Seung Sahn wurde 1927 in Seun Choen, im heutigen Nord-Korea geboren. Seine Eltern waren protestantische Christen. Mit zwanzig Jahren wurde er buddhistischer Mönch. Sein wohl wichtigstes Buch ist der 1997 zuerst auf Englisch erschienene »Compass of Zen« (dt. »Der Kompass des Buddhismus«). Erste Aufzeichnungen dazu lagen seit Anfang der siebziger Jahre seiner Lehrtätigkeit in den U.S.A. zugrunde. Zunächst ohne besondere Englischkenntnisse und Waschmaschinen reparierend gründete er dort dennoch innerhalb von wenigen Jahren das Providence Zen Center in Rhode Island, das heute das Hauptzentrum der Kwan Um Zen Schule ist, sowie weitere Zen-Zentren in Cambridge, New Haven, New York, Los Angeles and Berkeley. Heute gibt es Zen-Zentren dieser Art auch in Europa, Afrika und natürlich Asien. Zu den weiteren Büchern Seung Sahns gehören vor allem das 1976 erschienene »Dropping Ashes on the Buddha«, aus dem im Deutschen »Buddha steht kopf« geworden ist, sowie die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzten Bücher »Only Don‘t Know« (1982, 2. durchgesehene und erweiterte Auflage 1999), »The Whole World is a Single Flower« (1993), eine Sammlung von 365 Koans für das tägliche Leben, sowie ein kleiner Gedichtband »Bone of Space« (1984).
Dem »Compass« liegen Texte, die in Chinesisch, Koreanisch und Englisch verfasst wurden zugrunde. Vielleicht kommt schon darin eine Grundlehre Seung Sahns zum Ausdruck, die besagt, man solle nicht an einer oder überhaupt der Sprache hängen bleiben. »Zen hat einen sehr einfachen und direkten Lehrstil. Zen heißt, dass wenn man verstehen will, was eine Wassermelone ist, man eine Wassermelone nimmt, ein Messer holt und die Wassermelone schneidet. Dann nimmt man ein Stück in den Mund – Ah! Sooo! Eigene Erfahrung! Worte, Reden, Bücher und Lernen können diesen Punkt nicht vermitteln. Selbst wenn man hundert Bücher über Wassermelonen liest und hundert Vorträge darüber hört, können sie nicht so gut lehren wie ein einziger Biss.« (Compass 23) Es komme vielmehr darauf an, wie man Worte und Sprache richtig benutze, um helfend eingreifen zu können. Zen heißt einfach, nicht an Worten und Sprachen hängen zu bleiben (vgl. 244ff.), sondern sie als Leitern (wie Wittgenstein) oder Flöße (wie Buddha) des Übersetzens zu verstehen, die man nach ihrem zweckdienlichen Gebrauch hinter sich lassen kann.
Der »Kompass« versucht in dieser sprachfreien aber dennoch sprachlich geprägten Welt Orientierung zu geben, indem er den Leser immer mehr von sprachlichem Verhaftetsein löst und am Ende vor ein Eingangstor zu Zen stellt. In einem ersten Abschnitt werden die Absichten (zuerst selbst Erleuchtung erlangen, dann andere unterweisen), sodann die Richtungen (insbesondere Hinayana bzw. Theravada, Mahayana und Zen) und schließlich die Struktur (Buddha, Dharma, Sangha) des Buddhismus vorgestellt. Das darauf folgende Kapitel über den Hinayana-Buddhismus behandelt die Hauptlehren des anfänglichen Buddhismus wie die Einsichten in Unbeständigkeit und Nicht-Selbst, die abhängige Entstehung aller Dinge und die vier edlen Wahrheiten. Das Kapitel über den Mahayana-Buddhismus dagegen orientiert sich stärker an den Hauptschriften desselben wie Diamant-Sutra, Herz-Sutra, Lotus-Sutra und Avatamsaka-Sutra. Erst nach gut über der Hälfte des Buches beginnt das abschließende Kapitel über den Zen-Buddhismus. Um den Unterschied dieser drei aufeinander aufbauenden Richtungen zu erläutern, benutzt Seung Sahn ein anschauliches Beispiel. Hinayana-Buddhismus sei wie das Fahren von einem Ort zum anderen mit dem Fahrrad durch eigene Anstrengung. Im Mahayana-Buddhismus nimmt man einen Bus, der nicht nur mehr Menschen ans Ziel bringen kann, sondern auch einfacher und vielleicht bequemer ist. Für beide Richtungen braucht man aber Straßen oder Wege und vielleicht eine Karte, wenn man sich nicht auskennt. Zen dagegen habe keine Straße und keine Karte. Es sei wie mit dem Flugzeug, in das man an einem Ort steigt und am anderen wieder aussteigt. »Man erreicht sein wahres Selbst direkt, vollständig, aber ohne irgendeine Karte zu benutzen. Es hängt nicht von den Sutren ab. Es hängt nicht von Buddha ab. Es hängt auch nicht von Zeit oder Raum, Name oder Form, Sprache oder Worten ab. Es hängt nicht einmal von Zen ab. Wenn du dieses Flugzeug benutzen willst, dann mache nichts von Augenblick zu Augenblick und du verstehst, dass du bereits vollkommen bist. Das ist Zen. Es ist ganz einfach.« (Compass 209)
Ob es wirklich so einfach ist, kann man dann selbst im Anhang an den »Zehn Toren« zum Zen prüfen (Compass 355ff.). Gleich das erste Tor stammt aus der Sammlung »torloser Tore« des chinesischen Zenmeisters Ekai (auch Un Mun oder Mumon genannt, 1183-1260). Es ist der bekannte Koan, in dem ein Mönch einmal Zenmeister Joju fragt: »Hat ein Hund Buddha-Natur?« Joju antwortete nur: »Mu!« Das chinesische Schriftzeichen für Mu (無) bedeutet soviel wie Nichts. Daraus könnte man einfach schließen, dass Hunde eben keine Buddha-Natur haben, wenn der Buddha nicht selbst gesagt hätte, dass alles Buddha-Natur hat, also auch Hunde. Ein merkwürdiger Widerspruch also. Meint Mu vielleicht doch nicht Nichts, sondern den Rettich im Feld (Mu (무) bedeutet auf Koreanisch auch »Rettich«)? Aber »Berg ist Berg und Wasser ist Wasser«, wie der berühmte Ausspruch eines anderen koreanischen Zenmeisters lautet, Nein ist Nein und Ja ist Ja, Rettich ist Rettich. Eine »Lösung« könnte »ganz einfach« zweifach sein: Ja, Hunde haben wie alles Buddha-Natur, aber Nein, sie haben keine, sofern sie nach alledem, was wir über Hunde wissen oder zumindest zu wissen glauben, eben nicht darum wissen, wahrscheinlich gar nicht wissen können und vielleicht auch nicht zu wissen brauchen. »Only don‘t know« ist auch die Aufforderung, zu wissen, zumindest sokratisch zu wissen, dass man nichts weiß. Hat man einmal dieses Eingangstor des wissenden Nicht-Wissens erobert, kann man auch die anderen torlosen Tore in Angriff nehmen und sehen, ob man auf dem richtigen Weg ist.
Ein wichtiges Hilfsmittel dabei ist auch der »Zen-Kreis«, auf den Seung Sahn immer wieder aufmerksam macht und etwa in der Mitte des dritten Teils auch aufs Papier bringt (Compass 291ff). Die Kreisbewegung, die er vollzieht, beginnt bei unserer alltäglichen Lebenseinstellung mit dem Verhaftetsein an unser kleines Ich, die Namen und Formen. Uns gegen den Zeit- und Uhrzeigersinn bewegend gewinnen wir zunehmend Einsicht in die Vergänglichkeit aller Dinge, Form wird zu Leere und Leere wird zu Form. Aber dies drückt sich immer noch in Denken, Sprache und deren Formen selbst aus. Bei 180 Grad wird die Leere selbst erreicht, die durch Sprache nicht mehr erreicht wird, sondern höchstens in einer Handlung ausgedrückt werden kann. Der eine stößt eine Art Schrei aus, der andere versetzt jemand oder etwas einen Schlag oder hebt nur den Finger. Leere in Worten ausdrücken zu wollen ist schon ein Fehler. über diesen Punkt hinausgehend wird alles frei und man kann mit allem spielen. Steinerne Hunde bellen, ein hölzernes Huhn fliegt durch die Luft, Buddha ist drei Pfund Flachs. Doch wie in den bekannten zehn Ochsenbildern, die man in Korea fast an jedem Tempel findet, muss der Kreis geschlossen werden und der frei gewordene kehrt zum Anfang zurück, der derselbe und doch nicht mehr derselbe ist: Form ist Form, Leere ist Leere. Alles ist gerade so wie es ist. Die Blume ist rot, die Mauer ist weiß. Auf die Frage jedoch, welche dieser fünf Antworten entlang der Kreislinie die an sich richtige sei, gibt Seung Sahn die Antwort: »Alle fünf sind falsch. Warum? [kurzes Schweigen] KATZ! Das Buch ist blau, der Bleistift ist gelb. Wenn du dies verstehst, verstehst du dich selbst. Aber wenn du dich selbst verstehst, bekommst du dreißig Schläge von mir. Und wenn du dich nicht verstehst, bekommst du auch dreißig Schläge. Warum?« (Compass 299) Die Antwort bleibt einmal mehr offen. Denn wenn es vielleicht gar kein Selbst gibt, kann man es auch weder verstehen noch nicht verstehen und wir sind nur im Netz der Sprache verfangen.
Der Zen-Kreis steht auch am Beginn des Buches »Dropping Ashes on the Buddha«, das uns Seung Sahn in Dialogen, kurzen Geschichten, Zen-Interviews, Dharma Reden und Briefen in lebendigem und konkreten Austausch mit Schülern zeigt. Der Titel stammt von einer Frage, die Seung Sahn seinen Studenten stellte, als er in Amerika zu lehren begann: »Jemand kommt in ein Zen-Center mit einer angezündeten Zigarette im Mund, geht zur Buddha-Statue, bläst Rauch in deren Gesicht und tippt Asche darauf. Du stehst dabei. Was kannst du tun?«
Zu den vielen möglichen (meist unzulänglichen) Antworten (vgl. außer dem Vorwort die Texte Nr. 38 und 58) seien hier zwei weitere hinzugefügt, meine eigene Gegenfrage und diejenige, die man für die Antwort der Übersetzer des Buches ins Deutsche halten könnte, da es sonst keinen anderen Rückhalt im Text selbst hat: Buddha auf den Kopf zu stellen. In diesem Fall fällt die Asche zwar zum größten Teil wieder von der Buddhastatue herunter, aber dafür haben wir jetzt noch einen weit unansehnlicheren Buddha vor uns. Die Antwort verkennt, dass das Problem kein »objektives« Problem an oder mit der Buddhastatue ist, sondern im »subjektiven« Bewusstsein, also im Kopf der Asche fallen lassenden Person liegt. »Everything arises from our minds« (Compass 2, vgl. 16f.). Daher wäre es vielleicht eher angebracht, den Kopf dieser Person auf die Füße zu stellen bzw. ihr verkehrtes Bewusstsein umzukehren. Seung Sahn gibt dazu eine passende Anweisung, die erkennen lässt, dass er keineswegs die physiologischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Bewusstseins vernachlässigt, wenn es kurz darauf mit Beziehung auf die Ursachen des Leidens in der heutigen Welt und für viele sicherlich auch überraschend heißt: »Perhaps the most important reason for such a dramatic increase in the amount of suffering in this world is the increase in the amount of meat-eating that humans do.« Zu diesem Zweck müssen täglich Millionen von Tieren routinemäßig und mechanisch überall auf der Welt geschlachtet werden. Zen-Bewusstsein beginnt schon zu Hause beim Essen und nicht erst beim Eintreten in ein Zen-Center. Oder es beginnt schon beim Atmen und dem Entschluss, das Rauchen aufzugeben, so dass dem Zigarettenrauchen mit seinen Aschenresten schlichtweg der Boden entzogen würde.
Da Zen ebenso wie der Buddhismus mit beiden Beinen auf der Erde und nicht auf dem Kopf steht, also auch nicht mit einem falschen Idealismus verwechselt werden sollte, könnte der Titel ebenso missverständlich sein wie die (auf den ersten Blick gar nicht erforderlich scheinende) Umformung vom »Compass of Zen« zum »Kompass des Buddhismus«. Jede Übersetzung hat ihre Gefahren, die manchmal schon am Titel sichtbar werden. Denn Zen ist nicht einfach mit allen Spielarten des Buddhismus identisch. Gerade weil es vielmehr so viele verschiedenartige Richtungen desselben gibt, will Seung Sahn einen Kompass bereitstellen, der unbeirrt die Richtung anzeigt und Orientierung gibt. Ein »Kompass des Buddhismus« legt nahe, dass möglicherweise der Buddhismus der gesuchte Kompass in der Welt der Religionen ist, ein »Kompass des Zen« dagegen ist viel bescheidener und ruft nur die Frage wach: Was ist Zen? (Es ist auffallend, dass auch im Untertitel der Neuauflage des anderen Buches gerade die Zen-Meisterschaft Seung Sahns verschwunden ist) Zen heißt eigentlich nur so viel wie »Meditation«, deren Haltung vielleicht am besten von Buddha repräsentiert wird. Der Mensch ist primär nicht das »vernünftige Tier«, sondern das Tier, das meditieren und nur deshalb vielleicht auch vernünftig sein kann. Buddhismus ist wie vieles andere auch in der Praxis der Zen-Meditation begründet, nicht umgekehrt.
Vielleicht könnte man das verkehrte Bewusstsein auch mit einer Gegenfrage wieder
auf die Beine stellen: Wenn alles Buddha-Natur hat, was können wir tun gegen die
zerstörerischen Auswirkungen fortschreitender Industrialisierung und
Technisierung auf uns und unsere Umwelt und die scheinbar nie enden wollenden
Terroristen-Kriege, in denen nicht bloß Asche auf Buddhastatuen, sondern auch
Bomben auf Menschen fallen? Die Angemessenheit dieser Gegenfrage mag eine letzte
»heiße Frage« und ihre Antwort verdeutlichen. Am Ende des Buches fragt ein
Student den Meister: »Was ist Liebe?«
Seung Sahn antwortet: »Ich frage dich: was ist Liebe?«
Der Student schweigt.
Seung Sahn sagt: »Das ist Liebe.«
Der Student schweigt immer noch.
Seung Sahn erläutert: »Du fragst mich: Ich frage dich. Das ist Liebe.« (Text Nr.
100).
Nach diesem kurzen überblick über einige »brennende Probleme« und mit einem Kompass zur Orientierung in der Hand, können wir versuchen, Seung Sahn auf einigen seiner Reisen auf den Knochen seiner Lehre (oder Leere) zu folgen. Von ihnen legt der kleine Gedichtband Zeugnis ab, der unter dem englischen Titel »Bone of Space«, auf deutsch vielleicht als »Auf den Knochen der Leere« zu übersetzen, zuerst 1984 erschienen ist. Schon immer haben sich Zenmeister auch um die Künste gekümmert (z.B. die Kunst des Bogenschießens) und selber Gedichte verfasst. Zen ist poetisch in der Form einer Art konkreter Poesie. Dabei gilt das, was oben über die Sprache gesagt wurde auch für die Verwendung von Sprache im Gedicht. Irgendein Stil und irgendeine Sprache, sei es Koreanisch, Japanisch, Englisch, Deutsch usw., ist angemessen, um das und nur das zu fassen, was situativ erscheint. »When I traveled around Europe, for each city I visited I wrote a poem. If you read these poems you will understand the situation, condition and relationships that existed during that trip -- how I connected to each country, each city, and how I understood these cities. Something would appear, and I would make a poem. This is not special; in writing poetry, I only see clearly, hear clearly, smell clearly, and think clearly. My thinking is clear, not checking anything; just think clearly, then make your poem.« (Seung Sahn, Zen & Poetry: http://www.kwanumzen.org)
Die Problematik, die sich darin für den Leser verbirgt, zeigt sich deutlich an den beiden Gedichten dieses Bandes, die sich auf deutsche Städte beziehen und damit auch den Deutschen eine Chance geben, den Zenmeister und sich selbst bis auf die Knochen und deren Mark zu prüfen und vielleicht selber Zen zu praktizieren. Auf seiner Europareise 1978 hatte Seung Sahn neben Frankreich, Polen, den Niederlanden, England und Italien auch Deutschland besucht. Da es bis jetzt nur eine englisch-koreanische Übersetzung dieser Gedichte gibt, möchte ich mich an einer Übersetzung ins Deutsche versuchen, die sich auf der Grenze zwischen beiden zu halten sucht, und insbesondere das Gedicht über Frankfurt etwas näher betrachten. Nicht nur weil ich selbst ein Frankfurter bin, sondern weil es auch erheblich mehr Schwierigkeiten bereitet als das Gedicht über West-Berlin, das allerdings besonders gut zeigt, wie ein Zenmeister wohl auch über die Teilung seines eigenen Landes denken muss und dass Zen auch eine »Religion des Lachens« ist.
Obwohl die Gedichte zuerst auf Englisch erschienen sind, bedeutet das nicht unbedingt, dass sie auch ursprünglich auf Englisch verfasst wurden oder die Übersetzerin nicht mit dem Autor korrespondiert hat oder in Verbindung stand. Während der Titel des Gedichtes im Englischen nämlich »Frankfurt/Mainz« lautet, heißt er im Koreanischen »Frankfurt am Main«. Liest man das Gedicht selbst, so wird deutlich, woher diese Schwankung kommt. Denn in ihm geht es in erster Linie weder um Frankfurt noch um Mainz oder den Main, sondern um den Rhein, die Burgen am Rhein und die Lorelei am Rhein, in den bei Mainz der Main mündet. Im Grunde geht es um den doppelsinnigen Hauptstrom der Geschichte Deutschlands. Für eine Übersetzung ins Deutsche folgt daraus ein wiederum veränderter Titel, in dem der Rhein im Zentrum steht und zugleich die jeweils partielle Berechtigung der beiden anderen bewahrt bleibt. Denn grundsätzlich gilt, dass Übersetzung immer Interpretation einschließt bzw. Interpretation ist und umgekehrt: in jeder Interpretation übersetzen wir unvermeidlich das zu Verstehende in unsere Sprache und uns selbst. Auf die Frage, welches der beste Weg sei, seine Gedichte zu lesen, gibt Seung Sahn den lapidaren Rat: »Put it all down, everything! Then my mind and your mind can connect.« (Zen & Poetry) Fliegen wir also »auf den Knochen der Leere« und landen:
Frankfurt Rhein Main
Der Rhein fließt.
Vergangenheit und Gegenwart unverändert.
Knochen der Seele alter Herrscher.
Auf den Gipfeln der Berge bleibende Spuren.
Wie viele Jahrhunderte lang
Ist auf sie mit Fingern gezeigt worden?
Wann wurde der Fluss mit Blut befleckt?
Ruhm ist wunderbar!
Schöner Gesang ist verschwunden -
Nur der Lärm der Motoren zu hören. Brumm! Brumm! Brumm!
Berg und Fluss makellos?
Wo schläfst du, bezauberndes Mädchen der Lorelei?
Das Auge der Kamera sieht nur die schöne Aussicht -
Eine Burg,
Ein verkrempelter Hut,
Ein rotes, weißes, grünes Frühlingskleid.
»Der Finger zeigt den Mond« heißt es in Zen, und es meint, man soll nicht auf den Finger schauen, sondern auf das, worauf er zeigt. In diesem Sinne sollten wir die Diskrepanz zwischen den Titeln und dem Inhalt des Gedichtes nicht abschwächen, sondern hervorheben und als einen Schlüssel zum Verständnis benutzen. Denn das Gedicht ist nicht nur über Frankfurt, den Rhein, Deutschland und seine Geschichte insgesamt (»Vergangenheit und Gegenwart unverändert«), es ist wie jedes Zen-Gedicht vor allem auch über Zen selbst. Die Zeit steht in Zen eigentümlich fest wie eine Senkrechte, die von den Koordinaten der Vergangenheit und Zukunft und den Dimensionen des Raumes horizontal durchschnitten wird. In diesem Schnittpunkt ist der Kompass des Zen zentriert. Er zeigt nicht nur in die horizontalen, sondern immer auch in die vertikalen Richtungen und gibt so allein Orientierung.
Das Gedicht und seine Übersetzung vom Englischen ins Koreanische enthält jedoch noch einen weitaus gravierenderen Widerspruch. Während es im Englischen in der zweiten Strophe heißt: »Mountain, river all blemished«, lautet dieselbe Zeile im Koreanischen umgekehrt: »Berg und Fluss alle ohne Makel« (산(山)과 강(江)이 모두 흠이 없다). Wie steht es mit diesem Widerspruch? Nur ein Übersetzungsfehler? Sind die deutschen Flüsse und Berge nicht ebenso wie die Geschichte der Deutschen selbst auf ewig mit Blut befleckt, von dem sie sie in den Augen anderer auch durch die monumentalsten Denkmäler im Herzen Berlins nicht reinwaschen können? Haben auch sie Buddha-Natur, oder haben sie (vielleicht allein) keine? Ist die Antwort wieder »Mu«? Dem Zwiespalt der beiden Versionen dieser Zeile und der aus ihm resultierenden Frage versucht die deutsche Übersetzung mit einem Fragezeichen zu entsprechen.
Der Text des Gedichts verweist uns auf die Sage von der Lorelei und ihren tiefen Schlaf, aus dem sie manchmal aufwacht und dann mitunter Schiffe zum Untergehen oder Auflaufen bringt, wie kürzlich wieder einmal geschehen. Aus dem tiefen Schlaf aufzuwachen, in dem wir uns befinden, ist das Ziel von Zen wie des Buddhismus überhaupt. Buddha ist der Erwachte. Zu den Träumen dieses Schlafes gehören für Buddha auch die Herrscher, Könige und Grafen, die in den Burgen lebten, der Main, der Rhein und die Städte, die an ihnen liegen, einschließlich ihrer Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Wie tief wir träumen hängt immer auch von der Höhe und Klarheit ab, aus der wir betrachten. Auch der zweite Widerspruch mit seinem Verweis auf die Ortssage von der Lorelei ist also ein Schlüssel zum besseren Verständnis des Gedichtes. Sehen wir die Dinge, Menschen und Ereignisse mit den Augen der unbeteiligten Kamera, so sehen wir sie, wie sie sind: Berge als Berge, Wasser als Wasser, eine Burg, verkrempelte Hüte, rote, weiße, grüne oder auch graue Kleider, in denen sich vielleicht ein koreanischer Mönch verbirgt.
Widersprüche sind nicht selten in Zen, vielmehr ein wesentliches Charakteristikum desselben, so dass man immer wieder auf sie stößt. Denn Widersprüche, die uns vor den Kopf stoßen, scheinen besonders gut geeignet uns aus unseren hartnäckigen Träumen zu wecken. In vielen Zengeschichten kommen sogar oft unerwartete Schläge vor. Zen steht jenseits von Wahrheit und Falschheit im engeren Sinne, denn das Entscheidende ist, wie man sie benutzen kann, um seine eigene Wahrheit zu finden und anderen zu helfen. Was für die Zen-Koans gilt, gilt auch für Zen-Gedichte: »Ob das, was ein Koan sagt, ‚korrekt‘ ist oder nicht, macht keinen Unterschied, denn diese ‚nicht korrekte‘ Sprache ist nur dazu da, den Zen-Studenten von seinem Verhaftetsein ans Denken zu kurieren.« Namen und Worte können die eigentlich namen- und sprachlose Wirklichkeit nicht angemessen fassen. »Sobald du den Mund aufmachst, ist es schon ein großer Fehler!« Da wir aber den Mund immer schon seit unserer Kindheit aufgemacht haben, bevor wir dazu kamen, uns dafür oder dagegen zu entscheiden, sind wir zum Irrtum nezessiert und wir können höchstens, vielleicht nur für Augenblicke, »aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen« versuchen. In Zen geht es darum, uns von unserem Verhaftetsein an Sprache und Denken (aber nicht von diesen selbst), in denen wir so vor uns hin träumen, zu befreien. Selbst das Aufwachen aus tiefen Träumen kann nur dazu führen, fortan ein wenig bewusster weiter zu träumen, vielleicht in oder von einem Berlin, das es so nur noch in Korea gibt.
West-Berlin
Ost und West trennt eine Mauer -
Sogar das Aus- und Einatmen fällt schwer.
Wer kratzt mit Nägeln im Herzen?
Nur auf der Westseite ein hoher Aussichtsturm.
Leere kennt kein Ost und West.
Vögel machen nichts.
Frei - kommen und gehen.
Denken erscheint
Und die ganze Welt steht kopf.
Denken verschwindet
Und Ost, West, Süd, Nord sind weg.
Wer wird auf diese Worte hören?
Schau nur in den blauen Himmel und lache.
Ha! Ha! Ha!
Am Ende dieser Gedichtsammlung fordert Seung Sahn seine Leser ebenfalls zum Dichten auf, indem er uns eine »Hausaufgabe« gibt, die uns noch einmal an die Asche auf dem Buddha erinnert, und deren Aufgabenstellung zeigt, wie die »Schläge« im Zen-Buddhismus auch verstanden werden können. Die Aufgabe ist, das Gedicht des Sechsten Patriarchen des Zen-Buddhismus Hui Neng zu »schlagen«, das seinerseits das Gedicht des Abtes Shin Su »geschlagen« hat. Das »geschlagene« Gedicht lautet übersetzt:
Leib ist der Erleuchtung Baum
Seele reinen Spiegels Stand.
Immer fleißig zu reinigen
Damit kein Staub ansetzt.
Das »zu schlagende« Gedicht Hui Nengs lautet:
Erleuchtung hat keinen Baum
Klarer Spiegel keinen Stand.
Ursprünglich Nichts.
Wo gibt es Staub?
Seung Sahn fügt noch hinzu, dass es ein großer Fehler Hui Nengs gewesen sei, zu schreiben: »Ursprünglich Nichts. Wo gibt es Staub?« Wenn wir die Hausaufgabe richtig machen würden, erreichten wir die Lehre Buddhas. Also z. B. (im Zen-Stil):
Endlich Nichts.
Aller Staub entfernt.
Kein Stand, kein Spiegel,
Kein Baum, keine Erleuchtung mehr.
Oder (im Wort-Spiel-Stil):
Anfang
Worte
Leib Erleuchtung Baum
Seele Spiegel Stand
Staub Nichts Asche
Schweigen
Ende
Oder:
Websites:
http://www.kwanumzen.org/
http://www.kwanumzen.de/
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