ich für sie unverständlich. Ich sprach koreanisch, sie nicht. Ich kannte keine Gabel, kein Messer. Sie kannten Stäbchen nur vom Restaurant. Also aß ich mit den Fingern und fand Brötchen mit Wurst toll, so toll, dass ich sie aus lauter Angst, es gäbe morgen nichts mehr zu essen, unter meinem Bett "versteckte". Wissen Sie, ich kenne Hunger wirklich. Damals gab es in Korea nicht genug Essen für Kinder im Heim.

Ich fand auch die Badewanne toll, aß Eier wie andere Leute Mandarinen zur Weihnachtszeit und ich war happy. Endlich hatte ich Spielzeug, endlich kümmerte sich jemand um mich. Und das vierundzwanzig Stunden am Tag. In Korea war mein einziges Spielzeug die Gummischühchen, die ich vom Heim hatte und mit denen ich im Sand gespielt habe. Ich habe mir immer vorgestellt, es wäre ein Auto...

Heute bin ich älter, ich habe gelernt, dass Wurst immer da ist und ich keine Brötchen mehr unter dem Bett verstecken muss. Glauben Sie, dass meine Eltern nun wissen, dass ich kein kleines Kind mehr bin?

Seit ich mich erinnern kann, denken meine Eltern, dass ich ein kleines Kind bin. Für sie bin ich nie wirklich erwachsen geworden. Warum? Der Sinn mich zu adoptieren war, und das ist ein Zitat, etwas Christliches zu tun. Und Kinder sind eben besonders christlich... Sie glauben das nicht? Sie kennen die Geschichte von adoptierten Kindern nicht wirklich.

Im Laufe der Jahre habe ich viele Adoptierte getroffen. Ich schätze, dass mindestens die Hälfte diese Antwort auf ihre Frage nach dem Warum bekommen hat. So erzählten sie mir zumindest. Die andere Hälfte glaubt immer noch die Lüge, dass sie gewollt seien, nur wegen ihrer selbst. Das stimmt nicht.

Sie finden mich undankbar? Ich bin undankbar, wenn Sie so meinen. Aber ich bin realistisch genug zu sehen, dass ich ohne meine deutschen Eltern wahrscheinlich immer noch einen Wasserbauch, Flöhe und schlechte Zähne hätte. Ich weiß, dass ich ihnen im Grunde genommen mein Leben, meine Bildung (ich habe schließlich ein sehr gutes Abitur gemacht usw.) und mein Dasein an sich verdanke. Bin ich immer noch undankbar? Na gut, dann bin ich das halt eben.

Heute kenne ich Korea. Es ist ein neues Land für mich. Alle Illusionen, die ich darüber hatte, fliegen eine nach der anderen davon. Korea hat keinen Sinn für gute Organisation, Toiletten sind hier eher so was wie unbeliebte Orte, Würde ist hier oftmals ein Fremdwort, schließlich gebührt sie oftmals nur dem älteren und Reichen. Korea ist ein Land, in dem alles anders läuft als in Deutschland. Gehen sie mal in ein Amt. Sie werden wissen, was ich meine.

Nun, das Thema ist Korea in Deutschland. Korea in Korea ist eine andere Sache.

Adoptierte Kinder in Deutschland haben es leichter, als man gemeinhin meinen könnte. Ein Fakt beschreibt das ganze schon sehr ausreichend. Deutsche Eltern dürfen nur dann Kinder adoptieren, wenn sie über ausreichend Einkommen nicht nur jetzt, sondern die letzten zehn Jahre und auch in Zukunft haben. Adoptierte sind also zumindest finanziell immer abgesichert. Ich kenne kein Kind, das nicht zumindest in einer oberen Mittelschichtfamilie aufgewachsen wäre.

Dafür kenne ich auch einige, die dem Druck, vor allem dem psychischen, nicht gewachsen waren. Der schlimmste Fall war "Simon", er wurde drogenabhängig und landete in einer Psychiatrie.

Und da steckt nun des Pudels Kern. Wir Adoptierte leiden unter Heimatlosigkeit. Wir wissen meist nicht, wer unsere Eltern sind und ob sie überhaupt noch leben. Wir würden das aber gerne wissen, auch wenn manche behaupten, sie würden ihre leiblichen Eltern hassen, weil die sie ja im Stich gelassen hätten. Die meisten sind aber deswegen in Heimen gewesen, weil ihre Eltern schlichtweg nicht mehr dafür garantieren konnten, dass ihre Kinder gesund aufwachsen konnten. Das wissen viele aber nicht, weil sie damals zu klein waren. Heute sind sie immer noch klein, sie haben immer noch Angst in ihren Herzen. Sie wollen die Mama nicht wieder verlieren. Ich kann das gut verstehen. Wissen Sie, was ich damit meine?

Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem immer noch ein Ständesystem existiert. Das führt unter anderem dazu, dass die soziale Mobilität nicht allzu hoch ist. Und neben der Mobilität in Sachen beruflichen Erfolges gibt es auch noch die Frage, ob ich anerkannt werde.

Seit ich mich erinnern kann, wurde mir von meinen deutschen Eltern eingetrichtert, dass ich immer eine Klasse besser sein muss als meine "Konkurrenten", die ja Deutsche sind. Sie hatten recht damit. Ich weiß, dass Deutschland immer noch nicht wirklich frei von Rassismus ist. Das ist keine Beleidigung in Ihre Richtung. Es ist eine schlichte Feststellung. Und wissen Sie noch was? Es nervt mich, ständig auf meine Herkunft angesprochen zu werden. In Deutschland, weil ich nicht offensichtlich Deutscher bin, in Korea, weil ich offensichtlich kein richtiger Koreaner bin. Hatten Sie nicht auch mal das schlichte Bedürfnis, einfach in Ruhe gelassen zu werden?

Koreanisches in Deutschland? Ich bin ein Teil von Korea in Deutschland. Ich bin ein kleiner Teil. Aber fragt man mich, ob ich wirklich damit glücklich bin, dann kann ich nicht uneingeschränkt ja sagen. Wenn Sie ein Bild von Koreanischem in Deutschland haben wollen, seien Sie sich sicher, gerade die Koreaner neigen dazu eigene Enklaven zu bilden und für sich zu leben. Sie sind kein Deut besser als die Deutschen, auch wenn sie es öfter mal meinen.

Ich bin ein Mensch, der versucht, das Bessere zu machen und gut zu sein. Ich bin ein Mensch, dem das Schicksal gelehrt hat, dass nicht alles Gute nur gut ist.

Noch einmal: Ich bin nicht undankbar. Ich bin Realist.

Adoptierte haben es nie leicht. Gerade Koreaner nicht. Man glaubt immer, sie wären fleißig wie die Bienen und würden ja so brav sein. Falsch. Und noch falscher ist es, wenn man sie in diese Schublade durch Schule und Erziehung weiter reinpressen will.

Alle Adoptierten verdanken ihre Bildung, ja sogar ihr Leben den Adoptiveltern. Wir wollen nicht undankbar sein. Wir wollen bloß auch normale Menschen sein.


Copyright © 2004 by "Martin Jeon"


DaF-Szene Korea Nr. 20

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